Freitag, 30. März 2018

Carranza 2


Jóse konnte sich kaum rühren. Er starrte auf ihre ihm angenehme Gestalt die nun die Kapelle verließ. 
Sie schien zu schweben.

In höchstem Tempo wird er die Texte für Doña Cazalla erstellen und an nichts anderes denken. Komme was da wolle. Er wird es in fünf  Tagen zustande bringen und sich nicht ablenken lassen.
Ich werde nicht nach Sollana gehen, sondern nach Alboraya und zwar für immer.
Nachdem ich Doña Cazalla besuchte und die Texte übergab werde ich mich auf den Weg machen.
Damit entfällt die erneute Begegnung mit dem ihm bedrohlich erscheinenden Familiari. Frankreich erwartet uns! 
Diesen Entschluss bekräftigte Dr. Jóse mit einem tiefen Atemzug, obwohl ihm das Christuswort in den Sinn kam: der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach.

Er hörte eine weitere Beichte.
Teilnahmslos hätte er zwar so weiter machen können. Doch das untersagte Dr. Jóse sich. 
Er verließ den Beichtstuhl. 
Dem aufsehenden Bruder teilte er mit, ein anderer Priester möge seinen Platz einnehmen. 
Er wird nie wieder in einen Beichtstuhl zurückkehren, auch das stand nun fest.
Wie benommen ging er durch die Türen. 
Der Jasmingeruch blieb an seiner Gewandung und in seiner Illusion haften.
In seinen Schläfen pochte es nicht gerade sanft. 
Das leugnete er nicht.
Es machte ihn demütig.
Er schluckte. 
Seit fast fünfzehn Jahren, seit der Geburt seines Sohnes Ahmad erwartete er - der scharfe Kritiker der Übertretungen anderer - von sich selbst, dass ihn derartiges niemals in Unruhe versetzen wird. 
Theoretisch ging es an… Auch nach Amiras frühem Tod vermochte er es sich in gewissen Situationen zu beherrschen. 
Mit unklaren Gedanken sah Jóse die schwangeren Frauen die darauf warteten ihre Beichten abzulegen. Was ist es? 
Was treibt uns allesamt um? 
Was ist der wahre Grund unserer Verwirrtheit, wenn das zur Unzeit auf uns fällt? 
Er wusste es doch: jede Philosophie scheitert am Rausch der Sinne. 
Den Novizen hatte er immer wieder geraten, ruhig bleiben, das geht so schnell vorbei wie es kam.
Und so war es.
Jimena hatte ihm noch am Hochzeitstag voraus gesagt „Sie sind so. Einen Mann wie dich mögen sie. Sie fühlen es, riechen, dass du sauber bist. Da sind welche, die werden danach trachten und sich anstrengen dich zu verführen, nicht nur die heißblütigen Malagueña. 
Geht in euren Reihen nicht das Sprichwort um: die Frauen begehren die geweihten Leute?“
Jahrzehntelang hatte er Prinzipien gepredigt und sie bislang beachtet, wenn auch nicht immer mit leichter Hand.
Jeremia, der altbiblische Prophet muss noch blutjung gewesen sein, als er erkannte, dass eheliche Treue oder Untreue trotz der Aufwallung des Blutes im Kopf entschieden wird.  Mutig tadelte Jeremia die Labilität der Gesinnung der Bundeskinder Gottes: Wie die müßigen, vollen Hengste, wiehern Israels Männer nach den Frauen ihrer Nächsten. 
Zahlreiche Beichtväter wieherten… 
Es war der Ton dieser Stimme gewesen, diese Entschlossenheit, ihr Flair, ihre Worte: „ich habe meine Wahl getroffen, wage es nicht mich zurückzuweisen. Habe ich dich um Ungehöriges gebeten?“

In seiner Kammer griff er wieder in Richtung seines Pultes. Erschrocken, nur weil jemand an seiner Tür scharrte unterließ Jóse den Zugriff auf die letzten dreizehn Seiten seiner Papiere, warf sich aufs Lager. Es dauerte einige Minuten.
Niemals.
Und er lenkte nun konzentriert den Blick und die Gedanken nach vorne. 
Am Freitag, spätestens am kommenden Freitag, wird er Doña Cazalla seinen Entwurf übergeben.
Die Umstände und das was schwer beschreibbar in der Luft lag drängten ihn heftiger denn je zu tun was getan werden muss.
Ihm schien, als sollte der gegen die Maurisken gerichtete Austreibungsbefehl nur das Präludium zu einem endlosen Krieg sein. 

Immer wieder verwarf er gewisse Einzelheiten der Formulierung, weil die zu viel Raum beanspruchten.

Am frühen Morgen des Sonntags, den 13. September

drängte es ihn machtvoll nach Alboraya zu gehen und er machte sich auch auf den Weg, aber bereits nach kurzer Zeit befiel ihn erneut Unbehagen. 
Auf halber Strecke kehrte er um. 
Sollte ihn der Schnüffler Alexander überwachen, dann verrät er, mit diesem Besuch seine Familie. 
Und wo war Hernando abgeblieben? 
Es gab seit zwei Tagen keine Spur von ihm. 
Vom ersten Schritt an, den er in Richtung seiner Familie setzte war diesmal alles anders.
Schon die stummen Zwiegespräche mit Ahmed wichen vom Gewohnten ab. Erst das Traktat.
Angesichts der Verpflichtung zur Mitarbeit in einer Widerstandsgruppe, deren Konturen er nach der Begegnung mit Oberst Manuel Martinez, im Haus Doña Catalinas bereits deutlicher sehen konnte, sollte er keine Zeit verschwenden.
Du hast nur noch eine Woche zur Verfügung.
Bei früheren Gelegenheiten und nach seinen üblichen Besuchen in Alboraya hatte er sich stets wohl gefühlt. Nun glitten die Gedanken immer wieder ins Negative, wie die Erinnerung, dass Manuel Martinez gesagt hatte, er habe sein Priesterleben weggeworfen und hinter sich gelassen, nachdem er in seiner Diözese  erlebte wie sein Bischof es mit einem Jungen trieb.
Zum Abschluss jenes denkwürdigen Tages bat ihn der Oberst: „Zeigen sie mir ihr Traktat, bevor sie es Doña Catalina vorlegen. Ich habe auch noch etwa zum Thema beizutragen.“
Der grimmige Verschwörer lachte damals derbe: 
„Ich bin bereit mein Leben für die Freiheit zu lassen, aber große Hoffnung für die Gegenwart habe ich nicht. Natürlich müssen wir Lerma stürzen. Doch das, falls es uns gelingen sollte, wird weder Spanien noch Rom entscheidend  ändern. Das eigentliche Ungeheuer sitzt fest auf seinem Thron, weil es von seinen schlichten Gläubigen angebetet wird.
Sie stützen es mit ihren schmalen Schultern ob sie wollen oder nicht. 
Selbst Wunder würden das Papsttum nicht wandeln oder gar entmachten, weil ihm gelang  sich in einigen Elementen täuschend ähnliche Züge zuzulegen, die dem Original zu Eigen waren. 
Das erschwert die Durchsetzung unserer Ziele.
Ich weiß, dass unsere Sache gerecht ist. Aber die Zeit, ist für das, was wir wollen, noch nicht reif. 
Auch ihr Wunsch lieber Doktor,  wird sich nicht erfüllen.“
Die Erinnerung an diese Quasi-Voraussage bedrückte Jóse Carranza zusätzlich.

Er war also unbefriedigt am frühen Nachmittag heimgekommen, froh, dass er den Marsch abgebrochen hatte. 
Er stand nun an seinem Pult und kaute auf dem Federkiel.
Sein Mehrfachkonflikt ließ ihm keine Ruhe. 
Er sollte nicht länger an diesem Ort bleiben und doch muss er schreiben sowie Catalina Cazalla seine Umstände schildern.
Wenn er in einer Woche das Haus verlässt, dann vor allem Ahmeds wegen.
Auch Maria de Brega schuldete er eine Erklärung.
Ihr die ganze Wahrheit zu sagen war ihm wichtig. Ihr Flüstern war der Hilfeschrei einer verletzten Seele gewesen. Eben deshalb wird er nichts tun, was eine andere Seele schwer verletzt. 
Niemand wird das besser als sie verstehen.
„Doña Maria, ich bin verheiratet!“ 
Das muss er ihr sagen.
Ich werde in Begleitung nach Sollana gehen, werde es unbeschadet durchstehen und dann ab, nach Frankreich via Alboraya.
Schon um sich selbst die Stärke seines Willens zu beweisen, wird er das, wie angedacht, in die Tat umsetzen.
Es klopfte.
Bruder Hernando stand vor ihm.  
Dessen Gesicht verriet, das Schlimmes passiert war.
Er nickte und schaute aus seinen blauen Augen wie ein Verlorener: „Doña Catalina wurde verhaftet! Oberst Martinez könnte ihnen entkommen sein.“ 
Jòse musste sich zusammen nehmen.
Welcher Schlag.
Erschüttert bis ins Mark stellte Jóse sich vor wie man seine Freunde und Gesinnungsgenossen abführte. 
Er sah die  Szenerie deutlich.
Wer Catalina verriet dich?
Wer?
Hernando und er  schauten einander ratlos an.
An seinen inneren Augen zogen einige Gesichter vorbei die ihm in ihrem Haus begegnet waren. Die Dienerschaft vielleicht. Es ist aber anzunehmen, dass sie nur Kinder von Opfern der Inquisition um sich zuließ. Absolut verlässliche.
Vielleicht verriet sie das.
Sein Beschützer stand noch krummer da. 
Wenn man die alte zierliche Dame folterte, könnte sie Namen preisgeben.
Nein. 
Diese charakterstarke Frau würde eher sterben, als ein Wort zu äußern, das ihr Leben retten könnte.
Nur, dass der kurze Traum jäh endete, schmerzte.
Doña Cazalla, wir bewundern dich. Der Tod ist nicht das Schrecklichste. Der Verrat ist es. 
Er wird weder Jimena verraten, noch Doña Maria de Brega.
Hernando wünschte nicht einzutreten.
Er fügte hinzu. „Höchstens ein paar Tage, dann greifen sie zu. Sie sind uns auf der Spur!“ 
Dr. Carranza riet seinem Besucher umgehend das Haus zu verlassen. 
Die simple Antwort lautete: „Das darf ich nicht, auch deinetwegen.“
Die Erwiderung lautete: „Am Samstag gehe ich. Spätestens in diesem Moment bist du frei!“
Bruder Hernando verschwand.
Unruhig und vorsorglich steckte Jòse bereits jetzt  seine wichtigsten, dreizehn eng beschriebenen Blätter und verstaute sie in seinem Wanderbeutel und diese in seiner Matte. 

Er nutzte die Tage und richtete seine Aufmerksamkeit in den Freistunden, so gut wie es unter den gegebenen Umständen möglich war, auf seine bedeutendste Absicht. 
Alledem zum Trotz, das Pamphlet wird er schreiben!
Nun erst recht.
In diesem Zusammenhang suchte er intensiver und hastiger als bislang mehr über Origenes herauszufinden. Nie wieder wird er in den Genuss dieser Möglichkeiten kommen. Origens war und ist zuverlässig wie die Sonne. Ihm darf man trauen. Nur mit den von ihm überlieferten und durch ihn bewahrten Basislehren vom vorirdischen Dasein des Menschen sowie der Erkenntnis einer direkten Kindschaft aller Intelligenzen zum Vatergott, kann Friede dauerhaft sein.  
Diese drei Elemente bildeten den Kern aller Weisheit. Der Rest ist unsicher. 

Jóse nahm hochgespannt und zugleich sehr zerstreut am endlich erreichten neunzehnten Septembertag am gemeinsamen Mittagsmahl im großen Saal  teil. Ihm gegenüber saß Alexander Spitznase, und der grinste unverschämt. 
Erzbischof de Ribera strich seinen langen, graumelierten Bart. Er ordnete an, der Vorleser solle den Matthäus aufschlagen, das dreiundzwanzigste Kapitel, die Verse 32 und 33 vortragen. Ohne die Stimme zu heben sowie im Ton gleichgültig tat der tonsurierte junge Mann was ihm geboten worden war.
Und so klang es im Lateinischen: „Macht nur das Maß eurer Väter voll! Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?“ 
„Unsere Feinde werden der Hölle nicht entrinnen!“ vollendete Don Juan de Ribera.
War es Konkretes das ihm den Appetit verschlagen hatte, oder nur ein Verdacht? 
Statt seine mit Rindfleisch versetzte köstliche Gemüsesuppe zu löffeln, dozierte er ausgiebig und Jóse schien, es sei Wort für Wort auf ihn gemünzt: „Das Maß ist voll, Brüder!“ 
Er spitzte den Zeigefinger. 
Wer hier unter seinem Dach Zwietracht und Häresie säe werde er  herausfinden.  
„ Habe ich Schlangen an meinem Hals groß gezogen?“ 
Er wetterte eine Weile. 
Jòse wusste, dass ihm der Fall der Catalina Carranza schwer zu denken geben musste.
De Riberas Gesicht zeigte Wut. 
Niemand reagierte.
Während der Siesta kam Jóse der Gedanke, dass der fette Inquisitor de Ribera gewisse unhöfliche Fragen gestellt haben könnte. Er wird ihm einige Vermutungen mitgeteilt haben, die sich bereits auf die Lutheranergruppe Cazalla bezogen, nämlich dass es im Haus des Erzbischofs jemanden gab, der dahin Fäden zog. 
Im Zusammenhang mit der Entdeckung einer Verschwörergruppe um die Großherrin Catalina Cazalla wird de Ribera hart durchgreifen sobald er die geringste Ursache sieht. 
Niemand würde sich mehr als Don Juan de Ribera ärgern wenn ihm nachgesagt werden könnte,  in seinem Haus hätten  sich hugenottische Ideen verstecket, denn er behauptete unentwegt er sei der größte Auskehrer allen Unrates, den Valencia je gesehen hat.

Aber Erzbischof de Ribera war klug genug zu wissen, dass selbst er nicht - auch nicht in Reihen seiner großen Dienerschaft - alle kirchenschädlichen Ideen gänzlich ausrotten kann.
In der Tat, es lag Finsternis auf dem Palais.
Die Gewissheit es werde Ungutes über Valencia hereinbrechen, stiftete ohnehin Unrast, die jeden Bewohner des Palais befiel, sogar den Herrn des Hauses. 

Jóse sagte sich, dass ihn bislang niemand verriet, dass er bisher nicht angezeigt wurde, das gelbe Haus besucht zu haben, bewies, dass er mehr Freunde hatte, als gedacht. Das Unwohlsein setzte ihm dennoch zu.

Verwundert auch darüber, dass er nicht nach Sollana geschickt wurde, befreite er sich teilweise vom Druck indem er sich erhob und in die Bibliothek zurückkehrte. 
Eine Nacht noch.
Wenn der Befehl ausbleibt wird er zur geeigneten Minute davon gehen.
Jòse schlug im Evangelienbuch das dreiundzwanzigste Matthäuskapitel auf und las die im Essensaal unterdrückten, nachfolgenden Verse im Wortlaut, wie Jesu warnte: „Ich sende Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch; ihr aber werdet einige von ihnen töten, ja sogar kreuzigen, andere in euren Synagogen auspeitschen und von Stadt zu Stadt verfolgen. So wird all das unschuldige Blut über euch kommen, das auf Erden vergossen worden ist …“
Das war es.
Der düstere Geist der Verfolgung der Unschuldigen wird immer auf die Täter zurückfallen… das Blut der Unschuldigen wird auf ihre Mörder kommen.
Einmal herbeigerufen verselbständigt sich die Intoleranz, wie eine Seuche. 
Sie frisst alle. 
Sie zerfrisst sogar selbstzerstörerisch die Wurzeln ihrer eigenen Substanz.
Lebendig Ding muss wachsen oder sterben.
Nach einem langen Diktat seines Erzbischofs in Sachen Kirchenrecht, erhielt Jóse am späten Nachmittag den Auftrag, sich am Montagmorgen  auf den Weg nach Sollana zu machen.
Er hütete sich nachzufragen. Jóse bat seine Exzellenz augenblicklich er möge ihm einen Bruder als Begleiter bestimmen.
„Gut“ lautete die knappe Antwort.
Er wird diesen, den endgültig letzten Auftrag seines Vorgesetzten, erfüllen. Noch also regte sich kein Verdacht gegen ihn.

Dr. Carranza beglückwünschte sich vorsichtig und richtete seine Gedanken weit nach vorne und sah sich schon auf dem Weg nach Frankeich.  Irgendwo in den Bergen der Pyrenäen, jenseits der spanischen Grenze werden sie eine Gemeinschaft errichten, die auf den besten Idealen gründen soll.
Alles Neue kann sich durchsetzen, wenn es auf dem festen Grund innerer Redlichkeit baut.
Im Gegensatz zu Oberst Martinez hielt er die Zeit für große Veränderungen gekommen.

Von dieser Minute an, nahmen vor allem die Details seiner Fluchtgedanken Raum ein, bis ihn die Frage traf, welche Rolle die Dame Ana Maria des Brega wirklich spielte. Sie könnte irgendwie mit gewissen Inquisitoren verbunden sein. Sie wünschte selbstverständlich zu denen zu gehören die hier vor Ort benötigt werden, sonst würde sie nicht einen vermutlich hohen Betrag zugunsten des Erzbischofs stiften. 
Sie möchte unbedingt unter die angesetzten fünf Prozent Bleibeberechtigten fallen. Von dieser Regel war wiederholt die Rede gewesen.
Spanien darf sie nicht restlos vertreiben. 
Es muss Fachleute geben, die über Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen, die den katholischen Handwerkern und Bauern fehlten. Die Huerta blüht eben nur, wenn sie sinnvoll bewässert und gut bestellt wird.
Diese Frau tat dafür alles. 
Sie könnte ihn ans Messer liefern, wenn es zu einer eindeutigen Situation käme.  Sie könnte zu gewisser Zeit um Hilfe schreien, um ihr Bleiberecht zu sichern.
Jedenfalls riet ihm sein Gefühl das ins Kalkül zu stellen, obwohl ihn seine Logik auslachte.

Von der Straße herauf kurz vor der hereinbrechenden Nacht zum Montag schallte es wieder und wieder: "Agua fresca! Agua fresqueta!" 
Der Solano schickte noch einmal die Saharaluft herüber und die Wasserträger machten ihre Geschäfte zugunsten aller. 
"Frisches, kühles Wasser!"

Jóse wog seinen tonsurierten Schädel. Er sehnte den Schlaf herbei. Während er sich auf seiner Matte ausstreckte wanderten seine Gedanken bedauernd für Minuten zurück zu seinem nun verlorenen Geschichtswerk. 
Seine Brüder werden wie immer aufwendigere Messen zelebrieren und wie immer ihre goldenen Abendmahlsbecher scheinbar inbrünstig und andächtig himmelwärts heben, als ginge es im Wesentlichen darum Gott zu feiern.
Die romtreuen werden weiterhin beten  „dein Wille, unser Vater im Himmel, geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“
Doch lediglich  ihr höchst persönlicher Wille wird weiterhin geschehen.
Was denkt ihr denn, wie sie aussehen muss, die Welt von Morgen, wenn die Wissenden ihre Einsicht mit ins Grab nehmen, bevor sie ihre manchmal unter Schmerzen gewonnenen Erkenntnisse weitergaben?

Die Zeit kroch zäh dahin und der Schlaf mied ihn noch. 
Plötzlich lachte er auf, unmittelbar vor dem Hinübernicken kam ihm ein Satz in den Sinn der er sich merken musste: Sobald jemand Theologie studiert hatte, hielt der Absolvent sich in jeder Sache  die sein Gebiet betraf für klüger als der liebe Gott.

Ja, liebes Spanien so arm bist du an Erleuchteten, die nämlich kehren zuerst vor der eigenen Haustür. Mit diesem ihn erleichternden Spott auf die universitären Esel, die allen Ernstes meinten sie dürften dem Gott des Weltalls vorschreiben, was die Wahrheit zu sein hat, schlummerte er endlich ein.
Unruhe und seltsame Träume kamen: Mein Gott, schenke meinem Sohn Weisheit.
Jemand schrie: die Bäcker wissen wie viel Müll du verbrannt hast.
Jóse wälzte sich. 
Sobald er nicht ins Palais zurückkehrt steht sein Name sowieso obenan auf der Fahndungsliste. 
Nun sehnte er nur noch die Stunde des Aufbruchs herbei, um in Sollana die Stunden seiner Bewährung zu überstehen. 
Es trieb ihn.
Jimena nickte ihm zu: Wir werden frei sein.
Auf dem Rückweg verschollen. So muss es aussehen. Spurlos verschwunden.  
Mein Gott, wir sind nichts. 
Ein Zufall kann uns auslöschen.
Andererseits vermag ein Lichtstrahl aus der Höhe, uns neue gangbare Wege zu weisen. Mein Gott, ich beginne zu glauben. 
Das bekannte er vor sich selbst und vor dem Allerhöchsten.

Endlich durften sie, am Montag mit ihren Mauleseln aufbrechen. Nach einer Stunde begann es zu regnen.
Es regnete immer heftiger. Es sah so aus, als wäre da nur eine einzige Wolke, die sich ausschüttete. 
Der alte Mitbruder Dr. Jóses, Carlos, ein zum Glück harmloser desinteressierter älterer Mann, der dem Weingenuss verfallen war und nichts so sehr hasste, wie lange Reisen zu unternehmen, begann schon bald zu keuchen und zu stöhnen.
Er wankte im Rhythmus seines Mulis. 
Ihm wurde viel zugemutet, mit dem gesunden jungen Mann auf dem stärkeren Tier einigermaßen Schritt zu halten, doch der tröstete ihn.
In  ein paar Stunden hätten sie es geschafft.
Sie trugen auf ihren Rücken nur ein kleines Bündel in dem sich Brot und Wasser befand. 
Jóse allerdings hatte sich unter vorsichtiger Beachtung der Umstände und der Eingebung ein einfaches graues Hemd besorgt und eingesteckt und eine leichte braune Hose, versteckt in einem Beutel der ihm auch als Kopfkissen dienen könnte. Zu unterst befanden sich seine heiligen Papiere. 
Das Wasser rann ihnen durch die Kapuzen den Rücken herunter, und warm war es auch nicht. 
Carlos klagte, Bruder Jóse hätte sich einen jüngeren Reisebegleiter aussuchen sollen.
Jóse aber jubelte zunehmend zuversichtlich in sich hinein.
Schon jetzt fühlte er die neue Luft. Zum Entsetzen seines missmutigen Bruders  begann er mit markerschütternder Stärke, aber völlig unmelodisch und zudem nach anscheinend selbsterfundenen Tönen den einundneunzigsten Psalm in den graunassen Alltag hinein zu dröhnen: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“  
Carlos äffte den durchnässten Verrückten nach: „Wer unter dem Schirm sitzet der hat es gut“, ohne im Geringsten zu ahnen wie tief die Botschaft des Gedichtes König Davids zugunsten seines Mitbruders griff. 
Dabei schüttelte er wie ein Pudel das Nass aus seiner Kutte.
Jóses größte Sorge im Augenblick war, dass seine geretteten Seiten nass und unleserlich werden könnten.
Der Gedanke, jemand könnte ihnen folgen, streifte ihn zwar, doch das war nichts weiter als das in Spanien allgegenwärtige Misstrauen jedermanns gegenüber seinem Nächsten.
Wenig später lachte die Sonne und Carlos war seinem Bruder dankbar ihn mit sich genommen zu haben, auch in der Hoffnung, dass sie als Gäste von reichen Geldspendern zu einem köstlichen Mahl, mit ihm noch unbekannten Weinsorten, eingeladen werden.
Je wärmer es wurde, desto dringender  erschien den beiden Männern nach weiteren drei Wegstunden die Zeit für eine Rast gekommen zu sein. Sobald sie einen trockenen Platz gefunden haben, werden sie sich das Gute, nämlich ein paar Schlucke aus einer im Sack des Carlos verstauten Extraflasche gönnen.
Auch Jóse nickte gelegentlich ein, um dann und wann fast herunter zu fallen vom schwankenden Rücken seines geduldig dahin trottenden  Lasttieres.

Die Auskunft auf Nachfrage bei Bauern die im Feld  Kartoffeln rodeten lautete, die maurischen Landadligen der Großfamilie Brega, würde ein schlossartiges Gebäude in Sollana bewohnen. 
Da kämen sie zur Ruhe für hoffentlich zwei Nächte, um dann das Bargeld zu erhalten.

Kurz vor dem auf einer kleinen Anhöhe gelegenen weißen Hauses sah Jóse sich genötigt, seinen Reisebegleiter teilweise einzuweihen. 
Er sei auch gesandt worden, um für die Dame des Hauses, in ihrer kleinen Privatkapelle, zwei Totenmessen zu lesen.
Bruder Carlos werde möglichweise vor ihm zurückgehen, statt ihm zu ministrieren.
Die Herrin hätte ihnen dieses Zwischenspiel beschert.
Nachdem er das gesagt hatte mahnte Dr. Carranza sich erneut klug zu sein und sich so zu verhalten, wie er es von sich selbst erwartete. 
Ihm dürfte es nicht schwer fallen konsequent zu handeln. So jedenfalls dachte Dr. Jóse optimistisch, nicht anders als alle Narren der Hoffnung, denen, häufig genug, ihr Untergang bevor stand.

Als der Hausdiener, auf Jóses Klopfen hin, die Pforte öffnete, schaute aus einem Fenster der zweiten Etage eine Frau. Sie mochte nur etwa zehn Meter entfernt sein. Jóse, sah die Pfauenfeder, die in ihrem vollen, braunen Haar steckte, sah ihr breites, starkes und schönes Maurengesicht. Aus Verlegenheit schlug er ein Kreuz.
Im Haus lud man sie tatsächlich zu einem Erfrischungsmahl ein. Carlos strahlte, Jóse nicht minder.
Zwei betresste Bedienstete geleiteten die beiden Mönche in einen holzgetäfelten Raum, in dem eine Reihe Heiligenbilder hingen, sowie eins der Gottesmutter, die das Jesuskind auf ihren Armen trug, dazwischen prangte ein silbernes Kreuz.
Man führte sie in einen kleineren Gesellschaftsraum. 
Da befand sich eine anscheinend kostbare Reliquie hinter einer Glaswand.
Als der Hausherr, Don Miguel de Brega, ein eher unscheinbarer, freundlicher Mann, mit stattlichem, schwarzen Vollbart, nach einer Weile hereinkam breitete er zum Willkommen beide Arme aus, neigte den Kopf und sprach einen Segensgruß, wie es die Valencianer taten, wenn sie angenehmen Besuch empfingen.
Das war die Stimme des Mannes dem er einmal die Beichte abgenommen und ziemlich gedankenlos die Absolution erteilt hatte. 
Das war so, daran erinnerte er sich nun, diese sonoren Töne konnte man nicht vergessen. Sie erinnerten ihn an das Wasserrauschen in Jimenas Garten. 
Umgekehrt wird der Galante ihn jedoch sehr wahrscheinlich nicht wieder erkennen.

„Sie sind erschöpft“, sagte der kleine Herr verbindlich. Er werde Weisung geben, ihnen zwei weiche Matten bereiten lassen, obwohl sie sicherlich im nächsten Kloster nächtigen möchten. „Morgen früh haben wir mit ihnen eine Hausmesse, meine Frau und ich.“
Sein Auftreten erwies sich völlig anders als Jóse sich das vorgestellt hatte.
Alles. Auch die Stimmung, die ihm recht gelöst und zu seinem Erstaunen sogar harmonisch vorkam.

Mitten in der Nacht stand plötzlich die Frau mit dem breiten Gesicht an Dr. Carranzas Seite. 
Er hatte kein Geräusch wahrgenommen. 
Das war eigenartig. 
Sie hatte ihn nicht geweckt. 
Er kam eher aus einem jäh wirkenden, sonderbaren Empfinden hoch, als hätte ihm jemand gesagt: da ist wer.
Ungeniert setzte  die vornehme Dame Maria de Brega sich auf einen nahebei stehenden Polsterstuhl. Der stand direkt neben dem schwach einfallenden Sternenlicht. 
Wieder betörte ihn der Duft von Jasmin.
Sie flüsterte nicht, sondern sprach deutlich, wenn auch mit gedämpfter Stimme: „Doktor Jóse. Schlafen sie. Ich wollte ihnen nur eine gute Nacht wünschen.“ 
Er sah, dass ihre Hand die entsprechenden beruhigenden Gesten machte. „Seien sie unbesorgt, ihr Freund schläft lange und sehr fest, nach dem letzten Glas Wein.“
Jóse sprang hoch, straffte die Kutte. 
Auch sie erhob sich.
Sie berührte seine Hand flüchtig und wie selbstverständlich. Es gab kein Anzeichen, dass sie in Hast wäre oder aufgeregt. 
Federleicht löste sie sich von seiner Seite, ging ans Fenster, blieb aber im Schatten stehen:
„Sie werden morgen, nach der gemeinsamen Messe in unserer Hauskapelle, mit meinem Ehemann und unserem Hausgesinde, ihren Bruder mit dem Geld zurück schicken. Überzeugen sie ihn, alleine zu gehen. Ich habe es bedacht. Mein Mann reist dann nordwärts. Sie selbst sind eingeladen mehr Totenmessen zu lesen. Ihr Bruder wird ihren Bischof informieren.“
Jóse war der Dame nicht gefolgt.
Er vernahm jedoch, dass sie ruhig atmete. Ob er es so bemerken  sollte oder nicht, die nächsten Worte klangen ihm, wie Musik aus einem Zigeunerlager: „Sie selbst werden mich dann, wenn wir wieder alleine sind, in der Dorfkirche nach dem Abendgebet finden. Der Rest liegt in ihrer und meiner Hand und denken sie daran: Ich liebe sie. Ich würde ihnen niemals etwas zumuten was ihnen nicht gut täte.“
Wieder war es ihre Direktheit die ihm die Sprache verschlug und sie, als könnte sie Gedanken erraten: „Sei unbesorgt, Jóse. Mein Eheherr spielt Karten im Haus seines Freundes, oder sollte ich lieber wahrheitsgemäß sagen, er befindet sich gerade jetzt im Bett der unvermählten Tochter dieses Mannes, der bei ihm in ziemlichen Schulden steht?“ 
Er spürte ihren Stolz, erkannte am Ton wie sie es sagte, dass sie deutlich zum Ausdruck bringen wollte, sie sei keine „desvergonzada”.
Sie nicht!
Ihr Kopf lag im Nacken. Ihre Körpersprache warnte ihn sogar: wage es nicht mich anzurühren, bevor ich dir das gestatte.
Sicher und gelassen trat sie auf, entschlossen und wohl wissend was sie tat. Er traute sich nicht, jetzt ein Gespräch zu führen wie er es sich längst vorgenommen, jedenfalls nicht so wie er sich das ausgemalt hatte, obwohl er hörte wie fest sein Mitbruder schlief.
Sollte er ihr nun, gemäß seinem Vorsatz erzählen, was dem berühmtesten unter allen alten Israeliten, Joseph in Ägypten geschah, einem der Stammväter des auserwählten Volkes, als die bildschöne, reiche Potiphara ihn verführen wollte, weil der Knabe unverheiratet war zu dieser Zeit, sie allerdings nicht mehr.
Vor der Geistesstärke dieser Frau würde er sich mit dieser Geschichte, die ihm viel bedeutete, lächerlich machen.
Sollte er ihr gegenüber andeuten oder sogar sagen, dass Joseph vor der Lockung die ihn verschlingen wollte, floh.
Doña Maria de Brega wandte sich zum Davongehen: „Mein Herr Gemahl wird also morgen nach der Messe aufbrechen um Geschäfte in Barcelona und danach in einigen Pyrenäendörfern abzuwickeln. Auch ich habe Ursache, schon ihretwegen, Jóse, vorsichtig zu sein.“
Alles klang, als hätte sie hinzugefügt: Ich will viel mehr als nur ein Abenteuer. Ich will, dass sie mir als Freund auf Dauer erhalten bleiben.
Ihr Ton sagte ihm, dass sie Scham und Stolz zugleich empfand, sowohl Herrin ihrer selbst zu sein, wie auch als  gekränkte Frau, die des Trostes bedurfte, gewillt ihm mitzuteilen, dass sie  gewisse Grenzen nicht überschreiten wird.
„Ihr Bruder wird wie gesagt, ihrer Exzellenz mitteilen, dass sie von meinem Mann verpflichtet wurden eine Anzahl Totenmessen zu lesen, die er sich etwas kosten lässt. Das Aufgeld wird ihren Vorgesetzten überzeugen.“
Jóse gab sich einen Ruck.
Was er nun sagen würde gebot der Anstand und sein guter Vorsatz. 
Er fühlte gleich, dass es stocksteif klingen würde: „Liebe Doña Maria.“ Sich rückversichernd schaute er kurz auf den offensichtlich im Tiefschlaf ruhig atmenden Mann hinter ihm: „Ihr Geradlinigkeit fordert von mir eine ebenso gerade Erwiderung. Doña Maria, ich bin verheiratet und als Vater doppelt an mein Treueversprechen gebunden.“ 
Ihr Entsetzen stand fühlbar im Raum.  
Unverborgen. 
Unwillkürlich und dem Ton nach mutig, kam es spröde von ihren Lippen: „verheiratet und Familie“ 
Und er nur: „Ja!“
Wie er dann erstaunt zu erkennen glaubte, lächelte sie. Irgendwie schien die Zeit stehen zu bleiben. Plötzlich jedoch weinte Ana Maria de Brega und hielt auch gleich wieder inne.
Nach einem Augenblick fügte sie mit gewollt fester Stimme hinzu: „Damit muss ich …“ dann, den Kopf schüttelnd: „ein verheirateter Ordenspriester…“
Ihr Lachen war unecht.
Er ahnte, dass es schwierig werden könnte, und ging dennoch auf sie zu. Sie blickte gartenwärts.
Er trat hinter sie.
Sie duldete, dass er die Rechte behutsam auf ihre Schulter legte.
Betroffenes Schweigen herrschte.
Doch sie führte die Finger ihrer Linken  ebenfalls sehr leicht auf seine dort noch ruhende Hand. Dann wandte sie  sich um, einen Schritt zurücktretend. Einen Augenblick lang standen sie sich wie erstarrt gegenüber, bewusst Abstand haltend.
Sie sagte etwas.
Und er sprach zur gleichen Zeit: „Ana Maria, le ruego me disculpe…" 
Dass er sich bei ihr entschuldigte, musste ihr gut tun.
So, wie es ihr zugleich Schmerz bereitete.
„Meine Frau Jimena und Sohn Ahmed sind Maurisken! Sie wohnen in Alboraya im Haus Bertrams des Weingärtners.“ 
Was hätte er sonst noch sagen können? 

„Nun verstehe ich, warum meine Mauren sie schätzen.“
Nach einer Weile setzte sie hinzu: „Ihr Ruf drang bis zu uns. Wären wir sonst zu ihnen in die Beichte gegangen?“
Kaum hörbar dann: „ Wenn ich das geahnt hätte…“
Danach redeten sie ziemlich ungezwungen miteinander.
Plötzlich wandte sie sich von ihm ab, entfernte sich zwei, drei Schritte und trat im selben Atemzug wieder unversehens auf ihn zu. Doña Maria wusste wohl selbst nicht was sie tat. 
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände küsste ihn, außer auf den Mund. 
Schroff drehte sie sich sodann ab.
Hart vor allem gegen sich selbst, ging sie auf die Tür zu.
Sie beendete die ihr peinliche Situation mit gefestigter Stimme: „Sei treu… du wirst, …“
Der letzte Teil ihrer Worte erstickte.

In der Morgenmesse, Dienstag den 22. September

die Doña Maria de Brega gemeinsam mit ihrem Ehemann besuchte, erschien sie schlicht gekleidet, nicht parfümiert, ohne die Blume der Pfauenfeder, auch ohne deutlichen Blick ins Gesicht Dr. Jóses.
Ordenspriester Jóse und sein Mitbruder amtierten ehrfürchtig.
In Jóse würgten die Empfindungen gegeneinander.
Sein Bedürfnis Herzlichkeit zu zeigen, war ihm wichtig.
Er erinnerte sich, während er die Formeln las, wie er eines Nachts im ersten Jahr seiner Ehe mit der Mutter Ahmeds, Amira, nach einem spätabendlichen Gottesdienst alleine aus der Sakristei trat.  
Des ältlichen Olivenbauern Orlando schöne, kraftstrotzende Frau flüsterte aus dem Dunkel eines blühenden Pfirsichbaumes: „Komm und sieh was ich habe!“ Sie zeigte ihm ihren wunderbar geformten, schneeweißen Busen.
Die Welt wäre untergangen, wenn sie es nicht getan hätte, jedenfalls konnte er sich dieses Eindrucks nicht erwehren.
Mehr nicht, sagte sie.  
Nur ihre verborgene Schönheit wollte sie zeigen.
Hochachtung vor der Bregadame bewegte ihn einerseits und andererseits lag das Schuldgefühl auf seinem Bauch, wie eine Fuhre Steine. 
Er hätte die erstbeste Gelegenheit während des Herweges nutzen sollen um Carlos im Stich zu lassen.
Andererseits war es gut so.
So wie es war.

Don Miguel de Brega verabschiedete sich nach der Messe, anschließend von Dr. Carranza mit dem Hinweis sein Buchhalter werde ihm eine Spende übergeben, die, wie er ja wüsste,  für das Erzbistum bestimmt ist: „Bitte, übermitteln sie seiner Exzellenz Don Juan de Ribera meine Glückwünsche. Er war sofort einverstanden, dass nur sie wegen der Totenmessen der Geldübermittler sein sollen. Möge Christus seine schützende Hand über die Gerechten halten und sie segnen.“
Er sei nun in Eile, seine Kutsche erwarte ihn bereits: „leider kann ich sie nicht heimfahren. Mich rufen dringende Geschäfte in Sachen Holzhandel in die umgekehrte Richtung.“
Dr. Jóse und sein Bruder schlugen zweimal Kreuze in Richtung des maurengesichtigen Mannes.
Doña Maria Brega ging ins Haus, ohne ihm ihr schönes Angesicht zum Abschied noch einmal zuzuwenden.
Aber Jóse meinte, er könne den Schmerz ihrer Seele spüren. 
Ihm schien, dass ihre ganze Haltung noch Zorn ausdrückte, sich an dem Falschen verschwendet zu haben.
Er stand wie angewurzelt, unfähig über ihre Gefühle hinwegzuschreiten. Beide Brüder sahen eine Weile der Kutsche nach.
Maria de Brega ließ sich nicht mehr sehen und der Buchhalter ließ sie warten.

Jóse schaute noch einmal nach seinen Blättern, was den dicken Carlos absolut nicht interessierte. Gelangweilt saß der auf einem Mauervorsprung und ließ seine dicken Beine pendeln.
Sie erhielten erst drei Stunden später, gegen elf Uhr am Vormittag gegen eine ordentliche Quittung ausgestellt auf Don Miguel de Brega an den Erzbischof de Ribera jeweils Achtzig Acht-Reales-Stücke in Silber, die momentan und zusammen dem Wert von vier Tonnen Weizen  entsprachen und ausdrücklich obenauf einen anscheinend sehr kostbaren Edelsteinring.

Da tosten, noch während sie das Geld in die Ledertaschen ihrer Maultiere steckten, zu ungewohnter Zeit und unüblich schrill die Glocken der Dorfkirche. Fanfaren schmetterten, Trommelwirbel regten auf. Jóse wusste sofort, was das bedeutete. Wie versteinert stand auch Bruder Carlos.
Die große Haustür öffnete sich. Doña Maria de Brega ganz und gar keine Dame mehr, lief auf sie zu. Ihr Mienen und die Blässe darin sagten alles: „Bedeutet dies das Ende?“
Sie wussten.
Nur Bruder Carlos verstand anscheinend nichts. Er ruckte den runden, kahlen Kopf und schnitt eine Grimasse die lediglich sein Erstaunen zeigte. Mit dem Ausruf „Ist es Krieg?“, rutschte er vom Gesims.
Jóse bedeutete ihm zuzuhören. Doch der Ton einer herben Stimme drang nur zeitweise herüber, er vibrierte.
Nur Wortfetzen.
Es hatte doch längst in der Luft gelegen. 
Wer wusste das besser als er?
Der Fluch den das heilige spanische  Reich und seine Kirche über die Töchter und Söhne Ismaels warfen, kam auch für die meisten Valencianer nicht aus heiterem Himmel, es sei denn man kam wie Bruder Carlos aus einem Kloster indem man den Wein und die Ruhe genoss, wenn nicht gerade gebetet wurde.
Andererseits hatten viele, weil sie von Kindheit an, mit derartigen Gerüchten lebten, kaum wirklich daran geglaubt, dass Ungeheuerliches dieser Art, und dazu so plötzlich und schrill, Wirklichkeit würde. 
So ist der Mensch, jeder hofft, dass es nie zum Schlimmsten kommt. 
Selbst betrogene Partner wollen es bis zum bitteren Ende nicht glauben. 
Vielleicht sei das doch nur ein böser Traum gewesen.
Jetzt lag das bislang streng gehütete Staatsgeheimnis in seiner unfassbaren Reichweite für den Letzten brutal zu Tage.
Jóse schaute der schönen Frau ins nun gerötete Gesicht.
Ihr war die Unsicherheit anzusehen, in die sie geraten war. Wer konnte ihr garantieren, dass die Klinge des Scharfrichters ausgerechnet an ihr vorbei schlug?
Wegen einer Handvoll Silberlinge?
Die Geräusche, die aus dem etwas tiefer gelegenen Dorf heraufdrangen, schwollen an. Zu den drei auf der weiten Grünfläche des Vorderhauses beieinander stehenden Leuten kamen eine Anzahl anderer, wohl die ganze Dienerschaft angelaufen. Sie vernahmen es miteinander, sie sahen, in der Entfernung Menschen, die wie aufgeschreckte Küken liefen.
Auf den Feldwegen rannten Kinder durcheinander.
Der Hauptstrom wälzte sich in Richtung der kleinen Kirche.
Jedem, auch wenn man nur Wortteile identifizieren konnte, musste inzwischen klar sein, was das bedeutete.
Jóse sagte beherrscht leise aber mit trockener Stimme: „So stürzt Spanien in die Hölle."
Carlos ging der große Mund auf.
Er verstand nicht was diese Rede bedeuten sollte, doch er schien es allmählich zu ahnen.
Der Noch-Ordenspriester schaute Ana Maria freundlich verbindlich an. 
Er wiederholte es bedenkenlos. 
Er wünschte ihr vor allem mitzuteilen, wie sehr er die Innigkeit ihrer Freundschaft schätzte und, dass er ihr sagen möchte, er könne nun auf keinen Fall mehr zuwarten.
Jetzt trete ich umgehend meine so oft erwogene Flucht hoch begründet an.
Nun direkt an sie  gewandt: „Da ist keine Hoffnung mehr. Für meine Familie schon gar nicht.“
Er biss in die Lippe und schloss die Augen.
Dann nickte sie, als hätte sie ihn und alles durchaus verstanden.
Ihr Blick brachte redlich zum Ausdruck, sie fühle mit ihm. 
Carlos indessen schüttelte sich, als plagten ihn die Läuse. 
Dr. Carranza schaute seinem Bruder, der es gehört und nun vielleicht erfasst haben könnte, tief in die grünen Augen: „Niemand kann alles verstehen, Carlos, mein Guter. Wir haben uns auf den Weg zu machen.“
„Ja, wir wollen doch erst noch mehr hören um was es wirklich geht.“
„Dann zu!“, erwiderte Jóse. 
Es war auch für ihn wichtig, mehr Einzelheiten zu erfahren. Er verbeugte sich vor Maria förmlich.
Wahrscheinlich hielt er, ein wenig übertrieben, den Kopf herunter.
Er war enttäuscht von sich selbst, weil er sich von ihrer Seite mit gewisser Mühe losreißen musste.
Sonderbar.
Wirklich sonderbar ist, wie die Seele darauf reagiert, selbst wenn nur ein Faden dieser Art reißt.
Er nahm den Zaum seines Maultieres. Über sich selbst erstaunt nahm er sich die Zeit zur Dorfkirche zu reiten. 
Alles wog nun.
Die Verwirrung war beispielslos.
Einige bekreuzigten sich, als sie ihn und Carlos in ihrer Ordenstracht sahen.
Eine Mutter mit vielleicht sechs, sieben Kindern, legte den Kopf stolz in den Nacken. Ihre dunklen Augen sprühten Feuer, das sie über die beiden Mönche schleuderte. Jóse schien, sie hätte ihn und Carlos „Hurensöhne“  genannt Hijos de una puta -. Dann machte ihnen ein steinaltes Ehepaar, das sich in Demut verbeugte, Platz. Auch das drückte aufs Gemüt.
So die Gespräche der Nacht, mit ihr. 
Sie hingen an ihm klettenhaft und gewichtig. 
Der Teufel ritt ihn, flüsterte hämisch:
Aus dieser Beziehung zu Ana Maria kannst du nicht wie aus einer Karosse steigen.
Er und Carlos hielten an, als ein Schrei durchdrang: „Die Lanzenträger!“ Von einer grüngrauen Höhe kamen sie herab, vielleicht zwanzig Berittene. Es staubte erheblich.
Bruder Carlos erschauderte. Jóse neigte sich zu ihm: „Carlos, unsere Wege werden sich heute noch trennen!“
Ordensbruder Carlos wiegelte ab. Er konnte sich keinen rechten Reim darauf machen, aber er spürte Unangenehmes: „Alleine gehe ich nicht zurück durch die Dörfer. Ich bin doch nicht lebensmüde.“
“Ich weiß!“, lautete die Antwort Jóses, obwohl es unwahrscheinlich war, dass die nun mit dem Bann belegten Maurisken sich über einen einsamen Mönch hermachen würden.
Nun erst Recht nicht.
Niemand der in seinem Herzen Muslime geblieben war, würde solche Schuld auf sein Gewissen laden, nun da sie in die Verlorenheit stürzten und jeder Rachegedanke sich von selbst verbot. Vor Allah, falls sie denn sterben müssen, möchten sie in weißen Kleidern dastehen.
„Keine Bange!“
Carlos nickte einfältig, verwirrt und eifrig. Er zeigte sich erleichtert, während Jóse dachte, ich werde einen weiten Bogen um Valencia schlagen. 
Am helllichten Tag werde ich gehen. 
Durch seinen Kopf schwirrten die von der Dorfkirche her dringenden Wortteile der königlichen Verkündigung, vermutlich durch einen Offizier vorgetragen, der mit satter Bassstimme abermals den Text verlas:
„Drei Tage habt ihr… die Fracht ist mit eurem Geld zu bezahlen… Besitztum dürft ihr nicht verkaufen… es ist verboten Hab und Gut zu verstecken.“

Was sie wenig später auf ihrem Rückweg verwunderte, was insbesondere Dr. Carranza wunderte, in einigen Dörfern gingen die Betroffenen wie immer ihrer Arbeit nach. Andernorts herrschte Totenstille. 
Die Menschen schlossen sich in ihre Häuser ein.
Ein älterer maurisch aussehender Bauer mit seiner kleinen Schafherde, winkte sogar ab: „Nada se come tan caliente como se cocina" - „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird.“
Hier und da marschierten einige Söldnerfähnlein.
Sie traten wohl zu dem Zweck auf, der Vorlesung Nachdruck zu verleihen.
Ihre Trommler machten nervös. 
Von Kopflosigkeit sah man dennoch kaum eine Spur. Jóse kannte ihre Gedankenwelt: Wenn Allah es zuließ, wird er es auch zum Guten führen. Sie ergaben sich dem Allerbarmer und dem Schicksal, das er ihnen bescherte.

Bereits einige Stunden später, als Bruder Carlos nach spätem und kargem Mittagsmahl samt kurzem Schlummer im Schatten einer einzeln stehenden Steineiche erwachte, sah er zuerst den leeren Platz.
Sofort befürchtete er, dass sein Bruder ihn im Stich gelassen hatte.
Dann wanderte sein verzweifelter Blick zum Lederbeutel seines Ordensbruders der an der Seite des Mulis seines ihm vorgesetzten Bruders hing.
Er sprang hoch wie ein Junger, schaute ob das Geld und der teure Ring noch vorhanden waren. 
Carlos rief nach seinem Bruder zuerst verhallten, dann laut. 
Nach einer knappen Stunde  ungeduldigen Wartens beschloss er zu glauben, dass Bruder Jóse ihn also doch verlassen hatte.
Unmutig starrte er auf eine größere, grunzende Wildschweinrotte, die ihn umgab. Die kaum scheuen Tiere taten sich an ersten frühreifen und an den alten Resten der Eicheln gütlich.
Er redete mit den Tieren: „Ihr habt es gut, von nichts zu wissen. Mir wird eine Antwort abverlangt werden, die ich nicht geben kann. Was habe ich verbrochen, dass er mich verließ?“
Carlos schlug die Hände ineinander und hob sie zum Himmel. Laut rief er: „Gott ist mein Zeuge. Hier ist die Hölle los.“ 
Panisch wünschte  er zu denken: „den guten Bruder Jóse haben sie geklaut, die bösen!“ Trotz  seiner Einfalt kam er auf die Idee, Verbrecher hätten wohl kaum die Beutel verschmäht. 

Erzbischof de Ribera fragte ihn nicht vernehmlich, das taten eher seine Blicke, als Carlos zwei Lederbeutel tragend vor ihn hintrat. Carlos stotterte  nur, er wüsste nichts, zuckte die Achseln und kratzte den Hinterkopf: "Señor Brega de Sollana, usted está pidiendo una bendición, Excelencia". Señor de Brega erbittet ihren Segen, Exzellenz.
Seinen jäh auftauchenden Verdacht, einer seiner engsten Vertrauten wäre in dieser Situation zum Feind übergelaufen verwarf der brummige Herr des Palais  umgehend. Für solche schreckliche Annahme gab es nicht den geringsten Grund. Sein stets zuverlässiger Sekretär würde ihm solche Schande nicht antun.
Und sowieso: ein Übeltäter hätte das Spendengeld an sich genommen. 
Zumindest den kostbaren Saphir hätte er an sich gebracht. 
Carlos gab auf Nachfrage weiteren Bericht und der klang ebenfalls gut. Dr. Carranza hätte während des Rückweges angedeutet er müsse umgehend eine wichtige Pflicht erfüllen. De  Ribera wusste natürlich, dass die heilige Inquisition von Dr. Carranza eine bestimmte Auftragserfüllung erwartete. 
Das konnte hingehen. Es wird sich zeigen.

Zwei Tage, das setzte Don Juan de Ribera fest, zwei drei Tage wird er in Zuversicht abwarten und hoffen, dass Dr. Carranza ihm und dem heiligen oficio, bei seiner Rückkehr  zur fälligen Konsultation, wichtige Informationen liefert. De Ribera sah keine Ursache zur Aufregung. 

Jóse Carranza, der sich bis dahin klug verhalten hatte, erwarb bei einem maurischen Klingenschmied ein Rasiermesser, nahm bei erster Gelegenheit den kurzen Rundbart ab und schor den Kopf kahl. Dann wechselte er, als es dunkelte, die Kleidung, und vergrub mit einiger Mühe, ein für alle Mal, die ungeliebte  Dominikanerkutte.
Im Sack blieb wohl geborgen seine kleine kostbare Fracht. Die wird er durchbringen bis Marseille, in Begleitung Jimenas und Ahmeds.
Seine Hände dankbar himmelwärts gerichtet dachte er intensiv an sie:  Jimena, ich bin frei!
Unwillkürlich zitierte er das biblisch überlieferte Gotteswort: „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei!“
Nun würde er, zumindest auf den ersten Blick, einem der zahlreich umherstreunenden Landsknechte recht ähnlich sehen. Er war sich jedoch dessen bewusst, dass er zu gescheit aussah um, falls jemand ihm misstrauen sollte, als Bandit zu gelten. Vor allem seine gepflegten Hände würden ihn verraten.
So verbarg er sich bis es finster war im hohen Gras eines Wassergrabens am Dorfrand Alborayas, immer gewahr einer der Wasserwächter könnte ihn bemerken. 
Er tat so als wollte er dort ausruhen.
Da im bergenden Grün trat nicht seines Erzbischofs hartes bärtiges Gesicht, sondern das feine Antlitz Doña Catalina Cazallas vor ihn. Sie tastete ein Gesicht ab und lächelte.
Jóse stockte der Atem als er sich vorstellte wie sie nun  angekettet in einem dunklen Raum lag.
„Wann, wann wird das aufhören?“
Ihm schien Oberst Manuel Martinez würde antworten: „Lieber Bruder. Es wird nie ein Ende nehmen. Der Teufel treibt sie.  Das habe ich dir doch gesagt. Unsere Wünsche kommen zu früh. Die Zeit ist nicht reif.
Auch die Bosheit muss sich vollenden.
Wenn du richtig liegst mit deiner Lehre von unserer Präexistenz, dann gewährt Gott uns und damit unseren Feinden das Recht, das Leben im Guten wie im Bösen zu führen. Wir müssen doch zeigen wozu wir fähig sind, wer wir sind. Wie sonst will Er uns beurteilen? Wie könnten wir selbst bewerten was wir taten?
Abgerechnet wird zum Schluss.
Er fällt uns nicht in den Arm.
Wir werden uns selbst zu erkennen geben. 
Darin gehe ich mit dir überein. Wir werden uns dermal Einst zu unsersgleichen gesellen. Ob das Himmel oder Hölle sein wird bestimmen wir damit selbst, und diejenigen, deren Gewohnheiten mit ihnen gehen.“
Das schwer gezeichnete Gesicht des Expriesters und Exoberst zeigte ihm seine volle Sympathie.

Endlich durfte er an die Tür des Wohnhauses der Bertramfamilie klopfen.
„Ich bin es!“
Jimena erkannte Jóses Stimme. Sie erschrak über sein Aussehen, war jedoch sofort im Bilde, obwohl nahezu Dunkelheit herrschte. 
Auch in Alboraya hatte es militärisch getrommelt und teuflisch geblitzt: „Ihr seid des Landes verwiesen!
Generellem Widerstand folge die Galeerenstrafe.
Das Militär habe für die sofortige Umsetzung der Befehle zu sorgen.“
Wortlos hingen sie in der Umarmung aneinander und tuschelten dann wieder lebhaft. 
Wie ein Lauffeuer sei es umgegangen.
Bertram hätte sich sofort, als er hörte um was es ging, geweigert sein Bett zu verlassen. Ein Alguacil ließ ihn jedoch wissen, er stehe unter vorläufigem Sonderschutz. Dasselbe betraf auch sie und ihre Eltern, dieser Begriff „vorläufig“ beinhaltete allerdings die gesamte Skala der Möglichkeiten.

„Schläft Ahmed  schon?“ Sie nickte. „Die Jungs werden sich morgen auf den Weg machen. Soviel bekam ich mit.“
„Wecke ihn, ich muss mit ihm reden.“ 
Jimena weigerte sich: "Lasse ihn schlafen, auch Bertram wünscht mit niemanden zu reden, auch nicht mit seinem Freund Jóse", das hätte er ihr gleich gesagt, in der richtigen Annahme, dass er kommen wird.
Er schäme sich nun ein Christ zu sein.
Jetzt wüsste er, wo er hingehört.
Jimena fügte hinzu, Bertram habe ihr entgeistert gesagt, er werde mit seinen Freunden gehen und sei es in den Tod, selbst wenn er zum Meer kriechen müsste.
Immer wieder hätte der alte Mann vor sich hin geflüstert, was auch ihr noch in den Ohren klang: „Die Häuser sind innerhalb von drei Tagen zu verlassen … die Worte klangen so, als wäre offen verkündet worden: wir werden euch im Meer ersäufen.“
Jimena gab sich wieder ruhiger. Sie vermochte es, weil sie lange zuvor durch ihn vorbereit wurde. 
Sie sei bereit zu ertragen was auch geschieht. „Wir sind in Gottes Hand!"
Das entsprach ihrer Seelenstärke. 
Kommissionäre würden kommen und ihnen sagen was sie zu tun hätten. Alle anderen, die kein Wort von „vorläufig“  erhielten, sollten sich umgehend zu den Häfen Valencias oder nach Denia begeben.
Jimena sagte, „ist doch Unsinn, anzunehmen, dass sich zehntausende ohne weiteres fügen.“ Die Seidenproduzenten und die Weinbauern der Huerta  hätten in weiser Voraussicht schon einige Wochen zuvor beraten und beschlossen jeweils Bittschriften im Escorial und im Palais des Erzbischofs vorzulegen, verbunden mit erheblichen Geldzusagen.
Sie glaube, dass dies gewirkt hätte, wäre ihnen das Ausbürgerungsedikt  nicht zuvor gekommen.
Sie selbst werde sich dennoch nicht verrückt machen.  
Spanien kann nicht hunderttausende auf einen Schlag treffen, auch wenn der Text drohe, wer sich nicht an den Wortlaut hielte, würde verhaftet werden.
Was ihr Sorgen mache, sei der Gedanke, zu Valencia könnte die Stadtwache die auf Antwort wartende Delegation der Weinbauern und der Seidenhändler eingesperrt haben.
Davon ginge die Rede um.
Besser wäre gewesen sich in Geduld zu fassen.  „Die mutigen Herren mussten sich doch selbst sagen,  das Imperium bekommt deren Schätze ohnehin, denn es wurde ausdrücklich bestimmt, die Todesstrafe drohe, falls es jemand wagen sollte, Besitztümer zu verbergen. Mit sich nehmen dürften sie ausschließlich das zum Leben Notwendige. Ihren christlichen Nachbarn wurde wiederholt mit klaren Weisungen verboten ihnen zu helfen, indem sie sie bei sich versteckten.“ 
Er war aufgeregter als sie.
Ihn empörte die verkündete Zumutung: Kleinkindern unter vier Jahren sei es bei dem Einverständnis der Eltern erlaubt in Valencia zu bleiben.
Erbittert höhnte und lästerte er: „Aus kleinen Waisen kann die Mutter Kirche noch Menschen machen“.
Welche Mutter, welcher Vater maurischer Herkunft würde sich freiwillig von ihrem geliebten Kind trennen um es gottlosen Herrenmenschen zu überlassen? So konnten nur Priester hoffen und denken, die sich ganz und gar dem unseligen Geist ihrer Kirche ausgeliefert hatten.

Die ersten beiden Nachtstunden vergingen ihnen wie Minuten. Er hielt ihre Hand  umschlossen. Jóse, nachdem er ihr eine Weile zugehört hatte, musste einsehen, dass sie sich nicht von ihrem derzeitigen Pflichtenkreis frei machen konnte und wollte. Er gab es schweren Herzens zu:  „Wenn dich dein Gewissen zurückhält, habe ich kein Recht dich zu bedrängen.“
Ihre bettlägerigen Eltern werden sie zwar nicht antasten, aber doch ängstigen.  
„Ahmed mit seinem Ungestüm darf ich nicht der Gefahr aussetzen auf einer Galeere zu enden. Er würde sich vehement einer Aussiedlung nach Afrika widersetzen, leider auch meinem Vorschlag, wie ich fürchte, mit mir nach Frankreich zu gehen. Also gehe ich mit ihm…“
Dr. Carranza stockte: „wenn er sich nicht schon aus dem Staub gemacht hat!“ 
Sie verneinte, das hätte sie bemerkt.
„Schau bitte sofort nach, vergewissere dich!“ 
Sie tat ihm den Gefallen: „Er schläft seelenruhig und tief!“
„Jimena, wenn es zum Schlimmsten kommt, dann bitte, wende dich an Doña Maria de Brega zu Sollana.
Sie hat vorgesorgt, das heißt, ihr Mann hat es weitsichtig getan.  Sage Maria de Brega ich hätte dich geschickt. Ihrem Mann allerdings darfst du nicht trauen. Noch hoffe ich, dass du verschont wirst. Ich kann und darf nicht länger warten. Eine Kleinigkeit und ich bin verloren.“
Jimena fragte nicht nach.
Auch ihr war klar, Don Juan de Ribera wird ihren Jóse mit allen verfügbaren Hunden hetzen. 
Nichts war sicherer als das. 
Ein Wunder wäre es, wenn sie ihn nicht hier suchen würden. Er muss sich auf den Weg machen und hoffentlich Ahmed mit ihm.
Ihr Vertrauen, das sie in ihren Mann setzte, war unendlich groß. Das zeigte sich seit je, so wie sie  auch jetzt nicht wissen wollte, warum er ihr die Dame zu Sollana so dringend empfahl. Er sagte es ihr dennoch, sehr behutsam und wenn auch nicht alles.
Sie ruhte in seinen Armen.
Wortlos lagen sie, manchmal einnickend, bis zum Morgengrauen nebeneinander. Er sprach dann auch wieder von Ana Maria de Brega so, dass sie, während dieser Aussage, bei der sie ihm recht offen forschend ins Gesicht schaute, erkennen sollte, da sei eine Versuchung gewesen, der er aber nicht nachgab.
Diese Gewissheit musste er ihr geben.
Eins vor allem sollte sie wissen: Beide, sowohl Maria de Brega, wie ihr Mann, verfügten über beste Beziehungen zum Haupttreiber des Elends, Erzbischof Don Juan de Ribera.
Diese Beziehungen könnten ihr einmal helfen.
Jimena suchte nicht weiter. 
Ihr Glaube an ihn verbot ihr das. 
Doch sie versprach, ihm und Ahmed nach Marseille, ins Haus des Reeders Ballarde, zu folgen, sobald es die Umstände erlaubten.
Sie ginge davon aus, dass Ahmed mit ihm schließlich nach Frankreich auswandern würde. Das sei ihr Gefühl, das sie selten betrog. 
„Du wirst sicher alles absprechen mit deinem Freund Ballarde.“
Sobald es hell wurde, wartete Jóse ungeduldig Ahmed zu sehen.
Viel, wenn nicht alles, hing nun von ihm ab. Zwingen kann und darf er ihn nicht.  Die Ungewissheit  in zweierlei Hinsicht presste sein Herz, wie mit  Klammern.
Sein harter Bruch mit der Austreibungspolitik des Don Juan de Ribera, die Flucht eines seiner zuverlässigsten Sekretäre, musste den Erzbischof in höchste Rage versetzen. Nichts in der Welt konnte ihn fortan schützen. Ihm blieb kaum Zeit, während Jimena gewissen Schutz genoss, wegen ihres Christseins, das er ihr geben konnte.
Die Mönche wussten darum, die Pfarrer ebenso. Jimena hatte ihnen immer mit liebevollem Ausdruck das gegeben, was die Brüder zum Leben benötigten. Das musste sich nun auszahlen. 
Das hoffte er, vordergründig, während sich weit unten in seinem Gespür für Unheil, trotz alledem große Sorge um sie regte. Sicherheit gibt es nicht.

Noch war es ziemlich ruhig im Dorf, noch marschierten in der Nähe keine Truppen.  Jimena hatte die Lage richtig eingeschätzt. Die Bataillone des Verderbens  konnten unmöglich zigtausend konfuse gemachte Familien zugleich reglementieren und sie schon gar nicht, von heute auf morgen, vor sich her zum Meer treiben. So viele transportfähige Schiffe wie binnen Tagen und Wochen benötigt wurden gab es im gesamten Mittelmeer nicht. Monatelang wird allerdings Hektik, Angst und mehr die Betroffenen belasten.
Sein Junge trat unversehens ein und für Jóse, der vom Geräusch einer klappenden Tür gewarnt, sofort aufgesprungen war, stand hilflos da. 
Unerwartet rief Ahmed aus: „Vater?“
Jóse strahlte, nickte nur.
Da flog der Junge auf ihn zu, warf sich ihm an die Brust und presste sich an ihn. Dr. Jóse genoss den heftigen Gefühlsausbruch seines Sohnes, der sofort begriffen hatte, dass dieser Mann da ganz und gar auf seiner Seite stand. Sein glatt rasierter Kopf, sein bartloses Gesicht sagten ihm alles. 
Jóse Carranza schloss die Augen und sah hoffnungsvoll voraus, dass sie sich, komme was da wolle, nie wieder trennen würden.
Vielleicht hatte er noch hinlänglich Zeit Ahmed von seinem Plan zu überzeugen, statt umgekehrt.
Ohne lange zu  überlegen brach es aus Dr. Jóse heraus: „Ahmed, heute Abend, im Schutz der ersten Stunde der Finsternis, brechen wir nach Norden auf.“ Das wäre das Äußerste, das sie wagen durften, dreizehn Wartestunden. 
Ahmed war Feuer und Flamme. 
Das war es, was er wünschte.
Er sagte es mit den respektvollen Worten: „Herr Vater, sie haben mir viel beigebracht“, womit Ahmed auf das für ihn unglaublich schöne Buch seines Vaters anspielte.
Jóse legte, bis ins innerste bewegt, seinen Arm um die Schulter seines Sohnes. „Sieze mich nicht, … gràcies, Ahmed.“  
Mehr wusste er in diesen Minuten nicht auszudrücken.
Er musste sich sehr beherrschen nicht immerfort daran zu denken, dass Soldaten jeden Augenblick zur Tür hereinkommen konnten, in der Absicht ihn, den sehr wahrscheinlich schon gezielt Gesuchten, als Deserteur, festzusetzen.
Sehr schnell ergab sich, dass Ahmed mit seinen Freunden bereits konkrete Pläne geschmiedet hatte, die denen seines Vaters völlig widersprachen. Sie wollten sich in Valencias Bergen verschanzen. Man hatte ihnen schon vor Wochen mitgeteilt, dass ein berühmter Maurenanführer für den Widerstand wirbt.
Ahmed empörte sich nicht, dass sein Volk vernichtet werden soll, auch nicht, dass Valencia seine Maurisken als erste davon jagen wird. Damit haben seine Freunde wegen der Reden ihrer Eltern und vor allem infolge der seit Längerem umlaufenden Tuscheleien gerechnet. 
Sie wussten es seit einem Monat intuitiv: dieser Tag stünde unmittelbar vor der Tür.

Die Ahnung vieler bestätigte sich jedoch in erheblich unangenehmeren Tönen, die so kaum jemand erwartet hätte.
Dieses: „Sofort!“, dieses rabiate „niemandem ist gestattet sich zu verbergen“, war für den Sohn nur der Beweis wie berechtigt sein Hass auf das bigotte Spanien war.
Dafür wird es nie eine Entschuldigung geben, die man gelten lassen könnte.
Niemals!
Andererseits bewies Ahmed seinen strahlenden Optimismus. Jetzt werden die lang ersehnten Abenteuer und Befreiungsschläge Wirklichkeit. 
Er zeigte seinem Vater eine handgezeichnete Karte: „Wir gehen nordwärts, in die  Berge. Da können sie uns nicht ans Fell.“ 
Das hatte Jóse befürchtet, auch wenn er zufrieden damit war, dass sie ihre Dummheit aufgegeben hatten, mit einem Fischerboot ins Verderben zu segeln. 
In gewisser Weise war Dr. Carranza sogar froh, dass es sie gab, die todesmutigen Widerständler, die, wie er, sich erleichtert fühlten, die Maske abzustreifen die sie tragen mussten.
Bald werden den Mutigen tausende und abertausende Kriegsbegeisterte zulaufen.
Jóse verstand das: Wie überreife Kastanien werden ihnen die glühenden Patrioten zufallen. Dennoch, sie sind allesamt Träumer, wollen mit Speeren, mit Pfeil und Bogen, mit Steinschleudern und einer Handvoll Feuerwaffen Krieg gegen ein Weltreich führen. Welcher Wahnsinn.
Das gab es zuletzt 1572.

 
Wikipedia: Aufstand der aurisken 1572
     
Er möchte es seinem Sohn dringend sagen, ihr wollt einen Kampf ohne geringste Chance auf einen Sieg. So wie damals wird es jetzt für die Verteidiger ihrer Heimat zur kompletten Niederlage  kommen.
Am Ende wartet die Sklaverei oder schlimmer die Galeere und das bedeutete den sicheren Tod nach wenigen Monaten des Ruderns unter den Bedingungen der absoluten Gnadenlosigkeit.
Nicht auszuschließen ist auch, dass eine Anzahl der Besiegten schon in wenigen Wochen auf afrikanischen Sklavenmärkten feilgeboten werden. Die Bilder davon standen dem Vater in düsteren Farben vor Augen.
Er könnte die Faust ballen und sie mit Nachdruck auf den Tisch legen. Doch dafür war Jóse zu klug, einfach seinen aufwallenden Gefühlen zu folgen. 
„Jimena hat mir mitgeteilt, dass du es wiederholt gelesen hast.“
Ahmed nickte. Seine Augen leuchteten: sie sagten und fragten, wäre ich sonst auf deiner Seite?
Jóse dachte aber auch: Mein Gott, ich habe dir einen Floh ins Ohr gesetzt. Dir, einem Ummayyaden.
Er ließ den wilden Knaben ungehindert schwärmen, schaute hin und wieder zu Jimena herüber. Sagt mir, wie viel Zeit ich habe!   
Es blieb tagsüber erstaunlich ruhig im Dorf.
Das war die Ruhe vor dem Sturm.
Ihn quälte die Verantwortung: Ich darf euch beide nicht ins Unglück rennen lassen. Dr. Jóse überdachte unentwegt die Eventualität sogleich aufzubrechen. Er darf hier nicht länger als unbedingt erforderlich herumsitzen. Auch die Verkleidung bot ihm nur geringe Sicherheit. 
Nervös sagte er seiner Liebsten: „Vergiss nie den Namen des Reeders und Hugenotten Monsieur Ballarde zu Marseille und erinnere dich der Dame Ana Maria de Brega zu Sollana. Wenn jeder Glücksfaden reißt, über beide verlieren wir einander nicht. Es ist ein doppeltes Band.“
Jóse schaute sie dringlich an.
Nimm dir die Zeit. 
Rede mit deinem Sohn.
Er machte ein Geste, Ahmed möge ihm folgen.
„Bitte, Jimena, wenn ich mich jetzt mit Ahmed zurückziehe, habe ein waches Auge.“
Das hätte er ihr nicht sagen müssen.
Sie lauschte ohnehin seitdem er in ihr Haus kam. Sie wusste, Unglück schläft nicht.
Er jedoch kehrte wieder zu dem ursprünglichen Gedanken zurück, erst aufzubrechen wenn es dunkelte. Sie dachten und planten. Sie redeten und redeten, aber es kam nichts weiter dabei heraus.
Nach der kurzen Siesta zeigte nun Vater Jóse seinem Ahmed die Skizzen die er gerade zu Ende gebracht hatte. 
Er fasste den Knaben ans Handgelenk: “Komm!“ 
Er entließ ihn zwar gleich wieder aus dieser Umklammerung, zog ihn jedoch mit einer förmlichen Einladung in die Glorieta, die umrankt von wildem Wein gewissen Schutz bot. Er schaute Ahmed ebenfalls nur kurz aber mit ganzer Seelenkraft in die tiefbraunen Augen. In diesem Blick sollte alles liegen was er dringend erreichen wollte. Er fürchtete, dass es gegenwärtig wenig hilfreich sein wird gegen geschmiedete Illusionen, große Worte zu machen. Dennoch, eben das musste sein.
Er fiel mit der Tür ins Haus:

„Ahmed, du bist zu mehr ausersehen,

als in den Bergen zu verrecken oder in Timbuktu, wo sie scharf sind auf  frische spanische Ware. Höre mir bitte zehn Minuten zu. Dann nimm dir eine Zeit meinen Vorschlag zu bedenken, so Gott will, dass sie uns noch nicht behelligen." 
Ahmed schien zu ahnen, worauf es hinauslief.
Er schloss die scharfen Augen und zwang sich still zu sein, obwohl auch ihn die Unrast trieb. Verschwendete Zeit würde das sein. Die Stunden bis zum Aufbruch mussten überstanden werden. Jóse vermochte es sich einigermaßen in den Jungen hineinzudenken: „Schau, da sind die Alpen und hier die Pyrenäen. Ich denke wir sollten Tag für Tag, aus der Geschichte lernen.“ Er schrieb ein Wort auf den weißen unteren Rand des Blattes:
Valdense (- Waldenser -) „Hast du von ihnen je gehört?“

Bild: Ev.Gesamtverband Oberweser Waldensergemeinden um 1200 
Ahmed schüttelte sich, teils aus Unverständnis, wohl aber auch weil er sich sträubte einem Plan zuzuhören der krass von seinem eigenen Vorsatz abwich. Jóse hielt nur schwer an sich. Offensichtlich kam seinem Sohn das, was jetzt folgen sollte, von Vorneherein als sinnlos vor.
Jóse  könnte aus der Haut fahren. „Müssen wir denn immer wieder dieselben Fehler machen, und dieselben bitteren Erfahrungen unserer Vorfahren, eins zu eins, sammeln?“ Gegen Ahmeds Fantasien baute der Vater nun tatsächlich eine massive Wand auf:
„Sechshundert Jahre und wahrscheinlich noch länger konnten sich die Valdenseleute, die Todfeinde der nicänischen Kirche in den Bergen verstecken. Sie waren im Stande den grausamen Armeen des Kirchenstaates zu widerstehen ebenso den Heeren der  von den Päpsten aufgestachelten Fürsten …“ da horchte er auf, der kampflustige Junge.
Jóse bemerkte es sofort.
Er wies auf die Konturen Italiens und dann auf Deutschland. „Da und dort. Überall haben sie Freunde. Es gab für diese härtesten und erfolgreichsten aller Kirchenfeinde lange Zeit hindurch ein Hinterland. Diese Karte zeigt  auch, wo überall Ende des zwölften Jahrhunderts die untereinander verbundenen Katharer und Waldenser, mehr oder weniger verdeckt und versteckt, zu Hause waren.  Dass dieser Umstand den Römern missfiel ist aus Sicht der frommen Diktatoren zu verstehen. All diese Anhänger des „vollkommenen ewigwährenden Evangeliums“, - wie sie selbst es nennen -, glaubten an das Recht auf Freiheit. 
Zu Recht sagten sie, Gott hat es ihnen gewährt. 
Er habe es ihnen bereits im vorirdischen Dasein garantiert. Die Waldenser, Katharer und viele ihnen Gleichgesinnte wussten und lehrten auch, dass Gott voraussah, dass es Ungeheuer in Menschengestalt geben wird die, aus purer Geltungssucht Seinem großem Plan entgegen wirken würden. 
Ahmed bedenke, unseren gemeinsamen Feinden wurde vorgeworfen sie kämpften wie die Löwen. 
Das ist wahr. 
Das macht uns stolz und zuversichtlich. Mit denen müssen wir uns verbinden. 
Darum geht es. 
Diese Widerständler leben jetzt vor allem in den schwer zugänglichen Alpentälern und einige, von denen ich keine konkreten Kenntnisse habe, wohl auch noch in den Pyrenäen. Irgendwann sollten wir zu ihnen stoßen. Ich hoffe, dass du den gravierenden Unterschied erkennst,  und dass du im Wesentlichen mit mir übereinstimmst.“
Keine Reaktion seitens des Sohnes.
Jóse überspielte es. 
„Diese Menschen haben Gesinnungsgenossen in weiten Teilen der Welt. Es gibt  sie in Litauen, Russland, Polen und auf dem Balkan. Schau: Früher gab es die mutigen, glaubensstarken „Valdense“ bis in unsere Nähe. Hier nannte  man sie die Vaudois, die Bergmenschen in den französisch-spanischen Gebirgen.  Hier und da wurden sie allerdings, von denen mit Stumpf und Stiel ausgerottet die unter päpstlichen Befehlshabern handelten. 
Die valensianischen Gebirge, an die ihr denkt, liegen nun leider  isoliert. Sie bieten niemandem mehr ein Hinterland, auch wenn es hier früher starke Waldensergruppen gab, besser gesagt, Arianer. 
Ich hoffe du erinnerst dich später, wenn wir genügend Zeit haben, dass Arianer seit dem Jahr 325 dem Konstantinismus die Stirn bieten. 
Die Vaudois unserer Pyrenäen existieren sehr wahrscheinlich noch, aber ostwärts bis hin nach Mailand in Italien gibt es sie noch immer massenhaft. Sie verfügen über Kontakte zueinander und Erfahrungen die uns fehlen und sie stimmen fast wörtlich mit meinen Überzeugungen, und wie ich aus gutem Grund annehme auch mit den besten deiner Hoffnungen, überein. 
Sie sind aufgeschlossen, sie halten zusammen! Sie sind Lichtsucher. Ihre Losung lautet bis zu dieser Stunde:  „Das Licht leuchtet in der Finsternis. „Lux lucet in tenebris“ 
Sie sollten auch deine Verbündeten sein, wenn du den besten Ummayyaden-Idealen zustimmst. Was der große Abd er-Rahmann schuf schwebt auch mir vor. Unser Reich, und sei es noch so klein zuerst, muss allen Zuflucht bieten die obenan in ihr Gewissen das Wort Toleranz geschrieben haben

Und da sind auch die Hugenotten die uns, mit ihrer Ablehnung Roms, gewissen Schutz bieten. König Heinrich IV. ist ihr Schutzherr. Er sprach sich schon vor Jahren sehr freundlich für die Glaubensfreiheit der Maurisken aus. Er bietet uns an in Frankreich zu siedeln. 
Diese Gelegenheit sollten wir zunächst nutzen. Darüber musst du nachdenken. Du bist nun fast sechzehn Jahre alt und über die Jahre reif. Es reicht nicht aus den Erzfeinden die Zähne zu zeigen, die sie dir mit einem Keulenhieb ausschlagen können. Wir müssen bestehen und mit uns unsere Hochziele.
Wir haben hinlänglich Voraussetzungen zwar vorsichtig und doch zielstrebig und umsichtig daran mitwirken uns zusammenzuschließen. Ahmed, ich konnte in den letzten beiden Tagen kaum anderes tun, als über deine und unsere Zukunft nachzudenken. Ein einziger Fehlschluss kann jedoch unser Ende bedeuten. Du weißt, wo ich stehe.“
Ahmed war wiederum vom Elan und der Seelenkraft des Vaters beeindruckt. Der wies erneut auf die Karte: „Was auch geschieht, glaube keinem Geschichtsbuch und keinem Besserwisser unbesehen, sei er Muslime oder Katholik. 
Deren Wortführer sind permanent auf der Suche nach eigenen Vorteilen. Insbesondere im Fall der Geschichte derer, die Rom widerstanden gilt, sie wollen dir gemeinsam weismachen wollen, das ihre frommen Oberherren Recht haben und eben nicht die Verfolgten. 
Sie sagen sich: wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. In diesem Punkt täuschen sie heftig. Sie sagen, die Rom widerstrebenden Bergleute, die Waldenser, wären einem Kaufmann namens Waldus auf den Leim gekrochen.
Das ist inkorrekt. Das würde die Geschichte der Glaubenstreuen um ein Jahrtausend verkürzen. Sie sind seit Nicea, 325, Widerstandskämpfer.
Sie lernten zu überleben.
Die konstantinisch-nicänische Kirche nannte sie zuvor Novatianer, Paulikianer, Bogumilen und mit anderen Namen.  
  
Bild: Razvoj_bogumilstva.jpg  (63)
Weil diese Leute ihren tiefsten eigenen Überzeugungen und Gewissensentscheidungen treu blieben wurden sie blutig von jener Kirche gejagt die wir beide nicht lieben. Erbarmungslose päpstliche Weisungen trieben unsere Gesinnungsgenossen, wo sie konnten, ins Niemandsland hinein. 
Ich lernte von ihnen und warum wollen wir uns deren Klugheit nicht zunutze machen?“ 
Ahmed dachte und schwieg.
Jóse schaute ihn an und schwieg ebenfalls. 
Er wollte den Jungen, in dem es sichtlich arbeitete nicht überreden, sondern überzeugen. Ahmed sollte vor allem gegen islamische Tendenzen lernen und selbst herausfinden, dass es ohne Willensfreiheit unmöglich ist glücklich zu werden.
Er sollte, wenn möglich, zu der Erkenntnis gelangen, dass seinem Islam die Lehre von der Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen fehlt. 
Ahmed muss sich nicht den Lehren des immerwährenden Evangeliums verpflichten, doch er sollte, dessen Existenzberechtigung in Frieden, anerkennen. Natürlich, auch wenn er diesen Wunsch tief in sich verbarg, er möchte, dass Ahmed eines Tages in seinen Fußtapfen geht.
Ahmed wird sich von diesen seinen Darlegungen noch nicht erheblich beeinflussen lassen. Vorläufig wird er denken, dass sie in den nahen Bergen eine Festung für zehntausende Kämpfer bauen und halten können.
Doch, dass diese  Kämpfer ernährt werden müssen und eingekesselt von einer Armee und von widrigsten Umständen auf Jahre oder sogar Jahrzehnte hinaus Widerstand leisten müssten, sieht er noch nicht. Diese Jungs hoffen auf großarabische Unterstützung. Sie wissen aber leider nicht, dass von drei Muslimen allenfalls zwei sich einig sein können, und dass dieser Dritte im Stande war alles zu verderben. 
Muslime können bis zum Selbstuntergang mutig sein.
Zu echter eigener Einsicht, in Sachen Religion, zu kommen fürchten viele. Sich ihr eigenes Urteil zu bilden, könnte durchaus ihr Leben kosten.
Dieselbe Angst die uns die Inqusisitoren einjagen hält Abermillionen sonst großartiger Menschen zurück, eigenständig zu glauben.
Sie sind zudem Fatalisten.
Eben deshalb und wegen seiner Negativkraft Fanatismus gegen die Vernunft zu setzen darf der Islam, dieser Prägung, nicht die Oberhand gewinnen, ihm fehlt die innere Logik und demzufolge der Wille zur Selbstreinigung.

All das musste noch sein eigenes Geheimnis bleiben.
Jóse biss unwillkürlich in seine Lippen. Er wünschte er fände ein erlösendes Wort. Behutsam kam Jóse zurück auf die Grundidee Bündnisse mit den Vaudois einzugehen, weil ihn schmerzlich berührte, Ahmed nicht gänzlich auf seine Seite  ziehen zu können. Er wies immer wieder auf die Karte die bewies, dass es trotz tausendjähriger massiver Verfolgung möglich war, nicht nur zu überleben, sondern massenwirksam zu operieren:   „Sie sind wie gesagt Paulikianer, zuvor aber Arianer, Novatianer, dann Bogumilen gewesen, immer auf der Flucht vor den Nicänern, von Vorderasien im vierten Jahrhundert bis  zur Stunde.
Ich betone ausdrücklich, dass die Sucht der Nicäner, - der Trinitarier - Andersglaubende grundsätzlich als “gefährlich“ zu deklarieren, ihre Hinterhältigkeit offenlegt. Sich selbst als Rechtgläubige  zu bezeichnen, ist nichts als ein niederträchtiger Trick. Sie wünschen davon abzulenken, dass sie selbst, die Trinitarier, hochgefährliche Verfolger sind.
Du Ahmed bist Opfer der Trinitarier. Später erkläre ich dir mehr. Aber genau da liegt der Hauptübel böse Wurzel, die Arroganz.“

Jóse erklärte, dass jegliche Berichterstattung kritischer Art, in sämtlichen katholischen Reichen streng untersagt ist. 
So gut wie niemand soll erfahren was tatsächlich geschah und weiterhin geschieht. Rom hat noch nie Wert auf echte Geschichtsschreibung gelegt, „deshalb sind meines Wissens zeitweise kaum Akten vorhanden. Einige Jahrhunderte kommen in der Kirche Roms gar nicht vor. Allerdings ist sehr wahrscheinlich, dass „die Kirche“ selbst in dieser Zeit nicht existierte, ausgenommen an winzigen Orten in der einstigen Weltstadt Rom, die ein Millennium lang kaum mehr als eine Ruinenwüste war. Dort, sowie in einigen wenigen Klöstern, und in Gegenden mit Pfarrern gab es so etwas wie „die Kirche“,  bis ein oder zwei beherzte, grobschlächtige, gerissene Männer des Typs Innozenz III. kamen, die aus Trümmern Zwingburgen errichteten.
Ahmed, das sage ich um dir Stoff zum Nachdenken zu geben. Du hast die Fähigkeit in dir, unterscheiden zu können.
Du hast eine Welt um dich herum die dich hasst. Zum zehnten Mal gesagt, diese Umwelt, die laut beansprucht christlich zu sein, ist verachtenswert.“

Das musste Ahmed überzeugen.
Doch der junge Mann schüttelte den Kopf. Seine Gedanken folgten anderen Gesichtspunkten.
Jóse stutzte als er bemerkte, dass Ahmeds Begeisterung und sein Interesse an diesen Themen auf den Nullpunkt gesunken war.
Er fragte direkt nach und Ahmed erwiderte in einer Weise die seinen Ekel zeigte, aber auch sein Unverständnis von der Lage der Waldenser, sie zeigte, dass er es noch nicht erfasste: „Die Siege von Christen über andere Christen, sagen mir alles.“
Damit war es ausgesprochen. Die Argumentationskette des Vaters, obwohl sie stark war, riss hier ab.
Sein Sohn wusste noch nicht wie sehr auch Muslime einander hassen konnten.

Jóse geübt in Selbstbeherrschung erwiderte nach nur kurzem Zusammenzucken: „Ich habe meinem und deinem Gott gelobt, einsichtig zu sein, sowie dich nie wieder im Stich zu lassen. Ich gehe mit dir, und wenn es sein muss: in den Tod. Es ist aber dringend geraten den Weg nordwärts umgehend anzutreten, ehe uns das spanische Unwetter überrascht. Lege dich zum Schlafen, in einigen Stunden brechen wir auf.“
Ahmed stimmte dem zu, entschuldigte sich höflich und ließ den Vater mit seinen Bedenken alleine.
Jóse legte sich auf seine weiche Schlafmatte, während Jimena Wache hielt.

Als es zu dunkeln begann erhob Jóse sich nach kurzem, aber tiefem Schlummer. Er besuchte den Weingärtner Bertram obwohl Jimena ihm dessen Wunsch übermittelt hatte.
Der alte Mann, neben dem ein kleines Öllämpchen brannte, drehte sein faltenreiches, ungesund helles Gesicht zur Wand als er vernahm wer unangemeldet zur Tür hereinkam. Jóse nahm an seiner Seite Platz und sagte leise: „Nun gehe ich mit meinem Sohn davon. Wir wollen versuchen uns in Etappen nach Frankreich durchzuschlagen.“
Er sprach langsam. „Ich bin gekommen um Abschied zu nehmen, bis wir uns vor den angenehmen Schranken des gütigen Weltenrichters wiedersehen.“
Da brach es, nach einer Minute seines Schweigens, aus dem alten Mann heraus: „Ich weiß nicht mehr, was gut und böse ist. Ich weiß nicht mehr was ich glauben und nicht glauben soll. Ich glaube fast da ist kein Gott. Meine Seele ist leer.“
Dr. Carranza ließ die Stille zu.
„Ja“, bestätigte er dann, „ich weiß, dass wir nichts wissen, nichts was uns im nächsten Augenblick erwartet. Von uns selbst, wer wir wirklich sind und auch von Gott wissen wir nur wenig. Wir sehen nicht deutlich, fühlen aber, dass er da ist und uns liebt.
Auch die Hoffnung lebt weiter, niemand und nichts kann sie töten.“
Jóse erhob sich, um anzuzeigen, dass ihm fernlag seinen alten Freund weiter zu belästigen. Behutsam legte er seine Hand auf den Kopf Bertrams: „Ich kenne dich, Bertram, und Gott kennt deine Redlichkeit. Was auch geschieht.“
Er ging auf Zehenspitzen langsam. Dieser Mann, selbst wenn die Ausnahmeregel zu seinen Gunsten sprechen sollte, wird nicht in seinem valensianischen Paradies verbleiben wollen, wenn all seine Brüder und Freunde hinausgetrieben werden.

Jimena klammerte sich an ihn, als sie sich zum letzten Mal für eine knappe Stunde neben ihn legte. Wie gerne hielte sie ihren Jóse noch ein paar Nächte für sich alleine in den Armen, vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben. 
Jedes kleine Geräusch ließ sie hochfahren.
Sie unterdrückte und verbarg ihren Gemütszustand.
Sie könnte schreien und schwieg wie Bertram.

Zwei  Stunden später nahmen sie Abschied, ihren vielleicht letzten.
Ahmed, obwohl todmüde wartete schon. Er hatte seinen Ranzen geschnürt. Er unterdrückte das Gähnen nur mühsam. 
Er ist über die Jahre reif, dachte Jóse.
Hunde schlugen an, als sie durch die Hecke gingen. 
Sie pflückten ein paar Weintrauben und verließen das Grundstück, sehr darauf bedacht von den Wasserwachen nicht bemerkt zu werden.

Plötzlich gesellten sich ihnen sechs Freunde Ahmeds zu. Sie tuschelten über Jóses Vater, was der freundlich erwiderte. Wie erstaunt waren sie, als sie wenig später, in der Finsternis fünf, sechs größere Trupps Menschen sahen, die wie sie nordwärts zogen.
Sie versuchten die Dörfer zu umgehen, eben weil es Nachtzeit war. Sie schritten stundenlang.
Es zeigte sich im Verlaufe des sehr frühen Morgens, dass es immer mehr wurden. Sie gingen nach Katalonien, sagten sie. Der Bischof von Tortosa, Katalonien, habe schon vor Wochen erklärt, er verbürge sich für die unter seinem Schutz stehenden Maurisken. Er halte sie entschieden für ehrliche Menschen, mehr könne man von niemanden erwarten. Er werde seine Neuchristen schützen, so wahr der Himmel über ihm ist. 
Welche Seele vor Gott und Menschen!

Dr. Jóse ging maurisch gekleidet.
Er trug an seiner Kopfbedeckung das den Maurennachkommen aufgenötigte Kennzeichen ihres angeblichen Aberglaubens, den blauen Halbmond, vor allem um Ahmed zu gefallen. Er riskierte viel, um seinen Sohn fest an sich zu binden. Er trug seinen Reisebeutel, wie die Landsknechte, zuunterst seine hochwichtigen Dokumente.
Dr. Carranza war auch zu anderen Kompromissen bereit, - außer mit ihnen zu beten - um seinen Einfluss auf Ahmed und möglicherweise auf seine Freunde auszuweiten. Ihm war klar, sein Tag wird kommen, im Guten wie im Bösen. 
Nur Geduld.
Nach einigen weiteren Wanderstunden, sahen sie wie eine Einheit spanischer Soldaten sich, von Südwesten kommend schnell auf sie zu bewegte. Ausweichen konnten ihnen nur Einzelne. Man hatte sie erkannt. Dr. Jóse nahm seinen Hut vom Kopf und verbarg ihn aus Sorge um seine Papiere.
Das hätte er nicht tun müssen.
Die erwarteten Söldner erwiesen sich als eine etwa zweihundertköpfige Einheit kräftiger, überwiegend hochgewachsener Maurisken, allesamt mit Lanzen bewaffnet. Der Anführer stellte sich selbst vor als der Farmer und Müller Mellini, den seine Leute, wie Jóse bald danach bemerkte,  „Saykwira“ oder sehr höflich „alsyd Saykwira“ nannten. Der kräftig gebaute Mann mit dem intelligenten Gesicht  lud Dr. Jóse und Ahmed sogleich ein sich seiner ständig anwachsenden Armee anzuschließen. Ahmed schaute mit leuchtenden Augen seinen Vater an und der nickte Zustimmung. 
Was anderes wäre ihm übriggeblieben?

Zwei Tage später befanden sie sich auf der Kuppe des Aguja, von dem aus sie bis aufs blauweiß schimmernde Meer vor dem Hafen Valencias, blickten und die Segelboote erkannten, sowie die Galeeren und die Kauffahrtschiffe. Dieser Anblick so vieler Boote, die ihre Angehörigen als Vertriebene transportieren würden, erschien ihnen besonders schmerzlich.

Saykwira ernannte Dr. Jóse bereits nach kurzer Zeit des gegenseitigen Kennenlernens als Mitglied seines Beraterstabes. Er rechne damit, dass in den kommenden Wochen dreißigtausend marokkanische Kämpfer zu erwarten sind. Saykwira zählte die Orte auf, aus denen der von Muley Hasan verbindlich zugesagte Zustrom zu erwarten war. Sie würden unmittelbar im Norden landen, unweit von hier.
Jóse biss wieder unwillkürlich in seine Lippen.
Dreißigtausend in afrikanischen Schuten! 
Unbemerkt von den hunderten Schiffen die zwischen Valencia und Gandia kreuzten?
Wer das glauben konnte, musste nicht ganz bei Sinnen sein.  
Saykwira sah den Gesichtsausdruck des Zweiflers: „Die Spanier werden denken, das sei normal. Spanien kann gar nicht genug Bootsplätze haben. Mit der List unserer Freunde rechnen sie nicht.“
Um nicht gleich mit seinen Hauptbedenken herauszuplatzen, stellte Jóse dem Befehlshaber ganz andere, aber noch dringendere Fragen: „wie, alsyd Saykwira, willst du diese Armee ernähren?“ 
Der selbsternannte Kommandeur  lachte, als Jóse ihm diese Fragen vorlegte: „Alle da unten sind bereit uns zu versorgen!“ 
Jóse wollte nichts hinzufügen, den tapferen Mann nicht in Verlegenheit bringen, oder ihn verärgern. 
Innerlich aber haderte er: 
Schau um dich. Da stehen fernab ein paar Hütten, auch einige wenige Häuser, die jedoch sehen nicht aus, als gehörten sie reichen Bauern die üppige Ernten einfahren. Wenn die spanischen Militärs uns aushungern, wie lange können wir es aushalten? Mit welchen Waffen wollt ihr kämpfen? Du benötigst Wasser. 
Wir leben doch nicht mehr wie zu Tariks Zeiten, im Jahr siebenhundert, als der Feldherr von Tanger aus so gut wie unbehelligt aufs Festland übersetzen konnte und keinen Widerstand fand.
Saykwira klopfte Ahmeds Vater auf die Schulter und zupfte spielerisch an dessen Maurenenblem. Als wüsste er was seinen neuen Freund bedrückte beschwichtigte er: „Die einen haben große Vorräte, die sie zurücklassen mussten. Die anderen werden uns ebenso zufallen. Jede Nacht werden die schnellsten unserer Jungen in Massen ausströmen und in die ihnen bekannten Dörfer gehen. Für sie sind es ein paar Stunden hin und ebenso zurück, beladen mit Korn, Rosinen und Datteln. Wir haben nsere eigenen Vorratslager. 
Zweitens, uns ganz einzuzingeln wird den Spaniern nicht gelingen, dafür sind wir zu stark. Wir werden sie schlagen und dann werden hunderttausend Muslime kommen…“  
Jóse ärgerte sich.
Insgeheim dachte Saykwira wahrscheinlich er könne mit seinen bestenfalls 40 000 Männern Spanien überrennen. Ohne festen Plan? Ohne eine von Experten ausgeklügelte Strategie? Ohne wirkliche Zusagen seiner muslimischen Freunde, ohne schwere Waffen und hinlänglich Munition.
Theoretisch schon kompliziert, wird es sich, bezogen auf einen längeren Zeitraum, als praktisch unmöglich erweisen, mit ungeübten, wenn auch todesmutigen Kämpfern das Schicksal auf den Kopf zu stellen. 
Es mag ein paar Mal gelingen, die Spanier zurückzuschlagen, aber nicht über Monate. Und was dann?
Der General hielt eine Konferenz ab.
Alles was er vortrug machte Sinn. 
Auch die Hoffnung, dass einige Söldnereinheiten die Fronten wechseln werden, wenn er ihnen lockende Angebote macht. 
Das war nicht von der Hand zu weisen. 
Die deutschen und die italienischen Soldaten wussten welche Reichtümer alleine aus den Kirchen herauszuholen waren, würde er sie zur Plünderung frei geben. Es gab sogar protestantische Fähnlein, und in die setzte er gewisse Hoffnung.
„Saykwira“ nahm nach der Beratung neben Dr. Carranza Platz.
Als könnte der mutige Kommandeur seinen Berater durchschauen flüsterte er: „nur Mut!“ Da er wiederum sah wie mangelhaft Jóses Arabischkenntnisse waren, sagte  er in Spanisch: „Die Marokkaner haben jetzt ihre Chance. Sie werden kommen. Wir haben auch türkische Zusagen. Man muss es wagen. Wann wenn nicht jetzt? Das Recht ist mit uns: El derecho está con nosotros.“ 
Laut fügte er hinzu:  „Allah jayid“. Gott ist gütig. 
Dr. Jóse Carranza fügte im Stillen hinzu: ich sehe dich, Saykwira, lieber tapferer Freund, auf der Ducht einer Galeere in Ketten.

Die Nächte waren lang und meistens kühl, die Abende angefüllt mit Träumen.  Was der Kommandeur in den Warte- und Tagstunden mit den Freiheitskämpfern unternahm war allerdings  sinnvoll. Sie mussten lernen auf Signale einheitlich zu reagieren, zu fechten, zu stechen und zurückzuschlagen. Sie  durften nie unterlassen, den Kämpfer an der Seite im Auge zu behalten. Sie sollten lernen wie man ein Bataillon umzingelt und entwaffnet, wie man mit den erbeuteten Waffen umgeht, immer in der Hoffnung, dass arabische Flottenverbände ihm binnen drei Wochen die ausgebildeten Elitekämpfer ausgerüstet mit Feuerwaffen zur Seite stellen werden.
Dann wird die Welt aufhorchen wie sie die Söldnerbanden Spaniens und Italiens gleich Ziegenherden vor sich hertreiben. So wird es sein, weil Allah das will.
Dann wird der Spieß umgekehrt. Er, „Saykwira“, wird die Krone nehmen. Sein Reich wird islamisch regiert werden, mit der Scharia und mit dem kühlen Verstand eines tief gläubigen Mohammedaners.

In der Tat, dem Anführer Saykwira liefen täglich hunderte, meist junge Menschen zu, - sogar Mädchen -. Das geschah insbesondere ab Anfang Oktober, als vor allem die Älteren und verheirateten Maurisken mit ihren Kindern jüngeren Alters von selbst zur Küste drängten, während die Halberwachsenen sich nicht drängen lassen wollten, sondern ihm in die offenen Arme liefen.
Wenn der Wind günstig stand hörten sie, wenn auch undeutlich, dass mancherorts die maurischen Kapellen, obwohl umringt von ihren Todfeinden, verbotene Lieder mit Bravur spielten.
Sie hörten immer neue Berichte.
Vor allem die Alten warfen sich noch am Strand Allah anrufend zu Boden, ehe sie die bereit gestellten Transportschiffe betraten, für die viele nun gerne ihre Überfahrt ins jetzt hochgelobte, freie Land Afrika aus eigenem Vermögen bezahlten. 
Pro Kopf fünfundsiebzig Realen.
Die Treuesten der Treuen dankten ihrem Gott, dass sie die Heuchelei wie ein abgetragenes, löchriges Hemd abstreifen durften. 
Obzwar ihre Alfaki sie gelehrt hatten, dass es keine Sünde vor Allah sei, sich hinter nur von den Lippen geplapperten „Christ-Bekenntnissen“ zu verbergen. 
Diese „Taquiyya“ – Tricks -  seien ihnen erlaubt gewesen, solange sie ihren Islam nicht verleugneten, denn sie steckten in der Falle,  als Zwangskonvertierte. 
Aber auch diejenigen, die wie der Weinbauer Bertram überzeugte Christen geworden waren, dankten Gott für die Erkenntnis, dass der Hang zur Unmenschlichkeit im Wesen vieler Christen, samt ihren Priestern, sich jetzt so deutlich offenbarte. Aus diesen Reihen erhob sich sehr selten jemand um ihnen beizustehen. So entschieden wie die Männer aus der Priesterschaft um den Bischof von Tortosa, Katalonien, wagte sich in Valencia keine Menschengruppe  vor. 
 Jedenfalls hatten sie bislang nichts davon bemerkt.
Die neu Ankommenden berichteten dagegen von der Begeisterung der Alten unter den Vertriebenen, den Spaniern zuletzt doch noch die Stirn bieten zu können, indem sie öffentlich Allah dankten, endlich der Knechtschaft zu entrinnen. Das wirkte gerade auf die Jungen ansteckend, doch die wünschten, statt eines Lebens in Afrika, den Kampf.

Jóse schlief schlechter denn je.
Er sah kommen was kommen musste. Er versuchte Einfluss zu nehmen auf seinen Sohn. Der jedoch war nicht länger gewillt ihm und seinem Geschichtsunterricht still zu lauschen. Hier wurde gehandelt und nicht viel sinniert und nachgedacht. 
Was da früher in der Kirche Konstantins geschah interessierte ihn nicht. 
Das Denken in Bahnen seines Vaters  kam Ahmed fremder denn je vor. Es brachte ihm nichts ein. Irgendwie war sein Vater ein Spinner – ein sehr liebevoller, aber was sollte das, dieses hohle Gerede von den Trinitariern? Deshalb schlief er, Ahmed, immer häufiger mit seinen Freunden in einer anderen Höhle. Da malten sie schönste Bilder von ihrer Zukunft, als Herren Valencias, vom Bau neuer Moscheen und dem Umbau der ihnen entwendeten Gotteshäuser.
Sie glaubten allen Ernstes sie könnten die Vergangenheit wieder herstellen.
Sie wussten nicht, dass die meisten Herrscher ihrer Religion seit ihrer Besitznahme des Südens der Halbinsel, Jahr für Jahr Eroberungskriege führten, als wäre das beste Sitte. Als gute Sitte wurde dasselbe allerdings auch seitens der Christen betrachtet. Sobald der Frühling kam zogen sie los mit ihren Heerscharen um Nichtchristen zu unterwerfen und sie zur Taufe zu zwingen.
Sie wussten nicht, dass Ahmeds Vater dagegen beständigen Frieden für diejenigen suchte, die bereit waren, mit ihm den steinigen Weg in eine Welt des Gewaltverzichtes und der Gewissensfreiheit zu gehen.  
Dr. Jóse spann in der Tat seinen Faden.
Eines Tages wird sich hoffentlich für seinen Sohn erweisen, dass man aus der Geschichte wichtigste Folgerungen für die Zukunft ziehen muss.
Es gab für ihn keine Frage: das immerwährende Evangelium war als Offenbarung im Verlaufe der Jahrtausende mittels Visionen und Echtträumen in die Gegenwart  diesseitiger Kinder Gottes gekommen, um sie anzuleiten in Rechtschaffenheit und gegenseitigem Respekt zu leben.
Dieser Kernsatz bedeutete ihm alles.
Gott sendet, wie die Sonne, unentwegt Licht aus. 
Wer dieses Licht scheute, schadete nicht nur sich selbst. 
Es gibt zu viele einflussreiche Persönlichkeiten die das Licht der Offenlegung hassen und hier haben wir das Ergebnis, dachte Dr. Carranza. 
Was hier zu seinen Füßen geschah, spottete dem Gott, der von allen forderte seine Feinde gerecht zu behandeln.

Es muss später, auf Grundlage der Kenntnis von krassen Verbrechen möglich sein, Harmonie und Frieden unter den Zerstrittenen herbeizuführen, indem man alle Gutwilligen ermutigte sich ständig dem Licht zuzuwenden, das er täglich sieht und fühlt.
Jeder kann lernen zu erkennen, dass die Verletzung der Würde der Unterlegenen auf die Gesetzesbrecher heftig zurückfallen wird. 
Sogar größte Regenten, die sich nie um geltendes Recht geschert hatten, mussten auf bittere Weise lernen, dass Unrechttun sich rächt.
Selbst scheinbar unschlagbare Diktatoren fielen gelegentlich über Nacht von der Allmacht in die Ohnmacht.
Das wusste jeder der lange genug gelebt hatte.
Die Welt litt zu sehr unter den Folgen der Eskapaden von Herzlosen vom Format eines Ambrosius von Mailand.  
Aber einmal wird damit Schluss sein. 
Widerstand wird sich schließlich aufraffen und die verhassten Regimes von sich abschütteln.
Sah man das nicht gerade gegenwärtig in Deutschland, in Frankreich, in England? Selbst auf ihre früheren Herren eingeschworene Pfaffen fielen über Nacht von denen ab, die meinten sie könnten der Treue ihrer Lohnempfänger sicher sein.

Wenn er Nacht für Nacht in Abwesenheit seines Sohnes in noch erstaunlicher Ruhe dalag, weil es keine größeren Kampfhandlungen gab, kaum Scharmützel, konnte er sie sehen, die Diktatoren Jaime Bleda und Don Juan de Ribera, die sich glücklicherweise nur für kurze Zeit die Hände rieben. 
Er sah deren Fratzen und wie sie die Zähne fletschten. 
Doch der Tag ihrer Opfer wird kommen.  
Da wirkte ein Gesetz. 
Schließlich wird ihnen das Leben beweisen, dass sie Böses säten und Verelendung ernteten.

Als im Verlaufe und besonders gegen Ende des Oktobermonats immer mehr Berichte von aktuellen Ereignissen eintrafen, rundete sich das Bild der Düsternis. Matrosen gewisser Auswandererschiffe warfen ihre Passagiere auf hoher See einfach über Bord. Das geschah, um sich den ganzen Weg zu ersparen, um schneller heimzukehren, um neues Geld zu verdienen.
Es stand nicht genug Frachtraum für die Menschenlast zur Verfügung.
Als bekannt wurde, dass sich sogar Kapitäne von gutem Ruf auf diese Weise bereicherten, flohen abermals Tausende in die Berge Valencias in die Hände des Generals  Saykwira. 
Sie wollten nicht den Raubtieren und Seeungeheuern der Meere zum Opfer fallen, sondern lieber um ihr Leben kämpfen.
Alsyd Saykwira gefiel es.
Er erhielt von den Freischärlern mancherlei Informationen und wichtige Hinweise auf Verstecke von Saatgut und weiteren Nahrungsmittellagern. 
Einige berichteten in Jóses Anwesenheit: Wahr sei allerdings auch, dass verantwortungsvoll handelnde Offiziere der Armee des Befehlshabers Mexias, hier und da die Marodeure der Truppen standrechtlich an Galgen und Ästen aufhängten. So oft das auch vorgekommen sein mochte, die Raubgier sonst schlecht bezahlter Söldner konnte das kaum dämpfen. 
Immerhin fand sogar Saykwira anerkennende Worte für das Durchgreifen gewissenhafter Kommandeure der Gegenseite.
Diese Geisteshaltung des Führers der Widerstandsarmee sagte Jòse sehr zu, denn manchmal dachte er, dieser Mann hat das Zeug dazu ein blinder Fanatiker zu werden.
Nein, Saykwira war ein Mann mit gutem Kopf und starkem Herz.

Ein verbürgter Fall, weil er von zwei älteren Männern bestätigt wurde, die nach der Tat wegen eines Zusammenstoßes mit einer anderen Galeere fliehen konnten,  betraf eine Mauriskin die sich aus Mitleid mit ihren Eltern dem Kapitän eines Fährschiffes hingegeben hatte.
Als dieser Herr, ein Katalonier, - dessen Name bis dahin einen guten Klang hatte -  seiner Beischläferin überdrüssig geworden war, ließ er sie in den Fluss Lobregata werfen.
Schließlich, weil sie noch zappelte, wurde sie, auf seinen Befehl hin, mit den Langrudern mordwilliger Matrosen  erschlagen. 
Die Täter selbst hielten sich für gute Christen.
Andere aus dem Chaos Geflohenen berichteten, dass sie aus prahlerischen Gesprächen einiger Matrosen herausgehört hätten, dass Kapitäne von den ihnen total Ausgelieferten schriftliche Zeugnisse erzwangen, sie wären gut behandelt worden. Die Tinte auf diesen Dokumenten war noch nicht trocken, als sie, wie Unrat,  über Bord geworfen wurden.
Ein verwitweter Vater kam den menschlichen Ungetümen zuvorkam und sprang freiwillig mit seinem kleinen Sohn auf den Arm, in den sicheren Wassertod.
Jóse brütete in sich hinein, bis er zu glauben begann, dass Gott ihn an diesen Platz gestellt hatte um die Geschehnisse rings um ihn herum einmal zu bezeugen.

Mit dem ungeheuren Zulauf kamen zwangsläufig die ersten Einschränkungen. Ab Mitte November des Jahres der Austreibung war das zunehmend der Fall. Nun trat der Hunger gegen die Freiheitsverteidiger ins Feld.
Die Jungen um Ahmed stellten bereits den Murmeltieren, den Hamstern und Fröschen nach. 
Aber noch umklammerte der Oberbefehlshaber der spanischen Streitkräfte, General Mexia, die Armee seiner Feinde nicht dramatisch. Es blieben Schlupflöcher offen, leider nicht genug um die Mannschaften ausreichend zu versorgen. 
Mexia ließ sie garen. 
Zudem war er offensichtlich noch allzu beschäftigt das  königliche „Gnadenedikt“ in seinen tausend Details im Bereich der Huerta-bereiche umzusetzen. 
Die Aufgabe Hunderttausende nach Afrika zu schaffen erwies sich als gigantisch.
Allerdings berichteten Neuankömmlinge fortan, dass es Truppenbewegungen in ihre Richtung gäbe. Eine Anzahl Kompanien  stünden am Fuß der Gebirge bereit.

Saykwira indessen hoffte vergeblich auf außerspanischem Beistand. Noch trug er die Zuversicht in seinem ehrlichen Gesicht, - aber wie lange noch? 
Es hieß zwar, der marokkanische Herr Muley Hassan hätte angeblich eine Hundertschaft Verwegener geschickt. Jóse hatte davon jedoch nichts bemerkt. Es handelte sich sehr wahrscheinlich nur um eine Variante der Parole: haltet aus!
Die Widerständler sollten glauben: „Die Wundersoldaten werden kommen! Nur Mut!“
Mit ihrer Tatenlosigkeit zeigten die Türken, die Mauretanier, Marokkaner  und die  Libyer, dass der Großfeind aller Muslime, in deren Herzen zuhause war. 
Das Monster aus Neid und Partikularismus ließ ein gemeinsames Handeln nicht zu. Wenn es ums Ganze ging, belauerten sie einander mit jener Gehässigkeit die sich bereits in den grausam blutigen Machtkämpfen zwischen Ummayyaden und den Abbasiden, zwischen den Sunniten und Schiiten seit langem zeigte.
So sah der Anfang vom schlimmen Ende aus.
  
Dr. Jóse hielt an sich. Er war froh, dass die düsteren Krieger des Maghreb blieben wo sie sich befanden. 

Er machte seinem Sohn keine Vorwürfe, dass sie nun, wie in einem Käfig,   fest saßen. Diese Tatsache konnte niemand mehr leugnen. Auch Ahmed hungerte erbärmlich und dennoch würde er lieber sterben als desertieren.
Seit fast tausend Jahren gehörten die Mauren zu Spanien. Von seinem Vater hatte er erfahren und gelernt, dass sämtliche Völker Europas ähnlich durcheinander gewirbelt wurden. Es galt als normal, wenn diese Wanderer zwischen den Welten, auf ihr Recht bestanden in neuen Ländern eine dauerhafte Heimat gefunden zu haben. Warum sollte es dann Unrecht sein, was sie, die Mauren, beanspruchten? 
Das Argument christlicherseits, die Maurisken hätten sich nie Rom unterworfen und deshalb kein Heimatrecht hier, ließen  sie  nicht gelten.
Ahmed dachte, wenn der Vater behauptete, dass alle Menschen buchstäblich Brüder sind, und wenn diese Lehre zudem gut christlich sein soll, müsste sie gerade in Europas Ländern allgemeine Gültigkeit haben. Es miteinander gut zu meinen, ist doch ohnehin eine unabdingbare Forderung des Naturrechtes.
Dagegen konnte niemand etwas einwenden, außer in der Praxis des Alltags in Spanien.

Gelegentlich nächtigte Ahmed wieder mit seinen Freunden in einer Nachbarhöhle.
Zu gerne wüsste Jóse was sie da besprachen.
Fragen stellte er nicht.
Noch war seine Zeit nicht gekommen. 
Er schwieg auch, als es zu ersten größeren Scharmützeln und dann zum Schlachten größeren Stiles kam. Das hatten sie doch miteinander längst erwartet.
Erst als sie an einem Kampftag mehr als hundert Tote ihrerseits zählten, und noch mehr Verwundete, ohne den geringsten Fortschritt zu sehen, sondern nur die Zunahme von Zweifeln, und als Jóse diese Schwächung kaum noch ertragen konnte, sprach er  Ahmed, wenn er nachts an seiner Seite lag, Mut zu gewissen Überlegungen zu.
Obwohl sie fast nur noch von aufpeitschenden Losungen des nie verzagenden Saykwira lebten, raffte Jóse Carranza sich auf, die Freunde Ahmeds zu überzeugen sie könnten in Richtung Westen durchbrechen, wo ihm die Front Mexias dünn genug erschien.
Das hätte er, wenn Ahmed abwesend war, erkundet.
Hätte ihn auch nur einer der Jungen verraten, wäre er noch kurz vor der Kapitulation von dem Mann hingerichtet worden, den er nur noch selten beriet, den Jóse trotz seiner Überhärte schätzte und liebte.
Dass die jungen Leute ihn nicht als Feigling verpetzten, musste damit zusammen hängen, dass Ahmed zumindest versucht hatte ihnen seine weiter reichenden Überzeugungen nahe zu bringen, sowie die Einsicht, dass sie ohne Hilfe von außen auf verlorenem Posten standen.
Sie dürften zwar nie den Kampf aufgeben Spaniens Herrschaft zu brechen, doch sollten sie, wenn die Umstände das eines Tages verlangten, den Kampfplatz verlegen, den Kampf selbst aber nie aufgeben.

An einem kalten Spätnovembernachmittag, 1609,

brachen die italienischen Lanzenträger unter teuflischem Brüllen auf ihrer Seite durch.
Gegen den dringenden Rat seines Vaters, der mit ihm sofort fliehen wollte, und ihn am Arm festhielt, rief Ahmed, sich gewaltsam losreißend, nur mit einem Degen bewaffnet: „Tod oder Sieg!“
Er rannte auf die Wand aus Getümmel zu.
Jóse, durchaus nicht gewillt sich am Menschenschlachten zu beteiligen, wurde nur einen Augenblick später vom Aufschrei seines Sohnes hochgeschreckt.
Er war überzeugt Ahmeds Hilferuf vernommen zu haben.
Er hetzte, nur ein Messer in der Hand, in die Richtung von der er glaubte dort befinde sich sein Sohn.
Kanonen blitzten und krachten.
Musketen spuckten Feuer und Verderben.
Einige Söldner liefen, als wären sie ganz von Sinnen nahe an ihm vorbei. 
Eine Lanze stach zum Glück, statt ihn zu treffen, daneben.
In seinem Innersten schrie es: ich komme Ahmed, ich komme.
Im chaotischen Durcheinander sich krümmender Verwundeter und Toter, sowie vorwärts fechtender, feindlicher Kämpfender sah er ihn am Boden auf seinen Knien liegend, in der Rechten noch das blutige Schwert, gebeugt über seinem abgetrennten Armteil.
Ahmed starrte entsetzt auf seine Hand, die nicht mehr zu ihm gehörte, als wäre sie eine giftige Schlange.
Die große Wunde blutete nicht.
Der Schock hatte das glücklicherweise verursacht.
Aber er blutete am Hals.
Mit kurzem Blick auf die Distanz die er von seinem Versteck aus bis hier zurückgelegt hatte, erschien es ihm wie ein Wunder, den Sohn gefunden zu haben.
Jòse presste ein Taschentuch auf die Halswunde.  Was um alles in der Welt hatte es vermocht aus dem tausendfachen Gekreische ausgerechnet Ahmeds Stimme herauszuhören?
Aber es war so.
In diesem Elendsumfeld fühlte der Vater  das Glück, das ihm beschieden wurde. Er wusste später nichts mehr, nur dass er Ahmed auf die Schulter lud und rannte.
Er lief und lief, der sinkenden Sonne entgegen, dann talabwärts und mit letzten Kräften auf das Licht eines einsamen Hauses zu. 
Er klopfte vielleicht oder auch nicht, riss dir Tür auf. Das Runzelgesicht eines alten Mannes  erschien im matten Licht einer Öllampe, die er in seiner zitternden Hand hielt. 
Jóse selbst hätte später nicht sagen können, was nun geschah. Ahmed lag ohnmächtig auf einem Lager aus Fellen und einem Laken. Nebulös erschien ihm die Umgebung.
Die Zeit stand still.
Dr. Jóse Carranza kämpfte gegen seine Erschöpfung.
Auftauchend aus dem Nebel, sah er als Nächstes, dass der alte Mann wiederholt mit einer Tinktur und einem Leinentuch auf die schrecklichen Wunden tupfte.
Jóses Hand tastete nervös nach dem Herzen seines Sohnes.
Es schlug, wenn auch schnell.
Er fühlte seine Stirn.
Er war ratlos, der alte Bauer zum Glück nicht.
Jóse konnte nur zuschauen, bis der gute Mann nach langen Minuten zuversichtlich nickte. Dann schlief er, vielleicht nur für Augenblicke, möglicherweise für einige Minuten, auf seinem Stuhl, ein.
Als er erneut erwachte, sah Jóse im nur vom matten Öllampenschein erhellten Raum, wie der Bauer über einen Topf gebeugt etwas in einer Holzschale rührte. Der Alte war, wie Jóse an mehreren Merkmalen erkannte, ebenfalls ein Mauriske und wie sich erweisen sollte sehr bewandert in arabischer Heilkunst. Als sie gemeinsam Ahmeds Wunden  betrachteten sagte der gutmütige Fremde: „Das Blut steht still, es wird heilen.“

Erst nach längerem Schlaf erwachend sah Jóse nun mit mehr Zuversicht, dass der  großartige Helfer, an der Seite des Jungen sitzend, ebenfalls schlief.
Nun erst wurde ihm bewusst, dass er seine Aufzeichnungen für immer verloren hatte.
Welcher Verlust!  Aber Ahmed lebte und es herrschte Frieden in diesem Raum, nicht nur Ruhe.
Mit dem ersten Morgenlicht hochkommend gewahrte Jóse Carranza, wie der Wundarzt die Umgebung der gefährlichen Wunden mit einer stark nach Alkohol riechenden Flüssigkeit badete. Ahmed zuckte, öffnete aber nicht die Augen: „Ich gab ihm ein schmerzlinderndes Schlafmittel.“
Der liebevolle, alte Herr wies kopfnickend und mit dem Spatel auf die Halswunde. Ruhigen Tones sagte er: „der Schnitt ging verdammt nahe an der Schlagader vorbei, eine Sehne ist fast zerschnitten, vielleicht wird das Haupt später ein wenig schief  liegen.“
Aber damit könne man leben.
Jóse weinte. Mein Gott. Er bedankte sich. Was wäre passiert, wenn ein anderer als dieser wunderbare …
die Blätter wird er ersetzen.
Wenn er wieder Muße hat, wird er das Wichtigste aus dem Gedächtnis abrufen. Nun steht die Aufgabe vor ihm, mit Ahmed Frankreich zu erreichen, dort Fuß zu fassen, dort Freunde zu gewinnen.
Ihm war klarer als jemals zuvor, wie bedeutend klar formulierte Thesen sind, wie die des Jaime Bleda: "die Mauren sind unser Unglück!"
Immer werden sie im Bösen,  wie im Guten, ihre Hauptrolle spielen. Nicht erst seit Cato dem römischen Senator paukten Politiker gewisse Sätze aus denen Kriege oder blühende Städte entstanden. Dieser Einflussreiche Roms hetzte im ersten vorchristlichen Jahrhundert: „Karthago muss fallen“, zehnmal, hundertmal hörten seine Mitsenatoren den Satz, der in seiner Kürze tödlich scharf gefasst war, und solange auf sie einwirkte bis sie taten was dieser Eine dachte und wünschte. Karthago fiel. Der dritte punische Krieg folgte mit all seinen Schrecken.
Entgegengesetzte Worte bewirken Gutes und Schönheit!
Beispielhaft erhob sich das leuchtende Christuswort: „Selig sind die Friedensstifter!“ Ein zweites kam ihm in den Sinn: "Selig sind die keine Gewalt anwenden:"
Natürlich muss man sich gegen Gewalt wehren um Frieden zu stiften. Das war ein Satz, der durchaus nicht selbstverständlich klingt, den man sich dennoch merken muss.  Jóse erinnerte sich auch der Rede des Jesaja: „Der Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit.“
Gegen bestehendes Unrecht aufzustehen ist gut, aber Recht kann nicht durch Unrecht in die Welt gesetzt werden. Ewig gültige Gesetzmäßigkeiten Gottes verlangen Beachtung oder sie verachten uns.

Die Sonne schien bereits durch die kleinen hellgelben Butzenscheiben der beiden Fenster als Jóse wieder zu sich kam. Er stellte fest, dass er auf einem Schafsfell am Boden lag.
Sofort sprang er in die Höhe. Ahmed lag immer noch ohnmachtsähnlich da und atmete ruhig.
Er fieberte nicht.
Wie das den Vater erfreute.
Das Medikament wirkte. Stundenlang, den Tag hindurch, mit kleinen Unterbrechungen, hielt er seines Sohnes Hand und sprach leise vor sich hin, wie ein indischer Guru, der seinen Novizen, nachdem er ihn in Tiefschlaf versetzte, die zehntausend Verse der Veden einprägte: „Ahmed, ich will tun und reden was ich weiß. Tief möge in dein Bewusstsein eindringen, dass jede Fatwa, die einem angeblichen Apostaten mit der islamrechtlichen Tötung droht, eine Beleidigung des Allbarmherzigen ist.“ Nichts war ihm wichtiger als diesen Protest der Vernunft gegen lästerliche Praktiken der Muslime zu sagen. Er wiederholte es wieder und wieder, immer in der Befürchtung sein Sohn könnte sich aus Furcht vor muslimischer Drohung seinen Erkenntnissen widersetzen.
Sein Hirn ließ ihm keine Ruhe. 
Zu denken, war sein Wesen. 
„Menschen können niemals auf eine Religion verpflichtet werden, sondern nur auf die nie endende Wahrheitssuche.  
Über allem stehen die Eingebungen des eigenen Gewissens, hin zu den Grundsätzen der Weisheit.“
Dr. Carranza bemerkte nicht, dass er leise aber intensiv und beschwörend weiter redete.  Diesmal wandte er sich an den Retter seines Sohnes: „Unser Gott ist groß und gnädig.“
Seine Stimme hob sich noch einmal zu heftigem Protest: „Es ist Mord, einen Menschen umzubringen, nur weil er nachdachte und zu anderen Schlüssen gelangte als die von ihm erwarteten… Der Islam rabiater Imame hat sehr wenig mit der jenseitigen Realität gemein. Doch, schlimmer ist es unsererseits. Schlimmer.“
Jóse strich wiederholt die wirren und dichten Haare seines Sohnes.

Eine Woche später planten sie den Aufbruch. Das musste sein. Die Herren der Schlacht werden die Umgebung nach Entflohenen durchsuchen. In diesen Zeiten bedurfte es noch zahlloser Galeerenruderer.
Spanien baute immer schneller, immer mehr Schiffe. Es schonte seine Wälder nicht. Wenn es sehr an Bootsleute mangelte, nahmen sie auch einarmige Rudersklaven.

Ahmed stellte viele Fragen, als er die Augen öffnete. Sein Vater antwortete behutsam tröstend: „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht. Nach jeder Niederlage kommen neue Tage mit ihren Möglichkeiten. 
Wir werden das Beste wählen. 
Nein, von deinen Freunden weiß ich nichts. Ich bin froh wenigstens dich gerettet zu haben.“
Ahmed schämte sich, wie es aussah. Er drehte den Kopf zur Wand der Hütte und weinte. 
Jóse verstand ihn und erkannte, dass diese Trauer seinem Sohn später gut tun wird. Alle Dinge werden ihm Erfahrung bringen. Aus den Tiefen aufzusteigen bedeutet auch neue Kraft zu entwickeln.
Auf Nachfrage erwiderte Ahmed, er fühlte sich stark genug die Flucht fortzusetzen. Er starrte in seinen Wachstunden nicht mehr ununterbrochen auf den Armstumpf. Jóse fragte nicht, ob etwas von seinen vielen Gesprächen im Unterbewusstsein seines Sohnes haften geblieben war. Er sagte sich, aller Samen braucht seine Zeit aufzugehen um sich lichtwärts zu recken, um tiefer zu wurzeln. Andererseits kann man nicht immer nur abwarten. Wir müssen mit gesetzten Zielen in die Zukunft aufbrechen, denn Erkenntnis verpflichtet.

Der steinalte Lebensretter nahm Jóse kurz vor dessen Aufbruch beiseite. Sein gütiges Faltengesicht strahlte: „Ich habe alles verstanden. Manches hast du am Bett deines Sohnes ständig wiederholt. Wenn das wahr ist, was du da vor dich hin gesprochen hast, dann möge der barmherzige Gott dich segnen.“ In seinen tiefbraunen Augen glomm, wie Jóse schien ein Licht, jenem vergleichbar, das er manchmal in Bertram, in Jimenas Augen und sogar schon bei Ahmed gesehen hatte.

Der Alte füllte zwei Ziegenschläuche mit klarem Wasser und überreichte sie mit einigen Brotfladen sowie zwei schönen Wolldecken wortlos, und erst als sie auf der Türschwelle standen erteilte er ihnen seinen arabischen Segensspruch. Jóse verstand diesmal nur, dass Allah mit ihnen sein wird. Sie hoben Ahmed, der wegen des Heilgetränkes wieder halb benommen war, auf den Rücken eines kleinen Esels, den Jóse ebenfalls für Nichts vom Arzt seines Sohnes erhielt, denn seine Börse, Decken, Kleidung, alles hatte er im Eifer, Ahmed auf dem Schlachtfeld zu finden, zurücklassen müssen.
„Die Salbe musst du jeden Morgen und abends auftragen. Geht nur in diese Richtung…“ Der Einsame schloss die Augen und in seinem Runzelgesicht stand geschrieben: ich komme schon durch. Ich bin in Gottes Hand!
 Jóse umarmte den Alten im Bewusstsein, dass sie diesen Mann, dessen Eltern hier seit vielen Jahrhunderten siedelten, ebenfalls in die Wüste schicken werden, irgendwann.

Sie zuckelten sehr behutsam davon. Nur hin und wieder schaute Ahmed seinen Vater an, der neben ihm schritt und darüber wachte, dass er nicht von der Wolldecke herunter fiel.
So gelang es ihnen dem hochgefährlichen Umfeld zu entkommen. 
Das Glück auf ihrer Seite, trafen sie auf einen Flüchtlingszug der, wie sie erfuhren, noch unbehelligt geblieben war, der ebenfalls der großzügigen Einladung des Franzosenkönigs folgte. Einige Pilger sagten, sie wünschten nachdem engherzige Christen ihnen die Heimat geraubt hatte, fortan in einem Land der religiösen Freiheit zu leben.
Das bedeutete, dass sie starke Bedenken hegten, ob sie den Marokkanern, Libyern und Tunesiern willkommen gewesen wären.

In der Nacht, auf kargem Steppenboden rastend, berührte Jóse den Sohn, der sich auffallend wälzte und hochschreckte. „Du quälst dich!“ Ahmed erwiderte: „das Messer…“
 „Ahmed, es ist nur ein Traum,  ein Traum. Es ist vorbei.“ Sohn Ahmed rang um Fassung. Dann, nach einigen tiefen Atemzügen sagte er  mit klarer Stimme, aber heftig: „Ich bin wütend auf mich. Ich lief in den Tod. Es hätte nichts geändert. Nichts! Ich träumte ich hätte beide Arme verloren.“
Dann schwieg er, schlief anscheinend wieder ein.
„Schlafe mein lieber Sohn! Mit einer verlorenen Schlacht kann die Seele fertig werden. Alles wird gut werden.“
Gegen Morgen richtete Ahmed sich ein wenig auf: „Vater? Was wird mit mir? Was? Bis zuletzt habe ich schöne, bunte Fantasien gemalt… vom Land Moreria! Es wird nie Moreria geben.“ Jóse legte seine Hand auf den gekrümmten Rücken seines bitter enttäuschten Sohnes. 
Er wird noch lange durch das Leid gehen.
Das Leid  muss sein. 
Es schreitet dem Glück voraus. Erst das Leid treibt uns zu ändern und zu bessern was gebessert werden muss.
„All diese Dinge werden dir Erfahrung geben“, wiederholte der Vater das Prophetenwort.
Nun erst wieder, kam ihm Jimena deutlicher in den Sinn, die vor den Schrecken des Mordens in den Hintergrund gewichen war. Nichts in der Welt wird ihn daran hindern, wenn er erst einen einigermaßen sicheren Platz für Ahmed gefunden hat, sie aus der Hölle heraus zu holen. Er glaubte dafür die dringende Notwendigkeit zu sehen, so wie er seine Liebe zu ihr fühlte und wie er glaubte und meinte sie riefe ihn zu Hilfe, wie ihn Ahmed gerufen hatte.
Niemand, wenn sie zur Nachtzeit in die Hände von gierigen Gnadenlosen fällt, wird sie anhören, auch wenn sie zehnmal beteuert Christin zu sein. Es gab Gerüchte, dass Frauen im Beisein ihrer Kinder vergewaltigt wurden. Von zehn Brutalen nacheinander.

Drei Tage danach stieß eine Gruppe aus den valensianischen Bergen flüchtender Kämpfer zu ihnen, darunter viele Verwundete.
Alle litten erheblich unter den Eindrücken der Niederlage.
Die durchlebten Schrecken standen in ihren Mienen wie festgeschrieben.
Sie hätten gehört, dass ihr Herr und König Alsyd Saykwira, entkräftet vor Hunger und Verwundungen, nach Valencia abgeführt und dort ans Stadttor, mit dem Kopf bodenwärts angenagelt worden sei. 
Ihr Held sei ein Bandit gewesen, das hätten selbst vornehme Valencianer gejubelt.
Nur einige der Geschlagenen weinten, mehr Tränen ließ das Elend nicht zu.
Jóse schloss die Lider, während der kurzen Rast, als sie alle umeinander herum auf dem mit ein wenig Grün bedeckten Boden hockten, um neue Kraft zu sammeln.
Vielleicht war er der Einzige mit klaren Ideen und Zukunftsplänen. Sie aber stolperten nur in eine vage neue Hoffnung hinein, oder in die nächste Enttäuschung.
Alle Maurisken waren, in den Augen der verhetzten Nicäner, dies- und jenseits der Landesgrenzen keine Menschen, sondern bestenfalls arme Schweine. 
Sogar die Hugenotten, die sie aus Mitleid aufnehmen werden hegten ihre Vorurteile.
Nur wenig wirklich Neues, oder Besseres kam mit deren Protestantismus zum Vorschein, das wurde Jóse Carranza allmählich immer  klarer. 
Sie  hassten sowohl das Papsttum, wie das Pomphafte katholischer Gottesdienste. Den religiösen Fanatismus schafften hugenottischen Calvinisten damit jedoch leider nicht ab. Das in etwa war sowohl den Berichten rückkehrender spanischer Rompilger wie denen enttäuschter Lutheraner zu entnehmen, die ihren Weg kreuzten. 
Wer fromm war, der war auch unduldsam.
Am Lagerfeuer entwickelte sich ein Gespräch mit einem der älteren Männer, nachdem Dr. Carranza ihm gewisse Fragen stellte. 
Der Befragte verzog das lange, schmale Gesicht. 
Als Lutheraner wäre er nach Südfrankreich eingereist, als Nicht-mehr-Protestant käme er reuig zurück. 
Er sprach nicht laut, aber viel und deutlich. 
„Wir gaben uns als Protestanten zu erkennen, doch als wir hinzufügten wir wären Lutheranhänger, winkten sie verächtlich ab. Lutheraner mochten die calvinistischen Hugenotten aus Tradition nicht. Die sich so abweisend verhielten, hatten ihre sonderbare Meinung von irgendjemand übernommen, der offensichtlich nur wenig Kenntnis und vielleicht keine   Ahnung hatte."
Nördlich der Pyrenäen wären er und seine Gruppe Glaubensgossen, ausgestattet mit Schubkarren, Picken und Spaten, von den Franzosen genötigt worden Straßen zu bauen. 
"Die Kost war nicht die Beste, die Quartiere spartanisch. Die Aufseher sprangen mit uns um, als wären wir Kriegsgefangene, die etwas gutzumachen haben." 
Drei Monate hätten sie das harte Leben ertragen, bis sie sich fragten, ob sie nicht besser in ihrer Heimat geblieben wären. 
Dr. Carranza konnte nur den Kopf schütteln und sich selbst sagen: wir leben tatsächlich in einer verdrehten Welt in der es mehr Gerüchte und Fantasievorstellungen gab, als je die Wirklichkeit zustande bringen könnte. 
Wenn Leute meinen, sie müssten nach Gutdünken und aus ihrem Bauchgefühl heraus, aber nicht aus Kenntnis urteilen, ist das wohl nicht anders als verrückt zu bezeichnen. 
Das jedoch schien der Regelfall zu sein. 
Zu viele, auch sonst kluge Leute, lästerten keck über die Religion eines Andersglaubenden, ohne sie zu kennen: "Ach die, mit ihren Extravaganzen!"
Der religiöse Wahnsinn ging weiter, vor allem in den Köpfen der Furchtsamen.

Der Heimkehrer sagte:  „weil ich in Frankreich bleiben wollte, habe ich mich bei einem Vorarbeiter gemeldet, ich würde gerne in einem Bauernhaus dienen. 
So kam ich, als fünfzigjähriger, bargeldloser Spanienflüchtling in das Haus eines vermögenden Mannes. Er bekannte sich zur katholischen Kirche. 
Sie war Hugenottin. Mein Vorteil war, ich ging nicht mehr hungrig zu Bett und niemand stand mehr hinter mir, um mich anzutreiben. 
Vier, fünf Wochen ging es gut. Die Bäuerin war nett und jung. Ich müsste doch nicht im Stall schlafen, sondern oben auf dem  Boden sei eine Kammer. 
Wie schön. 
Ein paar Wochen später, an einem Sonntag ging der Hausherr zur Messe und sie wirtschaftete in der Küche. 
Sie rief mich zur Hilfe. 
Ich tat was ich sollte. 
Sie würde mir heiße Milch zu trinken geben. 
Auch gut, sehr gut sogar. 
 Plötzlich setzte sie sich auf meinen Schoß. Ich genoss es ihr weiches Gesäß zu spüren. Sie drehte sich und ich fühlte ihren Busen… mir schwanden fast die Sinne…“
Jóse schielte hinüber wo Ahmed bäuchlings auf dem Gras schlief. Er ahnte wie die Schilderung weitergehen würde und legte seinen Zeigefinger bedeutsam quer über seine Lippen.
Der Erzähler zuckte die Achseln und sagte mit ein wenig gedämpfter Stimme: “Ich wusste, dass die strengen Calvinisten Ehebrecher mit dem Tod bestrafen!
Da schluckte ich nur, dennoch unentschlossen, denn ich war wie im Taumel. Schließlich ist man doch Mann.
Sie drängte sich innig an mich und ich, ich fühlte mich, als wäre ich im Himmel. Das ist die Wahrheit.
Mein Gott, dachte ich in diesem Augenblick, als mir schwarz vor Augen wurde, ich darf nicht durchdrehen.
So deutete ich die Schwärze vor meinen Augen, sofort als klare Warnung, die aus dem Nichts kam, wie mir schien.
Ich schwöre, ich weiß nicht wer sie mir schickte, Himmel oder Hölle, ist mir auch egal. 
Erschrocken darüber, nämlich weil ich irgendwie wusste: du darfst es nicht, - du nicht! - erhob ich mich im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich meinte zu sehen, dass man sie aufhängt hinterher, weil doch alles herauskommt, irgendwie, irgendwann.
Da nahm ich sie, und setzte sie, entschlossen auf die Mahnung hin, ohne großen Kraftaufwand auf den Tisch mit gespielt, abweisender Geste. 
Damit war meine Widerstandskraft auch schon erschöpft.
Da schlug sie mir mit der Rückseite ihrer Rechten ziemlich hart ins Gesicht. Ich solle meine Sachen packen und sie nie weder belästigen. In diesem Moment kam ihr hünenhafter Ehemann vorzeitig zur Tür herein und ich rannte um mein Leben. Ich meine, der Abdruck ihrer Hand stand noch in meinem Gesicht, als er eintrat. Das war das beste Alibi für sie.“ 
Der Rückkehrer schwieg einen Augenblick, dann geriet er wieder in den Redefluss: „…vielleicht dachte ich zuunterst, das Gott uns untersagt, des anderen Mannes Frau zu verführen. Das jedenfalls rettete mich.“ 
Er seufzte: „Wer weiß, was noch.“ 
Er bot mehr Geschichten, ehe er abrundete: „Frankreich und seine Franzosen sind sehr verschieden von den Iberern. Davon hörte ich schon früher. Bei uns geschieht das Unerlaubte vor allem im Dunkeln und im Versteck, damit wuchert die Heuchelei, jedenfalls sobald es um die Liebe geht.
In Frankreich sind sie frei, wie die flinken, wilden Hasen, oder sollte ich sagen wie die abenteuerlüsternen Banditen, sie lieben am helllichten Tag.
Aber irgendwann, - jedenfalls denke ich das, landen sie unsanft -.
Kein Mann, wenn er ein Mann ist, wird es hinnehmen, wenn ihm Hörner aufgesetzt werden, keine Frau erträgt es, wenn ihr Liebster fremdgeht. Ich war lange gut verheiratet.
Wir hielten noch im Schlaf einander die Hände.
Ich tat auch was ich versprach, und sie ebenfalls.
Sie starb in meinen Armen selig.
Beides kann man nicht haben. 
Der Franzosenkönig dagegen macht seinen Kindern das Kunststück vor, wie man von einem Schwan  zum anderen fliegt.  
Fünfzig Mätressen hält Heinrich der Bourbone sich, nimmt ihr Geld und beschenkt sie vom Geld anderer.
Heinrichs Liebeslust und unverborgenes Abenteurertum ist legendär.“
Der schmalköpfige Erzähler mit dem schwarzen Hut lachte auf. „Leugnen  jedenfalls will er seine Untugenden nicht, allerdings auch nicht seine guten Seiten.  Er beruft sich sogar auf die Bibel: Wie sagte Jesus? hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, der da ist die Heuchelei! 
Heucheln tun sie beileibe nicht, die Franzosen, wie ihr König.
Man kann auch ein anderes Bild verwenden: Heinrich der Vierte läge lieber im Grab als je einsam in einem seiner vielen Betten.
Eine sechszehnjährige hatten sie für ihn ausgesucht und eingeweiht. Ein paar seiner Kritiker im Einverständnis mit Heinrichs Ehefrau, Königin Maria von Medici, wollten ihn vorführen, wie einen kleinen Affen. Und er, in seinem Liebeswahn, tippelte wie ein tollpatschiger Schimpanse  am Bande, hinter ihrer süßen Gestalt her, hinauf in ihr angebliches Lustschloss.
Da, die letzte Tür und endlich darf er… doch helles Kerzenlicht statt des Schimmerns einer kleinen Kerze und in diesem Schein befindet sich der halbe, schallend lachende, ihn offen verhöhnende  Hofstaat, der sich allmählich auffächerte und den Blick freigibt auf die Frau Gemahlin Maria de Medici in der Pracht ihrer schönsten Hoftracht.
Und er steht tatsächlich im Moment verdutzt da.
So, genauso, hatten sie ihn und das Mädchen erwartet. Der Bourbone Heinrich steht jedoch nur einen kleinen Augenblick wie ein begossener Vierbeiner vor seinen Untergebenen. Dann schüttelt er kurz und heftig das Nass aus seinem Fell, macht einen geistreichen Witz und versprüht gute Laune. 
 Das ist Frankreich. Sie lachen, wie er lacht. 
Das Land ist andererseits nicht zu Unrecht glücklich mit ihm, dem Freimütigen, wenngleich er Todfeinde kennt. Er war und ist ein Spaßvogel, der sich nicht zu schade ist, über sich selbst zu spotten. Ein Unikum ist er. Man muss ihn dennoch lieben.
Herrlich und schamlos schüttet er gelegentlich unangebrachten Spott selbst über angesehene Leute:  Bassompierre, sein Gesandter am spanischen Hof, erstattete ihm eines Morgens im Louvre ausführlichen Bericht über seine Ankunft in Madrid. Der Gesandte sagte: „Ich ritt das kleinste Maultier der Welt“, womit er sagen wollte die Krone halte ihn knapp bei Kasse.  
Heinrich der König mit der längsten Monarchennase der Welt schniefte. Er hob vergnügt die Stirn: „Das muss komisch ausgesehen haben, der größte Esel auf dem kleinsten Maultier.“ 
„Oh erwiderte der Verspottete elegant: „ich war nur der Vertreter Eurer Majestät.“
Wenn sie das hören  biegen die Franzosen sich vor Vergnügen hemmungslos, und sogar Heinrich lacht sich aus.
Mit kaum verhohlenem Verlangen auf ihre kleinen und großen Abenteuer gehen die, die ich meine, hin und tun prinzipienlos was ihnen gefällt.
Wenn es nur im Großen und Groben und zunächst gut ausgeht. 
Allerdings ahnen nicht wenige, dass nichts bleibt wie es ist. 
Irgendwann kommt der Tag, an dem die offene Rechnung beglichen werden muss.
Da liegt, in diesem Frankenreich, etwa in der Luft, wie Blei.“
Ahmed lag hellwach.
So naiv wie ihn sein Vater glaubte war er nicht mehr.

Jóse lenkte das Gespräch auf Land und Leute nach dem von König  Heinrich IV., 1598, verkündeten Toleranzedikt zu Nantes.
„Ja“, erwiderte der Redselige, das muss man ihm lassen, dieser Mann hat unglaublicher Weise ein Herz für die Ärmsten. Er will sie samt und sonders glücklich sehen. Das ist seine Religion. 
Er geht ungeschützt offen oder auch verkleidet in die Menge und erkundigt sich nach dem Befinden eines Bauern, der drei Tage lang weder sein Gesicht, noch seine Hände gewaschen hat. Es schmeichelt ihm, wenn er hört, dass die Ackersleute ihm dankbar sind. Er brachte Frieden unter den wilden Frommen seines Landes zustande. Endlich sehen sie, dass ihre Felder unverwüstet in Blüte stehen.
Endlich dürfen sie hoffen, selbst die Ernte einzubringen statt hilflos dazustehen, wenn hungrige Söldner - allesamt angebliche Christen - sich in gröbster Weise selbst bedienen oder schlimmer wenn sie zu tausenden quer durch ihre gerade bestellten Beete stampfen.“ 
Jóses Vorstellungswelt wankte gelegentlich. So auch diesmal.
Einiges war paradox.
Frankreich lebte scheinbar sorgenfrei in den Tag hinein und andererseits brachte dieses Land die schlimmsten  unheilbrütenden Fanatiker und unglaubwürdige Pfaffen hervor. Eigenartige Wesen, die sich anscheinend nichts dabei denken, wenn sie, gewissenslos ihren Vorteil suchend, auf schlimmste Weise in die machtpolitischen Angelegenheiten des Staates eingreifen.
Dabei dachte Dr. Carranza an die Bartholomäusnacht zurück, die solange noch nicht zurücklag, in der die Katholiken, nach abgestimmtem Plan zehntausend Hugenotten im Reich ermordeten... und der Papst als er das hörte, ließ ein Te Deum singen und die Freudenglocken klingen. 


Wikipedia Bartholomäusnacht von Francois Dubois

Commons. Wikimedia Heinrich IV
(1553-1610)

Heinrich IV. überlebte das Gemetzel.

  
Auch andernorts ereigneten sich Dinge die eigentlich undenkbar waren, die nicht zueinander passten.
Die ganze Geschichte der ins Fleisch geborenen Gotteskinder erwies sich als ein Paradoxon, dass nämlich aus einer guten Religion, wie die des Christus,  eine böse herauswuchs. 
Eine Religion die bis in die Gründe der Seelen hinein, nahezu zauberhaft im Kirchenprunk und anderen Äußerlichkeiten existierte und doch durch Lügen, Machtgier, Kriegsgeschrei und Kriege entstanden war, fortbestand und obendrein gedieh.
Aber wie lange noch?
Natürlich, diese Frage war mehr als berechtigt.
Diese verdorbene Welt brachte erstaunlicherweise die größten Künstler aller Zeiten hervor. Im Herzen des durch Blutgeld erkauften Petersdoms zu Rom erhob sich mittels Michelangelos Genie, Jesus Christus, als durch und durch glaubhafter Weltenrichter und mit Raffaels „Sixtinischer Madonna“, von der er gute Kopien bewundernd gesehen hatte, kam aus der unheiligsten Umgebung das Allerheiligste hervor. 
Über den Kopf Dr. Carranzas, und dann  den Rücken hinunter, lief ein Schauer der Inspiration: Gott sendet seinen Kindern, aus Liebe, von Zeit zu Zeit Lichtstrahlen und wunderbare Lichtgestalten um jene Finsternis zu durchdringen, in der Millionen seiner Geschöpfe leiden.

Im Morgengrauen legte der Erzähler des Vorabends die halbverkohlten Reste des Nachtfeuers die am Rande noch glommen, ins Zentrum des Biwaks. Ahmed blinzelte noch verschlafen. Er sah wie sein Vater zuschaute, wie er nachdenklich in die Glut starrte.
Jóse dachte zurück an die letzte schreckliche Nacht in den valensianischen Bergen, in der sein Sohn fast sein Leben verloren hätte. Er blickte bekümmert in die angespannten Gesichtszüge des  unseligen Anführers der Rebellen „Saykwira“. Das volle Unglück musste über ihn hereingebrochen sein, als es Ahmed traf, oder bereits einige Tage zuvor.
Ahmed, als er es hörte, weinte hemmungslos. Gekreuzigt, mit dem Kopf erdwärts, endete der größte Held seines Lebens.
Selbst Jóses Herz krampfte sich zusammen, wenn ihn die Erinnerung an den alten Platz zurückführte.
Ihn biss, wenn er an das Unglück der Unschuldigen dachte, die alte Rede: Wenn es einen gerechten Gott gäbe, dann würde er das Unheil nicht zulassen, und schon gar nicht den Sieg der Ungerechten. 
Ahmed sah, wie sein Vater seinen Maurenhut abnahm und betete. Wie sehr jedoch der kluge Mann um die Wiederherstellung seiner früheren Kraft und  seiner inneren Balance rang, konnte er höchstens ahnen.

Ahmeds Vater musste doch noch eingenickt sein. Plötzlich gab jemand das Wort zum Aufbruch.
Es war hell geworden, in Jóse aber blieb das Dunkle.
Das abendliche Gespräch hatte ihm ein Frankreich und damit die Zukunft vor Augen geführt, die so nicht seiner Vorstellung entsprachen.
Auch der wieder belebte Schmerz um den tapferen Verteidiger der Maurenrechte auf ein bleibendes Zuhause, hatte ihn erneut erschüttert.
Zum ersten Mal traf es ihn so hart, einzusehen, dass er sich geirrt hatte. Hier auf dem kargen Boden Spaniens, das unter Maurenhand einst für Jahrzehnte unter einem Abd - er Rahmann,  Frieden für alle stiftete, musste er zugeben, dass er die Stärke jener Vernunft, die allen zu eigen ist, zu hoch angesetzt hatte, und dass deshalb sein Pessimismus durchaus angebracht war.
Die alte und doch neue Einsicht schmerzte ihn, dass praktisch jedes Menschen Gewissen verbogen und erdrosselt werden kann.
In diesem Land Spanien rissen sich nicht nur Einzelne sondern hunderte einer Stadt um die Güter derer die schlichtweg wegen einer Nichtigkeit oder wegen nichts als einer Denunziation wegen verhaftet wurden.
Sie warteten mitunter nicht einmal das Urteil ab, weil die Inquisition nur den festnahm dessen Schuld sie für erwiesen hielt.
Was mit den Kindern der Hausbesitzer passierte, interessierte sie nicht. Sie raubten das Haus aus und der stärkste nahm es reuelos, zu geringem Steuersatz in Besitz. Das war Spanien. Alle Gerechtdenkenden müssten aufschreien, doch sie schwiegen – aus Angst vor dem heiligen Oficio.

Diejenigen die solch räuberische Gesinnung duldeten mochten dumm und unansehnlich sein, sie vermochten es dennoch, selbst die scheinbar Klugen in ihre Welt der Verbrechen hinein zu ziehen. 
Jòse konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals in die Wohnung eines vertriebenen Juden eingezogen wäre, dass er sich in ihre Betten gelegt, mit ihren Schränken und ihrem Hausrat bedenkenlos gelebt hätte.  
Selbst Priester begingen Entsetzlichkeiten vor denen das Gewissen sie zuvor gewarnt hatte und sie wagten es dennoch, erhoben Hauptes sehr, sehr feierlich durch die Reihen der Gläubigen zu schreiten.
Aber so war es. 
Selbst wenn Jesus von Nazareth erneut als reines Wesen liebevoller Vernunft geboren würde, die Meute würde ihn in Stücke reißen, falls ein begabter Eiferer sie hinlänglich überzeugt hätte, das sei notwendig und deshalb gut.

Es blies ein kalter Wind von den Pyrenäen her. Schritt für Schritt gingen sie voran, dem Wetter und wahrscheinlich allesamt trüben Gedanken ausgesetzt.  Eine sehr wendige, ältere Frau verteilte honiggesüßte Maiskolben. Jóse dankte ihr, doch was er vor sich selbst zugegeben hatte, nämlich versagt zu haben, verdarb ihm den Appetit.  Außer, dass er Ahmeds Leben retten konnte, war ihm alles misslungen. 
Da war ihm sogar der Antrieb englitten, Thesen zu schreiben, die wenigstens die Nachdenklichen ermutigen und überzeugen könnten.
Und das, obwohl mehr denn je feststand, dass ein Umbruch erfolgen muss, oder das Leben selbst zerbricht die Untätigen. 
So wird es immer sein, erst wenn das Kind in den Brunnen fiel, wird er abgedeckt.
Viele die etwas zum Besseren bewirken könnten halten sich zurück. Intuitiv und übervorsichtig meinen sie, dass man sich leicht die Finger verbrennen kann, wenn man sie dem feurigen Ofen zu nahe bringt. Es trifft schon zu, Enttäuschung ist wahrscheinlicher als Erfüllung.

Ahmed starrte wieder auf den Stumpf seines Armes und dann, nach langen Minuten der Trauer, sich zusammen raffend schaute er, sich ein wenig umwendend, bewundernd ins Gesicht seines Lebensretters. Er wusste es von Anfang an, sein Vater hatte den Todesmutigen geliebt, diesen nun an ein Stadttor Valencias genagelten Mann. Das brachte sein Herz dem seines Vaters sehr nahe.
Ahmed sah es seinem Vater an, dass er seit einigen Tagen pessimistisch gestimmt war. Er würde ihn lieber wieder so optimistisch sehen wie er ihn früher erlebte, voller Kraft mit Zukunftsvisionen. Obwohl Ahmed das so noch nie zuvor getan hatte, legte er die Rechte auf des Vaters Schulter und setzte ein kleines Lächeln in sein Gesicht.
Das wirkte Wunder. 
Zu bemerken, dass Ahmed ihn mochte und annahm, tat Jóse gerade jetzt gut. 
Sie wussten miteinander, dass ihnen hätte Schlimmeres zustoßen können.
Jóse schüttelte an diesem langem Marschtag allmählich wieder das Schwarze von sich ab, wenn auch mit äußerster Anstrengung.
Da ist mehr als nur ein Ausweg.

Sein Gefühl, Jimena erwartete ihn dringend, nötigte ihn zudem das Erforderliche zu planen. Sie trat ganz deutlich vor seine inneren Augen. Er fürchtete um sie. 
Auch das brachte ihn wieder hoch.
Es straffte seinen Rücken. 
Dass Ahmed sich zu ihm bekannte, war ein Wunder, war es gar ein Sieg?
Mit jedem Schritt ermutigte er sich. In zehn Tagen bin ich bei dir. Sein Gemüt sträubte sich allerdings jäh von der Düsternis ins allzu Helle zu springen. Bestenfalls in vierzehn Tagen, in drei Wochen könnte er wieder in Valencia sein und das auch nur mit viel Glück!
Aber wird es schaffen. 

Dann, nachdem er intensiv ihren Gesichtsausdruck suchte und mit ihr zu sprechen begann, erschien eine Wortkette die anscheinend von ihr kam: Du darfst dich nicht verrückt machen, Jóse, du weißt und ich weiß es wie du, dass Liebe alles kann. Ich werde dich lieben, selbst wenn du mich vergessen musst. Aber ich weiß es. Dein Herz wird mich nie verlassen.
Dr. Carranza stutzte in der Tat.
Gab es so etwas wie grenzenlose Gedankenübertragung?
Ahmed wurde von Stunde zu Stunde stärker und auch das stärkte Jóses Willen  wieder klarer zu denken.
Seine Logik setzte sich durch.
Vor allem die entmutigende Rede, gäbe es einen gerechten Gott, dann ließe das Elend nicht zu,  hat er im Grunde nie gelten lassen, warum sollte er ihr nun Raum geben? 
Die ältesten Christen glaubten, dass das Elend in der Welt der Gegensätze als Gegenstück zur Freude eine wichtige Rolle spielt. 
In den letzten Stunden die er im Lesesaal zubringen durfte, fiel ihm ein wunderbares Origeneszitat in die Hand:  
Bevor wir in sterbliche Körper geboren wurden konnten wir das Glück perfekter Harmonie jenseitiger, höherer Welten nicht wirklich genießen.
„Wir hatten es satt uns der Herrlichkeit des Vaters zu erfreuen. Uns fehlte ein Maßstab.  Das sei ursprüngliche Christuslehre gewesen. Wir ersehnten das Leid.“
Vor nahezu anderthalbtausend Jahren erläuterte dieser Große unter den Verfemten, etwas das weder die griechischen noch die christlichen Denker je in Betracht gezogen haben.
Wir kommen nicht aus dem Nichts, wir gehen nicht ins Nichts.
Pure Christenlehre der ersten Zeit.
Dieses Leben ist in der Tat nicht alles.
Man muss den Schmerz erleiden um den Nichtschmerz zu schätzen und dann die Freude.  Das wird er aufschreiben und zu bedenken geben, nicht weil ihm das gefiel, sondern weil die Christen der ersten Generationen wie er, Jóse, gute Ursache hatte solcher Überzeugung zu folgen.
Dass wir uns damals, im Vaterhaus Gottes, danach sehnten Glück ermessen zu können, führte zu unserer irdischen Geburt.
Wir sind eben mehr als Fleisch und Bein. Ausgestattet mit einem unsterblichen Bewusstsein können wir nach unserer Todesstunde, als Heimkehrer von unserer irdischen Laufbahn, dann, erst dann, wirklich jeden Augenblick der Schwerelosigkeit und der Freiheit genießen.
Das wäre zuvor unmöglich gewesen.
Wir lebten Äonen hindurch in einer Welt in der es Leid nicht gab. Die ewige Welt kennt den Tod nicht und demzufolge nicht die Trauer, aber eben deshalb fehlte uns die Glückserfahrung.
Deshalb sind wir hier.
Wir wurden Menschen, um nach Bitterkeiten schließlich den Weg zur "Freude" zu finden.
Der Sinn dieses Lebens besteht darin, in einer Welt starker Gegensätze Erfahrungen zu sammeln.
Hier müssen wir uns entscheiden welchen Beitrag wir leisten wollen um Leid zu lindern.
Wir haben uns unentwegt für Recht oder Unrecht zu entscheiden. Das hat ewige Auswirkungen.
Wenn wir uns für das Recht des anderen entscheiden, werden wir uns besser fühlen als umgekehrt.
 Christi unverfälschte  Religion hilft, das Gute zu wählen,- nämlich das zu tun was uns das wache Gewissen anrät. Auch wenn dies für uns selbst momentane Nachteile nach sich ziehen sollte. Wir sind ewige Intelligenzen und damit kleine Götter. Erben des Glücks, nach dem Leid. Diese Erde ist eine Pflanzschule für Geister ... um uns zu Höherem zu entwickeln. (64)
Gott wusste alles zuvor.
Wir müssen wieder und immer wieder Origenes zu Wort kommen lassen, diesen großen, sträflich von den Nicänern verstoßenen Bewahrer der Wahrheit. Jóse, ob er wollte oder nicht, dachte des großen Kirchenlehrers gewichtigen Satz: „Die Dinge geschehen nicht, weil Gott sie zuvor wusste“. Dieser Satz erhob sich gigantisch gegen gewisse, irreführende Lehrsätze verbohrter Hugenotten,  die behaupteten der Mensch sei Spielball in den Händen himmlischer Mächte. Anders als völlig überzogen, kann man deren Dummheit nicht nennen, wenn sie ernsthaft glauben und zu behaupten wagen, Gott habe den Verlauf der Dinge vorbestimmt.
Ihn ärgerte und grämte auch, dass die Calvinisten es gewagt hatten den berühmten Arzt Michael Servet – mit ausgesucht grünem Holz – zu verbrennen, nur weil der antinicänisch gelehrt und geschrieben hatte: „Gott hat ein Antlitz!“
Hier müsste jeder Vernünftige innehalten und sich einige Fragen stellen.
In diesem Augenblick an lehnte Dr. Carranza zum ersten Mal deutlich ab, seine nächste Heimat bei den calvinistischen Hugenotten zu suchen. Er wird sie bei den Waldensern finden. Sie glaubten an die Wahrheit vom vorirdischen Dasein des Menschen. Sie bewahrten das vornicänische Gottesbild, wie Michael Servet.
Und noch höher schätzte Dr. Carranza, dass die arianisch eingestellten Waldenser,  trotz aller Brutalität die ihnen die Trinitarier zufügten, trotz aller Lügen die über sie verbreitet wurden, tolerant blieben.
Ihnen war es Ernst, Christi Weisung zu folgen, ihren Feinden Gutes zu tun. Mehr denn je ekelte ihn die Überheblichkeit der Trinitarier an, ihre Mordlust und Sucht am Zank. Alle Dokumente die er jemals in Händen hielt belegten, dass die Waldenser Beschützer des Humanismus waren und ihre Gegenspieler das Gegenteil praktizierten.  (65) 

Persönliches Elend ist zudem oft die Folge der Missachtung eigenen Wissens. Gott hätte seinen Geschöpfen die Entscheidungsfreiheit vorenthalten können. Doch dann würde er bestenfalls über Sklaven verfügen, statt beseligte Freie, die seinen Großmut würdigen.
Freude am eigenen Fortschritt zu empfinden wäre unmöglich. Mehr gibt es selbst in diesem Leben  selten, als die Freude über jeden noch so kleinen Sieg über den, jedem von uns innewohnenden, Feind des Guten.
Freiheit heißt immer, man hätte sie missbrauchen dürfen.
Da ist kein anderer Weg, als den der bitteren Erfahrung aus kleinsten Menschen größere werden zu lassen.  
Selbst Gott lebt der Hoffnung, dass die brutalsten unter den Übeltätern eines Tages tiefreuig erkennen, was sie angerichtet haben und in sich gehen.
Andernfalls  müssen sie den Kältetod drohend vor sich, als schwarzes Loch sehen.
Origenes sagt, erst wenn sie sehend wurden, entkommen sie den Höllen der Gewissensqual – jedem wird sich diese Chance bieten.
Während die Kirche eben diese Wahrheit hasste. Stattdessen nahm sie sich heraus den Menschen einzubläuen, wenn jemand Höllenqualen ausgesetzt wird, kann er ihnen Ewigkeiten hindurch nie entkommen.Lediglich die Mutter Kirche verfüge über die Mittel zur Vergebung jedes Vergehens.
Einzig Rom könne Seelen vor dem Schlimmsten bewahren, also wende dich nie von ihrer Übermacht ab.  Die Angst, man könnte, irgendwie und irgendwann, der Päpste Gnadenmittel verlieren, schürten sie aus Gründen ihrer nie zufrieden gestellten Sucht absolute Gewalt auszuüben. 
Die an Zahl erheblich angewachsene Gruppe marschierte bis zum Umfallen in Richtung Frankreich. Nur weit fort von denen, die sie hassten. Bis in die Nacht hinein gingen sie voran.

Die fernen Lagerfeuer vermutlich vieler ehemals nördlicher wohnenden Mauriskenfamilien blinkten auch diesmal ihren Weg. Sie kamen ihnen näher. Es handelte sich tatsächlich nicht um Söldnerhaufen. Aus deren Reihen konnten allemal Plünderer und Marodeure kommen.
Mangels ausreichend Holz spendeten die kleinen Feuer, in diesen kalten Winterabenden, eher Licht als Wärme. Die Armut roch aus den Töpfen. Kinder schrien, Frauen kreischten bis das Sternenzelt wieder erblasste. 
                                                                     
Nun hatten sie noch fünf, sechs Marschtage vor sich. Des guten Bergbauern Wolldecken hüllten sie angenehm ein. Die Gipfel der Pyrenäen rückten zwar näher doch wie ihnen schien geschah dies sehr, sehr langsam. 
Jóse ging allen Befürchtungen zum Trotz traumlos durch den ersten Teil der nächsten Nacht, bis er um Mitternacht mit unkontrollierter Sorge erwachte. Was war passiert? Er bildete sich ein,  Jimenas Stimme hätte ihn jäh geweckt. Ahmed schlief noch fest, als er sich erhob.
Nach einigen Schritten ging er auf die Umrisse eines kräftigen Mannes zu. Es handelte sich um jemanden  den er bereits in den valensianischen Bergen, als Kämpfer der besiegten maurischen Armee kennen gelernt hatte. 
„Ich bin es, Francisco.“  
Jóse reichte ihm die Hand.  
Sie fragten sich wenig später, ob es klug sei, den Rest der Reise mit dem Tross, des nun vergrößerten und ohnehin bereits jetzt, zeitweise nur kriechend langsamen Flüchtlingstrecks, zu reisen. Sie fanden je größer ihr Haufe war, desto mehr zogen sie zudem Aufmerksamkeit auf sich. Andererseits gab es Anzeichen, dass sie damit lediglich bewiesen, dass sie gehorsam der spanischen Aufforderung folgten das Land zu verlassen und konnten obendrein einander beistehen.
Dr. Jóse Carranza sprach frank, wie heftig es ihn vorwärts trieb. Seine Frau sei in Gefahr. So und so. Er werde sich bereits im Morgengrauen mit seinem Sohn vom Hauptlager trennen um schneller zu sein.
Francisco stimmte ihm zu. Sie sollten sich ohnehin jederzeit auf das Unvorhersehbare einstellen. Man dürfe jedoch damit rechnen, dass die Spanier dieser Region nicht mehr erpicht darauf waren, den Pilgern in Richtung Frankreich Steine in den Weg zu legen.
Beide übernahmen gemeinsam die Nachtwache auf Nachfrage eines Mannes der die erste Gruppe führte. Drei Stunden lang.
„Wer bist du wirklich?“ fragte Francisco, der noch größer und stärker als Jóse gebaut war, aber etwa seines Alters. 
Jóse sagte es rückhaltlos offen. Alles was von Bedeutung war. 
Sein eher schweigsamer Freund erwiderte mit einem kargen: „Hm!“, das er gelegentlich äußerte, denn der war Muslime und festigte gerade seine Freundschaft mit einem Ordenspriester, der, wenn auch ebenfalls flüchtig und gesucht, stark zu seinem Christentum hielt.
Deshalb konnte er die sonderbaren Gedanken und Ideen seines spanischen Freundes nicht nachvollziehen. Aber er hielt sich zurück. 
Jóse sah natürlich, dass er nur teilweise akzeptiert wurde. Nach einer Weile setzte der Maure hinzu: „Jetzt bin ich vogelfrei und weiß nicht wohin ich fliegen soll. Meine Frau ist schon vor Monaten mit einem Kavalier durchgebrannt. Kinder hatten wir nicht. In Wahrheit weiß ich nicht mehr ob ich Muslime bin oder ganz und gar ein Ungläubiger. Dieses Unrecht, das uns vor sich hertreibt, soll Gott gewollt haben? Ich kann es nicht verstehen.
Aber das Eine ist gewiss. Was hier geschieht, das schreit zum Himmel. Und du hast deine Frau sitzen lassen, im Ungewissen um deinen Sohn durchzubringen. 
Das ist das Leben. 
Grausam ist es. 
Die große, gute Wahrheit gibt es nicht mehr. 
Unsere Alfaki redeten auch mit zwei Zungen, und die Priester Madrids sind eiskalt. Ich bin ein einfacher Klingenschmied ohne Geld, ohne Hoffnung und Zukunft. Große Philosophie mag ich nicht. Warum laufe ich und wohin eigentlich? Die Frauen mögen mich nicht, ich sie schon. Ich könnte mich aufhängen. Kein Hahn krähte nach mir.“
„Ich würde krähen!“ erwiderte Jóse, zum ersten Mal seit Wochen herzlich auflachend und   er fuhr fort: Klingenschmied, du kannst also fechten…“
„Ja und?“
„In Frankreich schätzt man diese Kunst.“
„Nein, ich nicht mehr! Noch vor zwei Wochen, als wäre ich von Sinnen, brachte ich zwei Soldaten um. Nie wieder. Niemals wieder. Den ersten stach ich ab, wie ein Schlächter einen alten, grimmigen Ochsen zu Boden wirft, aber der andere, der blutjunge.
Ich traf ihn am Hals.
Er hielt die Hand auf die Stelle und sein Rot spritzte durch die Finger hindurch. Er rief noch etwas, ehe er zu Boden stürzte, ich verstand es nicht. Aber, seine tiefblauen Augen klagten mich an.
Das macht doch keinen Sinn! 
Warum musste ich ihn töten? 
War es nicht von Anfang an sinnlos und unnatürlich? 
Warum das Ganze? 
Warum überlebte ich? 
Wenn ich ihn nicht umgebracht hätte, hätte er mich abgemurkst. Aber das tröstete mich nicht.“ 
Wort für Wort langsam und betont fragte er: „ Warum, warum tun wir uns das einander an? Der Bengel kannte mich doch nicht, und ich ihn nicht. Wir hätten uns hinsetzen können und zusammen lachen, weil wir in fremden Zungen reden. Wir hätten zusammen etwas trinken können und Karten spielen. Was war es, das uns da hineinhetzte, in den Tod? 
Dieses quälende Warum geht mir durch den Kopf. 
Es verfolgt mich.
Ich glaube, er war ein deutscher Landsknecht der in Spanien sein großes Glück suchte. Warum konnte oder wollte er das nicht dort finden wo er herkam? Warum nahm er kein schönes Mädchen zur Frau? 
Warum verschrieb er sich dem Morden? 
Um unsicheren Gewinn zu machen?
Was brachte das Vaterland Spanien dazu uns vernichten zu wollen?
Warum half ihnen ihre Religion nicht einen besseren Weg zu finden?“
Jóse stand der letzten, wirklichen Frage zwar nicht hilflos gegenüber, doch was immer er sagen könnte, noch war es selbst für ihn, nach jahrzehntelangem Suchen klarer Antworten schwer, die ganze Wahrheit zu erfassen.
Über einen Mann wie diesen schlichten und Geraden könnte niemand all das einfach ausschütten  was man selbst in Jahrzehnten allmählich begriffen hatte, ohne die Verwirrung zu vergrößern.

Francisco muss mit einigen Leuten darüber gesprochen haben, dass er und sein Freund Jóse beschlossen haben schneller nordwärts zu ziehen, denn ungefähr zehn Familien von den etwa dreihundert machten sich mit ihnen auf den Weg.  
Als sie nach mehreren anstrengenden Tagesmärschen durch Schluchten und Täler, und bei kurzen Essenrationen unbehelligt in einem französisch-sprechenden Pyrenäendorf ankamen, dann eine von grasenden Kühen bedeckte Wiese unterhalb eines sehr steilen Felsens betraten, erhob sich aus ihrer Mitte ein älterer, sehr rüstiger Mann.
Er wusste sehr wohl wer Jóse war und setzte ein paar Schritte auf ihn zu.
Dann schaute er in Jóses Augen, als wüsste er  alles was dieser Mann, mit dem Islam-stern an seinem Hut, war und glaubte.
In seiner Stimme lag ein Jauchzen: „Hebe deine Hände hoch, so, dass du mit dem Daumen die Ohrläppchen berührst und sage Allahu Akbar!“
Das verweigerte der Doktor der Heiligen Schrift.
Er legte den Kopf in den Nacken und sagte lateinisch: Ich danke meinem Gott, dass wir unseren Peinigern entkommen konnten.
Die Menge aber sprach des Vorbeters „Allahu Akbar“ nach. Einige murmelten es, andere sagten es aus tiefster Brust.
Erneut drang die tiefe Stimme in Dr. Jóse: Lege die rechte Hand auf die Linke und sprich mir nach: „Subhanaka allehumma wa bihamdika wa tabarakasmuka wa ta‘ala dschaduka wa la ilaha ghairuk…“
Einige stotterten erheblich, denn das öffentliche Beten war ihnen längst abgewöhnt worden.
Jóse wollte nicht mehr bewusst hinhören. Ihn störten die Dogmen in den Zeilen, da sei kein anderer Gott als Allah, und doch merkte er auf, als der Beter die Worte sagte: „ihdina-siratal-mustaqim“ - Führe uns den rechten Pfad.
Es gab nichts was er sehnlicher wünschte als das.
Da stimmte er ein, nicht bedenkenlos allerdings.
Noch einmal schallte ihn die Altmännerstimme an: „Indem du ALLAHU AKBAR sagst, beuge deinen Körper tief nach vorne, lege deine Hände auf
die Kniescheiben und sage dreimal: Subhana Rabbiya, l Azim. Gepriesen sei mein Allmächtiger Herr.“
Ahmed tat es und Jóse rang behutsam, um nicht noch mehr aufzufallen, laut um Atem.
Werden wir dem sturen, geistlosen, sinnlosen  Aufsagen von Formeln hier wie da nie entkommen?
Francisco erhob sich pustend. Wieder an Jóses Seite stehend sagte er nur: „Dann also bin ich wieder ein Muslime!?“
Selbstverständlich und Ahmed war es ebenfalls!
Wer Gott bei seinem arabischen Namen anbetend nennt, anerkennt ihn, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht.
Jóse schien jedoch, dass sein Bekenntnis zum immerwährenden Evangelium, Francisco  gegenüber Wirkung zeigte. Niemand kommt ungestraft davon, wenn er nicht sagt was er in der Tat meint. Irgendwann wird es ihn beißen.

Nach einigen Kontakten zu den umliegenden Bauern dieses Grenzortes westlich Figueres, mittels vieler Gebärdenreden, sowie einigem Ringen um französische Worte, soweit Jóse sie beherrschte, gaben die Bewohner sich freier. Einige von ihnen sprachen, wie sich nun zeigte, fließend das Spanische der Bergregionen, eine Art katalanisch. Es stellte sich heraus, dass bis in diese Gegenden Geschichten und  Gerüchte von den Misshandlungen der Maurennachkommen gedrungen waren.
Der Ortsälteste erlaubte ihnen zwei Nächte zu bleiben.
Aus den erlaubten zwei wurden mehr.
Jóse ertrug es nicht länger. Ihn trieb es teils nach Marseille, andernteils zurück zu Jimena. Sein Gefühl sagte ihm: zuerst solltest du nach Marseille gehen, statt wieder zurück.
Er musste eine weitreichende Entscheidung treffen.
Nimmt er Ahmed mit nach Marseille oder lässt er ihn in der Obhut  Franciscos zurück und zwar hier vor Ort bei einem der Bauern, nachdem der Tross weiterzog, in eine ihnen empfohlene Gegend.
Der Gedanke, er müsse zuerst den Reeder Ballarde sehen kam immer wieder zurück.
Ein angesehener Bauer der Pferde besaß, brauchte zur Bewirtschaftung einen Schmied der neue Pflugscharen und andere Eisengeräte reparieren und herstellen konnte, als Gegenleistung gäbe er beiden, Francisco und dem verwundeten Ahmed ein Quartier bis zum Frühling.
War das die Lösung dieses Problems?
Dr. Carranza rechnete sich aus, dass er in diesen Wochen sowohl seinen Freund in Marseille, den  Hugenotten Monsieur Ballarde aufsuchen könnte um mit ihm das Weitere zu beraten, auch um von dort nach Valencia zu segeln, und dann unerkannt nach Alboraya verkleidet als spanischer Nobelmann, in Begleitung eines Dieners zu reiten. Das starke, immer wiederkehrende Gefühl Jimena rufe ihn dringend zu Hilfe, ließ ihn nicht mehr in Ruhe. 
„Ahmed, was hältst du von meinem Plan?“
Sein Sohn zuckte die Schulter.
Er empfand sich noch als benommen, noch konnte er sich nicht über den Verlust seines linken Armes, den Verlust der Heimat und der Schlacht hinwegsetzen.
Vater Jóse redete viel mit ihm und schließlich erklärte er „Ich habe etwas Geld in Marseille und einen sehr toleranten und einflussreichen Freund. Mit Blick auf deine Verwundung, will ich dir die Tür zu einem Medizinstudium ermöglichen. Vergiss nie den Namen, des Reeders. Und da ist auch im Haus Jimenas Geld verwahrt. Ich brauche zu deiner und  meiner Hilfe beides. Du hast die Gelegenheit und die Zeit hier bei geeigneten Leuten Französisch zu lernen. Nutze die Möglichkeit.“
Ahmed hatte selbst schon Pläne entworfen und sie wieder verworfen, sonst wäre er nicht der Sohn eines Denkers. Diese Absicht seines Vaters musste ihm gefallen, und so war es auch zu guter Letzt.
Wenn er ein Studium nach dem Vorschlag seines Vaters aufnahm, könnte er eines Tages das Leben neu gestalten. Den Traum nach Mauretanien zu gehen musste er begraben.
Mittellos und ihn verlassen? 
Das würde er seinem Vater nach dem gemeinsamen Erleben nicht antun. Sein Vater hatte das Unheil vorausgesehen und war dennoch nicht von seiner Seite gewichen.
Das rechnete er ihm hoch an.
Wer, wenn nicht er, hätte sein Leben gerettet?

Auch Dr. Jóse Carranza zwang sich vom ersten Tag seines Lebens in der Freiheit sein bisschen Französisch energisch aufzubessern. Solange er noch im Palais seines Erzbischofes lebte, hatte er es nur lässig betrieben. Jetzt hing viel davon ab, wenigstens das Wichtigste zu verstehen.  
Gegen Ende der zweiten Dezemberwoche begab er sich auf den Weg nach Port Vendres, dass er in anderthalb Tagesmärschen erreichen konnte, um von dort aus mit einem gecharterten Fischerboot nach Marseille zu reisen. Es ließe sich bei günstigem Wind und mit geringem finanziellen Aufwand binnen zwei Tagen bewältigen. Gut dass Ahmed sich in Sicherheit befand und nicht mit ihm gehen musste.

Als er den Hafen Port Vendres, nach einigen Gewaltmärschen von weitem sah, fiel er auf den steinigen Boden auf seine Knie nieder und bat seinen Gott lautlos, aber tief in Glauben versunken, dass ihm das gelingen mag, was er sich vorgenommen hatte, um seine ganze Familie zu retten.
Im Ganzen standen ihm drei Monate Zeit zur Verfügung.
Das musste ausreichen, vorausgesetzt er gelangte schnell und unbeschadet ins Haus Bertrams und Jimenas.
Als er sich erhob und den Staub aus seinen Kleidern schüttelte keimte neue Hoffnung in seinem Innersten. Unerklärlicherweise überwältigte ihn bei dem stillen Ausruf: „Jimena, ich liebe dich“, wieder ein jähes Glücksgefühl.
All die vielen weiß getünchten Häuser und Häuschen entzückten ihn, viele bestanden aus großen Felsbrocken, andere schienen aus Ziegelsteinen zu bestehen.
Er schritt tapfer aus, begegnete Schaf- und Ziegenherden denen freundlich grüßende Hirten auf staubigen Pfaden voraus oder hinterhergingen. Frieden und Harmonie strahlten diese Szenen aus. Er befand sich eben in Frankreich. Frieden und Harmonie, nichts anderes wünschte er.
Das ersehnte Fischerboot ließ sich finden und der schnelle Weg ebenfalls. Als er jedoch kurz vor dem Hafen Marseilles dem starken Mann den Rest des vereinbarten Geldes aushändigte, fragte der Fischer ein wenig spöttisch: „Señor, hatten sie gar keine Angst ich segle sie den Korsaren in die Hände?“ 
Dieser Blick! 
Jóse erwiderte offenherzig, mit einem kleinen gewinnenden Lächeln, was er dachte: Ich glaubte dir! und er gab ihm obendrauf auch noch den letzten Silberrealen von dem Geld, das ihm sein Freund Francisco geliehen hatte, als Ausdruck seiner Dankbarkeit.

Bis er im Hause des Hugenotten Ballarde eintraf wiederholte sein aufgeschrecktes Gedächtnis diese wohl sehr berechtigte Frage des Fischermannes. Selbst ehrlich bis ins Mark, war er vertrauensvoll in seiner Naivität hinunter zum Hafen Port Vendres gelaufen ohne geringsten Verdacht zu hegen was ihm auf dem offenen Meer zustoßen könnte.

„Ja“, lachte der behäbige Reeder Ballarde, nachdem Dr. Jóse sich vorgestellt und kurzen Bericht erstattet hatte, „So sind die Zeiten und die Menschen. Das hätte durchaus passieren können. Jesus wurde ja auch für dreißig Silberlinge verkauft, und das von einem vorgeblichen  Oberchristen.“
Die Männer fanden aneinander Gefallen.
Wenige Worte genügten um die gegenseitige Sympathie zu finden.
Immerhin standen sie einander schon lange als Feinde Roms und Madrids einander nahe. Damit waren sie sofort bei ihrem Thema angelangt, das sie jedoch nur kurze Zeit aufhielt, denn sein Gastgeber, der ihn einlud ihm ins Kontor zu folgen, überreichte ihm zwei Briefe.
Auf dem Umschlag des ersten erkannte Jóse gleich die Handschrift seiner Frau. Unwillkürlich rief er:  „mein Gott!“
Mühsam sich zurückhaltend bat er um Entschuldigung, begab sich ans Fenster, durch dessen klare Scheiben die milde Sonne schien. Weihnachtszeit war es.  Er brach das Siegel mit leicht zitternden Händen.
Da standen nur drei Sätze: „Bertram starb noch am Strand, auf der Flucht. Die Eltern haben sich das Leben genommen. Ich erwarte dich sehr.“
Der Reeder schaute herüber und sah sofort Dr. Carranzas Aufregung. Der hielt sich im Zaum: „Meine Frau, zurück geblieben in Valencia, sucht meine Hilfe.“ Jóse hätte viel darum gegeben mehr zu erfahren.
Der zweite Brief fühlte sich voluminöser an. Auch vom Inhalt her sollte das zutreffen. Der Text stand in grazilen runden Buchstaben, mit weit hinunterschwingenden Bögen. Ehe er den Brief las, suchte und schaute er auf die Unterschrift: Doña Maria de Brega.
Das ließ ihn  zugleich hoffen und schwere Bedenken erheben. Jóse raste durch die Zeilen. Nach sehr freundlich vertraulicher Anrede und nicht gerade kurzer Einleitung die eine Art Vorbereitung auf den Schrecken sein sollte den sie nun verbreitete, hieß es „Dr. Jóse, Ihre Ehefrau Jimena wurde gestern, unmittelbar nachdem sie mich wegen ihrer Sorgen zu sich gebeten hatte, abgeführt. Wie ich durch günstige Umstände  erfahren konnte, wurde sie nach Tunis eingeschifft. Zum Glück hatte sie mir kurz zuvor diese Adresse ausgehändigt. Bald darauf hörten wir die Soldaten kommen. Sie entließ mich auf der Rückseite des Hauses, unmittelbar bevor die Söldner gegen die Pforte hämmerten.“
Unfähig weiter zu lesen, brach es ihm heraus: „Monsieur Ballarde, meine Frau wurde zwangsverschleppt, wahrscheinlich schon Anfang November.
Mein einziger Anhaltspunkt ist Tunis. Wann kann ich eine Passage nach Tunis nehmen?“
Der tapfere Hugenotte fühlte das innere Zittern des kräftigen Mannes, seine Erschütterung, seine Selbstvorwürfe, seine Hilflosigkeit. „Lassen sie mir Zeit, ich schaue in meine Bücher.“
Jóse unterließ es den Brief zu Ende zu lesen, der schwer wie ein Bleigewicht in seiner Rechten hing, „Tunis“, „Tunis“.
Er musste sich sehr zusammen nehmen. 
Jetzt nahm er das Papier noch einmal. War da mehr? Wieder streiften seine Augen den afrikanischen Ortsnamen und da, Ana Maria de Brega nannte den Namen des Fährschiffes: „Sardinia“.
Auch wenn dieser Titel alles andere als beruhigend klang, er könnte zum Schlüsselwort werden: „Sardinia!“ In Gedanken suchte er weitere Antworten. Doch Jóse wusste nur ungefähr, wo dieses verdammte Tunis lag und dass es dort eine katholische Kirche im Verborgenen geben soll, wie er schon vor Jahren beiläufig erfuhr.
Er konnte sich zudem erinnern, damals im vornehmen gelben Haus am Meer, im Wohnzimmer Doña Cazallas sprach der Oberst mit dem zerschnittenen Gesicht davon, es gäbe Katholiken in Tunis, er selbst hätte dort Bekannte und er hege Beziehungen zu Tunesiern. Oberst Manuel Martinez. Damals als er, Jóse, noch Sekretär Don Juan de Riberas war und obendrein barttragender Ordenspriester wollten sie gemeinsam die ganze Welt aus den Angeln heben.
Der Reeder rief herüber: „Ich habe hier einen Eintrag, dass ein spanischer Segler mit Eisengeschirr und Metallbarren am achtundzwanzigsten von hier nach Tunis geht, also in vier Tagen.“ Jóses Herz beruhigte sich, als er hörte Monsieur Ballarde kenne den Kapitän seit längerem persönlich. Der Mann sei ein Sturkopf der dennoch für gehöriges Aufgeld jeden einigermaßen erfüllbaren Wunsch akzeptiert.
„In vier Tagen.“
„Das Schiff wird am Freitagmorgen gegen zehn Uhr, als eines im größeren Konvoi, ablegen. Die Kapitäne sprechen sich ab. Denn Überfälle sind nicht selten. Es schreckt ein wenig ab, wenn sie ihrer fünf oder zehn sind. Solange wie möglich bleiben sie beieinander.“
Jóse hätte aus der Haut fahren können.
Andererseits sollte er dankbar sein, dass er nicht monatelang auf eine Afrikapassage warten musste. Was wäre dann, in solchem Fall?
Es war nicht auszudenken.
Seine Gedanken kreisten nur noch um Jimena. Hundert verschiedene Bilder in dramatischen Szenen  stießen den sonst so nüchtern denkenden Mann hart.  Er erinnerte sich allzu gut der Schilderungen, dass Kapitäne von Auswandererschiffen, sich nicht selten auf hoher See ihrer menschlichen Fracht kurzer Hand entledigten.
Am Abend dieses Weihnachtstages, 1609, begegnete ihm die Familie des Reeders, die beiden Söhne und zwei erwachsene Töchter ausgesucht höflich und er quälte sich durch den Gottesdienst eines Hugenottenpfarrers, der sich sehr bemühte, ihm Jóse, in verdeckter Weise Trost zuzusprechen.
Jóse begriff, Monsieur Ballarde hatte die Anwesenden informiert. 
Obwohl er ein Beruhigungsmittel einnahm, schlief Jóse die erste Nacht  nur immer wenige Minuten hintereinander. Schreckhaft fuhr er bei jedem Geräusch der knackenden, alten Balken des Hauses zusammen  und malte unangenehme Bilder ihrer Situation, um danach wieder hinüber zu sinken ins Land der unruhigen Träume. Er hatte sich am Abend noch die Seekarte angeschaut, wollte wissen wie lange ein guter Segler für die Bewältigung der 600 Seemeilen benötigt
Monsieur Ballarde beantwortete jede Frage, die für seinen Gast höchsten Vorrang hatte, betont freundlich. Er ließ erkennen,  auch ihm als Hugenotten bedeute die Familie alles.
Das hänge natürlich vom Wetter ab. In dieser Jahreszeit rechnet man um die fünf bis acht Tage. Schneller wäre selten, denn der Kurs verlaufe, der Winterstürme wegen, enorm ungerade.
Am zweiten Morgen in seinem breiten, bequemen Bett bat Jóse Gott ernsthaft die Erde möge sich schneller drehen.
 Zwei Nächte noch.

Vier Stunden vor der genannten Zeit befand Dr. Jóse sich am Kai in unmittelbarer Nähe des Kauffahrteischiffes das er bereits am Morgen des zweiten Tages schon bei Tagesanbruch gesucht und mit Erleichterung gefunden. 
Als wäre er von Sinnen hatte er es wiederholt aufgesucht, was ihm jedes Mal ein wenig Ruhe verschaffte.
Gegen acht Uhr kamen bunt gekleidete Matrosen. Sie suchten andere  Boote auf und schließlich kamen auch die seiner Fähre. Um neun Uhr trat ein schwergewichtiger Mann ins Blickfeld. Seinem Auftritt nach und von der Erscheinung her konnte das der Kapitän sein. 
Er war es. „Sind sie der Mann?“ fragte ihn der etwa fünfzigjährige im Brummton. Seine Züge wirkten schroff. „Gehen wir, ihre Passage ist bezahlt!“
Jóse staunte. Monsieur Ballarde muss es gerichtet haben. Mehr Worte gab es nicht. Ein derber Bursche wies ihm den Weg zu einer dunklen Nische im Zwischendeck und erklärte: „Der Kapitän erlaubt ihnen den Deckaufenthalt zwischen elf Uhr morgens bis Einbruch der Dunkelheit.“
So wartete Jóse voller Ungeduld bis er am Schaukeln und Wasserrauschen bemerkte: Wir sind auf dem Weg.
Pünktlich kroch er heraus aus der Enge die mit seiner eigenen und einigen vorhandenen Decken versehen war. Wie ein Schlag empfand er die Blendung durch die grell leuchtende Helle, dann schaute er sich um, sah die bereits sehr geschrumpften Häuser, Kirchtürme und Höhen Marseilles, zählte die Boote des Konvois und begab sich wieder in die Finsternis. Er wünschte er könnte unentwegt schlafen.
Unmöglich für ihn irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Da stand nur die Frage wie die Einheimischen der islamischen Stadt  ihn betrachten werden, was sie ihn fragen könnten, was er antworten soll, was er vermeiden und was er tun soll. Könnten ihn arabische Wächter verhaften?
Erst als nach schier endlosen Stunden der Reise, die ersten Konturen Afrikas auftauchten geruhte der Kapitän ihn wieder anzusprechen. Seine Stimme klang bemerkenswert höher als zuvor.
Auch von ihm fiel gewisser Druck ab: „So, sie suchen ihre Frau, die aus Valencia wegen ihres muslimischen Glaubens nach Tunis kam. Bedenke sie zwei Dinge. Leute dieser Art, alleinstehende Frauen, stehen in Gefahr sobald sie den Boden des Hafens verlassen, aufgegriffen zu werden, obwohl die Afrikaner normalerweise respektieren, dass es sich um eine Person ihres Glaubens handelt. Nicht selten werden unbegleitete junge Frauen gleich am ersten Tag verteilt. Wenn sie schön aussieht, kann ihr das zu ihrem Glück verhelfen.“
Jóse nahm sich zusammen.
Der Herr mit den scharfen Gesichtszügen, nickte kurz, wollte gehen. 
„Was raten sie mir zu tun?“
„Sobald sie an Land gehen, schauen sie sich zwar sorgfältig aber immer seelenruhig um. Spielen sie einen vornehmen Franzosen oder Spanier. Die Brüder da im Gelände haben einen Blick dafür, ob sie unsicher sind oder nicht. Treten sie, wenn nötig, aber dann konsequent dabei bleiben, als Jude und Händler auf. Es gibt meines Wissens mehr als vier jüdische Gemeinden in Tunis und sogar mindestens vier Synagogen dort. Vielleicht hilft ihnen das. Die Israeliten werden seitens der Einheimischen geduldet, weil sie zuverlässig die Kopfsteuer entrichten. Es gibt auch Christen dort, sogar in der Medina, die sich gelegentlich versammeln, meist katholische Sklaven aber auch einige freie, angesehene Kaufleute.   
Das müssen sie selbst herausfinden.
Reden sie aber kein Wort von Teppichen, dann sind sie verloren. Ich empfehle ihnen einen Jungen zu dingen. Die meisten sprechen etwas Französisch, einige auch Spanisch. Dann suchen sie mit dessen Hilfe einen Farbigen unter den Hafenarbeitern, je schwärzer umso besser. Wählen sie ihn als ihren Gepäckträger. Sagen sie ihm nur, dass sie Waren einkaufen wollen, die er dann buckeln muss. Nehmen sie nicht die billigste Herberge. Bestellen sie nicht die billigsten Gerichte. Und dann, schauen sie niemals einer Frau ins Gesicht, auch nicht wenn sie ganz verschleiert geht. Drehen sie sich niemals nach einer Dame um.“
Als der Segler vor dem bereits vor Jahrhunderten von Musa geschaffenen Hafen manövrierte, befahl Dr. Jóse sich an, jedes Anzeichen von Nervosität zu beherrschen. Es gelang ihm nicht ganz, seinem eigenen Urteil nach. 
Im Hafenumfeld lungerten eine Anzahl Burschen die mehr oder weniger abgerissen aussahen.
Sie umringten ihn sofort.
Dr. Jóse legte ein Schmunzeln in seine Züge.
Intuitiv entschloss er sich für den Stärksten. Der junge Mann wollte sogleich seine Reisetasche übernehmen, was Jóse nur unter erheblichen Bedenken zuließ. Der etwa vierzehnjährige Tunesier, legte den Kopf in den Nacken und strahlte. Gegenüber seinen Konkurrenten hatte er sich durchgesetzt. Er sprach einigermaßen Spanisch, wie viele Tunesier, - kein Wunder die Spanier beherrschten das Land zwei Generationen hindurch, bis vor vierzig Jahren.
Sein Name sei Ali.  Jóse bezweifelte das. Binnen einer Stunde fanden sie einen sehr dunkelhäutigen  Mann, namens Chico, der ebenfalls, wie Ali, gegen Erhalt von einem Silberreal  bereit war ihm vier Tage zu dienen.
Völlig überraschend und angenehm für Dr. Carranza war, dass, wie er bald erfuhr, die Tunesier die maurischen Flüchtlinge aus dem verhassten Christenland Spanien überaus schätzten und schützten. Das klang überall durch. Sie wurden hier gerne aufgenommen. Das hatte sich herum gesprochen. Muslime die seit Generationen aus Andalusien flüchten mussten, besaßen seltene Fähigkeiten, auch im Bereich Landwirtschaft und Gartenbau. Darüber hinaus waren nicht wenige der spanischen Aussiedler geborene Handelsleute und Bauherren die herrliche Stadtteile errichteten und die sich einfügten ins Gesellschaftsleben.
Diese Erkenntnis beruhigte Jóse, sie gab ihm  zusätzliche Hoffnung.
Er fragte gleich zu Beginn ob seinen beiden Dienern der Name des Frachtschiffes „Sardinia“ bekannt sei. Nein. Nichts.

In einem kleinen Gasthaus, am westlichen Stadtrand der etwa zehntausend Familien umfassenden islamischen Metropole, nahmen sie in zwei Zimmern Quartier. Sobald er, nach dem Abendbrot und kurzem Gespräch der Planung für den nächsten Tag, für sich alleine sein durfte, kniete sich Jóse wieder ins Gebet: „Mein lieber Vater im Himmel! Hilf mir meine Frau Jimena zu finden.“ Mehr Worte fand er nicht.
In sich hinein rief er sie jedoch hundertmal. Er sah dennoch nur Schwarz in dieser unendlich langen Nacht, in der es lebhaft zuging. Hunderte Menschen strömten  zum hell erleuchteten Handelszentrum der Medina. 
Es sah nicht gut aus.
Wo sollte er die Suche nach ihr beginnen? Was sollte und durfte er erfragen? Könnte es ihr schaden?
Er schalt sich zudem, in einer wieder depressiven Phase, einen abergläubischen Narren abzugeben, der den Allmächtigen wegen einer Sache behelligte, die nur ihn und Jimena betraf.
So konnte ja jeder kommen.
Millionen schrien ihren Gott zur selben Zeit an: Hilf mir, mein Gott. Millionen in Asien und Amerika, Abermillionen in der Welt der Katastrophen.

Mit der aufgehenden Sonne und den Rufen der Muezzins kam ihm eine Idee. Frage Chico ob sich in Tunis Christen befinden, sich vielleicht sogar versammelten. Da könnte Jimena hingehen, wenn sie frei wäre. Ursprünglich gab es hier Christen zu zehntausenden, im ehemaligen Land arianischer Vandalen. Erst 540 zertrümmerten straff nicänisch-orthodox orientierte Christen das Wohlstandsland der Arianer, die im nahe gelegenen Karthago ihre Regierung errichtet hatten.
Es musste hier Reste von ihnen geben, vielleicht verdeckte, die zum Schein Muslime wurden. 
Irgendwie glaubte er dennoch, dass Gott ihm helfen würde, wer sonst?
Als sie wieder zusammenkamen, sagte Jóse, er betrachte Ali und Chico als seine Freunde. Wenn ihnen daran läge, er würde ihnen ein Extrageld geben, falls sie ihm in einer kniffligen Angelegenheit behilflich wären. Jóse war sich dessen bewusst, dass er damit alles auf eine Karte setzte. Er gab leichtfertig den Status auf, ihr vorläufiger Herr zu sein. Das könnte er sehr bald bereuen. Andernteils könnte er ihre Herzen gewinnen. 
 Während Dr. Jóse mehr erklärte, saßen sie beisammen an einem Tisch im grünen Vorgarten und tranken Kaffee, der von weißgekleideten Jungen serviert wurde. Datteln wurde ihnen serviert, sowie Fladenbrot und Rosinen. Hammelfleisch wurde ihnen angeboten, ebenso etwas das sich dann als rosinengefüllte Schafdärme erwies.
Da  spürte er einen Kniedruck des Schwarzafrikaners. Jóse wurde sofort vorsichtig. Als es entsprechend den Umständen passte, sagte der schwarze Mann zu ihm, in gebrochenem Spanisch: „Der Junge würde sie für eine Handvoll Mandeln verraten, wenn der ihre Hinweise in seinem Sinn deutet. Schicken sie ihn irgendwohin…“ weiter kam er nicht, denn der Ali  erschien wieder.
Jóse hörte auf seine innere Stimme. „Ali, würdest du mir helfen? Ich muss erfahren, ob jemand im Hafen sich an das Fährschiff „Sardinia“ erinnert. Es geht um viel Geld und es geht um einen Menschen der mit ihm hier ankam. Diese Person suche ich. Aus diesem Grund bin ich hier.“
Er musste es riskieren.
Der breitschultrige Knabe mit den Berberaugen, stimmte umgehend zu. Das gefiel ihm. Sofort? Er nahm wahr, dass er ernsthaft anerkannt wurde. Dr. Jóse nickte Zustimmung und reichte ihm eine Tüte mit Salzmandeln.
Auch sein Lastträger  war damit zufrieden.
Nachdem Ali gegangen war riet Chico ihm erneut: „Fortan sind vier Ohren besser als sechs, vor allem wenn es schwierig wird.“
Jóse sah keinen anderen Weg als sich dem Afrikaner nunmehr ganz zu öffnen: „Meine Frau wurde vor ungefähr zwei Monaten zwangsweise nach hier gebracht. Ihr Name ist Jimena, sie stammt aus Valencia, ist ungefähr dreißig Jahre alt, man sieht ihr an, dass sie Maurin ist. Sie ist bekennende Christin, spricht aber fließend Arabisch, kennt natürlich alle islamischen Sitten. Es könnte sein, dass sie als Muslimin betrachtet wird. Sie ist schmal, nicht gerade klein und trägt im Nacken einen Knoten. Mehr Kennzeichen habe ich nicht. Ich vermute, dass sie die Nähe zu Christengruppen sucht, wenn sie nicht verkauft wurde.“
Chico freute sich.
Er reckte seinen massiven Leib. Herr Doktor Jóse tat das, was er ihm geraten hatte und er redete in einem Ton mit ihm, den er wertschätzte. Chico schüttelte den Kopf. „Sklaverei? Ich glaube nicht. Und Christin? Das muss sie doch niemandem erzählen, oder? Ich glaube, wenn sie maurisch aussieht und klug ist, hat sie kaum etwas zu befürchten.“ Er wog den kurz geschorenen, runden Kopf: „Keine Angst! So wahr mein Name Chico ist, ich bin kein überzeugter Mohammedaner. Sie haben mich hier dazu gemacht, genötigt.  Dr. Carranza, ich kann mich umhören, dazu benötige ich Zeit. Ich habe einen Gedanken. Es soll hier einen alten ehemaligen Missionar geben. Missionieren darf hier keiner, aber ich glaube, es gibt mehrere Gebetsplätze für Christen, die dürfen sie betreuen.“

Ein ganzer Tag verging, den Jóse absolut untätig aber unter schwerer Anspannung alleine in der Herberge verbringen musste. Zufällig machte er dort, abends, die Bekanntschaft mit einem spanischen Kapitän. Sie tasteten zunächst  einander ab, wie Jóse es von früher her gewöhnt war, ehe er sich tiefer in Gespräche mit jemanden, vor allem mit Ordensbrüdern einließ. Aber er fühlte bald er dürfe dem kleinen, energischen Mann vertrauen.
Schritt für Schritt kamen sie sich am darauffolgenden Tag so nahe, dass Jóse alle Vorsicht außer Acht ließ und sich ganz und gar zu erkennen gab. Der Herr erwiderte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Frau in die Sklaverei geriet. Ihrer Schilderung nach zählt sie hier als vornehme Muslimin. Es könnte sein, dass sie jemand als Haremsdame begehrte, ich wollte sagen als Hausdame. Dann allerdings wäre guter Rat teuer. Doch, solange sie, lieber Doktor, über Finanzen verfügen wird ihnen selbst  niemand ein Haar krümmen, aber auch das hilft ihnen im Moment nicht weiter…
Oder vielleicht doch.
Sie sind Händler in Sachen irgendwas. Ich muss darüber nachdenken. Man hat mir erzählt dass es eine Anzahl Christen in Tunis gibt.“
Jóses Hoffen verstärkte sich erneut mit diesem zweiten fast unglaublichen Zeugnis arabischer Toleranz. "Ich habe einen Diener arrangiert dem ich vertraue. Er wird mir weiter helfen. Der Seemann nickte: "diese Naturkinder kennen die Hinterlist nicht. Hat man ihr Herz gewonnen, tun sie alles für dein Wohl."
 Mit diesen guten Worten, ließ der Kapitän ihn in diesem Seelenzustand und wechselte das Thema: „Ich suche ebenfalls eine Frau! Da staunen sie, nicht wahr? Im vergangen Jahr hatte ich eine Fracht nach Stralsund in Deutschland. Da verbrachte ich eine Nacht mit einer noch jungen alleinstehenden Dame der Hansestadt. Wir hatten eine gute Zeit miteinander. Wir verständigten uns teils wortlos aber überwiegend  in Englisch. Am Morgen überraschte sie mich mit einem Bekenntnis:
Sie sei eine Gottlose geworden, mitten im Herzland der Protestanten.
Sie sei, wie ich, gottlos. Ich blieb an ihrem frühmorgendlichen Küchentisch wie angenagelt sitzen, als sie mir einen Einblick in ihr gespaltenes Leben gab.  Als Gesellschafterin ihrer Gutsherrin wurde sie von deren Ehemann verführt, als sie sechszehn war.
Eine Heubodengeschichte.
Das Kind das er zeugte hat er nie anerkannt, sie sei eine verworfene Hure, er aber ein guter Protestant. Der Herr Pastor wollte ihre Angabe wer der Vater ist, auf keinen Fall ins Taufregister eintragen. Sie müsse eine Kirchenbuße auf sich nehmen. So sein Urteil. Am kommenden Sonntag habe sie vor der Gemeinde zu stehen und sich als Sünderin zu bekennen um dann den wahren Verführer heiraten.
Sie wurde klein und der Bauer groß geredet.
Statt eines grünen Kranzes hätte sie zur Hochzeit, zu der er dringend rate und zu der er notfalls nachhelfen werde, einen Strohkranz zu tragen.
Schon die Idee verweigerte sie entschieden.
Sie musste den Hof mit ihrem angeblichen Hurenkind wegen Unzucht verlassen.  
Als sie danach ihren Beischläfer, den Vater ihres Kindes, in der Kirche laut und inbrünstig singen hörte, stellte sie alles in Frage. Von da an schaute sie genauer hin, was ihre Mitmenschen trieben, worüber sie ihre Witze rissen, vor allem wenn sie weintrunken waren, die Herren der Schöpfung.
Sie sagte wörtlich: „Diese Sorte Anbeter und der frühe Tod meines Sohnes zerstörten meine Seele!“ Nun liebe sie, wie sie will.
Das beschäftigt mich seit Wochen und erst jetzt vermisse ich sie wirklich. Wenn ich kann segle ich zurück und werde sie mit mir nehmen und heiraten. Ihr Trotz gefiel mir, ihre Art wie sich mich aufnahm. Das treibt mich leider erst jetzt, aber mit zunehmender Wucht. Ich will nicht, dass sie auf der Straße umkommt. Da hole ich sie heraus und als ich das beschloss, stellte ich fest, dass ich in sie verliebt bin. Ich will.“
Er seufzte, als sei er unfähig sich selbst zu verstehen.
„Mein Gott, das hast du uns ins Blut gelegt. Nein, Dr. Carranza ich werfe Gott nichts vor. Das kann ich nicht, weil ich nicht mehr an ihn glaube.“ Er lachte: „Dieses Feuer in unseren Adern wärmt ja das Haus, es muss ja nicht gleich die ganze Stadt in Brand stecken.
Aber was in aller Welt tun die Mönche wenn die das befällt, was die jungen Nonnen, die der liebe Gott für die Vermehrung geschaffen hat, die sehr reuig doch zu spät erkannten worauf sie sich eingelassen haben?“
Der Kapitän lachte wieder.
Dann flüsterte er Jóse ins Ohr: „Die Kirche zerstörte meinen Glauben.“ 
Sogar hier in Tunis empfand ein Mann, wie dieser Kapitän Bedenken, dass die Inquisition mithört. 
Wirklich sonderbar. 
Da war sie wieder, die Macht der Gewohnheit.
„Mein Mädchen konnte nichts anbieten, der Bauer dagegen hatte Weihnachtsgänse. 
Ist es etwa nicht wahr, dass bei gewissen Priestern im Zweifelsfall die Aussicht auf eine Gratisgabe schwerer wiegt als die Lust darauf die Wahrheit herauszufinden?
Es müsste umgekehrt sein.
Sich selbst können sie nicht bezwingen, aber unseren Willen brechen, und uns einreden wir wären zu klein, das mögen sie.“

Wie wir einander doch im Wissen und Fühlen ähneln, dachte Jóse und sagte: „Das, genau das ist das Problem meines Lebens. Kyriake oykia bedeutet im eigentlichen Sinn die Kirche bietet denen ein Dach, die es bedürfen. Meiner Familie nahm sie das Dach weg.“
Er fühlte sich zu diesem etwa dreißigjährigen kleinen, energischen Mann hingezogen. Der Leichtsinn riss ihn hin zu sagen: „Ich bin ein ausgebüxter Ordenspriester, weil ich die Unredlichkeit nicht mehr ertrug.“
Über das Gesicht des Kapitäns huschte ein anerkennendes Aufstrahlen. Es erlosch nicht als Jóse hinzufügte: „Ich bin Opfer und weiß doch, aus  tausend Erfahrungen, dass Gott lebt. Nur ist es nicht der, den die mächtigen Banditen uns vorgaukeln.
Meiner ist bekümmert, wenn sie ihn mit Weihrauch betäuben wollen. Meiner hasst das Getue. 
In Spanien ist der Teufel los. Sie verheizen was ihnen brennwürdig erscheint, wenn sie es packen können. 
Fortwährend drohend leben sie ihre kurios-schreckliche Illusion, sie wären Diener des Höchsten. Ahnen sie wirklich nicht, dass ihre Kirche den falschen Gott verehrt?  
Sie erhöhen wo sie können, den Druck auf normale Leute und zwingen sie zu gewissen Lebenslügen.
Das hatte der Gott, den Christus anbetete, untersagt. 
Fast alle beugen sich dem Druck: In den Staub oder auf den Scheiterhaufen! 
Doch das hat schon der Elitechrist Laktanz gewusst, der berühmte Nikomedier zu Zeiten altrömischer Kaiser. 
Mit Blick auf das in seinen letzten Lebensmonaten aufkommende Triumphgeheule gewisser Christen warnte er:  „dass jemand unter Zwang etwas verehrt, das er im Ernst gar nicht verehren will, kann nur zur Heuchelei und Simulantentum führen.“(66)
Entweder ist Anbetung echt oder ein Hohn. Viele Kluge liegen aus Furcht vor Strafen im Staub vorgetäuschter Glaubenstreue und schämen sich heimlich.  
Das weiß ich. 
Du bist kein Gottesleugner, Kapitän, du magst nur nicht glauben und verehren müssen, was gespenstisch ist. Das Evangelium Christi ist zur Drohbotschaft mit bösen Folgen verkommen.“ 
Es wurde ein langes Gespräch. „Schön und gut“, erwiderte der Seemann, „man muss Prinzipien haben. Es ist schon in Ordnung, was du sagst Doktor. Allerdings übe ich  eben diesen Zwang, den keiner mag, schon gelegentlich an Bord aus.  Ehe mein Schiff im Sturm untergeht würde ich notfalls mit der Peitsche durchsetzen: werft alles über Bord, was nicht niet- und nagelfest ist. Wenn es mein Leben retten würde, pfiffe ich sogar auf meine Freiheits- und andere -prinzipien, die mir lieb und teuer sind.“
Moralist Jóse konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Er lachte sogar, wie über einen guten Witz, denn im Grunde dachte er dasselbe. 
Deshalb bestätigte er: „Ausnahmen bestätigen die Regel!“  
Mit einem Handschlag besiegelten sie ihre Freundschaft. In diesem Mann war kein Falsch, und darin waren sie sich einig: es gab nur wenige, die ohne Falsch zugleich tiefgläubig waren.

Als Jóse wieder angespannt zwischen Ungeduld und Hoffnung auf seiner Strohmatte lag, wurde ihm stärker denn je bewusst, wie kostbar ihm Jimenas Seele geworden war, wie unausdenkbar leer sein weiteres Leben sein würde, wenn er sie nicht fände.

Chico und Ali kamen fast zeitgleich zurück. Chico konnte nur so viel berichten, dass er erfuhr wo der alte ehemalige Missionar wohnt. Dann kam Ali darauf zu. Ja, vor Wochen hätte der Segler „Sardinia“ hier kurz vor Anker gelegen. Jóses Herz  jubelte kurz und heftig. Er gab beiden einen Silberreal und erteilte dem tunesischen Jungen  den Auftrag umgehend herauszufinden welche Fracht die “Sardinien“ gelöscht habe, und das nicht nur um ihn sich vom Hals zu halten. 
Er wünschte umgehend den alten Mann und Priester aufzusuchen, obwohl er erkannte, dass ihm bis zum Einbruch der Dunkelheit nur zwei Stunden blieben. Chico meinte, dass es anginge.
Wie sich später herausstellte, folgte Ali ihnen, entgegen der Weisung die er erhielt.  Wie ein feiner Schatten blieb er hinter ihnen, bis zu ihrem Ziel.

Im Gewirr zahlreicher Gassen und nach knappen Nachfragen wo das uralte Badehaus des Antonius zu finden sei, fanden sie innerhalb der ehemaligen Stadtmauern im nördlichen Eck, in der Nähe einer der zahlreichen Moscheen das elende Quartier und drinnen, vor einem weit geöffneten Fenster, einen weißbärtigen, zivil gekleideten Mann, der scheinbar gelangweilt vor sich hin sinnierend seine Pfeife rauchte. 
Dieser Herr in seiner grauen Tunika  schaute Dr. Jóse ungeniert und nur kurz prüfend an.
Er nickte mit seinem großen Kopf ehe er seelenruhig und mit einem bestimmten, summenden Ton hinzusetzte: „Willkommen Dr. Carranza! Kommen sie nur herein,“ als wäre dies die größte Selbstverständlichkeit, als hätte er ihn zuletzt vor ein paar Tagen gesehen.

Verdutzt, dass ihm das in Afrika widerfuhr erwiderte Jóse, noch draußen stehend, „Vielleicht, ich kann mich nicht an alles erinnern.“ 
Was sonst hätte er sagen können? Der Mann auf der anderen Seite sagte: „schauen sie mich genau an!“
Diese Augen kannte er, diesen Ausdruck äußerster Entschlossenheit.
Jóse schlug die flache Hand gegen die Stirn: „Oberst Manuel Martinez“.
Der Mann mit der durch seinen grauweißen Bart verdeckten, großen Gesichtsnarbe legte sofort den Finger auf die bärtigen Lippen.
Jòses Herz ging schneller. Er musste die Lider schließen. 
Er konnte es nur als gutes Omen deuten.
Gab es das?
Sie betraten das mehr als schlichte Zuhause eines sonderbaren Mannes, den anscheinend nichts in der Welt mehr erschüttern konnte.
Jóse konnte es nicht fassen. Die Frage nach Doña Catalina Cazalla wollte gleich über seine Lippen platzen.
Mit seinem „Ja, irgendwo muss man doch leben“, kam ihn der ehemalige Geistliche und Exoberst zuvor.  
Er schien heiteren Gemütes zu sein, bot Platz und Getränke an: „Was treibt sie daher?“
„Was wissen sie von Doña Cazalla?“ 
Oberst Martinez erstarrte. 
Keine Antwort.
Er wurde bitter: „Hatten wir einen Verräter unter uns?“ 
Er zuckte schließlich die Achseln und beantwortete die eigene Frage mit den Worten: „Wir werden es zumindest in diesem Leben nie erfahren. 
Das ist es was sie wollen. 
Misstrauen säen. 
Jeder soll jeden für verdächtig halten, ein Übertreter zu sein. 
Nein! 
Sie war zu offen, die liebevolle, tapfere, vornehme Dame, da halfen alle Heiligenbilder mit denen sie sich wie eine Schutzwand umgab gar nichts. Sie hätte vorsichtiger in der Auswahl ihrer Freunde sein müssen. Schon unseretwegen. Sie konnte und wollte es nicht anders. Sie lud unmögliche Leute in ihr Haus.“
Er schimpfte heftig.
„Einerseits hielt sie die Gruppe zusammen, anderseits sehnte sie ihren Tod herbei. Dieser Widerspruch wurde von uns zu spät erkannt. Das konnte nicht gut gehen. Dabei waren wir auf dem richtigen Weg. Wir wissen nicht welche Fäden sie außerdem noch zog. Sie wollte die große Rache. Der Teufel aber hasste sie.“
„Und sie, Oberst,  entkamen!“ 
„Ja mit Mühe und Not, weil mich ihr sehr umsichtiger Bruder Hernando rechtzeitig warnen konnte.“
„Und nun?“
„Und nun, habe ich aufgegeben. Dieses Spanien ist wie ein störrisches Kind. Es will, anders als ich, seine Lektionen nicht lernen. Es lohnt sich nicht mehr die eigenen Pfoten zu verbrühen. Jetzt werde ich leben. Ich suche mir eine Frau und werde leben!“
„Ich auch!“ erwiderte Jóse Carranza unwillkürlich. Er nickte und Chico bestätigte es unaufgefordert: „Mein Herr sucht seine Ehefrau, eine Vertriebene aus Valencia.“
„So“, scheinbar entrüstet,, und jäh gut gelaunt, höhnte Manuel Martinez: „seine Frau sucht er, der Ordenspriester, der früher einmal einen Rundbart trug“. 
Dieser schelmische Ton  in der Nachfrage des gewesenen Pfarrers und Oberst löste die gedrückte Stimmung. 
Oberst Martinez  blies dicken Tabakqualm in eine Mückenschar.
Dr. Carranza erklärte sich, wenn auch ungeschickt und umständlich.
„Hm“ erwiderte der Oberst, der in seinem Leben wahrscheinlich weit umher gekommen war und schließlich gejagt und gehetzt von den gnadenlosen Familiaris Spaniens, sich in Tunis versteckte.
„Von alledem, ich will sagen von ihrem Privatleben, hatte ich nie die geringste Ahnung. Für mich war Doktor Jóse ein rebellischer, hoch gelehrter Religionsphilosoph und nun ist er ein ziemlich verwegener Abenteurer,   wie ich selbst einer war.“
Es  schien so als hätte ihm ein schärferes Wort auf der Zunge gelegen. 
Aber damit hätte er den Kern wohl nicht getroffen. 
Sie konnten nicht aufgeben.
Jóse offenbarte sich rückhaltlos: er schilderte wie seine Jimena aussah, wie alt sie ist, wo sie herkam. Er wüsste sogar mit welchem Frachtschiff sie nach Tunis gesegelt wurde.
Der Expriester und  Oberst paffte und nickte, wobei er zugleich sein gewinnendes Lächeln ins Gesicht setzte. Er wippte auf dem Rohrstuhl und nach kurzem Augenblick des Nachdenkens schoss sein Zeigefinger vor: „Dr. Carranza, mein Bruder, mir scheint ich kann dir helfen.“
Da musste der Empfänger dieser wunderbaren Botschaft sich zurücklehnen. Jóses Spannung wuchs ins beinahe Unerträgliche. Er hielt die Luft an.
Der Mann mit dem neuen  Aussehen legte die Pfeife auf den mit Büchern bedeckten,  kleinen Rundtisch. „Obwohl mich die Versuchung plagt, zu sagen, an dir hat der Beelzebub wahrlich keine FreudeIch gehe gelegentlich zum Hafen hinunter um mich zu zerstreuen: ich erinnere mich an die Szene als die „Sardinia“ anlegte. Anfang November oder wenig später. Da war unter den vielleicht einhundert nervösen Menschen die über den schmalen Steg mit ihren ärmlichen Bündeln strömten, eine einsame Frau die deiner Schilderung entsprechen könnte. Ich wusste, dass waren Vertriebene, solche Boote langten in diesen Tagen öfter an. Ich selbst kam ja schon Ende September hierher, mit List und Glück.“
Er schaute wohl in sich hinein.
„Allerdings kam die Dame mir ein wenig älter vor, als du sie schilderst Doktor. Ein vornehmer Tunesier befand sich, mit einer Begleiterin an seiner Seite, in meiner Nähe. Später ging die Einsame mit ihnen davon. Ich erinnere mich an das noble, vollständige Gesicht des nahezu bartlosen Arabers mit seiner leicht gezogenen Abrahamnase. Ich schaute ihnen nach. Er hinkte ein wenig.“
Jedes Wort, des binnen weniger Monate um Jahre gealterten Oberst in seiner schlichten Kleidung, wog wie pures Gold. Hinkender, nahezu bartloser Araber jüngeren Alters. Davon gab es keine Tausend und keine zehn in dieser Stadt.
Jóse hob den Kopf, und schalt sich umgehend hart ein Ungläubiger zu sein. Mein Gott, wie ich dir danke. Das kann kein Zufall sein. So viele Zufälle gibt es nicht.
Das war Fügung.
Deine Gebete waren doch nicht vergeblich gewesen, obwohl dein schlauer Kopf auf den du so stolz bist, danach stets zweifelte, dass Bitten an den Allerhöchsten mit einem nützlichen Hinweis auf einen Weg aus der Not beantwortet werden.
Mit seiner Vernunft alleine konnte er es nicht begreifen.
Doch im tiefen Innern seines Wesens wirkte eine wunderbare Macht, die ihn verwies.

Chico fand nach nur zwei Tagen umsichtiger Suche das Haus des schwachbärtigen Arabers. Es war, wie er berichtete, eins der wenigen einzeln stehenden von einem großen Garten umgebenen.
Jóse glaubte fast, an seinem Ziel angekommen zu sein. 
Welcher Aufschrei seiner Seele.
Unbedingt musste er nun Ali für immer loswerden. Ali bedeutete Gefahr für alle. Gib ihm Geld und eine gute Ausrede.
Ali maulte. Er nahm das Geld und eine Silbernadel, obwohl er keine gute Nachricht überbringen konnte. Langsam trollte er sich davon. Aber das war ja so abgemacht, sein Dienst sollte von Beginn an nur drei Tage dauern.
Was allerdings der Knabe plante konnte niemand ahnen. 

Nachdem Ali davon gegangen war, folgte Jóse seinem Diener Chico, der ihm den Garten und das Grundstück zeigen wollte. 
Chico meinte allerdings gleich, sie müssten damit rechnen, dass Ali sie belauerte. Er würde nicht so schnell den Pfad verlassen, der den Geruch von Silber hatte.
Deshalb gingen sie Umwege durch schmalste Gassen und Hinterwege. 
Jóse schien, jeder Schritt sei einer zu viel. 
Zum ersten Mal in seinem Leben plagten ihn Herzschmerzen. 
Chico schaute sich vorsichtig  um und machte dann, plötzlich, seinen Herrn auf eine sehr kleine Spalte im Mauerwerk eines weißgetünchten Walles aufmerksam.
Jóse legte unwillkürlich die Hand auf seine linke Brustseite.
Er konnte in den reich blühenden, sonnenüberfluteten Garten blicken und sah für die Länge eines Atemzuges, wie sie die Herrschaft mit Getränken und Früchten bediente. 
Jóse weinte in sich hinein, schwach wie ein Kind. 
 Seine Jimena. 
Kein Zweifel. Sein Herz machte Sprünge und Chico legte seine riesige Hand auf die Schulter des Doktors. Der umarmte seinen schwarzen Freund Chico spontan. Was wäre aus alledem geworden, ohne ihn? Sie schauten sich um, waren gewiss, dass niemand sie gesehen hatte.  
Jóse konnte sich nicht vom Platz lösen, schaute erneut durch den Mauerspalt und sah nun nur die Blumen und nur Tamarisken, sowie die große Palme unter der sich die drei für ihn wichtigsten Personen noch vor einem Augenblick befunden hatten.
Die Sonne war hinter Wolken verschwunden.
Es wurde kühl.
Nein, das war kein Traum gewesen, keine Illusion. Wiederholt musste er sich das einreden. Was tun? Sie berieten. 
Chico erwies sich erneut als der Klügere. Sie sollten den angeblichen Missionar bitten ihnen zu ermöglichen einen auch in arabischem Stil verfassten Brief zu schreiben, den er, Chico, übergeben würde. 
Ungeduld sei ein schlechter Ratgeber.
Chico zeigte Jóse daraufhin und nachdem sie ein Häuserviertel umrundet hatten, die unansehnliche Vorderfront dieses dunkelbraunen Hauses in dem sie sich befand.
Über der geradezu winzigen Haustür sahen sie einen schönen, weißen Bogen. Der war mit Goldschrift verziert. 
Chico sah sich außerstande den Text zu lesen. Er meinte, es sei dort wahrscheinlich ein Koranvers verewigt worden.
Die Dämmerung kam und bald darauf hallten von den vielen Minaretten der Moscheen die Rufe der Muezzins zum Gebet.
Chico warf sich zu Boden und Dr. Carranza befand sich in Verlegenheit.
Er setzte sich auf eine der den Häusern vorgelagerten Steinbänke und senkte das Haupt, um keinen Anstoß zu erregen. 

Der Oberst, den sie am folgenden Vormittag aufsuchten nickte Zustimmung. Er selbst sei des Arabischen nicht mächtig, doch da sei einer seine Lateinschüler, ein sehr begabter sechzehnjähriger, Sohn eines Pferdehändlers, dem man vertrauen darf: „kommt morgen Nachmittag!“

Der Brief kam zustande. Spät, im Schutz der Dunkelheit, machten Jóse und Chico sich, das Papier wohlverwahrt unter einer bunten Bluse, auf den Weg zurück in die Herberge, wo neue laute Gäste, mit ihren nervenaufreibend brüllenden Kamelen, wahrscheinlich aus Libyen, wie Chico meinte, gerade angekommen waren.

Er überbrachte dem noblen Araber das Schreiben.
Nach endlosen Wartestunden brachte er die gute Nachricht mit, Jóse würde am kommenden Freitag willkommen sein. Dann hob der Afrikaner die Stirn, legte sie in Falten: „Ali belauert uns. Ich erwischte ihn am Kragen. 
Wer Geld will, der will immer mehr." 
So sei es auch mit dem Araber. 
Dr. Jóse sollte einen goldenen Armreif als Geschenk mitbringen. Nein, der Hausherr habe selbstverständlich nichts angedeutet, doch jeder bedeutende Gastgeber, wenn er einen Ausländer oder einen Unbekannten empfängt will dessen Großmut sehen.
Die beiden Nächte erschienen Jóse erneut als unerträglich lang, obwohl er starken Wein getrunken hatte. Hinzu kam das nervenaufpeitschende Röhren der Kamelstuten.
Wenn er so weiter machte, dann kam er arm wie ein Bettler daheim an. Doch wenn er dann mit Jimena an seiner Seite, in Marseille landete, war es das hundert Mal wert.
Zwischen dem frechen Aligesicht und dem schönen Jimenas sprangen Dr. Jóses Gedanken hin und her.

Am besagten Tag weckte er Chico früh.
Sie sollten vor dem Morgengrauen aufbrechen.
Chico murrte nicht, obwohl er offensichtlich müde war. 
Langsam und so gut wie lautlos  machten sie sich auf den Weg. Vor einem nördlich gelegenen Gasthaus nahmen sie auf einer empfindlich kalten Steinbank Platz. 
Vier lange Stunden hatten sie abzuwarten und dann noch einmal zwei.
Als Jóse, von Chico begleitet, an die Straßenpforte  klopfte, öffnete ihnen ein freundlicher Diener den Chico bereits gesehen hatte. 
Jóse schaute sich langsam um. Ein gut eingerichtetes Haus, dachte er,  als sie hereinkamen. Herrliche Holztäfelungen geschmückt mit Arabesken säumten den langen Flur. Von der Seite fiel Licht auf die vermutlich mit Koransprüchen verzierten weiß gekalkten Wände. Ein paar Schritte weiter gingen sie durch einen hufeisenförmigen ebenfalls  in Gold gemalten Türbogen und dann stand er unerwartet vor Jimena, die in einer Wandnische lesend saß.
Sie öffnete den Mund, ihre Augen weiteten sich. Sie flog ihm an den Hals.
Kein Laut kam über ihre Lippen, aber ihr schmaler Körper bebte. Ihre Angst war riesig, wie ihr Glück.
Jóse sah ihn gleich. 
Von einer schmalen braunen Treppe herab stieg der vornehme Herr langsam. Er hob den Kopf. Offensichtlich verärgert nahm er wahr was in seinem Haus gegen seine Zustimmung geschah. Eine Fliege ärgerte ihn. Sein Gesicht verzog sich.
Chico übersetzte und erklärte den Vorfall, beide wären spanische Eheleute. Das Arabische „alzawjayn“ , „Vermählte“ das Jóse kannte, hätte er nicht sagen sollen, sondern eher andeuten: sie wären Verwandte. Chico hatte es eigenmächtig hinzugesetzt. Dr. Carranza kam mit seinen aufgeschreckten Gedanken nicht weit. 
Er warf sich Leichtsinn vor. 
Warum haben sie das zuvor nicht abgesprochen? Nur den Wortlaut vortragen, nichts sonst.  
„Sie sind Christ?“ Jóse nickte zustimmend und bekannte es mit den wenigen arabischen Worten die er beherrschte. Der Hausherr runzelte die Stirn tiefer.
Er gab sich dann offensichtlich einen Ruck: Dr. Jóse möge in den Schatten des Hauses eintreten, allerdings das unter Muslimen übliche „Assalam“ meidend. Araber stellten stets den Sinn für Gastfreundschaft über jedes mögliche Bedenken. 
Jóse beruhigte sich wieder. 
Gut so! Dass Jimena etwa seine Nichte sei, hätte der Tunesier ihm ohnehin nicht abgenommen.
Die Lüge verzeihen sie nicht.
Jòse sagte einen weiteren auswendig gelernten Satz auf Arabisch und überreichte sein Geschenk, die Goldkette. Die Erwiderung war höflich, doch wie er dem Ton entnahm, so gut wie nichtssagend.
Sie wurden in den prachtvollen Garten geleitet. 
 Herrliche Blumen bildeten den Kontrast zum inneren Chaos des Jóse.
Es folgte ein endloses Palaver über den Krieg Spaniens in den Niederlanden und dem erzielten Friedensabkommen. 
Das sei eine Glanzleistung des Herzogs von Lerma! 
Diese Randbemerkung des Gastgebers erstaunte Dr. Carranza. Das sagte er und verband es mit einem Kompliment, das leider seine Wirkung verfehlte oder hatte Chico falsch und unvollkommen übersetzt? Ein wenig hochmütig winkte der Araber ab.
Man bewundere in Tunesien das Talent des Herzogs von Lerma. Ohne ihn wäre das reiche Spanien arm.
Es ging sodann um Dattellieferungen nach Frankreich und die Preise.
Jóse brannte. Doch ehe der Vornehme ihn zu Wort in eigener Sache kommen ließ, musste er leiden.
Von Jimena keine Spur. 
Das musste er negativ deuten.
Der arabische Kaufherr hörte ihn endlich an.
Eigentlich habe sein Diener und Freund Chico, - der laufend übersetzte, - bereits das Wichtigste gesagt. Er, Jóse, sei dem Hausherrn sehr dankbar, dass er seiner Frau Jimena eine sichere Bleibe gewährte. 
Dem Gesicht des sich fast gelangweilt gebenden Mannes mit dem dünnen Lippen-und Kinnbart war der Unmut abzulesen. 
Dass ein Christ sich ungeniert in seinen Hoheitsbereich gedrängt hatte um ihm keck eine Dame muslimischer Religion zu entreißen für die er die Verantwortung trug, das missfiel ihm enorm.

Der Araber gab seinem Leibdiener einen Auftrag, wahrscheinlich den Kaffee betreffend, Jóse war nicht sicher, doch er  ahnte, trotz des Austausches von Höflichkeiten stand fest, er wird Jimena nicht wieder sehen.
Sie gingen wieder durch den Garten, nicht ins Haus, obwohl es kühl geworden war, da sich die sonst angenehm wärmende Sonne wieder hinter dichten Wolken versteckte. Jóse sah deutlich, dass ihm kein langes Gespräch vergönnt sein wird.
Er habe in Jimena eine treue Muslimin gefunden, sagte der wohlsituierte Kaufmann nach einer Weile weiterer oberflächlicher Konversation, indem er sich immer wieder unterbrach und auf die radschlagenden Pfauen und tuckenden Perlhühner hinwies, und nachdem er seinen Gästen noch einmal sehr, sehr freundlich Plätze angeboten hatte, kam es heraus. Er habe bereits nach wenigen Tagen ihrer Anwesenheit in seinem Haus betroffen und unerfreut zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie mit einem Nichtmuslim verheiratet sei.
Das erlaube der Koran nicht! Auch dann nicht, wenn dieser Mann sich seiner eigenen Religion entfremdet haben sollte, dem Propheten Mohamed jedoch die Ehrerbietung versage.
Wie ein Hammer fiel jedes Wort auf das Haupt des ehemaligen Dominikaners. Umgekehrt sei es gestattet. Ein Muslim darf eine Christin ehelichen. 
"Meine Frau ist Christin!" brach es aus Dr. Carranza heraus. 
Der Araber runzelte die Stirn: "So viel wie ich weiß, wurden ausschließlich Maurisken, also Muslime aus Spanien vertrieben!"
Jetzt grinste der Araber wie zum Hohn.
Jòse könnte ihm an die Gurgel greifen.
Seine Versuche die Umstände zu erklären wurden brüsk abgewiesen.
"Wie gesagt, ein Muslim darf zwar eine Christin ehelichen, aber nicht anders herum." Das sagte der Islamgläubige  mit großem Nachdruck. 
"Ein Koranverehrer - das ist immer so - hat seiner Frau Religionsfreiheit zu gewähren. Der auf seine Religion und seine Besitzerrechte stolze Herr redete, als sei er der geduldigste unter allen Erklärern. Chico übersetzte fließend ohne sein Gesicht zu verziehen:
Ein Nichtmuslim glaubt nicht, dass der Prophet Mohammed von Gott gesandt wurde. Er respektiert nicht den Islam. In den meisten Fällen neigt er dazu, an alle Lügen und Gerüchte, die über den Islam und seinen Propheten verbreitet werden, zu glauben. Selbst, wenn er dies nicht in Anwesenheit seiner Frau zugibt, wird sie doch immer das Gefühl haben, dass ihr Mann ihre Religion verachtet. Der gegenseitige Respekt zwischen Mann und Frau, der eine notwendige Grundlage für jede Ehe ist, würde damit fehlen. Dies würde entweder zur Scheidung oder zu einer unglücklichen Ehe führen.
Eine Muslima darf also einen Nichtmuslim nicht heiraten.“ (67) 
Knüppelhart prasselten die kuriosen Richtsprüche auf das Haupt des Unschuldigen. Der Araber sah das Entsetzen in Dr. Jóses Gesicht sehr wohl. 
Er entschuldigte sich sogar mit den Worten: „ich kann weder das Gesetz brechen noch Gott beleidigen!“ Er lehnte sich zurück, strich über seinen kurzen in der Tat sehr dünnen, angegrauten Kinnbart, atmete tief, als wolle er dennoch sein Mitgefühl ausdrücken. 
Jóse gab in Bitternis vor sich selbst zu, dass er mit keiner Silbe jemals auch nur Ähnliches gedacht hatte.
Jimena war durch Geburt Muslimin, wie er durch Geburt ein Katholik. Gleichgültig was sie persönlich als religiöse  Meinung vertraten. Auf ihn erhob die Inquisition Anspruch und auf sie das islamische Recht. Beide erbarmungslos.

Der tunesische Kaufmann gab sich noch eine Weile im Stil konziliant aber in der Sache unbeugsam.  Jimena habe Gott ihm zugeführt. Er wäre sein Leben lang von Allah geleitet worden. Sie sei ihrer Herrin sehr willkommen, wegen ihrer angenehmen Manieren und wegen ihrer Bescheidenheit auch ihm sehr beliebt.
Er lächelte verbindlich.
“Wir fanden sie, weil Gott es so wollte.“
Jóse konnte sich kaum beherrschen. Die Muslime dachten in denselben irren Bahnen wie verrückte Katholiken:  „Gott will es.“ Und wenn es der größte Blödsinn war. Dieser noch junge Mann könnte im Schilde tragen Jimena zu heiraten.
Jóse wusste, er wird seine Geliebte nicht wieder sehen. 
Dafür wird irgendwie gesorgt werden. 
In diesem Land ist er ein Nichts und hätte er Millionen… er mit seinen sehr begrenzten Mitteln musste dreifach alle Hoffnung begraben. 
Ein geduldeter Christ, als Gast, im Tunis des dort immer noch existierenden Mittelalters war noch weniger als ein Nichts.
Er musste froh sein, dass sie ihn nicht sofort des Landes verwiesen.
Hätte Jimena gleich sagen sollen sie sei Christin?
Es hätte nichts geändert. Vielleicht hat sie es sogar gewagt.
Die Gedankenfäden verwirrten und verwickelten ihn in Spekulationen.
Zum Schlimmsten gehörte die Vorstellung, der freundlich lächelnde Mann könnte ihm eine Anzahl Totschläger auf den Hals hetzen, falls er ihm widerspricht oder noch mehr verärgert.
Ruhig Blut bewahren.
Der Araber verabschiedete seine beiden Gäste und entschuldigte sich, ihm tue es leid.  Er möchte bitte in dieser Angelegenheit nicht wieder behelligt werden. 

Das war die muslimische Welt. Diese Tür wird Dr. Jóse Carranza nie wieder durchschreiten.
Ekelhaft fette Fliegen schwirrten um sein Haupt. Und Chico schwieg anscheinend teilnahmslos. Sie gingen sehr langsam zurück, obwohl es dann zu regnen begann. 
Jóse setzte seine Schritte tief in Gedanken sonderbarster Art. Er könnte den Mann vergiften.
Anderthalb Monate hat er noch. Nicht mehr, sonst geht ihm möglicherweise Ahmed verloren. Aus!
Panisch suchte Jóse nach einem Strohhalm der ihn vor dem Ertrinken rettet: Gott! Gott hat dich erhört, frage ihn um Rat.
Chico verzog sein Gesicht, als sein Herr laut zu sprechen begann er habe beschlossen, er werde wie die alten Israeliten fasten, bis er Licht sieht. So sein Vorsatz, obwohl ein tief verborgener, gegensätzlicher Teil seines Wesens ihn wieder auslachte. Rückfällig werdend bereitete ihm sein Pessimismus neue Qual: siehst du lieber Doktor der Schrift, du machst dich lustig über die Schicksalsgläubigkeit deiner Mitmenschen und zugleich denkst und hoffst du, der Herr und Schöpfer des Weltalls würde sich um deine kleinen Sorgen kümmern.

Jóse fastete zwei Tage lang, trank aber Saft.
Er bat intensiv um eine Eingebung, doch der Himmel lag wie Blei auf ihm.
Alles war dunkel, wie es nur afrikanische Nächte sein können.
Chico der über ihn wachte, raunte ihm am Morgen des dritten Tages Mut zu: „Meister, du brauchst ein schnelles Boot. Hast du die Mittel dafür oder kannst du den Segler bezahlen wenn du wieder an deinem Zielort ankommst?“ 
„Ja und?“ 
„Erst musst du das Boot mieten. Dann entführen wir deine Frau. Ich denke ich weiß, wie es gehen könnte. Erst das Boot. Aber es darf unter keinen Umständen aus dem Tunishafen stammen. Ich weiß jetzt, wie sehr ich dir vertrauen darf. Kannst du die Fahrt lohnend bezahlen?“
Keine Frage. In Marseille könne er,  wenn es sein muss auch reichlich zahlen. Und Chico vollendete: „Das andere erledige ich!“
Eine halbe Stunde später, nachdem er Chicos Fluchtplan vernahm, - jedoch noch nicht Konkretes was zu Jimenas Freiheit führen könnte -  brach er das Fasten und schaute nach vorne.
Entführung!
Er verzehrte Datteln und Fladenbrot, eine Mahlzeit, die ihm, nach dem Fastenbrechen zuerst bitter, dann aber wie Manna schmeckte. Umgehend schlug ihn jedoch wieder der Zweifel.
Niemand, selbst Chico mit zehn Freunden, könnte nicht in dieses Haus einbrechen und ihm dann lebend entkommen. Selbst wenn das gelänge, der Weg zum gemieteten Segler wäre gesäumt von Verhinderern des Entkommens. 
Sie werden zudem Jimena ab sofort sicher eingesperrt halten. Auf Monate hinaus wird ihr verboten werden den Basar zu besuchen.
Ihm fiel das Bild vom Garten ein, wie er sie dort zuerst sah.
Es gibt Gebetszeiten, fünf des Tages. Nein, auch das half nicht. Stundenlang zermarterte Dr. Jóse sein Hirn.
Gewaltsame Entführung! Dieser Gedanke wäre ihm nie gekommen. Wie sollte er?  Er, ein Nichts, bricht in einem fremden Land mit fremden Sitten in ein arabisch geschütztes Wohnhaus ein?
Das wäre tödlich.
Chico kam mit leuchtenden Augen heim: „ich habe es gemietet und den Bootsbesitzer überzeugt, indem ich ihm den Preis nannte.“
„Und nun?“ wollte Jóse wissen. Ihn interessierte nicht um wie viel Geld es sich handelte. Prompt sagte der Afrikaner, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit:  „Das Haus muss brennen!“
„Um Gottes willen!“ protestierte Dr. Carranza. 
Der feste Blick seines Freundes sagte alles: „Ich werde herausfinden wo sie schläft und wo ihre Herrschaft. Es kommt uns sehr zugute, dass die Villa einzeln steht,   und dass die Fenstergitter nur waagerecht stehen. Ich muss mich bekannt machen mit jemanden der mir vertrauenswürdig erscheint. Jemand von denen die aus diesem Haus zum Markt gehen.
Nichts ist jetzt wichtiger.
Finde ich, was ich suche, dann geht es. Ein Unzufriedener im Haus des Arabers der mir vertraut, dann geht unser Plan auf.“
Unser Plan!
Wie sehr Chico mit solcher Demut in den Augen Jóses wuchs.
„Dr. Carranza du hast mir gesagt du hättest noch einen Monat Zeit. Nutzen wir sie.“
Er tanzte.
„Wie kannst du sicher sein und herumspringen, als sei die gefährlichste Sache meines Lebens schon gelaufen? Ein Haus anbrennen…“
„Ich bin einer, mit allen Wassern gewaschen. Einen nackten Schwarzen in der Nacht, den sieht man nicht.“  
Jóse bewunderte den Mut und den Einsatz dieses Mannes und zugleich schmetterte ihn erneut seine intellektuelle Denkweise in die Verzweiflung: „Zu früh gefreut verdarb es immer.“
„Doktor, gib mir eine und wenn es sein muss zwei Wochen Zeit! Ich glaube daran.“
Dann verschwand er.
Jóse musste sich fügen und seinem Schicksal ergeben. Was er nie gedacht hätte, er neigte mehr und mehr dazu anzunehmen, dass die Muslime ihre Gründe hatten, zu glauben ihr Gott hätte alles vorbestimmt. 
Aber sein Gewissen empörte sich: Was Chico tun wollte widersprach allen Regeln des Christentums. Diese Idee würde den wichtigsten Grundsatz Christi aushebeln: der Mensch ist in seinen Entscheidungen frei, nicht jedoch was die Folgen betrifft.
Tausend Gedanken stürmten auf ihn ein, aber keiner der einer Lösung auch nur nahe kam.
Sein Gedankenstrom kehrte um: Du bist frei, musst dich ganz und gar einbringen. Deine Absicht ist rein. Nicht Gott entscheidet über Gelingen oder Tod: du selbst bist es.
Dir, Jòse Carranza, geht es darum dein Eheversprechen zu halten, Jimena zu beschützen und sei es unter Verlust deines Lebens. 
Sie hat ein Recht auf Freiheit. Du planst keinen Anschlag auf ein Menschenleben. Schlimmstenfalls brennt ein Haus nieder.
Er musste sich beruhigen.
Aber zudem belastete ihn die Frage, wie er eine Woche Alleinsein in dieser wildfremden Stadt überstehen will.
Denn die Sorge blieb,  es könnte schief ausgehen.  Wieder schlug ihn einer seiner Kernsätze: Enttäuschung ist wahrscheinlicher als Erfüllung. 
Abwarten.
Wie ein Tiger im Käfig kam er sich vor. Um sich abzulenken, in der Zeit die Chico für seine Vorbereitungen benötigte, sollte er Oberst Manuel Martinez aufsuchen. „Herr, hilf mir, und vor allem hilf Chico den Helfer zu finden!“

Der alte Kämpfer freute sich über den Besucher: „Ich habe viel an dich gedacht, Jóse, vor allem an unsere erste Begegnung im gelber Haus am Meer. Ehrlich gesagt, ich hätte dich nicht in den Kreis hinein gezogen. Du grübelst zu viel.
Ich bin Realist.
Heute weiß ich es noch besser: Man kann die Ernte nicht gleich nach der Aussaat erwarten. Dennoch habe ich die Hoffnung nicht völlig aufgegeben, dass der sogenannte Petrusstuhl eines Tages für immer leer steht oder, dass er, statt von einem Menschenfresser und Unhold, von einem Menschen mit Herz und Verstand eingenommen wird.“
Jóse stimmte ihm selbstverständlich zu.
Natürlich, seit der ersten Begegnung waren sie darin einer Meinung. Diese Kirche der beide einst dienten hatte zu viel Schuld auf sich geladen, Familien zerstört, Kriege verursacht, Aberglauben geschürt, in ihrem Interesse Blut vergießen lassen.
Sie darf nicht überleben.
Neues muss her, dem Original nachgebildet.

Dem gegenwärtigen Papst Paul V. war es wichtiger die militärische Verteidigungskraft seines Kirchenstaates zu stärken, als den Menschen seines Hoheitsgebietes in Rechtschaffenheit zu dienen und ihnen das Leben zu erleichtern. Reisende berichteten immer wieder wie armselig es im gesamten Kirchenstaat zuging. Nur die Kurie gedieh prächtig. Das war seit je der Fall. 
Alleine Papst Gregor VII. war verantwortlich für mindestens drei Dutzend blutige Schlachten. Sein Größenwahn hatte es verursacht.
Ein durch und durch marodes Ding kann niemand restaurieren und reparieren.
Etwas völlig Neues muss her.
Und damit kamen die Unterschiede ihrer Ansichten zum Vorschein. Oberst Manuel Martinez wollte vor allem die Entmachtung des Klerus, die Aufhebung des Zölibats, die Auflösung des Klosterunwesens, und die scharfe Trennung von Staat und Kirche.
Jóse ging das nicht weit genug.
„Ich bin der Überzeugung, dass eine radikale Neuordnung mit dem kompletten Nicänertum aufräumen muss.
Von Nicäa her kam der Geist des Haders und des Hasses in die Kirche, die Anmaßung, die Verstellung, die Geldsucht und das Protzen. 
Wir wissen, dass Christus eben diese Elemente zu seiner Zeit überwinden wollte und deshalb bekämpfte.
Gänzlich Neues muss her.
Wir wissen beide, dass er das forderte: man füllt nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, und beide bleiben zusammen erhalten.“

Exoberst Martinez genoss es, solche klaren Worte zu hören und er winkte, wie damals, bitte weitermachen.
Jòse steigerte sich: „Ich glaube sehr wohl, dass wir mit dieser Überzeugung nicht einsam dastehen.
Es wird neuen Most in neuen Schläuchen geben, weil die Notwendigkeit dafür besteht. 
Wenn wir sie suchen werden wir Freunde selbst da finden wo sie niemand vermutet hat. Wie wir, werden sie Jesus gehorchen.
Das, was sie immer wollten.
ER konnte sein Werk nicht mit der Kaste der Pharisäer aufrichten, da suchte er sich unverdorbene Leute, obwohl es großartige Männer unter den Schriftgelehrten und Pharisäern gab. Nikodemus und Gamaliel!“
Martinez war begeistert, so sehr er einmal Priester war, so sehr empfand er sich selbst immer noch als Haudegen: „Jóse Carranza du gefällst mir immer mehr. ER nahm ehrliche, wenn auch arme Leute.
Wenn ein Mann unehrlich ist, darf er Straßenkehrer werden, aber niemals Priester.
Gib mir einen Anhaltspunkt um dich zu finden. Ich hoffe für dich, dass du hier zum Ziel kommst und was dann? Wir dürfen einander nicht aus den Augen verlieren.“
Das wiederum gefiel Jóse, obwohl ihm während der ganzen Zeit des Redens und Nachdenkens der Druck der Ungewissheit zusetzte. Er konnte kaum ein Wort herausbringen ohne an Jimena zu denken. Er hörte sich reden: „In Marseille gibt es den Reeder Ballarde. Er ist Hugenotte. Was auch geschieht durch ihn findest du meine Adresse.“
Oberst Martinez schüttelte die Hand seines Freundes, mit den Worten: „ Ein Ehrlicher ist Gottes Meisterwerk.“

Daheim angekommen, fand Jóse den mit seiner Tinte fehlerhaft und in krakligen, großen Buchstaben beschriebenen Zettelfetzen: „Übermorgen komme ich.“
Statt wie blind durch die Gassen der Hafenstadt zu rennen, entnahm Jóse Carranza seinem Ranzen zwei Blätter Papier. Er wird keine Stunde verschwenden.
Der Brief den er nun schrieb richtete sich zwar an Manuel Martinez, aber vor allem rief er sein Gedächtnis ab.
Er überschrieb es mit den Worten: „Gegen den antichristlichen Satz des Ambrosius, die Kirche habe die Macht alle Verbrechen zu vergeben,  - und gegen den Zölibat“ In Klammern danach (vielleicht bereichert es deine Argumente, lieber Freund Manuel Martinez), denn er musste sich so gut es ging ablenken, sonst wäre er dem Wahnsinn nahe gekommen:

„Manuel, mein Bruder, unsere überalterte Mutter Kirche gleicht einem vierrädrigen Karren längst vergangener Zeiten. Schon wenn ihr nur das linke Vorderrad und rechte hintere abhandenkäme, muss das Gefährt zusammenbrechen. Aber es sind deren drei die nicht rollen - das vierte ziehen die redlichen Nonnen, die sich der Caritas verschrieben haben.
Zum Ersten:
 Ambrosius hält bis zur Stunde seine noch mächtigen und doch so unheiligen Hände über Kinderschänder und sogar Mörder indem er die Behauptung aufstellte:
„Es kann keine noch so verruchte Schandtat begangen oder gedacht werden, welche die heilige Kirche nicht nachlassen könnte.“ (68) 
Übeltäter sind wie Giftpilze, auch wenn sie wie echte aussehen. Sie müssen  erkannt und aus dem Korb geworfen, müssen ausgeschlossen werden, ehe ihr Gift tödlich wirkt. 
Wir werden die Kirche anprangern, wenn sie weiterhin  ihren Geistlichen gestattet einander jene Strafen ab- und nachzulassen, die von Gott selbst auf schwere Übertretungen gesetzt wurden. Auch die Laien müssen exkommuniziert werden, wenn sie bösartig handelten. Kein Schutz für Vergifter!
Zum Zweiten:
erst wenn der Zölibat fällt, hört die Heuchelei in Sachen Treue und Beischlaf auf. Darin sind wir einer Meinung.
Papst Gregor VII., der wollte, dass Könige seine Füße küssen, hat wahrscheinlich mehr Menschen unglücklich gemacht als alle Päpste vor ihm. 1074 erklärte er eigenmächtig den Zölibat.
Ich bin ganz auf deiner Seite.
Mit einem Pinselstrich, kraft angemaßter Autorität, machte er insgesamt mehrere zehntausend Frauen und mindestens doppelt so viele Kinder unglücklich. Er wagte es die rechtmäßigen Ehefrauen der Pfarrer Huren zu nennen. Deren Nachkommen waren für ihn, aus durchsichtigen Gründen Hurenkinder. Als "der Bischof von Passau, Altmann am Stephanstag im Jahr der Erzwingung des Priesterzölibats feierlich im Dom den apostolischen Auftrag verlas, stürmten Kleriker und Volk einmütig mit solcher Wut gegen ihn los, dass er in Stücke zerrissen worden wäre, wenn ihn nicht seine Ministerialen beschützt hätten“. (69)
Du bist ganz im Recht, mein Freund. Wer diesen Teufel in Menschengestalt ernst nahm,  musste verrückt sein. 
Jesus hat den Zölibat nie gelehrt. Sich begrenzen und beherrschen, sehr wohl. Den Zölibat kannte keiner in den ersten beiden Jahrhunderten, der kam aus Asien, wie der Weihrauch, der Rosenkranz, der Fimmel der Knochenverehrung und so weiter.
Meines Wissens und ich glaube du weißt es noch besser als ich, lieber Manuel mein Freund, ein Drittel unserer Geistlichen lebt pervers. Das zweite Drittel liegt abends mit einer Wirtschafterin im Bett.
Schon der Mörderpapst Damasus, geldgeil wie er auftrat, der Bischof Ursinius zusammen knüppelte, „verlangte den gesetzlichen Zölibat.“ (70) Damasus bedurfte unbedingt eines Feigenblattes.
Ich kann dich nur unterstützen. Der allzu oft gewählte Hinweis, bereits mit dem 1. ökumenischen Konzil der Christenheit sei die Ehelosigkeit der Priester festgeschrieben worden, ist jedenfalls falsch. Ich fand die Protokollpassage:
Kanon 3 von Nicäa lautet: “Die große Synode verbietet in aller Strenge, das im Hause eines Bischofs, Ältesten oder Priesters eine Konkubine leben darf, sondern nur eine Frau jenseits allen Verdachtes.“ (71)
Im Priesterhaus soll keine Haushälterin leben! Davon, ob er verheiratet sein darf oder nicht, war keine Rede. Allerdings wurde der Zölibat damals diskutiert.  Ich erinnere mich an eine Fußnote in einem Klassikerwerk daran, als es einigen Eiferern während dieses enorm fragwürdigen Konzils konkret darum ging, im Interesse der Staatsfinanzen ein Eheverbot für Priester der Kirche auszusprechen. Daraufhin gab es Widerstand.
Es “erhob sich Bischof Paphnuties”, dem 17 Jahre zuvor seines Glaubens wegen ein Auge ausgestochen, sowie die Sehnen der linken Kniekehle durchtrennt worden waren. Er rief “mit lauter Stimme, man soll den Priestern und Geistlichen kein so schweres Joch auferlegen und durch zu große Strenge der Kirche  keinen Nachteil schaffen.
Er sagte, die Ehe sei ehrbar und … nannte den ehelichen Beischlaf Keuschheit... die Worte des Mannes wirkten.” (72)
Exakt dies glaubten und vertraten die Mitglieder der Kirche Jesu Christi damals, soviel weiß ich.
Der Rest ist pure Augenwischerei.
Unbekannt ist wie alt Paphnuties zu dieser Zeit war, immerhin starb er erst 35 Jahre später.
 „...noch in den apostolischen Canonen (wird klar gesagt) ... ein Bischof, Presbyter, oder Diakon, der aus falscher Religiosität, seine Gattin verstößt, soll stillgelegt werden, beharrt er dabei, so treffe ihn die Absetzung.“ (73) 
Meine Anekdotensammlung betreffs Eheverbot für Priester hätte ein kleines Regal füllen können, vorausgesetzt ich hätte alles aufgeschrieben. Aber selbst das Wenige musste ich verbrennen: "Als der Bischof von Basel 1238 starb, hinterließ er 20 Kinder, sein Kollege Bischof Heinrich von Lüttich kam ein paar Jahre später auf 61 Nachkommen. Der Bischof von Konstanz wurde im 15. Jahrhundert reich, weil er seine Priester Bußgelder für ihre Konkubinen zahlen ließ. Selbst die Päpste wollten nicht päpstlicher als der Papst sein. Innozenz VIII. (der von 1484 bis 1492 - 200 Jahre nach dem Erlass Gregor VII. - die Kirche regierte) hatte 16 Töchter und Söhne, die er selbst taufte, traute und mit einträglichen Posten im Kirchenstaat versorgte.“ (74)
Aber zurück zu unserem Thema: Papst Innozenz VIII. (1432-1492) höchster Priester seiner ehebeeinträchtigen Kirche, gilt immer noch als "Förderer der Inquisition und der Hexenverbrennung. (Er) hinterließ viele Kinder (Octo nocens pueros genuit, totidemque puellas; hunc merito poterit dicere Roma patrem – „Acht Buben zeugte er unnütz, genauso viele Mädchen; ihn wird Rom mit Recht Vater nennen können“ und sein Nepotismus zu ihren Gunsten war so verschwenderisch wie schamlos. Seine Nachfahren wurden die Herzöge von Massa und Carrara.“ (75)
Sie haben uns unehrlich gemacht, sie brachten uns um unser Lebensglück!

Drittens: Die Kirche hat zu lernen, dass Jesus festsetzte, dass nur die selig werden können die keine Gewalt anwenden. So steht es in der Bergpredigt niedergeschrieben, wie nicht nur wir beide wissen.
Ich hoffe wir können das Gespräch irgendwann fortsetzen. Doña Catalina Cazalla lebt in uns.

Lange wälzte er sich in der Nacht  vor der erwarteten Rückkehr Chicos auf seinem Lager schlaflos.
Die Geräusche um ihn herum hielten ihn lange wach.
Er schreckte wiederholt auf, ehe er plötzlich träumte, ein Mann käme zur Tür herein, ganz in Weiß gekleidet, wie der arabische Kaufherr.
Dessen Gesicht leuchtete jedoch und es schaute freundlich aus. „Lieber Bruder Jóse. Dich quälen viele Fragen.
Du wünschst du könntest in die Zukunft, wie in einen Spiegel sehen. Wünsche dir das nicht.
Aber, bedenke, du bist ihr Mitgestalter und zwar mehr als du je ahnen kannst: dein Tun und Denken hat Einfluss auf zehntausende. Auch was dein Hoffen betrifft Rom zu erschüttern gibt es eine Antwort: sämtliche Kirchen die sich auf Christus berufen sind wegen ihres Kindschaftsverhältnisses zu Rom, im Innersten korrupt.
Sie sind Wildwuchs, sind verseucht durch theologische Spekulationen und durch ihr Streben auf Kosten der Kleinen zu leben.
Jeder, auch die gutmeinenden Geistlichen gestatteten sich am Lehrgebäude herumzupfuschen und sie werden es weiterhin tun. Das bereits seit Nicäa, 325, unansehnliche  Ding wurde dadurch nicht schöner.
Gott, der Vater unseres Gottes Christus, hat ausdrücklich jedem erlaubt, gemäß seinem Gewissen zu agieren.
Jeder darf alles kaputt machen.
Sogar die Freiheitsrechte dürfen sie zerstören.
Allerdings haben sie das einmal im Völkergericht zu verantworten, wie es Michelangelo in seinem riesigen Gemälde zu Rom im Petersdom wahrscheinlich zutreffend andeutete.

Du bist  auf deinem Weg zur Erkenntnis der Gestalt und dem Wirken des Ambrosius von Mailand wiederholt begegnet. 
Er vor allem ist verantwortlich für die Vernichtung des Individualrechtes.  
Selbst Gott konnte - durfte - es nicht verhindern. Bevor nicht wenigstens eine Staatsmacht wiederherstellt was die ambrosianische Staatsmacht des vierten Jahrhunderts zerstörte, sind dem höchsten Gott seiner eigenen Zusagen wegen, die Hände gebunden. 
Deine Mission besteht darin, beizutragen neuen Grund für die Wiederherstellung der Religionsfreiheit zu legen. Du bist ein Vorkämpfer, verlasse diese Front unter keinen Umständen, auch wenn dir scheint, dass es aussichtslos ist. Das darf ich dir sagen: der Tag der Freiheit für alle steht vor der Tür. Er wird kommen, auch wenn ihn erst deine Nachkommen sehen werden.“ 

Was für ein Wort der Hoffnung. War es lediglich ein Wunschtraum gewesen? Wie gerne jedoch hätte er vernommen, Jimena werde den Tag ihrer Freiheit sehen.

Er traute sich nicht hinaus in der Sorge Chico käme mit dringender Botschaft. Da klopfte es leise. Sofort schoss Dr. Carranza hoch, er riss den Vorhang beiseite: Ali stand grinsend vor ihm: „Chico braucht noch zwei Tage.“ Ali hielt nicht die Hand auf, sondern er verschwand wie er kam. Wie konnte ihm das passieren?

Zwei Tage bedeuteten eine Ewigkeit des untätigen Wartens. Nein.
Er raffte sich hoch und besuchte, den Brief bei sich tragend seinen Freund zum Abschied. Jeder Schritt den er setzte, berief sich auf die Botschaft der letzten Nacht, sei es ein Wahrtraum gewesen oder nicht.
Jòse Carranza führte bereits auf dem Weg zu Manuel Martinez das Gespräch mit ihm.

Sagen wir es doch noch vernehmlicher: entweder hört die grausame Mutter Kirche auf Menschen ins römische Joch zu spannen oder wir werden es zerbrechen, nicht weil es nur unser Wille ist, sondern der unseres Christus.
Er trat ins öffentliche Leben mit den Worten: „mein Vater hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass ihnen geöffnet werde.“
Gibt Rom, gibt irgendwer, die Gefangenen nicht freiwillig her, werden wir sie mit List herausholen. 

Diesmal erzählte Jóse, seinem Freund von seinen verlorenen Dokumenten, als er ihm die engbeschriebenen Seiten aushändigte.  Er erzählte von seinem Traum, dass Ambrosius von Mailand darin eine Rolle spielte: „Wenn uns gelingt den Nachweis zu führen, dass Ambrosius nicht nur die antike Welt zerstörte indem er die drei höchst strittigen  Sätze des Nicänums gewaltsam und reichsweit durchpeitschte, sondern, dass er die Vernichtung der Reste der Urkirche betrieb, dann hätten wir einen Hebel.“

Manuel Martinez nahm den Brief entgegen, warf ein paar kurze Blicke auf ihn: „Das werde ich in Ruhe lesen.“
Seine Geste  bat Jóse bitte Platz zu nehmen und der wiederholte, was er damals im Haus Doña Catalinas nur andeutungsweise vortrug, dass sämtliche Kirchen und deren Absplitterungen wegen des Nicänums nie zur Ruhe kommen werden.
Das Problem heiße in der Tat Ambrosius.
Der erst habe aus einem falschen Dogma ein böses gemacht. Diesmal erwies sich, dass sein Freund, soweit es Ambrosius betraf, nicht ganz im Bilde war. 

Oberst Martinez wusste jedoch etwas, das Jóse nie zuvor gehört oder gelesen hatte. Nämlich, dass um 451 die fraglichen Sätze des Nicänums kirchenweit schwer in der Kritik standen.
„Das fiel mir damals schon ein, als du das Thema angeschnitten hast. Kaiser Markian musste damals den Streit unter den Theologen seiner Zeit gewaltsam beenden.
Im Anschluss an das Konzil von Chalkedon... das er einberufen hatte verbot er generell öffentliche Diskussionen über theologische Fragen.“ Kraft seiner martialischen Autorität, aber nicht infolge unbestechlicher Logik behauptete er selbstherrlich:  Die Beschlüsse von Chalkedon stünden im Einklang mit dem Konzil von Nicäa... Das Verbot gilt gleichermaßen für Kleriker, Staatsbedienstete, Freie und Sklaven, die bei Verstoß entsprechend differenziert bestraft werden.“   (76)
„So der direkte Wortlaut.“
„Das ist es“, erwiderte Jóse: 
"Das Drohen werden die Nicäner nie lassen. Sie riefen den Ungeist und nun reitet er sie, bis ans bittere Ende.
Das Fäusteballen, wenn ihnen der Kragen schwillt, ist ihr Markenzeichen. 
Sie wussten es seit jeher,  sonst zerbricht ihr selbstgefertigtes Konstrukt. 
Die Faust ist und bleibt das Merkmal jeder Diktatur. Diktatur, lautete bereits die Konsequenz von Nicäa. 
Kaiserberater Ambrosius von Mailand beherrschte die  Klaviatur des Drohens und Kommandierens perfekt.
Indirekt sagte er es jeden Tag: Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein.
Augustinus von Hippo als Schüler des Ambrosius wurde ein Meister auf diesem Feld.
Angst machen.
Nichts ließ er aus, auf seinem Weg Menschen in Schrecken zu versetzen. Stirbt ein Säugling ungetauft, dann muss, nach Augustinus Worten, die unsterbliche Seele dieses Gotteskindes nie endende Höllenqualen erleiden. Unendliche Schrecken trieben die Eltern in die Hände falscher Priester. Er griff die Lüge von der Erbsünde auf, von der damals einige Bischöfe redeten.
Und Ambrosius sein Busenfreund billigte es, wohl wissend, dass die Bibel festschrieb: wenn jemand weiß Gutes zu tun und tut es nicht der sündigt. 
Sehr wohl wissen Säuglinge weder Gutes noch Böses zu tun. Unschuldig sind sie. Aber unsere Mütter sind mit uns in die Kirche gerannt, als wir noch in den Windeln lagen. So und nicht anders, im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit, wurden wir allesamt Katholiken.
Man müsste die Reden der damaligen Nicäner lesen können. Selbst die Felsen würden stöhnen.
Die Nicäner aller Zeiten herrschten mittels Staatsgesetz und Demagogie ungerührt. Ihr Mitgliederstand wurde, infolge des permanenten Drucks den die Kirche auf schlichte Seelen ausübte, auf höchst denkbares Niveau gehoben. Während die Erfinder der  Säuglingstaufe keine Trostworte für jene Eltern fanden, deren Kleinstkind auf dem Weg zur Taufe verstarb.
Der Gott dieser Herren war die Gnadenlosigkeit selbst. Buchstäblich nie endendes Elternleid säten die Gauner und sie werden ernten was sie säten. Ihnen indessen war nur wichtig, dass die Beute für ihre „Kirche“ reich ausfiel. Mütter und Väter mussten damit leben, dass sie möglicherweise schuld am bösen Schicksal ihres Kindes waren. Von alledem steht in den Evangelien zwar kein Wort geschrieben, aber das machte den höllischen Herren nichts aus.
Um in den Augen der Welt als große Figuren der Geschichte dazustehen, bekränzen sie sich mit dem Heiligenschein des Sol Invictus, ihres wahren Gottes.“

Expriester Manuel schlug die  flachen Hände auf seine starken Schenkel:  „Dieser Gedanke ist mir noch nicht gekommen“, lachte er auf:
"aber er leuchtet mir ein. Jesus sagte: an ihren Taten werdet ihr sie erkennen. Sol Invictus! Wer sonst. Sol Invictus brauchte seit je primitive, mordlüsterne Söldner zu seinem fragwürdigen Sieg - wie in der Schlacht an der milvischen Brücke geschehen, 312, - Christus dagegen wollte nicht einmal, das Petrus ihn in der Stunde höchster Gefahr für sein Leben, verteidigt.

Der Gott der Trinitarier  ist Sol!
Von daher das Unheil, die rüde zu Kriegen führende  Geisteshaltung. Von daher der Gewissenszwang und die Fälschungen der Geschichte.“
Jóse ereiferte sich darüber hinaus: „ Und was Papst Gregor den Großen betrifft, der schwamm wollüstig im Fahrwasser des Sol.
Sol Invictus behauptete durch Gregors großen Mund, dass die Seligkeit der Erwählten im Himmel nicht vollkommen  sein würde, wenn sie nicht über den Abgrund blicken und sich an der Angst der Verdammten  im ewigen Feuer erfreuen könnten.
Diese Torheit  teilte das ganze Volk.  
Bischof Petrus Lombardus, der große Magister sententiarum von Pa, schrieb im 12. Jahrhundert lang und breit, welche Genugtuung die Gerechten über das unaussprechliche Elend der Verdammten empfinden werden. So auch Kardinal Bonaventura. (77)

Als Gastgeber Martinez Holz in den kohlenrabenschwarzen Herd legte erhob Jóse sich und trat an seine Seite, er schaute schweigend zu, andächtig. Das hätte er nicht gedacht, dass ihm einmal ein Bruder in Afrika eine Suppe kochen würde.

Die Fisch-Gemüse-Suppe war nicht die Beste,  aber man konnte sie überleben.
Nach dem so gut wie schweigend eingenommenen Mahl sagte Manuel Martinez: „Bleibe noch sitzen, mein Freund!“
Jóse spürte plötzlich die kräftigen Hände des Mannes  auf seinem Kopf. Dann vernahm er die Worte: „Großer und gütiger Gott, vergib uns und sei mit uns. Segne diesen Bruder und gib ihm wonach er in der Rechtschaffenheit seines Herzens trachtet. Gib ihm seine Frau zurück! Amen!“
Jóse schluckte: „Danke!“  Mehr sagen konnte er nun nicht mehr. Ihn würgte wieder die Angst um Jimena.
Gedanken- und hoffnungsvoll schritt er zurück, aufs Gasthaus zu.
Da saß Chico im grünen Vorgarten. Sie begaben sich ins Innere des flachen schlichten Hauses  hinter deren Höfen lauter denn je die Kamele schrien.
Er hätte alle Bedenken erwogen erwiderte Chico: „Auch die oberen Fenster sind recht eng vergittert. Unter den drei größten sind kleine Balkone  aus Holz. Drei Fackeln brauche ich. Selbst wenn nur eine oder ein brennender Teil von ihr in den Ruheraum auf die staubtrockenen Matratzen fällt, ist noch niemand gefährdet sein Leben zu verlieren. Die Betroffenen werden nach Wasser schreien. Nur das Geschrei um Hilfe kann den Wirrwarr verursachen, den wir unbedingt suchen.
Dr. Jóse, ich habe wie ihr seht, meine Kleidung gewechselt, habe gewartet und sah wer aus dem Kaufmannshaus zu Markt ging. Ich habe mich auf mein Gefühl verlassen. In der Stadt traf ich dann den Richtigen. Der Berber wird Jimenas Tür öffnen und sie wird als Erste, weil sie darauf vorbereitet ist, in den Garten stürmen. Dann lauft ihr zum Boot auf dem Weg den ich dir mehrfach beschrieb.“
Dr. Carranzas Herz schlug höher, doch er gab erneut zu, dass er keine Wahl sah. Mannhaft bestätigte er: das könnte zum Ziel führen. Jede andere Variante schließt sich von selbst aus.
Doch in der Tat, unter keinen Umständen möchte er, dass Menschenleben in Gefahr kommen.
Chico setzte hinzu: „Ist hier nicht zuerst die Gefahr für das Leben deiner Frau? Ist die Freiheit eines Menschen der im Elend fest steckt, nicht mehr wert als zehn Häuser? Geduld, nur Geduld. Die Zeit läuft für uns.“
Der Satz des Kapitäns tauchte in Jóses Hirn auf: notfalls muss man seine Prinzipien über Bord werfen oder untergehen. Jetzt hatte er innerlich damit übereinzugehen ein Araberhaus in Brand zu setzen.
Da kam wieder, für ein kurzes  Zeitstück, ein geradezu himmlisches Glücksgefühl über Jóse.
Seine Fantasie schürte es.
Der Traum: deine Nachkommen werden den Tag der Freiheit sehen. Er wünschte sich Nachkommen von ihr. Noch ist sie jung genug.

Am nächsten Tag gingen sie in der Annahme, dass sie wieder beobachtet werden könnten, gemächlich spazieren und so fort einige Tage  hindurch, in jeweils neue Richtungen, wie Wissbegierige, die sich für alles interessierten. Dem vornehmen Araber könnte allenfalls berichtet werden, dass der sonderbare Christ dem er die Stirn bieten musste, sich anscheinend in sein Schicksal fügte. Schließlich gab es, auch in Tunis, genügend schöne Frauen mit denen man sich trösten und die Zeit vertreiben kann, wenn man Geld besaß.

In der letzten ihnen zur Verfügung stehenden Woche berichtete Chico, dass er den Berber aus dem Kaufmannshaus des Arabers erneut traf, der dort als Sklave gehalten wurde. Er habe ihm sein ganzes Geld gegeben und nochmals mit einem Eid die Freiheit versprochen.
Dr. Jóse standen bei diesen Details die nun wuchernden Haare zu Berge.
Ihn rührte, dass der ihm sonst fremde Mann sein eigenes schwer verdientes Geld seinetwegen opferte. Das wird er ihm doppelt vergelten.
Jóse fragte nicht mehr.
Wie dieser sein Freund dachte und denken konnte war ihm nicht vergönnt. Ihm schien es unmöglich, dass er, der etwas tugendstolz daher lebte, im Innersten damit einverstanden sein konnte, ein Wohnhaus in Brand zu setzen. Die Widersprüche verkrampften ihn. Doch zum Schluss all dieser Bedenken räumte er wieder und wieder ein, er müsse Chico blind vertrauen, oder Jimena verloren geben.
Sein Freund hatte ihm  exakt beschrieben wo der gemietete Segler liegt, bereit auf Abruf für die nächsten vier Tage, zu jeweils sehr frühen Morgenstunden. Jóse kannte den Weg nun auswendig, obzwar er ihn nie gesehen hatte.

Chico traf sich noch einmal mit dem Berber, der glücklicherweise sehr erpicht darauf war der muslimischen Welt für immer zu entkommen, der er, wie viele seine Vorfahren nie angehören wollte. Auch er habe sein Schicksal nie angenommen und schon mehrfach eine Flucht geplant und doch stets wieder den Mut verloren, weil er nicht wusste wohin er in Sicherheit gehen soll.
Ein Gezeichneter sei eben unfrei.
Die Räume lägen so und so.
Jimenas straßenseitiges Kammerfenster war ebenfalls vergittert und sie wurde, wie Chico richtig vermutet hatte, weiterhin Nacht für Nacht, neuerdings auch tagsüber, eingeschlossen.
Zuerst soll sie erbärmlich geschrien haben.
Chico sagte, wenn ihm der Berber die hintere Pforte des Gartens zur verabredeten Stunde öffnet, gäbe es kaum noch Probleme. Er vertraue auf Gott und den Berber.

Die verabredete Nacht kam.
Dr. Jóse und Chico machten sich auf den Weg. Die schwarzen Kleider die der Tarnung dienen sollten trugen sie bereits und ebenfalls die für die beiden Flüchtlinge. Zu viert, gemeinsam oder einzeln, wollten sie sich anschließend zur besagten Stelle am abseits liegenden Fischerhafen durchschlagen.
Der Gedanke an Verrat durch den unbekannten Berber stieg in letzter Minute noch einmal in  Jóse auf. Alles, fast alles hing von dem versklavten Mann ab. Nur ein Wort von ihm würde ihm möglicherweise die Freiheit zurückbringen, und zwar  gefahrlos, ihnen jedoch den Tod. Das kleine Gartentor ließ sich lautlos öffnen. Das ließ hoffen. Ein bewegter Schatten zog Aufmerksamkeit auf sich. Chico tippte den Zeigefinger auf die Lippen. Vielleicht war es eine Wildkatze die daher gehuscht kam.
Chico sah gespenstisch aus.
Er wusste was er im Einzelnen tun musste.
Er trug den kleinen Eisentopf in dem auf einem Rost glühende Kohle lag, sowie auf dem Rücken in seinem Sack vier Brandfackeln. Er hatte das Entzünden der Geschosse im Geheimen am Bootssteg des Fluchtbootes zweimal geübt, indem er so tat er sei ungeschickt und im Begriff den erhitzten Teer mit Werg zum Schließen der Plankenrisse eines an Land liegenden Bootes zu verwenden. Dr. Jóse konnte nur den Kopf über seine Erkenntnis schütteln, wie klug diese Menschen der Natur waren, wie erfinderisch, wie entschlossen. An Chico konnte er sich ein Vorbild nehmen.
Chico ließ Jóse im Dunkel des großen Gartens alleine, geschützt hinter großen Oleanderbüschen.
Chicos Schatten sprach: „Er ist uns diesmal nicht gefolgt.“
Das in Öl getauchte Werg brannte sofort, so der Teer.
Es ging schnell.
Die erste Fackel, von Chico mit enormen Kraftaufwand geworfen, überschlug sich und drang glücklicherweise durch die Eisengitter und die dünnen Holzjalousien in den oberen Schlafraum, in dem sich hoffentlich der Araber aufhielt.
Höllisches Gekreische im Feuerschein.
Vielleicht hatte es den Kaufmann getroffen. Jedenfalls tönte eine Männerstimme. Chico warf die beiden anderen Fackeln hinterher. Ein Durcheinander ohnegleichen entstand.
Augenblicklich brannte der Balkon.
Die kleine gassenseitige Haustür wurde krachend aufgebrochen. Einige Leute sprangen durch die Öffnung laut um Hilfe schreiend andere kamen durch die größere Tür, in den Garten gerannt.
 Jetzt schrie auch Jóse.
Jimena lief auf diese Stelle zu.
Im dichten Gestrüpp der Oleander und Tamarisken ergriff Jóse sie und sie rannten.
Er dachte nicht daran sie schützend zu kleiden. Kein Gedanke an Chico, keiner an den Berber. Nur ein paar Wortfetzen.

Am fernen Bootssteg kamen sie eine halbe Stunde später keuchend an. Jóse beherrschte sein Zittern nur mit Mühe. Immer noch wortlos, Jimena an der Hand, weckte er den Bootsmann.  Der fluchte, sie möchten leise sein, und, es wehe kein Wind.
Sie warteten auf Chico.
Jóse hielt seine Jimena unter einer Eiche, mit ihren gewaltigen, nahezu bis zum Boden reichenden Ästen, umklammert und beide sprudelten zugleich hundert Gefühle mit Einmal heraus. 
Sie durften nur flüstern.
Chico, wann kommst du?
Unter keinen Umständen würde er ohne Chico den geplanten Fluchtweg nehmen. 
Der Besitzer des Bootes fragte bebend: „wie lange wollt ihr noch warten?“
Er wippte den Kopf.
Es brannte dort am Stadtrand. Er wurde immer ungeduldiger. 
„Noch nicht“ presste Jóse heraus. Niemals ließe er nach alledem Chico im Stich. Der Bootsmann jammerte und übertrieb erheblich: „In zwei Stunden wird es hell!“
Jóse dachte an Chicos Worte: „Es ist besser zehn Häuser abzubrennen als einen Gefangenen im Elend zu lassen.“
Da erschienen entfernt zwei fliegende Schatten. Sie waren es, die beiden hoch erwarteten.
Ehrlich musste Jóse zugeben, dass er notfalls doch ohne Chico geflohen wäre. Umso erleichterter atmete er durch.
Auf keinen Fall werde er Segel setzen, raunte der Bootsbesitzer, als sie zu viert einstiegen, so behutsam wie es im Dunkel der Nacht möglich war: „Rudern“. Tatsächlich gab es Pätschen die dem hochbordigen Schiff angemessen waren. Langsam und sehr behutsam zunächst legten sie die in die Dollen.
Auf der Ducht neben Chico saß der Berber, der sich ebenso kraftvoll ins Zeug legte.
Jóse hielt mit.
Der Bootsbesitzer forderte: „Schneller!“
 Obwohl ihn seine aufgeriebenen Hände schon nach einer halben Stunde peinigten befolgte Dr. Carranza was ihm geboten wurde.
Am Horizont sah man die Feuerfarben nun noch deutlicher.
Erst als es heller wurde durfte der Bootsführer seine Segel setzen und hoffen, dass ihnen niemand in die Quere kommt.
Zunächst war die morgendliche Brise schwach, aber dann wehte es.
Sie trieb das Boot der Errettung mit Schub von Südost nordostwärts. Wenn der Wind ihnen günstig sei, meinte der Bootsführer, könnten sie in drei Tagen in Sicherheit Siziliens sein. Leider kann niemand voraussehen ob Gewitter aufkommen. Er wies auf seinen Kompass: „auf ihn ist Verlass, nicht jedoch auf das Mittelmeerwetter.“
Jóse lag, nun völlig außer Atem, erschöpft, lang hingestreckt am Boden und ging wieder und wieder durch die kurzen Passagen des gelungenen Handstreichs.
Jimena kühlte seine Hände schweigend. Sie konnte das ganze Geschehen kaum verstehen und obwohl ihr klar war, dass ihr Jóse so handeln musste, fühlte sie sich bedrückt, denn im Haus ihrer Herrschaft, das nun wahrscheinlich zu Boden brennen wird, wurde sie sehr gut behandelt.
Sie machte sich Vorwürfe.
Unzweifelhaft wird sie nun unter schwerer Anklage stehen und mit ihr vielleicht andere Fremdlingen der Hafenstadt.
Nichts in der Welt würde ihren Jóse und sie vor dem Feuertod retten, wenn ein feindliches Schiff sie aufbrächte. Wäre sie doch gleich, damals in der Nacht der Trennung in Valencia, mit ihrem Mann davon gegangen. Immer wieder strich sie ihm über das für sie ungewohnt behaarte Haupt.
„Mein Liebster, mein Liebster“, fast unhörbar flüsterte sie: „vergib mir“.
Nichts mehr, als diese wenigen gewichtigen Worte. Unendlich dankbar nahm Jóse die für ihn fast wortlose Botschaft ihrer Liebe und Dankbarkeit in sich auf, denn sonst vernahm er nur ihre Hand.
Der Wind frischte auf.
Aber richtige Freude kam in niemandem auf. Stumpf blickten sie westwärts wo sie in der Ferne jene Schiffe sahen und meinten, dass sie Menschen von Spanien nach Tunesien brachten.
Doch Jimena schüttelte den Kopf: „Die Spanier wählen die kürzesten Strecken und segeln nach Marokko. Unser Boot allerdings wurde für Tunis bestimmt. Ich weiß nicht warum. Vielleicht spielte Bestechungsgeld eine Rolle. Manche der Vertriebenen haben hier Verwandtschaft.“
Jóse schlief ein. Und noch im Halbschlaf genoss er die ruhige Stimme seiner Geliebten zu hören. Sie bedankte sich bei Chico.

Jóse erinnerte sich genau, was er an jenem dritten Augustsonntag des inneren Aufruhrs wegen gedacht hatte. Er setzte in Gedanken versunken, immer noch im valensianischen Großgarten Schritt für Schritt, während das Meer sein Boot zeitweilig heftig erschütterte, wenn es herunterklatschte vom Wellenberg.
Im Halbtraum befand er sich wieder auf dem Weg zu seinem Sohn. Wieder ging er in Gedanken den Weg vom Palais nach Alboraya.
Wieder ärgerte, grämte, er sich. Er wütete, dass sich so viele  kirchenfromme Spanier billigen Besitzzuwachs versprachen, dass sie die Grundstücke der Ausgetriebenen für ein Butterbrot erwerben konnten.

Zum Glück waren sie damals nicht gekommen, die barbarischen Marokkaner. Jóse fragte sich natürlich wie der letzte Herr der Berge Valencias, der Farmer „Saykwira“, damit umgegangen wäre, wenn ein seelenloser Türkenführer gekommen wäre um ihn zu entmachten.
Immerhin waren die Janitscharen auch auf nichts weiter aus als auf Raub.
Und die aus den Wüsten Afrikas stammenden Almoraviden des elften Jahrhunderts waren von Beginn ihrer Interventionen an, im damals islamischen Spanien wie Sklavenjäger und Diktatoren  übelster Sorte, gegen die eigenen Glaubensgenossen, aufgetreten.

Allesamt prahlten sie selbstherrlich sie kämen als brüderliche Unterstützer und Befreier. Nichts hat sich seither geändert. Der Teufel soll sie holen, die ihre Stimme und Faust gegen das Recht des Anderen erheben.
Jóses Bilder fielen ineinander.
Er sah sich selbst, wie er in einem mit Teufelsfratzen bemalten Sanbenito durch die Straßen Valencias geführt wurde. Dieses Jauchzen über Unglück, das er zehnmal und öfter in seinem Leben gehört hatte, betraf diesmal ihn. Er stand unter der Anklage den Palast de Riberas mit dem Feuer in einem Teereimer in Brand gesteckt zu haben.
Es war unmöglich für ihn, jemals zu vergessen wie gedemütigte, angebliche Ketzer, wie in Ketten gelegte Tanzbären, vorgeführt wurden. Immer wieder sah er die lodernden Flammenstöße.

Jimena legte sich neben ihn auf den feuchtkühlen Boden des schwingenden Bootes. Wie sehr sie ihn liebte. Wie sehr sie diese Liebe beglückte. Ihr Jóse, der sein Leben für sie in die Bresche schlug, hatte sie befreit.
Ihr Jóse mochte den Hugenotten Ballarde, nicht aber den Calvinismus dem dieser großartige Mann anhing. Jimena konnte die Enttäuschung ihres Mannes nachempfinden, nachdem er ihr, beschrieben hatte, was vor wenigen Jahrzehnten geschah, als Calvin seinen Gottesstaat ausrief. Die Genfer Ältesten der Calvingemeinde bestanden darauf, dass vor keinem Fenster Gardinen hängen. „Oder habt ihr etwas zu verbergen?“ Sie durften zu jeder Zeit ungehindert in jedermanns Wohnung eindringen um zu kontrollieren ob die Hausbesitzer und Mieter Calvins Gebote hielten oder nicht.
Ihr Jóse betonte es immer, seit Jahren, immer wenn er ihr sagen musste was er gerade in den Dokumenten gefunden hatte.

In der zweiten Nacht und nach einigen Stunden tiefen Schlafes richtete Jóse Carranza sich auf. Jimena kam ebenfalls sofort hoch. Der Mond schien, das schwarzweiß schimmernde Meer rauschte, das Bugwasser zischte.
Die Freiheit lag zum Greifen nahe.
Er schaute angestrengt. Da saß am Steuer, wie ihm schien Ali.
Das war unmöglich!
Jóse um sich zu versichern, dass seine Annahme falsch war, ging behutsam und doch ziemlich schnell in der Erregung, wenn auch schwankend über Duchten und die Pätschen steigend, an den auf dem Deck ausgestreckten in Decken gehüllten Schicksalsgefährten zu ihm hin.
 „Ali?“
Das konnte nicht sein.
Der kräftige Junge strahlte heller als das Sternenzelt: „Ich bin euch doch nur gefolgt.“ Er sei, als sie an des Bootsmanns Tür klopften, in den einzigen abfahrbereiten Segler geschlüpft, hätte sich unter dem Segeltuch und dann unter den Fischkisten verborgen.
„Hm, wie man sich irrt!“ flüsterte Jóse und er sah plötzlich, wie unerwartet schnell seine Verantwortung gewachsen war. Er klopfte dem starken Jungen den Rücken zuerst zögernd, dann anerkennend und dachte darüber nach was geschehen muss, falls der Junge sich unwillig zeigen sollte mit dem Bootsmann zurückzufahren. Noch war es nur ein Abenteuer, dann aber ein Drama.
Sogar der Besitzer des Segelschiffes könnte ihm mitteilen: mir ist es zu brenzlig heimzukehren. Plötzlich wird er einer Kommune vorstehen und für das Glück seiner Kameraden verantwortlich sein. Der Gedanke gefiel ihm. Das war es was er wollte.
Jimena kam hinzu. Ihr Jóse erklärte ihr die Rolle des Jungen. Sie streichelte ihn, drückte ihn an sich.
„Hm“ brummte Jóse, als  Ali sagte: „ein Herr der mir so viel Geld gab, hat mein Leben gekauft. Wo der hingeht gehe ich mit ihm. Eltern und ein gutes Zuhause habe ich nicht.“
„Du hättest viel Geld verdienen können, mich anzuzeigen, als Brandstifter.“
Ali schüttelte sich: „Vielleicht! Vielleicht wäre ich wegen Mitwisserschaft gehängt worden.“ Nach einem Augenblick fügte er, wie ein Erwachsener, wie ein Europäer schelmisch, hinzu: „Man hat doch Charakter!“
Jóse lachte in sich hinein, und nahm Jimenas Hand.
Das Wasser rauschte nun schon beruhigend.
Er zog sie mit sich, zurück auf ihren Liegeplatz: „wenn wir hier heil herauskommen, und wenn wir Ahmed wieder um uns haben, verfassen wir einen Brief an seine Majestät König Heinrich IV. von Frankreich.“

Die ganze Besatzung atmete auf, als Siziliens Konturen vor ihnen auftauchten.  Dankbar gingen sie an einem anscheinend von Menschen unbewohnten Teil der Insel an Land um sich nach mehr als siebenundzwanzig Stunden der Aufregung frisch zu machen. Jetzt sei das Schlimmste geschafft erklärte der Bootsmann, sie würden nun bald und fortan in Sichtweite zur Küste nordwärts bis Marseille bewegen. Sogar Chico glaubte, dass die Hand Gottes mit ihnen war.

Der Bittbrief um das Recht eine eigenständige Siedlung zu gründen, die keinerlei Unterstützung durch den Staat bedarf, wurde in Marseille geschrieben. Es unterschrieben außer Dr. Carranza selbst sein Sohn Ahmed und Jimena, der Klingenschmied Francisco, Chico, Ali Kerim und der Bootsfahrer Khaled. Tayeb der Berber wünschte nach Marokko zu gehen.
Zwei hugenottische Notare zeichneten dagegen, die Gruppe verfüge über vierhundert Silberrealen und genieße den Zuspruch einiger Spender.
Den letzten Punkt befriedigend zu realisieren beanspruchte etwas Zeit. Der Reeder Ballarde hatte einige seiner Freunde überzeugen müssen, dass sie gut investierten.

Dr. Carranza und Chico machten sich endlich, Anfang Mai auf den Weg. Sie gelangten bis an den Zaun des Louvre. Sie sahen sogar den König, der gerade ausfuhr. Doch zu einer Audienz mit ihrem Hoffnungsträger kam es nicht. Man schrieb den 13. Mai 1610.

Einen Tag später begab Heinrich sich mit sechs weiteren Edelleuten ohne Garde auf den Weg zu Maximilien de Béthune. In der Rue de la Ferronnerie, einer engen, schlecht befahrbaren Straße, stellte sich der königlichen Karosse – einer Kutsche mit zwei offenen Schlägen – ein Hindernis in den Weg. Zwei Wagen wollten aneinander vorbei, konnten dies aber nicht, weil die Straße zu schmal war. Die Edelleute stiegen bis auf den Herzog Montbazon aus. Heinrich war völlig ungeschützt. Der Königsmörder sprang auf den Wagen. Er stieß ein Messer  dreimal in die Brust des Königs." (78)







Quellen:


    (62)  Gemeindeverband Oberweser, Waldenser, in Europa um 1200   
    (63)   Razvoj_bogumilstva.jpg
    (64) )  J. W. von Goethe „Gespräche mit Eckermann“
   (65)  Henry, Ch. Lea „Geschichte der Inquisition des Mittelalters“: „Es spricht sehr zugunsten des toleranten Sinnes der Katharer, dass die Männer, welche die mächtigsten Herrscher der Christenheit aufgefordert hatten, die Ketzer mit Feuer und Schwert zu vertilgen, … nirgends einer wirklichen Gefahr ausgesetzt waren.“ Bd. I S. 157
    (66)   Hans Maier, „Compelle intrare“ 
     (68)  Gerhard J. Bellinger „Der Catechismus Romanus und die Reformation
      (69)  Allgemeine Deutsche Biographie: Bischof von Passau, Altmann
      (70)  Begleittext zur offiziellen Papstliste
    (71)                 Orthodox Church of Estonia “Canon of the First Ecumenical Council” (72) Leonhardt Martin Eisenschmid "Über die Unfehlbarkeit des ersten allg. Konzils zu Nicäa" 
      (73)                 Johann J. Ignaz von Döllinger „Hippolytus und Kallistus…“
      (74)                  Kneissler, „Kirchengeschichte“
      (75)                  Dr. Philipp Charwath   „Kirchengeschichte“
      (76)                     Karl Leo Noethlichs „Die Juden im christlichen Imperium Romanum“
      (77)                  Henry, Ch. Lea „Geschichte der Inquisition“ Bd. I
      (78)                 Wikipedia




         

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