Ich wurde gebeten zu erklären was dazu führte, dass inmitten eines atheistischen Landes,1985, ein "amerikanischer" Tempel errichtet werden konnte. Kurz und knapp kann ich das nicht sagen, aber mit diesen Worten, und als Zeitzeuge, ist es möglich:
Der stellvertretende Staatssekretär für Kirchenfragen Herr Kalb führte anlässlich der Einweihungsfeierlichkeiten des Freibergtempels im Sommer 1985, deutlich aus: “Wir haben gesehen, dass Mormonen nicht in Eigentumsdelikte verwickelt waren, es gab fast nie Ehescheidungen bei Ihnen. Ihre jungen Männer tranken während ihrer Armeezeit nie Alkohol, das allein war für uns sehr erstaunlich. Das sind Menschen, die wir hervorzubringen wünschten. Die Früchte waren gut.”
Ich war dabei
Einige Dinge gingen dem Freiberger Tempelbau voraus:
- Wir Mitglieder galten vor 1968, als „Mormonen“ in kommunistischen Augen, als gefährliche amerikanischen Sekte. Wir mussten besonders vorsichtig sein.
- Bis dahin herrschte noch das gegenseitige Unbehagen... Unser Warten in Ungewissheit war zu jener Zeit, einer Ära der Bitterkeiten geschuldet.
Patriarch Walter Krause (1909-2004) Tischler, Kunstsachverständiger und bekannter Philatelist, damals Ratgeber des Missionspräsidenten Henry Burghard, stellte sich der Aufgabe, in einem DDR-weiten, staatlich gelenkten „Rat der Kirchen“, mitzuarbeiten. Soweit mir bekannt ist, waren dort alle 145 unterschiedlichen Denominationen des Landes, vertreten. Die Zeugen Jehovahs wurden bereits um 1950 verboten.
Patriarch Walter Krause 1980. Geboren 1909, enterbt 1927, da er gegen den Willen seines vermögenden Vaters Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wurde, verstorben 2004
In a general conference address, President Thomas S. Monson told of Brother Krause's willingness to serve. "Homeless following World War II," said President Monson, "like so many others at that time, Brother Krause and his family lived in a refugee camp in Cottbus and began to attend Church there. He was immediately called to lead the Cottbus Branch. Four months later, in November of 1945, the country still in ruins, district president Richard Ranglack came to Brother Krause and asked him what he would think about going on a mission. Brother Krause's answer reflects his commitment to the Church. Said he: 'I don't have to think about it at all. If the Lord needs me, I'll go.' "
Walter sagte mir, er hätte sehr wohl das Unbehagen vieler gespürt die sich absolut quer zum Staat stellten. Das hätte ihn ermutigt Gemeinsamkeiten zu benennen. Insbesondere Staatsekretär Löffler (oder Gisy, Vater von Gregor) mochte das. Und dann kam das Gespräch auf das Tempelwerk. Walter Krause drückte in diesem Gremium sein Bedauern aus, dass den im arbeitsfähigen Alter stehenden Mitgliedern nicht gestattet würde, den Schweizer Tempel zu besuchen.
- Das wurde erwägend zur Kenntnis genommen.
- Und dann kam das berühmte Weihegebet von Präsident Monson (1976), gesprochen auf den Radebeuler Hügeln.
- Irgendjemand aus unseren Reihen übermittelte den Text dieses besonderen Gebetes dem Überwachungssystem Stasi. In dem erwähnten Gebet bat das damalige Mitglied des Rates der Zwölf Thomas S. Monson jedenfalls um einen Segen des Allmächtigen für die kommunistische Regierung.
- Da gab es keinen Fluch.
- Das änderte die Position unserer Kirche und verschaffte uns DDR-Mitgliedern Anerkennung durch die Regierungsbehörden. Diese sanfte Weise des Umgangs mit radikal Andersdenkenden in Führungsstellen sollte schließlich wesentlich zum Bau eines Tempels im Osten führen.
Andere Einzelheiten, sind nicht uninteressant:
Spät an einem Abend, gegen Ende der Tage der „Offenen Tür“, als der Besucherstrom erheblich nachgelassen hatte, kam Dittmar Hirsch, ein damals etwa dreißigjähriger Zwickauer Ältester, auf mich zu und erzählte mir, dass er Zeuge einer Diskussion zwischen einem Geistlichen und einem uns freundlich gesonnenen SED-Mann geworden war.
Vor dem Taufbecken habe sich ein Streitgespräch entwickelt. Der Theologe meinte, das sei antiquiert, so hätten die Christen in den ersten Jahrhunderten getauft. Dittmar Hirsch konnte und wollte nicht hinnehmen, dass eine durch Christus bestätigte oder von ihm eingesetzte Verordnung jemals unmodern werden könnte. Der Theologe entrüstete sich. Da schaltete sich unerwartet ein Mann mit dem SED-Abzeichen ein: “Herr Pastor, ich bin kein Mormone und will auch keiner werden, und sie mögen glauben und denken, was sie wollen, aber wenn etwas überaltert ist, dann ist es ihre evangelische Kirche. Sie hatten mehr als vierhundert Jahre lang die Gelegenheit, die Welt zu verändern. Die katholische Kirche hatte dazu fast zweitausend Jahre Zeit gehabt. Was haben sie nach vorne bewegt? Sehen sie sich dagegen Geschichte und Organisation der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an. Sachlich gesehen, ist den Großkirchen allein aufgrund der vergleichsweisen schwach ausgebildeten und zudem erstarrten Strukturen nicht zuzutrauen, dass sie den kommenden Herausforderungen, die der Fortschritt eben mit sich bringt, gewachsen sein werden. Sie werden es erleben. Was zu Martin Luthers Zeiten angemessen und ausreichend war, ist heute unpassend. Die Mormonenkirche dagegen ist perfekt gegliedert und auf Mitarbeit sozusagen sämtlicher ihr angehörenden Menschen zugeschnitten, und was noch wichtiger ist, sie hat die dazu passende Lehre, - eine Soziallehre von Rang.” Ihm sei klar, vorausgesetzt es gibt einen Gott, dass Mormonismus die Religion der Zukunft sein wird.
Daraufhin habe sein nun völlig verärgerter Gesprächspartner spitz zurückgefragt, woher er das wisse. “Das will ich Ihnen gern sagen, mein Herr. Als die Entscheidung darüber anstand, ob das Zentralkomitee der SED der Errichtung eines solchen Gemeindezentrums zustimmen sollte oder nicht, habe ich – als Mitglied des Potsdamer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR im Auftrage der Regierung meine Diplomarbeit über Lehre und Organisation dieser Kirche geschrieben.”
Damit endete das Gespräch. Der Unterschied zwischen beiden Männern bestand darin, dass nur einer urteilsfähig war.
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