Mittwoch, 26. Juni 2013

(2) Wie der Tau vom Himmel träufelt

Er wog mehr als einhundertfünzig Kilogramm, hatte die Gene seiner Mutter geerbt, liebte es sich nicht zuviel zu bewegen, war SED-Genosse und erst 35 Jahre alt. Mit seiner Länge von mehr als 1.85 überragte er mich um einen Kopf. Uli hieß er, stand seiner Familie im Wortsinn vor. Seine Frau eine Architektin pries ihn wegen seiner Vaterliebe. Seine zehn- und zwölfjährigen Söhne liebten es, sagte sie,  wenn er sie beriet. In den betriebsinternen Parteiversammlungen die er nie versäumte, wurden die eigentlichen, unsere Fischereigenossenschaft betreffenden Probleme besprochen. 
Ich stand draußen. 
Aber es kümmerte mich nicht, bis die jungen Burschen mir zu verstehen gaben, wer hier die Macht ausübt. 
Das waren Werner H. 6 Jahre jünger als ich, Reiner mein Boss 10 Jahre jünger, der Blondschopf M. 30 Jahre hinter mir her, dessen Busenfreund ein  ehemaliger Berufssoldat fast ebenso jung, und schließlich Uli.
Meine mehr als dreißigjährige Berufserfahrung würden sie überspielen.
Natürlich sprachen sie öfter über mich. 
So häufig kommt es in DDR-Fischerkreisen ja nicht vor, dass unter ihnen einer ist der an einen Schöpfergott glaubt und freimütig darüber redet, wenn es angebracht ist, zumal er, kurz zuvor von seiner Kirche eingeladen worden war, in die USA zu reisen um dort an einer Generalkonferenz teilzunehmen.

Ich wusste, sie hassten und sie liebten mich.
Gemäß Führungsrolle ihrer Partei konnten die Direktiven seitdem sie sich Parteigruppe nannten, nur von diesem 5köpfigen Gremium kommen, der 13 Leute zählende Rest zählte nicht.

Man sagt, wenn kleinen Mänern der Boden unter den Füßen weggezogen wird, können sie wie Giftsschlangen zischen und dann ihr Gift verspritzen.
Ich zischte nicht nur, sondern brüllte eines Sommertages den Fleischberg Uli an:

       "Du verdrückst dich wenn Fische zu verladen sind und schonst deine mächtigen Muskeln!"

In der Nacht zuvor hatte ich ihn gesehen wie er und sein Fahrer, wahrscheinlich angetrunken, im andern Kutter schliefen, statt die Elektrozeese laufen zu lassen.
Noch war ich nicht dazu gekommen ihm das unter die Nase zu reiben, immerhin war ich der Fangleiter und nicht er.
Und nun traf ich ihn in der großen Netzhalle wo er kleine Risse einer Reuse reparierte.

Er murmelte und grummelte und ich fauchte zurück.
Eine Woche später klingelte es an meiner Wohnungstür am späten Nachmittag. Da ragte ein anderer Riese vor mir auf, ein Leutnant der Volkspolizei: Er drückte sein Kreuz durch und mir fiel ein, das ist Ulis Schwager, ein ebenfalls strammer Parteigenosse.
Er legte die Hand an seine Dienstmütze und grüßte: "Herr Skibbe!"
Sein angenehmes, großflächiges Gesicht drückte bitteren Ernst aus. Ich fragte mich blitzschnell: was kommt jetzt, denn üblicherweise kannte und nannte mich jeder als Gerd.
"Uli ist tot!"
Ich schluckte.
"Herzinfarkt!"
O je.
"Beim Rasieren zusammengebrochen, gleich tot!... die Familie bittet sie ..."
Ich unterbrach ihn: "Ich bin Gerd."
"Nein, heute sind sie Herr Skibbe...sie möchten bitte die Beerdigungsansprache für Uli halten." 
"Alles was dazu gehört?"
"Es steht in ihrem Ermessern!"
Ich stellte mir die Mitglieder dieser Famlilie vor, so weit ich sie kannte. Verbietet euch eure Gesinnung nicht, einen Mormonen um das zu bitten?
Der Leutnant sagte nur: dann und dann sei die Beerdigung, "auf dem Friedhof Carlshöhe, die Halle haben wir schon gemietet."
Nach ein paar Sätzen legte der Genosse Leutnant die Hand an den blitzenden Schirm seiner Mütze.

Die Carslöher Begräbniskapelle war voller Menschen, immerhin arbeitete Ulrich Johanns Ehefrau im Stab des örtlichen staatlichen Architektenbüros unter Leitung von Frau Dr. Iris Grund.

Ich malte mit Worten so gut wie ich konnte, das Bild des Fischers Ulrich Johannsen. Nur einen oder zwei Sätze aus der Heiligen Schrift zitierte ich.

Als die letzten Töne der Musik am versenkten Sarg verklangen, nahmen die Familienmitglieder meine Beileidsbekundung entgegen. "So hatten wir es erhofft" bedankte sich Ulis Frau. "Du hast ihn gezeichnet wie wir ihn Erinnerung haben... Ich sah ihn wie er seine Netze auslegt."












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