Montag, 26. März 2018

"Ordenspriester Dr. Jòse Carranza... Teil 1

 „Ordenspriester Dr. Jóse Carranza und sein Sohn“ (1)  Gerd Skibbe  Teil 1 von 2
Quellengestützte Erzählung     

   

Anzeige gegen Unbekannt  – erstattet am 7. Juni 1609

„Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit!“
„…in Ewigkeit. Amen.“
„Ich halte es für meine Pflicht einen Mitbruder anzuzeigen.“
Der graubärtige Inquisitor im Vorraum des heiligen Oficios zu Santiago de Compostela schaute den fremden Besucher scharf an: „Woher kommen sie? Berichten sie!“
„Mein Kloster zu Malaga schickte mich hier her.  Unter den Wallfahrern war einer der unseren Habit trug. Er wollte seinem jüngeren Begleiter weismachen im ehrwürdigen Grab würden nicht die  Knochen des Apostels Jakobus liegen, sondern die des Ketzers Priscillian von Avila, als des angeblich echten Bischofs und wahren Heiligen.“
Der Bruder Inquisitor spitzte den schmalen Mund. Er nickte lebhaft. Nahezu jeder Spanier kannte insgeheim diesen für treue Christen unerträglichen Vorwurf. Der örtlichen Inquisition oblag es deshalb diese unerhörte Behauptung zunichte zu machen. Fest stand, der Aufrührer Priscillian hatte sich den Beschlüssen des maßgeblichen ersten Konzils der Christenheit klar widersetzt. Von Priscillian stammte auch das gefährliche Gerücht, die Kirche sei zu Beginn des vierten Jahrhunderts vom richtigen Weg abgekommen und sie werde in der Hölle landen. Sie folge statt Christus den heidnischen Lehren und Weisungen Kaiser Konstantins und dieser Imperator sei ein Mörder. 
Deshalb wurde der ehemalige Bischof Avilas, als ein der Magie des Teufels ergebener Abtrünniger schließlich ergriffen und hingerichtet  -  geköpft zu Trier, 385, mit einer Anzahl Gesinnungsgenossen.
Die Inquisition kannte das ungeheure Märchen vom guten Priscillian.
„Wir loben ihren guten Willen, Bruder… es ist schwer Lügen zu ersticken… Unter Brüdern unseres Ordens zu sagen und dreist zu verbreiten die Frommen aller Länder der Welt kämen zum Friedhof eines Erzketzers um ihn zu ehren, ist todeswürdig! Kennen sie den Mann?“
„Nein! Ich sah ihn zum ersten Mal. Im Gewühle der Menge der Anbeter verlor ich ihn aus den Augen.  Aber ich kann ihn beschreiben.“
 „Tun sie das!“
„Also der Mann sprach andalusisch, so etwa als käme er aus Granada. Blond, groß, stattlich, glatt rasiertes Gesicht. Die Tonsur sehr stark, mittelblondes  Haar. Um die fünfunddreißig, vielleicht vierzig. Gesunde Zähne, blaugraue Augen. Gewölbte Lippen, leicht fliehendes Kinn, kurzer Hals. Er trug eine auffallend gepflegte Kutte. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen energisch und spöttisch. “
Im Haus der Untersuchung zu Santiago de Compostela wurde im Anschluss dieser Aussage  nach einem gewissen Bruder gerufen.
Der Mann der eintrat ging zivil gekleidet. Er wurde sehr höflich gebeten sein Werkzeug zu holen. Jemand verlas sodann die soeben erfolgte Ketzerbeschreibung und der Herbeigerufene malte mit wenigen Strichen die Konturen eines Bildes mit einem Kohlestift: „Ist das zutreffend?“
Der Petzer wog den Kopf und fügte hinzu: „keine Stirnfalten! Das fiel mir auf. Die Stirn etwas höher und breiter. Keine sichtbaren Wangenknochen.“
Wenige Minuten später nickte er: Ja so etwa sehe der Bruder aus.
„Nun ergänzen sie ihren Bericht. Was wurde außerdem gesagt?“
„Dass Priscillian, ein Arianer sei, - während  ich aus Belehrungen wusste, dass die Arianer Christus verachten.“
Der Untersucher schüttelte sich: „Warum muss man ihnen jede Einzelheit aus der Nase ziehen? Hier zählt jedes Wort.“
„Mehr war nicht“, erwiderte der so getadelte Mann, nun plötzlich schüchtern. Anscheinend wurde ihm bewusst, dass er einen Sturm auslösen wird.
Weitere Mitarbeiter des Büros kamen hinzu. Offensichtlich erkannte ihr Wortführer, dass dem Besucher nicht mehr gut zumute war. Ihm wurde deshalb Gottes Segen zugesprochen, aber zugleich der Auftrag erteilt zu helfen, den von ihm beschriebenen hochgefährlichen Mann zu fassen.
Er möge die Blätter mit dem Konterfei des Verbrechers, die er in drei oder vier Stunden abholen muss, in allen Klöstern Andalusiens verteilen. Er habe sich bei der Behörde zu Malaga zu melden. Dort werde er die erforderliche Unterstützung erhalten, sowie den Beleg, dass er seiner Pflicht nachkam. Doch bereits hier wird er, mit den Flugblättern,  ein Dokument erhalten, das ihn berechtigt jede Tür in Spanien zu öffnen. „Das gilt,  bis wir ihn fassen und sei es sie finden ihn in Rom,  oder im Escorial.  Bis dahin sind sie von jeder anderen Pflicht weitgehend entbunden. Kommen sie nicht ohne Resultat daher.“
Der Befehl fuhr dem Denunzianten, wegen der Schärfe des Tones, durch Mark und Bein.
Der dünnlippige Mann setzte hinzu: „Haben wir nicht schon hinreichend Probleme mit den gottverlassenen Marranen? Jetzt kommen sie schon aus den eigenen Reihen… Beehren sie uns am Nachmittag!
Wenn sie erfolgreich waren werden wir es wohlwollend vermerken: Gelobt sei Jesus Christus!“
Der so belastete Dominikaner  verließ das schlichte, graue Gebäude über dessen Eingang die Worte geschrieben standen: Exsurge Domine, exsurge judica causam tuam.
„Stehe auf Herr und richte in eigener Sache gerecht.“
Der verunsicherte Mann wusste, dass in Spanien Gerechtigkeit gleichgesetzt wurde mit Gnadenlosigkeit.

Die Suche nach dem Ausweg

Am 23. August  des Jahres 1609 befand sich der vierzigjährige, hochgewachsene Dominikanermönch, Doktor der heiligen Schrift und Ordenspriester, Jóse Carranza, auf dem Weg zu seiner Geliebten.
Daran war nichts Ungewöhnliches. Er besuchte sie und seinen Sohn seit vielen Jahren, - ob es unerträglich heiß war oder regnerisch – so oft es die Umstände zuließen sonntags vormittags.
Seiner schönen Jimena, sowie Ahmed dem fünfzehnjährigen Sohn, die  im nahen Dorf Alboraya, inmitten der valencianischen Huertas wohnten, konnte jeder ansehen, dass sie maurischer Abstammung, d.h. „Mudejaren“, also Maurisken, und eben damit Marranen waren.
Wen immer  es danach gelüstete, durfte sie ungestraft mit diesem Ausdruck belegen.  Vor ihrer Vertreibung aus diesem Land nannte man die Juden so, - Schweine -. Sie hätten nur zum Schein das Christentum angenommen. Nun zählten die Übriggebliebenen der einst stolzen Herrenkaste des Kalifats von Cordoba zur Menschensorte der  Impuros, der Unreinen.  Jedenfalls konnte sie die Taufe, die sie unter Zwang erlitten hatten, bei bestem Willen nicht rein waschen. Das jedenfalls meinten maßgebliche Kleriker.  Ihr Vorwurf lautete, die in die Knie gezwungenen waren im Herzen, wie ihre Vorfahren, Muslime geblieben.  Christliche Fanatiker versuchten es in den zurückliegenden Jahrzehnten und Jahrhunderten  immer wieder, sie ganz und gar los zu werden, obwohl es anderslautende Verträge gab. Kriege zwischen Katholiken und den Maurennachkommen folgten. (1) Sie waren und blieben Marranen, schmutzige Tiere, dazu  bestimmt als Täter zu gelten, obwohl sie dazu verurteilt waren Opfer der Willkür zu sein. 
Wann immer er sich auf dem Weg befand, sah Jóse Carranza in Gedanken seine geliebte Frau Jimena knietief im Wasser stehend, Reissetzlinge pflanzend, mit dem breitrandigen Strohhut oder wie sie im Schatten der Glorieta saß und Bücher las, die er ihr aus der erzbischöflichen Bibliothek mitgebracht hatte. Maurisken pflegten ihr Wissen. Sie freuten sich wenn sie es erweitern konnten. Selbst in den kriegerischen Jahren der Reconquista hegten nicht wenige spanische Adlige Hochachtung vor den kulturellen Leistungen der mauriskischen Marranen. Diese Einschätzung teilten nun nur noch wenige.
Das landesübliche Verständnis vom Christentum ließ Toleranz im Allgemeinen, insbesondere in Glaubensfragen, nicht zu. Hochrangige Kirchenmänner trachteten seit einigen Jahrhunderten nach einer Endlösung dessen, was sie für ein schwerwiegendes Problem hielten.  Zurückjagen muss man sie, in die Wüsten Afrikas, wo sie samt ihrem Allahglauben hergekommen waren.
Den von stinkenden Beulen heimgesuchten Vater des jetzigen Oberherren Spaniens, König Philipp II., versuchten gewisse Mönche  noch auf seinem Sterbebett, vor erst wenigen Jahren, zu überzeugen, er müsse sämtliche  „Marranen“ aus Spaniens heiligen Leib verbannen. Andernfalls könnten er selbst, und sein schönes Land nicht genesen.
Doch diesen scharfen Schnitt, zu dem ihn auch einige seiner Lieblingsmönche aus den Reihen der Hieronymiten drängten, untersagte der sonst mit Ketzern gnadenlos umspringende Herr des weltweit größten Imperiums energisch.  Philipp II. wusste sehr wohl, dass diese Menschenrasse ein bedeutender, ja unverzichtbarer Faktor der Landbau- und Gartenkunst seines Landes waren, Schöpfer der schönsten Landstriche seines Landes. Sie produzierten erhebliche Nahrungsmittelüberschüsse und andere Handelsgüter. Lediglich, dass er diesen schweinischen „Unbelehrbaren“ schon zuvor verbot weiterhin ihre eigene  Sprache und ihre Sitten zu pflegen. Obenan stand das für alle Araber schmerzlich empfundene Badeverbot.
Nun jedoch regierte der Sohn gleichen Namens barbarisch, wenn man das, was er tat oder unterließ, regieren nennen wollte.   Philipp III. galt als Strohpuppe seines ersten Ministers Lerma, und der hasste die Marranen, weil sie auf beiden Seiten hinkten, wie er angeblich behauptete. In Wahrheit verführten ihn die in seinem Kopf existierenden Flausen zu denken, wenn man diese Menschen vertreibt, ließen sich mittels der sodann verwaisten Grundstücke Millionen verdienen.  Lermas Eitelkeit und Verschwendungssucht erwiesen sich seit seinem Amtsantritt, als grenzenlos und damit als zusätzlich gefährlich für die Marranen. Ihn selbst kümmerten solche Kleinigkeiten nicht. Er hielt sich für ein Genie in Sachen Politik. Weltberühmte Maler mussten Lermas Glanz mehren. Dem ersten Staatsminister genügte es längst nicht mehr im  vornehm-schönen Escorial mit König Philipp III. zu residieren, wo er stundenlang die für ihn langatmigen Vorträge gewisser Fachmänner ertragen musste, während seine Majestät sich an albernen Figurenspielchen ergötzte. 
Don Francisco Gómez de Sandoval y Rojas, Marqués de Denia, Herzog von Lerma, wollte sein Leben auf Kosten anderer genießen und zugleich als Elitechrist gelten. Er schielte nach Prunk, weltlicher Unterhaltung  und Ruhm.  Deshalb, und weil er die zahllosen Bittsteller besänftigen und viele von ihnen entlohnen musste, erwartete er immer dringender mehr geraubte Schätze aus der Neuen Welt, die seine Silberflotte Jahr für Jahr herbeisegelte. 
Der Einsicht bedeutender Ratgeber, dass man Gold nicht essen kann, verschloss er sich völlig. Für ihn stand fest: mit Geld kann man alles kaufen.  Hinter vorgehaltener Hand flüsterten manche: wenn er betet, dann zuerst dafür, dass die ozeanischen Stürme seine mit Raubgold beladenen Schiffe verschonten.   
In dem von Lerma ungeliebten Klosterpalast herrschten strenge Sitten. Über alle Gänge huschten die ernsten, weißgekleideten Hieronymiten die sich unentwegt dem göttlichen Lob widmeten, sowie die Staatsräte mit auffallend düsteren Mienen.  Letztere hatten erhebliche Ursache trübe in die Zukunft zu schauen, denn trotz ständiger Zufuhr von Edelmetallen, die aus den Indianerländern herausgepresst wurden, musste Spanien seinen dritten Staatsbankrott erklären.  Die einheimischen Herren der Finanzen rauften sich die Haare. Ebenso die deutschen Fugger- und Welserfamilien, als Kreditgeber. Vom Geldverschwenden hielten gerade die privilegierten Spanier viel. Aber an die Pflicht Beiträge zur Werteschöpfung zu leisten dachten nur wenige unter denen, die einen klingenden Titel trugen.
Im Escorial, dem weltgrößten Renaissancebau herrschte immer noch der auf Lerma unangenehm einwirkende Geist des berühmten, vor erst wenigen Jahren verstorbenen Philipp II. Man musste sich ihm beugen.  Lerma wollte diesem Druck ausweichen. Valladolid als Regierungssitz würde ihm zusagen. Das  betonte er seinem König gegenüber wiederholt und nicht umsonst. Seit langem gewohnt  aus allem Profit  zu ziehen, kaufte er bereits geraume Zeit vor dem von ihm betriebenen Umzug des Hofes nach Valladolid billige Grundstücke auf.  1601 ließ er den Hof dorthin verlegen. Nahezu jeder wusste, dass der genusssüchtige Großherr den drei- und vierfachen Preis für jedes plötzlich wertvoll gewordene Haus, als persönlichen Gewinn einstreichen konnte. Mit jeder sprungbereiten Hofschranze wuchs nämlich der Wohnungsbedarf. Lerma agierte wie ein Ungeheuer mit einem Stein an Stelle eines Herzens. Kardinal wollte er werden, unanfechtbar für immer, unfromm bis in die Knochen.  Mit diesem harten Urteil stand Dr. Carranza nicht alleine da. So sah der Hintergrund seines Kummers aus.
Üblicherweise genoss er diesen halbstündigen Spaziergang durch die kunstvoll bewässerten Gärten Valencias, die sich weithin ausdehnten. Er konnte sich der Farbenvielfalt zahlloser Gewächse erfreuen die unter meist strahlend blauem Himmel prächtig gediehen. Jeder Besuchstag war ihm heilig. Normalerweise entspannte er seine Nerven. Doch in der Mitte der vorletzten Woche zuckte  nach fernem Donnergrollen der erste Blitz aus jenen Wolken herunter,  die er seit längerem mit Sorge betrachtet hatte und das nächste, das große Unwetter drohte diesem zu folgen.   
Ja, er war fahrig, das musste er zugeben. Die ihn sonst begleitende Vorfreude wollte sich angesichts des letzten Diktates seines hartherzigen Dienstherrn nicht einstellen. Da saß er, vor erst wenigen Tagen, an jenem scheußlichen Vormittag, seinem Erzbischof, seiner Exzellenz  Don Juan de Ribera gegenüber, der sich nach langer Zeit unverhohlenen Grimms in offensichtlich guter Stimmung befand. Wie beiläufig bemerkte dieser bedeutende wortführende, geistliche Herr, Herzog von Lerma erwarte ungeduldig seinen, die Marranenfrage betreffenden definitiven Gesetzesentwurf. Jóse empörte die Häme, die in diesem langen, vollbärtigen Greisengesicht sichtbar wurde. Als hätte ihn, Jóse, das Schicksal dazu ausersehen, musste ausgerechnet er Don Juan de Ribera an diesem Tag, in dieser besonderen Situation, als Sekretär dienen. Wie Hammerschläge hallten die Worte seiner Exzellenz: Herzog von Lerma liebe seine Formulierung, die er dem König in den Mund legte:
„ich, Philipp III., habe zur Ehre Gottes beschlossen, dass alle Marranen aus Spanien verjagt werden! ... ich, Spaniens König darf sie, ohne Bedenken, an Gut und Leben strafen.“ 
 Eminenz de Ribera fügte hinzu: „nun sollen wir es zu Ende bringen. Die generelle Zustimmung wurde damit bereits erteilt.“  Nur am Einführungstext müsste noch gefeilt werden, die Begründung stärker herausgestellt werden, die Gefährlichkeit der Marranen in Sachen Religion. Obwohl er dieses böse, letzte  Machtwort  seit einem Jahrzehnt befürchtet und  dann sogar erwartet hatte traf es Dr. Carranza empfindlich. Die Strafen an „Gut und Leben“ sollten an einhunderttausend Marranenfamilien quasi sofort vollzogen werden. Vollzogen auch an seinem Sohn Ahmed und möglicherweise, wenn es Verleumder oder Neider gab, an Jimena.
Ihr schmales, langes faltenloses Gesicht leuchtete ihm immer. Sie war seine Heimat. Das Unheil wird in engster Zusammenarbeit der spanischen Kirche mit der Krone geschehen.  Wann immer er in internen Gesprächen mit anderen kritisch Nachdenklichen die Intoleranz der Kirche beklagte, wurde ihm fast beschwichtigend erwidert. „Lieber Herr Doktor, das sind doch nur die Fehler Einzelner!“  Soweit wie er, wollte sehr selten jemand gehen.
Ohnehin gelte nach wie vor das Wort des Papstes Sixtus I.: „die Kirche ist immer heilig, gleichgültig wie verworfen ihre Priester sind“ (2)  
Aus guten Gründen hielt er bislang nur gelegentlich und recht vorsichtig dagegen, die Kirche sei das was ihre Gläubigen daraus machten.
Dr. Jóse Carranza, der Mann mit der glatten, breiten Stirn behauptete, wenn auch behutsam und nur gegenüber denen die ihn schätzten, die Kirche ist nie heiliger als ihre Priester. So wie kein Kuchen besser sein kann als seine Zutaten. Selten sind diese Herren Christen, was sie durch ihre Lieblosigkeit belegen. Sie nehmen das Geld von den Armen, werden auf den Schultern der Schwachen durchs Leben getragen. Das ist Christen nicht erlaubt. In den ersten drei Jahrhunderten, galten die Christnachfolger als Menschen der  Freundlichkeit, der Herzensgüte und des ehrlichen Wohlwollens, Leute des Strebens nach Rechtlichkeit.
Unrechtsmaßnahmen bildeten jedoch schon seit dem ersten ökumenischen Konzil zu Nicäa, 325, den Grundstock kirchlicher Macht. Unmenschlichkeit gedieh - in den Reihen der Ecclesia militans et triumphans -  ungerügt, wenn sie nur dem „Sieg" des nicänischen Bekenntnisses diente.
Dieser Punkt im Bild seiner Betrachtungen war ein hässlicher,  schwarzer Tintenklecks! Nichts hat der Menschheit mehr Schaden zugefügt als das die Anbetung des damals zu Nicäa kreierten Gottes. Dieser verschlang Jesus von Nazareth, wie ein Feuerofen das Erz.

In den Zusammenkünften der Christen vor Nicäa hieß es stets: wenn sie ihren Status wahren wollten dürften sie unter keinen Umständen verwerflich handeln. In der Bibel stünde klar geschrieben, dass in der Kirche kein Platz für Übeltäter sei. (3)  
Dr. Carranza kannte die vielen diesbezüglichen Passagen. Da wurde zudem deutlich definiert wer ein Übeltäter ist, nämlich der Habgierige, der Räuber. Das fromme Spanien, besessen vom Ungeist des nachnicänischen Christentums, wird den Mauren trotz aller biblischer Lehren ihr Bleiberecht ungestraft rauben. Zahllose Habgierige, allen voran Lerma, die kaum jemand rügen wird, warteten auf den Tag an dem sie endlich Besitz ergreifen können von den begehrenswerten, verlassenen Ländereien und Häusern der angeblich Verworfenen. 

Er fühlte es, er könnte eines Tages zu seinem Verhängnis einen Schritt zu weit gehen. Jemand wird ihn verraten.
Aber er konnte nicht anders, alle Welt muss es erfahren, 325, zu Nicäa wurde das  Antichristentum geboren, es wurde zwei Generationen später durch das Wirken von Banditen vom Schlage eine Damasus von Rom und eines Ambrosius Staatsreligion und es ist nun ein nach absoluter Vormacht gierendes Ungeheuer, die spanische Inquisition.
Aber er konnte nicht anders. Diese Wahrheit drängte aus dem finstersten Untergrund  ins Licht, wie ein Samenkorn: Das erste ökumenische Konzil wurde gewaltsam durch einen Gewaltmann zu Basis des Verderbens.
Jeder Schritt den Ordenspriester Jòse setzte hinterließ Spuren nicht nur auf dem Weg, sondern in seinen Vorsätzen das Ungeheuer zu demaskieren. Die nachnicänische Kirche hatte den hochgeliebten Bischof Priscillian von Avila ermordet, weil er den Mut zur Wahrheit aufbrachte, selbst wenn ihn solche Gesinnung, den Kopf kosten sollte.
Solch vorbildlicher Edelmut und die Liebe zu seiner kleinen hoch bedrohten Familie bewegten Dr. Jòse Carranza aus seinem Leben das Beste zu machen.  
Was nun in seiner Heimat geschehen würde, hatte Jóse Carranza zwar kommen sehen und doch bis dahin geglaubt und gehofft, dass die Gegenstimmen im höchsten spanischen Regierungsrat ausreichen würden, das Schlimmste zu verhüten. Noch vor zehn Monaten gab es Ursache zu hoffen, dass ein Vertreibungsdekret auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden könnte. Er  war ja in den Palast der Gnadenlosigkeit und des finsteren Fanatismus des Don Juan de Ribera sozusagen „eingedrungen“ um seinen, wenn auch noch so kleinen Beitrag zu leisten, dass dieser Ernstfall nie eintritt.   Schrecklich war deshalb die folgende Nacht, nach der aus dem Escorial stammenden Nachricht gewesen, schrecklicher noch der Tag darauf.  Jóse konnte kaum atmen ohne intensiv zu denken und zu planen, wie wenigstens seine Familie dem Unheil entkommen könnte.  Leider war an einen baldigen, noch rechtzeitig vor der Verkündung des Austreibungsbefehls erfolgenden Umsturz des Kirchenungeheuers nicht mehr zu denken. Die Hoffnung, dass sich auch in Spanien ereignen könnte, was erst wenige Jahre zuvor, 1598, in Frankreich geschah, hatte sich zerschlagen.  Da im Süden und Westen des Nachbarlandes sammelten sich in vielen Städten die Oppositionellen unter Führung von aufmüpfigem Adel und rebellierender Geistlichkeit.  Sie  hatten es satt als Roms Willensvollstrecker zu dienen und wirkten erfolgreich dagegen.  Ganze Landstriche Frankreichs  erhoben gegen Rom die Klage, die Kirche sei nur  an der Festigung ihrer Übermacht interessiert, an Geld und pomphafter Prahlerei.  Nach langem Ringen kam, vor erst zehn Jahren - es ist fast unglaublich - das Toleranzedikt von Nantes zustande. Die Allmacht der Kirche gab es dort nicht mehr. Im neuen Frankreich durften die Unterdrückten aufatmen. Die Hugenotten genossen dieselben Rechte wie die Katholiken.  Wer hätte das vor rund fünfzehn Jahren für möglich gehalten? Dagegen hatte das Imperium Spanien bislang jeden Ansatz zu vergleichbarer Entwicklung erbarmungslos  im Keim erstickt. Hier wurde selbst das Denken verboten.
Seine kleine Familie bedeutete Dr. Carranza mehr als der Reichtum seiner Gedanken. Immer, sobald er aus diesem blinkenden, vielfarbig strahlenden Wasserparadies, dieser Huerta-Landschaften, zurückkehrte in sein düsteres, ungemütliches Kämmerchen, im Palast des ehemaligen Vizekönigs Don Juan de Ribera, wartete er mit Ungeduld auf die nächste Gelegenheit Jimena und Ahmed wieder zu sehen, denn er war ein Familienmensch.
Doch diesmal stellte sich die Vorfreude nicht ein. Dafür stand nun das eiserne Muss vor ihm, Ahmed gegenüber zu bekennen, dass er sein Vater ist. Jetzt gab es keine Wahl mehr. Auf Gedeih oder Verderb musste er das für ihn nicht ungefährliche Geheimnis brechen. Nur wenn er Ahmeds Herz gewinnt, könnte es einen Ausweg geben, nämlich die rechtzeitige  gemeinsame Flucht nach Norden. Lediglich Frankreichs Türen standen für sie offen. 
Sein junger Freund und Vertrauter Luis, der dreißigjährige Dominikanermönch zu Denia, hatte wunschgemäß auch dieses Mal und abermals vorsorglich dreitausend Gramm Gold nach Marseille getragen und hoffentlich die Summe dem Hugenotten Monsieur Ballarde ausgehändigt. Zusammen machte das die Hälfte seiner und Jimenas Ersparnisse aus, plus Geschenke seit Jahrzehnten.  So jung Luis war, so energisch unterstützte er ihn, nachdem sie sich vor Jahren, zu zweit heimkehrend von einer Wallfahrt, im Nebel verlaufen hatten. Durchnässt, hungrig und müde hatten sie sich in eine Heumiete hinein gerettet und sich gegenseitig mehr denn je zuvor anvertraut wie sie ihre Mission verstehen. Die Männerfreundschaft begann in Santiago de Compostela. Luis, das Kraftpaket, liebte ihn und umgekehrt. Wie er, Jóse selbst, liebäugelte auch Luis mit wichtigen Teilen des  Luthertums und dem Calvinismus der Hugenotten.
Dieses Geld sollte ihm und seiner Familie wichtige Türen öffnen und helfen den neuen Lebensabschnitt solide zu beginnen. Dr. Carranza gab sich noch zwanzig Jahre die er mit Jimena und Ahmed gemeinsam offen zusammenlebend verbringen könnte. Im Frankreich Königs Heinrich IV. wäre das möglich, wegen des Mutes, mit dem dieser Herrscher als gekrönter Calvinist und Hugenotte die Zügel hielt, - der sich lediglich äußerlich dem katholischen Rom zugewandt hatte.  Tatsächlich bot König Heinrich allen Spaniern, die ihres Glaubens wegen gefährlich lebten, ein Bleiberecht unter seinen Landeskindern. Das galt ausdrücklich auch für Maurisken. Noch allerdings lag ein weiter, gefährlicher  Weg vor ihnen. Noch drohte ihnen das ganze politische Unwetter mit all seinen Unwägbarkeiten.
 Jóse Carranza hatte es immer bedrückt. Sein Lebensglück könnte eines bösen Tages am spanischen Klerikalismus zerbrechen. Er schwamm vielleicht zu heftig gegen den Strom. Bislang ging es gut. Unbefragt durch die Schnüffler war er bis zu diesem Tag und diesen Punkt, ungeschoren durch gekommen, auch weil  er, gegenüber der Kirche,  bestimmte Erfolge vorweisen konnte. Durch sein Wirken hatten sich Bertram der Weingärtner, sowie dessen Ehefrau und Jimena und deren Eltern zu den Lehren Christi bekehrt. Das, und die Bestätigung durch den ersten Pfarrer ihrer Gemeinde, zählten. Dies und mehr konnte Jóse konkret vorweisen. Sie gaben den Ordensbrüdern reichlich Brot und Früchte. Das war der eigentliche Beweis. Sie knieten vor dem Altar dreimal länger als die Unwilligen. Sie beichteten redlich. Sie glaubten, dass Christus ihnen mehr bot als Allah. Das bekannten sie glaubwürdig, hoffentlich auch zu seinem Glück.
Dass solche Missionierung  jedoch  seinem Sohn Ahmed missfiel war andererseits mehr als offensichtlich. Schlimmer,  Ahmed musste ihn bis zur Stunde als bekehrungssüchtigen „Onkel“ betrachten, als den er sich stets ausgegeben  und erwiesen hatte, denn  so verlangte es das Gesetz der Konspiration. Aber eben das musste jetzt geändert werden. Jetzt, nach dem Diktat des letzten Donnerstags. Was er, Jòse, bislang werbend unternahm sollte nach Maßgabe der Kirche eigentlich überall getan werden. Doch die meisten Ordensleute verweigerten die Bekehrungsarbeit, oder drückten sich vor ihr, denn Vorliebe genossen sie aus naheliegenden Gründen von Seiten der Verachteten nicht.
Er eilte. Es rumorte in seinem Kopf. Jimena und das Ehepaar Bertram wird er erschüttern müssen, Ahmed ebenfalls. Jòse betete und rang mit sich. Wie will er sein ungutes Wissen seiner Familie vermitteln?
 Jimena indessen wusste natürlich, dass Jóses Christentum mit dem der Bußprediger und Prälaten so gut wie in keinem Fall übereinstimmte. Das störte sie nicht, denn ihr Jóse bewies ihr gegenüber seine Liebe  und Ehrlichkeit, so wie er zu ihrer Schwester, der Mutter Ahmeds, stets aufmerksam gewesen war. Sie wusste alles von Belang. Vor allem war ihr sehr bewusst, dass Jóse die Lehren Christi liebte und dass er bemüht war gemäß seiner Erkenntnis das zu leben was er glaubte. Auch, dass er zweimal größere Geldbeträge nach Marseille bringen ließ, in die Hände eines hugenottischen Reeders, wusste sie. Eine Summe für alle Fälle. Sie wusste, wie  gefährlich er  mit seinem Antikirchentum lebte, dass er eines Tages Spanien verlassen muss, denn seit der Verbrennung der zahlreichen Mitglieder der Lutheranergemeinde, 1559, zu Valladolid, galt als oberster Grundsatz das Wort König Philipp II.:
„Niemand ist in unseren Landen seines Lebens sicher, der nur ein Haar breit vom Glauben der römischen Kirche abweicht oder sich nicht unbedingt dem Willen der Inquisition unterwirft.“ (9)
Es gab in Spanien nur selten mündige Bürger, die sich dieser massiven Drohung auch nur heimlich widersetzten. Tag und Nacht schwebte das Unheil über jedem – allein den König ausgenommen. Selbst wenn lediglich ein Verdacht aufkam, konnte das Schwert der Gnadenlosigkeit allezeit aus dem scheinbaren Nichts zuschlagen. So traf es vor nicht allzu langer Zeit, den damaligen Erzbischof zu Toledo und Primas der spanischen Kirche Bartholomäus Carranza. Eines Nachts wurde er aus dem Schlaf gerissen.  „Kommen sie mit“, hieß es.  Siebzehn Jahre hindurch haben sie den unschuldigen Mann im Kerker mit der Floskel festgehalten: er, der berühmte Konzilsvater zu Trient, sei ein Lutheraner. Er, der sich erst zwei Jahre vor dieser Gefangennahme, 1549, auf dem Konzil zu Trient so trefflich gegen Luthers Übertreibungen  abgrenzte, konnte seine Unschuld nicht beweisen. Es half ihm nicht, dass er damals klar antilutherisch, die protestantische Meinung widerlegte der Mensch werde ausschließlich durch Gottes Gnade selig und das sittliche Vermögen des Menschen sei unbedeutend.
Seine zu Trient eingebrachten Formeln: Gott verlange des Menschen Mitwirkung zur Erlangung der Rechtfertigungsgnade,  brachte ihm viel Lob sogar von Päpsten ein, die meinten nun hätten sie ein Mittel gegen den für Rom lebensbedrohlichen Protestantismus.
Doch eben dieses Lob rief seine Neider auf. Sie wollten und sollten ihn schließlich vernichten.  Sie beharrten darauf selbst vernommen zu haben, wie er dem sterbenden Kaiser Karl, mit folgenden Worten Trost zusprach: 
                         „Majestät ihr dürft der Gnade Christi gewiss sein.“
Das genügte den Lauschern an der Wand und den Herren über Leben und Gewissen. Das reichte aus für eine Anklage, dies sei lutherische Gesinnung und Ketzerei.  Sie drehten dem redlichen Mann das Wort im Munde um. Wer in Spanien von Gnade sprach lebte gefährlich.  Unerhört war und ist, was in diesem Land des finsteren Aberglaubens und der Unbarmherzigkeit geschieht.
 Jóse selbst,  als Angehöriger jenes Ordens dem Papst Sixtus IV. 1478 die Autorität verlieh Inquisitoren zu benennen, stand somit staats- und kirchenrechtlich in der Pflicht Rom und dem Escorial die absolute Treue zu halten.  Leute wie er durften niemals hoffen  ungestraft zu entkommen, falls sie auch nur andeutungsweise kritische Bedenken einwenden sollten. Daran war kein Zweifel, obwohl die kuriosen Lehren und die ungeheuerlichen Praktiken der Kirche den Ungehorsam forderten.

Dr. Carranza schob die düstere Wand seiner Bedenken schlicht beiseite.
Im Augenblick war sein Ahmed das größere Problem. Was immer sein Sohn sah und hörte, wenn gewisse Hassprediger loslegten, das musste ihn erregen  und formen. So erging es Ahmeds zahlreichen Freunden. In Garbada, einer der Nachbargemeinden, dominierte Jaime Bleda, ebenfalls ein Dominikaner, der sich unglaubliche Geschichten ausdachte und der Kleinigkeiten zu Monstern aufblähte. Er konnte anscheinend weder essen noch trinken bevor er nicht Gott angerufen und laut gejammert hatte: „Die Marranen sind unser Unglück!“
Mit diesem Fluch eröffnete  er seine Bußpredigten und so schloss er sie ab. Sodann schwenkten seine Mitpriester Weihrauchgefäße.  In Ahmeds Bewusstsein stand fest, dass es in diesem seinem Heimatland weder Gerechtigkeit noch Barmherzigkeit gibt, auch wenn die Inquisitoren diese beiden schönen Worte groß auf ihre Schilde und Hauswappen geschrieben hatten.
Die Marranen, von Gutwilligen auch Maurisken genannt, konnten die Kirchenrituale nicht lieben. Das Weihwasser zur Stirn zu bringen, fiel ihnen schwer, aber sie mussten. Ebenso verabscheuten sie das Verbeugen vor dem Altar, das Kreuzeschlagen, die Rosenkranzbeterei, das Mitmarschieren in Prozessionen aller Art. Diese und andere Teile eines vermeintlichen Dienstes an Gott, wirkten auf die schlichten Gemüter der Maurennachkommen abschreckend. Das Eigentliche des christlichen Glaubens: Mitgefühl für jedermann zu empfinden und die Pflicht zur Wahrhaftigkeit,  gefiel ihnen sehr wohl, nur, davon bekamen sie im Alltag sehr wenig  oder nichts zu spüren.
Es gab kirchliche Prediger und spanische Verwaltungsbeamte die den Unwillen der  zunehmend bedrängten Marranen  durchaus nachvollziehen konnten. Es gab sogar Bischöfe die aus reinen Gründen der Vernunft dem dringenden Wunsch der Unterdrückten  nach Schutz zustimmten und entsprachen. Diese wenigen Furchtlosen forderten von ihren kirchlichen und weltlichen Vorgesetzten, man möge ihre Untergebenen bitte nicht unentwegt quälen.  Zu deren Wortführern gehörte der Bischof von Tortosa, in Katalonien. Doch gegen den umgekehrt fließenden Hauptstrom kamen sie nicht an. Auch die Mutigsten werden schweigen, wenn in wenigen Wochen die Pauken und Trompeten den Start zur Ausbürgerung von hunderttausenden verkünden. Kaum jemand wird es wagen, angesichts der Vernichtungswelle, seine Hand schützend über seinen friedlichen Nachbarn zu halten. So war der Durchschnittsmensch, so ist er, ängstlich, wenn er einsam dasteht und nicht selten gnadenlos im Rudel der Wölfe.
Die Mehrheit der christiano viejos - Spaniens Altchristen - nahmen ihren Glauben und die Predigten, wie die Atemluft, gedankenlos als naturgegeben hin. Er war ihr selbstverständliches Erbe. Wichtigtuerisch hieß es, Christen gezieme es, wann immer möglich, eine heilige Reliquie zu erwerben. Niemand kümmerte sich darum, ob die echt sein mochte oder nur ein Hundeknochen. Ambrosius von Mailand brachte gegen Ende des vierten Jahrhunderts diesen Kult banalen Aberglaubens auf. Ambrosius brachte jedem der ihm nicht folgen wollte immer noch und nun mehr denn je in Schwierigkeiten obwohl er sich seit Jahrhunderten verabschiedet hatte.

Endlich angekommen im immer engeren Netz zahlloser Wassergräben inmitten des tiefgrünen Gartenlandes Alborayas, sah Jóse plötzlich seinen Sohn, den bildhübschen Knaben Ahmed. Er befand sich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Dr. Carranza zögerte. Er stand still. Dieses wunderbare Bild wollte er sich für ewige Zeiten einprägen, nämlich das Ebenbild der Mutter Ahmeds, seine breite Stirn, diesen feinen Zug der schön geschnittenen ein wenig gekrümmten Nase und dem leicht fliehenden Kinn, mit ihrem Ausdruck von Gelassenheit. Wer weiß, was nun geschieht?  Ob Ahmed sich in eine Haltung der Verweigerung hineinsteigert, wenn nun  die ganze Wahrheit hört?

Die Offenlegung

 Jòses Herz schlug höher.  Ahmed saß zwischen den Gräben und dem oberen Trockenland auf einem Wall, im kniehohen Gras, umgeben von friedlich grasenden Schafen. Er spielte die Laute für sich, übend und leise, wie es schien tief in Gedanken versunken. Er summte eine verbotene arabische Weise. Sein Körper wog sich im Rhythmus des Liedes. Nie zuvor rührte den Vater die Liebe zu seinem Sohn so tief. Er stand plötzlich vor ihm. Ahmed sah den Schatten eher als den Mann mit der baskenblonden Tonsur und dem kurzen, dichten  Rundbart – den er sich während des Sommers wieder zugelegt hatte – den er Jahre zuvor schon trug. Vom Boden her aufblickend  musterte ihn der Lautenspieler nicht gerade erfreut. 
Jóse indessen nahm allen Mut zusammen.  Er beugte spontan ein Knie.  Den Kopf aufgerichtet, die Arme ein wenig ausgebreitet sagte er leise und ruhig: „Ahmed, ich bin dein Vater!“
Sekundenlang kam er sich selbst wie ein Mime auf einer Bühne vor. Er wusste es gleich, dieser Auftritt war verpfuscht.
Der Sohn hielt wohl den Atem an. 
Jóse erhob sich, suchte den Blick seines Ahmeds, doch der wich ihm aus. Der fünfzehnjährige  Mauriske ruckte den langen Kopf. Sein Mund mit den vollen Lippen öffnete sich.  Plötzlich sprang er auf, blieb, das schöne alte Instrument in der Rechten, einen Augenblick lang stehen, trat dann unsicher und ungeschickt zwei Schritte zurück. Ihm mochte es vorkommen, als hätte ihm jemand mit einem Hammer vor den Kopf geschlagen: „Du?“
Der Unterton erschütterte den Vater. Vielleicht hätte er statt eine Scene zu machen, ihm einfach die Rechte auf die Schulter legen sollen und sich so, neu und gut und richtig einzuführen. 
Vor dem Hintergrund des weißlich schäumenden Meeres zeichnete sich des Sohnes schäumenden Meeres zeichnete sich des Sohnes vollkommen geformter Maurenkopf ab.   Ahmed war größer als seine Altersgefährten. Er ging wie alle Knaben seines Stammes langhaarig. Er schaute wie ins Leere. Bislang hatten ihm alle, auch dieser Mann, vorgespielt, er sei sein weitläufiger Onkel.  Sohn Ahmed wusste nach dieser inneren Explosion nichts zu sagen, noch zu fragen. In ihm kollidierten offensichtlich mehrere Sichtweisen. Immer noch mit dem Ausdruck des Erschreckens und der Ablehnung starrte er auf den schwarzweiß gekleideten Dominikanermönch Dr. Jóse Carranza, der ihm jäh fremder denn je vorkam. Onkel Carranza. Der Onkel im blitzsauberen Ornat.
Jóse hatte von diesem Bild und der Stimmung, wie er sie nun wahrnahm, zuvor eine gewisse Vorahnung empfunden. Doch Ahmeds Mienenspiel übertraf seine Befürchtungen.  All diese maurenstämmigen Menschen der Huerta sträubten sich ohnehin wenn Bettelmönche auf sie zukamen. Als die Schwächeren jedoch mussten sie ihnen freundlich die Zähne zeigen, und den sie begleitenden Laienbrüdern Geschenke geben, obgleich die Gefühle ihres Hasses dominant blieben.
Alles Muss ist furchtbar.
Mönche als Ordenspriester wurden von sämtlichen Maurisken Spaniens als widerliche Personen wahrgenommen, als Quäler und verbohrte Spinner. Besonders freitags und an Sonntagen, nach den Pflichtmessen, litten die Angepredigten.
Mannhaft sollte es klingen und gut: "Ja, Ahmed, ich bin dein Vater. Ich bitte dich mir zu vergeben!“  
Auf Ahmed wirkte es nur unangenehm.  Er verachtete die Geistlichen, insbesondere die Dominikaner. Sie befanden sich im weiten Weingarten der maurischen Großfamilie Bertram und gleichzeitig in einem ungewissen Spannungsfeld. Kleinere Moskitoschwärme umsäumten sie, und in der Windstille surrten größere Insekten. Ahmed wusste nur: alle Christen logen, je frömmer sie taten umso mehr. Immer wurde ihm gesagt, wenn dieser Herr ankam, „dein Onkel ist da“. Wenn er konnte, vermied er es diesen Gast zu begrüßen.  Beide standen wie versteinert. Ahmed schaute aus den Augenwinkeln und  mit Anzeichen des Ekels auf die Tonsur seines Onkels, denn die war das Zeichen des meistgehassten Mannes in den Dörfern der Großgärten Valencias, namens Bleda, Jaime Bleda, der unter den Maurennachkommen nichts als Abscheu, Angst und Zorn erregen konnte. 
Der Dominikanerprior Jaime Bleda hieß in Maurenkreisen allgemein „der feuerspeiende Drachen“, so wie er die ungeliebten Maurisken seiner eigenen Gemeinde "Hunde" nannte. Jaime Bleda der Mann aus Eisen, der schon seit Jahren dem damaligen Vizekönig Don Juan de Ribera zuarbeitete, der ihm mehr und mehr Argumente lieferte, die im Klartext übereinstimmend lauteten: es ist höchste Zeit das Kapitel der spanischen Mauren endgültig zu schließen.
Hatte er, Ahmed, hier in diesem Mann der plötzlich behauptete sein Vater zu sein  einen Abgesandten und Gesinnungsgenossen des Jaime Bleda? War der da ein willfähriger Helfershelfer des Höllischen, der nun sein teuflisches Spiel auf die Spitze trieb…? Ahmed wusste intuitiv, dass er nicht ehrlich zu sich selbst sei, wenn er das zu Ende dachte. Er musste nach dem ersten heftigen Gefühlsausbruch vor seinem kritischen Innern zugeben, dass Dr. Jóse Carranza ihn - bisher - nie angelogen hatte.  Das ließ sich nicht abweisen, obwohl er es gerne gewollt hätte. Was war es, was ihn bewegen wollte mit scheinbar neuen Augen den Mann da und die Welt zu betrachten? Heftig wühlten die Gefühle von Bitterkeit und Liebe, von  Enttäuschung und der Hilflosigkeit in Vater und Sohn. Da standen er, Jóse, mit seinem kräftigen, blonden Haarkranz und der dunkelhaarige Junge mit seinem typischen Maurengesicht, denen niemand angesehen hätte, dass sie verwandt sein könnten, hilflos.  Erstaunlicherweise lief Ahmed nicht fort. Die bessere Seite seiner Natur hielt ihn fest: "Warum habt ihr mir nicht früher die Wahrheit gesagt?"
Vater Jóse überlegte nicht mehr. Er zog aus seiner Kutte etwas Buchartiges heraus und wies Ahmed darauf hin, er sei erst jetzt gekommen, weil er nun dringend Ahmeds Hilfe suche. Auch um ein Missverständnis zu beseitigen um wenigstens einen Teil der anstehenden Probleme zu lösen. „Erst jetzt sind die gegen euch gerichteten Gesetze zur Vertreibung aus dem Imperium bedauerlicherweise auf den Weg gebracht worden. Sie  könnten binnen Wochen oder sogar Tagen akzeptiert und terminiert werden, wenn sie nicht schon in der kommenden Woche in Kraft treten. Damit sind die Würfel nicht nur gegen euch sondern auch gegen mich gefallen.  Schau!“ sagt er in einem Ton der einen Felsen bewegt hätte, „ich bin dir eine Erklärung schuldig. Du warst zu jung, du wärst in Gefahr geraten, mit diesem Wissen, das du nun erlangt hast. Ich tat was ich konnte, für dich und mich.“  Ahmed wankte, das sah Jóse deutlich. Der junge Mann schaute auf die Papiere und schüttelte den Kopf, trotzig sollte es aussehen. „Ahmed, nach dem frühen Tod deines Großvaters, brachten mich meine Verwandten in ein Kloster. Hernach gibt es keinen Ausweg. In einem Kloster, wenn man ihm mitsamt Geldgeschenken übergeben wird, klappen die Tore für immer zu.  Du kannst nicht ahnen, wie viele Menschen auf diese und ähnliche Weise um ihr Lebensglück gebracht wurden. Männer aus Stahl zerbrachen am ehernen Muss gewisser Mönchsorden. Da ist viel mehr, was ich dir sagen muss… mein Sohn Ahmed.“
Der Junge wollte trotz der massiven Liebeswerbung in der Zurückhaltung bleiben und presste tapfer heraus: „ich kann nicht!“ Er wandte sich zum Gehen. Geistesgegenwärtig erwiderte Jóse: „Dann nimm mich als deinen Freund der dich besser versteht als du denkst! Wir sind auf jeden Fall, bis zuletzt, mit demselben Schicksal verbunden. Da ist keine Zeit mehr für Bedenken und Phrasen.“ Seine klugen, blaugrauen Augen warben mehr als seine Lippen. Jóse war überzeugt, dass er Feuer versprühte. Das war auch der Fall.  In Ahmed, dem Fasterwachsenen, saß jedoch alles, was die Frommen betraf, zu tief und zu lange fest. Was die Christenpriester ihnen mit zahllosen Worten tausendmal von der Kanzel her, im Brustton tiefster Verachtung gesagt hatten, lautete: „Wir sind Feinde.“  In seiner Zerrissenheit und noch einmal gewollt böse, setzte Ahmed giftig hinzu: „Ich habe noch nie einem Mönch getraut.“ Wort für Wort ein Berg der Ablehnung. „Ich sah dich Messe lesen, aber du hast mich übersehen. Ich sah dich  Kreuze schlagen. Als dein angeblicher Neffe war mir das egal. Jetzt nicht. Ich bin Muslime und du bist einer der auch bloß zusieht...“ Er ging zunächst, lief dann davon.
Jóse musste sich hinsetzen, musste sich in Geduld fassen. Er konnte sich vorstellen, wie es in dem Knaben arbeitete. Der junge Rebell tat sich absichtlich schwer. Hätte er den Onkel Vater etwa umarmen sollen? Die jähe Situation reift ihn jedoch auch gegen seinen Willen. War das vielleicht sein letztes Aufbäumen?  Kein Wunder.  Selbstredend war wenigstens den klügeren Maurennachkommen Valencias seit dem Ableben Philipp II. klar, dass Spanien sie eines Tages ins Meer werfen wird. Diese vielen Reden davon verfolgten sie. Nahezu alle Leute, dieser, von ihrer Hand wunderbar gepflegten Huertagebiete, hörten Sonntag für Sonntag und vor allem freitags, dass sie nichts als Heuchler und Verworfene seien. Ja, was erwarteten denn die vernagelten Vielbeter? Jóse schaute auf den nun leeren Platz. Was blieb ihm zu tun? Hätte er sich doch eher zu erkennen geben sollen?
Noch in diesem Augenblick da er selbst, wie gewiss sein Sohn, mit seinen Gefühlen rang, sah Dr. Carranza, sich wider Willen erinnernd, wie sein Erzbischof Don Juan de Ribera dasaß, langbärtig und kahlköpfig. Ein Holzkopf mit überlanger Nase, verbohrt, verdreht und eingebildet, ein alter verbitterter Mann. Nahezu jeder Satz des geplanten Bannes hatte sich in Jóses Gedächtnis eingebrannt. So in etwa möge Spaniens König, Philipp III. von allen Kanzeln verkünden lassen: 
"Ihr kennt die Bemühungen welche man seit Jahren für die Bekehrung der nuevo christiano verwandte. Gott kennt unseren Fleiß mit dem wir sie im christlichen Glauben unterrichtet hatten... und wie wenig das alles geholfen hat, denn auch nicht einer bekehrte sich... sie schmiedeten Ränke, mit all unseren Glaubensfeinden. Deshalb ermahnen mich... den König, sehr gelehrte und heilige Leute kurze Mittel zu ergreifen wozu mich ohnehin mein eigenes Gewissen verpflichtet, dass ich die Mauren ohne Bedenken an Gut und Leben strafen darf, wegen der Fortdauer ihrer Verbrechen der Ketzerei... Obgleich alle verdienten, das Leben zu verlieren, ... habe ich zur Ehre Gottes beschlossen, dass alle Mauren aus Spanien verjagt werden sollen." (10)
 „Obgleich alle verdienten, das Leben zu verlieren“  Das Echo hallte in schauderhaftem Ton. Diesem königlichen Beschluss ging eine Klageliste voraus, die zur Hälfte Argumente des Dominikaners Jaime Bleda enthielten. De Ribera setzte seinen Teil hinzu.  Diese beiden Kleriker negierten völlig, dass es bedeutende Gegenargumente und Bekehrte gab. Zwei wesentliche unten den allesamt dummen Anklagepunkten de Riberas lauteten, die Maurisken verweigerten Schweinefleisch zu essen. Sie boykottierten  das Verbot des Wäschewechselns an Freitagen.  Das wusste jeder. Ebenso war bekannt, dass die Maurenbauern selbst an schweren Arbeitstagen, während ihres Ramadan nur zum Schein an harten Brotkrusten nagten.  Don Juan de Ribera, gegenüber, hätten sich zudem mehrere Gemeindepriester beschwert, die Marranenmänner hielten auch freitags Beischlaf  mit ihren Frauen, obwohl dies doch verboten sei, wenn sie nach der Taufe den Namen Maria erhalten hätten. Das sei Lästerung der unbefleckten Gottesmutter. Zudem klagten zahlreiche Priester, die Marranen würden nach jeder Babytaufe nach Hause eilen um die Taufspritzer abzuwaschen, andere brächten immer wieder dasselbe Kind um andere vom Christenwasser  fernzuhalten.
 Dr. Carranza seufzte tief und krampfte die Finger seiner gepflegten Hände ineinander. Das bislang zögernde Verhängnis schritt  nun plötzlich blitzschnell gegen die verfemten Maurisken. Deren angeblich schweinische Gesinnung verlangte die Umsetzung des längst gesprochenen Urteils. Ein jäher Luftstoß hatte auch die letzte Hintertür zu einer erträglichen Lösung  ein für alle Mal zugeschmettert.  Sonderbar, dass Erzbischof de Ribera, Jaime Bleda und andere, wie Herzog von Lerma,  es für selbstverständlich hielten, dass die Mauren sich wehrlos wie Schafe ins Verhängnis treiben lassen würden. Die spanischen Militärs dachten indessen anders, das wusste nicht nur er. Für die Realisten stand fest, die Mauren gehörten zur Kategorie entschlossener Kämpfer. Davon zeugten die hundertfach überlieferten Berichte früherer Schlachten. In die Enge und zur Verzweiflung getrieben, könnten sich immer noch mindestens zwanzig- wenn nicht dreißigtausend Männer zusammenfinden um ihr Recht auf Heimat und Glaubensfreiheit massiv zu verteidigen.  Dreizigtausend bildeten eine kleine Armee, dazu eine schlagkräftige, wenn sie an Waffen herankämen.  Jeder sollte zudem ernsthaft bedenken, dass die Mehrheit der auf der iberischen Halbinsel wohnenden Menschen, nämlich die Altchristen, hinsichtlich eines Rechtes auf Heimat, keinen Vorrang besaßen. Solches Recht  reklamierten die Betreffenden zwar vehement für sich, doch historisch gesehen war das nicht korrekt. Vor allem die Abkömmlinge der Westgoten die nun das Land dominierten, waren ebenfalls Zugezogene. Sie zählten im selben Sinne zu den Eindringlingen, wie die Mauren. Die Ersteren seit dem fünften, die Mauren seit dem frühen achten Jahrhundert. Der Unterschied war höchstens gradueller Art, aber kein prinzipieller. 

   
Wikipedia
Reminiszenzen – der Gott der Christen ist Sol

Mit Bangen um Ahmed, dachte Jóse zurück welchen Aufwand er betrieben hatte um das Unglücksrad wenigstens zu bremsen. Es gelang ihm bereits 1604, vor nunmehr fünf  Jahren, bis in den Palast des Vizekönigs und Erzbischofs Don Juan de Ribera vorzudringen. Er hatte sich hoch gedient, wurde, auch mittels einer größeren Geldspende, Mitarbeiter dieses ungnädigen Mannes, der zugleich als sein Erzbischof fungierte. Umsonst. Nun saß er da im Gras, tief bewegt, im Augenblick ein wenig ratlos. Jóse verhöhnte sich angesichts seines davon gelaufenen Sohnes Ahmed heftig.  Nun, Doktor der heiligen Schrift, Bruder Carranza was hast du bisher bewirkt?  Es jammerte ihn. Da war nichts was er wirklich  vorweisen  könnte. 
Wie denn auch? Allzu viele Bischöfe schaufelten mit, um jene Abgründe zu schaffen, vor denen nun immer mehr Hilflose entsetzt dastanden.
Die spanische Inquisition ist nur eins unter den Produkten der Herren der Willkür. In Wahrheit und im Grunde jedoch ist sie das Resultat der Bemühungen des altrömischen Gottes Sol Invictus. Dieses Geistwesen inspirierte gewisse Leute seit je, wie sie die Weltmacht, mit Hilfe frommer Tricks gewinnen können - eine Macht die vor allem dem Gott Konstantins dient. 
Mit Jesus von Nazareth, der nur einlud: Kommt her zu mir die ihr mühselig und beladen seid,  hatte all das nichts zu schaffen.
In Nicäa, 325, feierte Sol seinen glorreichen Einzug ins Christentum.
Oder ist es etwa nicht wahr, dass Konstantin dort als Sol Invictus, sogar in dessen Gewand, auftrat?
Rom förderte aus Machtsucht Sol Invictus elende Kirche. (5)  Früher litt Jóse Carranza unter diesem Wissen, das so gut wie niemand mit ihm teilte. Nur drei weitere Mönche, denen er unbedingt vertrauen durfte,  nickten ihm vorsichtig zu.  Er litt in der Tat solange, bis er sich innerlich von dieser Kirche der Verfolgung löste und sich gegen sie stellte.  Es traf bedauerlicherweise zu, dass Roms Frommste die größten Verbrechen verursachten, indem sie  Kaiser und Könige aufstachelten alle Arten von Widerstand zu brechen, die sich gegen die Kirche des Sol und ihre  egoistischen Ansprüche und Interessen richteten.

Da ist der schier unglaubliche, aber urkundlich beglaubigte, 
"Erlass des Papstes Lucius III. auf dem sogenannten Konzil von Verona 1184. Er  gebot allen Machthabern, vor ihren Bischöfen eidlich zu geloben, dass sie die kirchlichen und weltlichen Gesetze gegen die Ketzerei voll und wirksam durchführen wollten. Jede Weigerung oder Vernachlässigung sollte mit Exkommunikation, Absetzung und der Unfähigkeit ein anderes Amt zu bekleiden, bestraft werden...Die Kirche zwang die weltlichen Herrscher zur Verfolgung derjenigen...“ (6)
die sich wehrten das Papsttum anzuerkennen.
Dass dieses Papsttum Sol und seiner Strategie zu Diensten stand,   - wenn das auch eigentlich ungewollt der Fall war – konnte niemand leugnen.
Wenn ein Christ der ersten drei Jahrhunderte jemals prophezeit hätte, dass die Kirche sich einmal, aus eigener Kraft, über die „weltlichen Herrscher“ erheben würde, hätte ihn niemand für ernst genommen.
Jeder Bibelleser wusste, dass der Herr  der Hölle dem durch viele Tage des Fastens geschwächten Jesus von Nazareth ein Angebot zur Ergreifung der Weltmacht unterbreitete. Im Geist führte er ihn auf die Zinne des Tempels: Schau die mächtigen Reiche der Erde  - sieh dir Rom in seiner Pracht an -, das alles will ich dir geben, wenn du mich anbetest. (7)  Diese Szene, so kurz wie sie erscheint, sagte viel. Der Oberherr aller Großherren samt deren Streitkräfte ist Mephistopheles - mit anderen Worten gesagt: er ist Baal oder mit seinem Hauptnamen SOL. Sol Invictus, Sol Apollo. (8)
Dr. Carranza war nach vielen Jahren des Studiums der Geschichte der römischen Kirche klar geworden, dass die Kirche des beginnenden 4. Jahrhunderts, geschwächt durch vorausgehende massive Verfolgungen, der Versuchung zur Anbetung des Ungeheuers erlag. Dies geschah indem sie Kaiser Konstantin zu Füßen fiel.  Dieses Fußfalls wegen, der 325 zu Nicäa erfolgte, erlangte das „christusliebende“ Rom schließlich mit List und Tücke, auch mittels gefälschter Urkunden,  den Status einer Weltmacht… und dagegen trat er an. Er, ein Erdenwurm den jeder Übelwollende  zertreten konnte. Irgendein Neidhammel musste nur an die entsprechende Tür klopfen und sagen: „Ich weiß etwas!“

Jóse wütete manchmal in sich hinein. Dieses, allen Bibelgläubigen ausdrücklich untersagte Begehren fremden Gutes, empfand er ohnehin als ekelhaft. Hinzu kam die religiöse Unduldsamkeit, die er  zu den schlimmsten Übeltaten zählte.
Sie ist nichts als Lieblosigkeit. Jesus hatte das in hundert Beispielen warnend gelehrt. Liebe dagegen ist der Ausdruck von Duldsamkeit und der Herzensgüte. Der mahnende Christus drückte mit seinen Hinweisen auf die Lehren der Thora und  der Propheten aus, dass das Streben führender Persönlichkeiten nach immer mehr Macht lediglich Elend heraufbeschwört. Die Macht der einen fußt immer auf der Unterlegenheit der anderen. Unter Gleichen ist das ein Unding.  Damit erklärte nicht ein kleiner Dr. Carranza, - wie er sich selbst in diesem Augenblick nannte - sondern Jesus selbst, die herrschsüchtige Kirche für unheilig.  Jóse musste natürlich sogar mit den Worten Christi behutsam umgehen, denn die Inquisition schlug die Kritiker ihres Tuns, wo sie konnte, zu Boden. Es galt nur was die Fürsten dieser Institution für richtig hielten. Natürlich stützten alle Kirchenmächtigen sich auf die Rechtsgutachten der Universitäten, wie diese wiederum die Dekretalen der Päpste unverfroren über die Bibeltexte stellten. Jòses Lieblingssatz lautete deshalb: Christus gab seiner Kirche den Auftrag durch Liebe die Neigung zur Vormacht zu überwinden.
Das sei ihre Mission.
Alleine dies zu sagen, konnte Gefahr heraufbringen. Bevor er solche Überzeugung äußerte, schaute er sich die Leute, mit denen er reden konnte, genau an. Er wusste, dass es dieses  Rom, und dieses Madrid, nicht gäbe, wenn deren Bischöfe nicht aktiv mitgemacht und den Kurs zur Machterringung für gut befunden  und unterstützt hätten. Roms Vorrang gegenüber allen anderen christlichen Metropolen durchzusetzen, war wichtiger Teil der Kirchengeschichte seit dem vierten Jahrhundert. Mit handfesten, selbst mörderischen Waffen kämpften gewisse Bischöfe Roms seither darum die Welt zu unterwerfen. An oberster Stelle stand hier, für den belesenen Ordenspriester Dr. Carranza, das absolut inakzeptable Beispiel des Papstes Damasus, der sehr autoritär die Richtlinienkompetenz über sämtliche Christengemeinden beanspruchte.  Dieser Unmensch erlaubte sich im Jahr 366 seinem Mitbewerber um die Kirchenführung, Bischof Ursinus von Rom, den blutigen Krieg zu erklären. Der Trend zu innerkirchlicher Gewaltanwendung machte fortan Schule.  Das Rad „christlicher“ Brutalität drehte sich immer schneller. Kaum jemand, der zu Rang und Ansehen kommen wollte, kümmerte sich um diejenigen, die überrollt wurden. Ambrosius von Mailand trieb es gegen Ende des vierten Jahrhunderts als Kaiserberater sogar mit Staatsmitteln voran. Für Gregor I., Bischof von Rom, war es bereits im Jahr 600 selbstverständlich, dass Folter ein Werkzeug der Missionierung sein darf. Seine schriftliche Weisung lautete:
„Wenn ihr feststellt, dass die Menschen nicht gewillt sind, ihr Verhalten
zu ändern, so befehlen wir, dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt...züchtigt sie mit Prügeln und Folter, um sie zur Besserung zu zwingen… sie sollen durch strengste Kerkerhaft zur Einsicht gebracht werden, wie es angemessen ist, damit jene, die sich weigern, die Worte der Erlösung anzunehmen, welche sie aus den Gefahren des Todes erretten können, durch körperliche Qual dem erwünschten gesunden Glauben zugeführt werden.“  (4) 


Sorgen um Ahmed

Dem Geist des Zwanges widersetzten sich die Mauren, obenan Menschen wie  Sohn Ahmed. Ihnen lag nichts am passiven Widerstand. Sie wollten sich aufbäumen.
Darum ging es. Sie liefen in ihrem Übereifer in ein noch größeres Elend. Sobald das Austreibungsedikt verkündet wird brechen sie auf in den Krieg zur Verteidigung ihrer Heimat.
Dr. Carranza gab sich einen Ruck: Noch ist nicht aller Tage Abend. Was Ahmed betraf sollte er durchaus hoffnungsvoll nach vorne sehen: "Lo bueno lleva tiempo." Gut Ding braucht Weile.   Mit dieser Einstellung suchte er Jimena auf, seine Frau vor Gott wie er sie immer nannte, seine  heimliche Ehefrau. Nach heftiger Umarmung hörte sie  Jóse anschließend gerne zu.  Sie saßen unter dem schattenspendenden Vorbau des kleinen Wohnhauses in weißen Korbsesseln. Dieser seltsame Mönch, mit dem sie durch einen ihm sehr nahe stehenden Ordenspriester im Verborgenen getraut worden war, hatte es vermocht, auch sie und ihre mauriskischen Eltern zu dem Christentum, wie er es verstand, zu bekehren. Jimena war dünn. Fast zerbrechlich wirkte sie. Aus ihrem Gesichtsoval leuchteten dunkelbraune Augen über denen sich die tiefschwarzen Brauen bogen. Obwohl sie schön aussah, machte sie die sich andeutende, doppelte Stirnfalte ein wenig älter, als sie war. Sie konnte durchaus die Mutterrolle spielen. Dankbar auch  dafür, liebte Jóse sie. Wem sonst hätte er, nach dem Tod seiner ersten Frau, den verwaisten Jungen anvertrauen können, als deren Schwester Jimena?
Auch an diesem Tag verbot sich von selbst, dass er länger als eine knappe Stunde blieb. Jóse trank die kühle Horchata, die Erdmandelmilch, diesmal schweren Herzens, denn wie er von ihr vernahm, hatte Sohn Ahmed bei einem der unvermeidlichen Ärgernisse mit ihr, längere Zeit zuvor schon klar gesagt, dass sie nicht seine Mutter ist und ihm sowieso keine Vorschriften machen kann. Das hätte er ihr wiederholt ins Angesicht hinein geschmettert. Seine Gehässigkeit nähme zu. Er lästere ungeniert, ihm gegenüber täte sie nur so, als achte sie ihre alte islamische Religion. Mehrere Dinge, die Ahmed als Lügen erscheinen mussten, belasteten ihn, machten ihn mehr und mehr zu einem Dickschädel. „Zugegeben“, seufzte Jimena, „er ist schwierig zu nehmen.“
Als sie noch kurz vor seinem Aufbruch eine Weile vor der bergenden,  tiefgrünen Ligusterhecke beieinander, wie Fremde standen, beobachtet von Ahmed, fügte die nun dreißigjährige, zierliche Dame hinzu: „Dein Ahmed ist längst erwachsen. Ich glaube, die Jungen spielen mit dem Gedanken, falls sich die Gerüchte von der Austreibung bestätigen, werden sie ein Fischerboot kapern und zu den Türken oder Afrikaner überwechseln. Das halte ich jedenfalls für ziemlich wahrscheinlich. Pläne schmieden sie auf jeden Fall. Ich sah sie mit einem alten   Fischerboot üben. Das haben Bleda und dein Erzbischof mit ihren Wutanfällen verursacht. Es war hohe Zeit deinem Jungen alles zu sagen.“ Er erwiderte: „das ist es, was mich niederdrückt. Ich hätte es besser wissen müssen.  Ich nährte die Hoffnung zu lange, das ganze Treiben werde sich doch noch im Sand verlaufen. Ich sah gewisse Ursache dazu. Jedem Mann mit Hirn muss doch klar sein, wenn jemand seine Ernährer wegjagt, muss er den Gürtel enger schnallen“. Jòse legte seine Rechte an die ausdrucksstarke, fast faltenlose Stirn, die er über der Nase zusammenkniff: „Hilf mir ihn zu gewinnen. Nimm dir gleich meine Blätter vor, lies sie gründlich und wenn es passt, erkläre es ihm. Da ist nicht mehr genug Zeit, hin zu warten. Entweder wir gehen binnen zwei, höchstens drei Wochen nach Frankreich in die Freiheit oder nie. Noch ist die freundliche Einladung König Heinrich IV. in Kraft.“ Seine Stimme sank zu einem Flüstern: „Ich erhielt gute Nachricht aus Marseille.“ Jimena nickte zwar, sagte aber nichts.  Wieder verbarg sie so gut wie ihr möglich war, ihre Bedenken, denn außer den Wirtsleuten Bertram bedurften auch ihre Eltern ihrer Pflege. Sie schaute um sich.  Kein Fremder sollte sehen, dass er sie besucht hatte. Aber immerhin handelte es sich um das Grundstück des bekanntlich christlich eingestellten Mauriskenehepaares, denen sie die Wirtschaft führte. Bertram wird zu den wenigen gehören die sie verschonen werden. Zudem benötigten sie ihn als Sachverständigen, um die komplizierten Wasserverteilungssysteme der Huerta auch weiter zu beherrschen. Er war ordentlicher, allerseits anerkannter Wasserrichter unter einigen anderen, die sich regelmäßig donnerstags trafen und mit dem Glockenschlag der Kathedrale festlegten, welche Parzellen zuerst bewässert werden müssten.
Selbstbeherrscht schaute Jóse sich nicht um, als sie sich löste und ins Haus zurückzog. Sobald er zwischen den silbern glitzernden Kanälen verschwand, folgte ihr  auch Sohn Ahmed, der alles mitgehört hatte. Sonderbar war für ihn, dass diese Frau, die ihm nun noch fremder  vorkam, das für ihn bestimmte Buch lesen soll und dass sie es ihm vermitteln soll. Keine Frage, er wird es, sobald das ratsam ist, an sich bringen. „Ein Buch von deinem Vater“ lästerte er. Was  sollte das? In seiner Bande gab es keinen, der Gutes an den zahllosen, rosenkranzbetenden Mönchen und Nonnen fand.  Sie stanken allesamt, weil sie das Wasser scheuten, wie die Banditen das Jüngste Gericht. Vor einiger Zeit hatten sie zu zwölft, allesamt um die vierzehn, fünfzehn, beschlossen nach Garbada zu gehen. Da waren sie untergetaucht, in der Menge der gelangweilten und unfreiwilligen Kirchgänger, um heimlich zu rebellieren und zu randalieren, falls der verrückte Bleda, Garbadas Gemeindepfarrer, wieder anfangen würde, roten Zorn zu spucken. Doch an jenem Morgen predigte ein milderer, dicker Mann belangloses Zeug. Ahmed war völlig verwirrt. Er sah wie Jimena sich das Buch vornahm. Warten war angesagt. Er verbarg sich im Reisstroh das gestapelt hinter der Scheune lag. Er steckte den Kopf tief ins Bräunliche. Was tun?  Was nun? Jaime Bledas Hasstiraden, die er persönlich sogar in Rom vorgetragen hatte, stießen selbst bei der Kurie nicht auf Gegenliebe. Es gab Gerüchte der Papst hätte Jaime Bleda zusammen gerüffelt. Die Maurisken seien doch gute Zehntenzahler! Ahmed rief mehr Bilder herauf.  Bleda wusste alles.  Jedenfalls tat er so. Da stand er dann am nächsten Sonntagmorgen mit seiner widerlichen Fratze breitbrüstig in seiner Dominikanerkutte, zeterte und hetzte wie gewohnt vom Balkon herunter  gegen die ungeliebten Mitglieder seiner Gemeinde. Mit dem goldenen Kreuz in der Hand schlug er theatralisch Löcher durch die Luft. Dass er selbst den Typ der Christustöter repräsentierte käme ihm in tausend Jahren nicht in den Sinn. Es ist wahr, Ahmed und seine Freunde warteten an jenem Tag draußen, hinter  den Tujahecken auf ihn. Sie warfen kleine Erdbrocken nach ihm, ohne ihn zu treffen, ohne ihn treffen zu wollen, was er nicht bemerkte oder bemerken wollte, denn er ging an diesem Tag alleine. So widerlich wie der, das musste Ahmed einräumen,  sah sein „Onkel Jóse“ bei Weitem nicht aus. Bleda wollte gehasst werden. Erst so schien er sich wohl zu fühlen, einem wilden Tier ähnlich, dass sich im Morast suhlt. Er werde sie nun auf noch heftigere  Weise lehren die Knie vor Christus zu beugen. Aber auch das käme, jetzt zu spät, wie Bleda in seiner letzten Bußpredigt betonte. Dazu hätten sie neunhundert Jahre Zeit gehabt die angediente Lektion zu lernen. Verpasst! Deshalb würden sie vom Satan, den sie heimlich anbeteten, geholt werden. Er dagegen, Bleda, ihr Hirte und Herr, hätte sie lange genug gewarnt. Doch sie wären verstockte Kameltreiber, und eben  Marranen, geblieben. Er hätte das seit eh und je laut und verständlich verkündet und kritisiert.   Das war so: er hatte alles gegeben und getan, um sie zurück in die Arme ihrer islamischen Prediger zu treiben. Denen die er verachtete, hatte er jeden Freitag die heißesten Plätze in der Hölle versprochen.

Obwohl Ahmed sich noch sträubte schien ihm, dass ihn am Ende eines langen, schwarzen Tunnels ein kleines Licht erwartete. Er hielt mit diesem ungewollt auftauchenden Bild plötzlich den Atem an. Es ließ sich nicht leugnen. Da war ein kleines Licht. Erklären konnte er sich das nicht.


Das Buch der Wahrheitssuche


Er suchte und fand seines Vaters Aufzeichnungen noch am Nachmittag dieses für ihn schicksalhaften Sonntags, als noch Friede herrschte. Da lagen die zusammengenähten Blätter nun vor ihm. Auf der ersten Seite, bunt mit einer Landkarte ausgestattet.
    
Wikpedia : Kalifat Cordoba um 1 000
„Mein Heimatland!“ Ahmad wiederholte es zwei, drei Mal.  Sonderbar verdächtig  kam ihm nun als jäher Gegensatz sein Anflug von Stolz vor, diese erstaunliche Erkenntnis: das Buch und das Bild seien ihm gewidmet, während er von sich selbst seelische Härte und gegen "Onkel Jóse" gerichtete Bekenntnistreue erwartete. Doch stattdessen empfand Ahmed sich durchaus nicht als Meister seiner Gefühle. Er musste ziemlich hilflos zusehen und erleben, dass ihn gewisse Wogen starker Empfindungen aus entgegengesetzten Richtungen überrollten. Minutenlang betrachtete Ahmed des Vaters Zeichnung vom ehemaligen Kalifat Cordoba. Stolz überwältigte ihn erneut: „Allahu Akbar!“ Dies ist deine Heimat. So groß und herrlich war es einmal. Er bekannte es dramatisch: Gott hatte dieses wunderbare Land den Mauren geschenkt. Ahmed war so gerührt, dass er fast geweint hätte.  Er las: "Ahmed, ich bin wie du stolz auf die großartigen Leistungen der Araber in Spanien. Ich stand wiederholt unter der Mihrab der großen Moschee zu Cordoba und fühlte die Ehrfurcht großer Männer die hier ihrem Glauben Ausdruck gaben. Ich liebe es. Da ist kein Aber."

Ahmed hatte bereits zuvor Bilder der Moschee zu Cordoba gesehen und sich damals schon geschworen, als er erst zehn war, er würde sich niemals, wie seine Vorfahren von den Spaniern in die Knie zwingen lassen. Irgendwann wird er in der heiligen Moschee Cordobas, - auf deren Spitze sich nun ein Kreuz befand,  - fünf Mal des Tages sein Haupt in Richtung Mekka beugen.
Das Kreuz der Christen indessen verkündete ihm und seinen Genossen Tag für Tag, dieses Land werde vom Ungeist blinder Überheblichkeit beherrscht.
Dagegen konnte kein Mensch vor Gott höheren Anspruch auf  eine zukünftige Herrschaft über dieses  islamische Gotteshaus erheben, als ein Maurenfürst, der unter der Mihrab, der Gebetsnische, anbetend kniete.

Dr. Carranza muss  voraus gesehen haben, dass sein Sohn so reagieren könnte. Ahmed las denn auch erstaunt und enttäuscht: "Ahmed, ich verstehe dich und deine Begeisterung, doch bedenke, ehe du zu heftig Partei ergreifst: dieses wunderbare Gebäude, die weltberühmte Säulenmoschee, steht auf dem Fundament einer westgotisch-christlichen Kirche. Gerechtigkeit verlangt, dass wir beide Seiten sehen müssen. Aber so viel ist gewiss: Cordobas Wunderwerk gehört den Muslimen. Ich füge hinzu, es gehört den toleranten Muslimen. Du wirst gleich sehen, dass es sie gab."
Der Text wie die beigefügten Skizzen der Mihrab nahmen Ahmeds Aufmerksamkeit gefangen. Plötzlich wollte er nicht mehr, dass seines Vaters Gesicht von ihm wich. Er las sich in den so nicht erwarteten Text hinein, bis er wieder auf eine Schlussfolgerung stieß die ihn störte: „Ahmed, es gibt zu viel Zank in Gewissensfragen. Aus allen denkbaren Gründen der Vernunft müssen wir für religiöse und politische Duldsamkeit einstehen. Jeder Mensch besitzt eigene Rechte, die selbst der Allmächtige nicht antasten würde, die er nicht antasten darf, wie alte Schriftüberlieferungen deutlich bestätigen. Gott schenkte jedem Menschen das Individualrecht. Es ist dem Gott heilig, dem ich folge, dem Gott bedingungsloser Liebe.  Wer dem Grundsatz der Gleichberechtigung missachtet sät Unfrieden. Nie werden Kriege aufhören, wenn wir uns nicht der Erkenntnis beugen, dass Vormacht strikte Grenzen hat. Sie auch nur geringfügig zu übertreten kann den Benachteiligten schon als Kriegserklärung erscheinen. Der Teufel soll die Übertreibungen der Einen wie der Anderen holen.
Das gilt insbesondere für Religionen. Mag doch jeder Gott verehren wie ihm sein Gewissen vorschreibt.  Es ist unglaublich, was sich angebliche Gottesanbeter gegen die Warnungen des eigenen Gewissens  herausnehmen. Schau dir auch dieses Bild gründlich an. Die Vorfahren deiner Mutter wurden allesamt unter die Wasser der Taufe gezwungen.


Taufe von Morisken Altarretabel Felipe Vigar  (13)

Das sind Verbrechen, die überall in der Welt vor allem von sogenannten Christen begangen werden, für die es keine Entschuldigung gibt. Deren Versuche Mitmenschen zum Guten zu zwingen, bedeutet Empörung gegen den Gott dessen Namen sie usurpierten.  Ich nenne meinen Gott „meinen Vater im Himmel“  und du  nennst - wie ich denke - denselben Gott Allah. Auf diesem Bild sind die Schwerter der Militärs nicht zu sehen, aber sie waren nach dem Ende des vierten nachchristlichen Jahrhunderts fast immer gegenwärtig, wo "Bekehrung" zu Jesus erfolgte.  Es begann unsererseits nachdem der altrömische Kaiser Konstantin seinen Generälen befahl, die Priester der von ihm gestifteten Reichskirche den Rücken zu stärken.  Eurerseits ging es von Anfang an ähnlich heftig zu, aber das ist nicht meine Sache, sondern deine!  Du solltest wissen und es dir stets zurück ins Gedächtnis rufen, dass auch ich gezwungen wurde Dominikaner zu werden. 
Nur weil mir vergönnt war schnell schreiben zu können gelangte ich ins Palais, als einer der Sekretäre des vormaligen Vizekönigs Don Juan de Ribera. Darum genoss ich mehr Freiheiten als die meisten meiner Brüder. Gehe sehr sorgsam mit diesen Blättern um. Mit ihnen lege ich mein Leben und Schicksal in deine Hände. Hätte ich dir das schon vor zwei Jahren verständlich machen können? Hätte ich es wagen dürfen, bevor du dieses Verständnis erlangtest? Und noch eins, Ahmed: kehre den Spieß nicht um, wenn du nicht verwerflich wie deine Feinde werden willst. Darüber musst du nachdenken. Heil soll die Welt sein. Heil heißt tolerant und Toleranz bedeutet, alles von da bis hier, ist erlaubt. Erst Jedes darüber hinaus ist bei der Strafe verboten, die das Kausalgesetz schreibt und verhängt.
Wenn mein Tun dem Anderen schadet, wird dieselbe Last irgendwann auf mich fallen. Der Spielraum für das erlaubte Tun ist nicht unendlich.  Das, und nur das, aber nicht was man hierzulande darunter versteht, ist der Kern der Lehren Christi: liebe die Menschen, verdamme niemanden.
Würdest du in den Schuhen dessen stecken, der Rache nahm, hättest du wahrscheinlich wie er gehandelt. Jesu Wort: Liebe deine Feinde, ist kein Ratschlag sondern ein verbindliches Gebot, aus dem allerdings nicht abzuleiten ist, man sehe tatenlos zu, wenn Bösartige im Begriff sind deine Familie umzubringen.“
Ahmed las all das mit gemischten Gefühlen. Es sagte ihm, dass sein Vater bereits vor Jahrzehnten zu der Erkenntnis gekommen sein musste, dass die Kirche der er formell angehört, das  Gegenteil dessen ist, was ihr Gründer gewollt hatte. Dieses  Monster existiere, weil die ständig durch Beichten und Kanzelpredigten genährte Furcht vor Höllenstrafen die sogenannte Christenheit zusammen klammerte. Wie Schafe kauern sie und drängen aneinander, wenn die Hunde bellen. „Ahmed, leider ist es wahr, im Islam ist es nicht anders.  
Glücklicherweise drängt uns andererseits der jedem von uns innewohnende Wunsch nach innerem Licht weiter. Diese Kraft verlangt sogar danach, wenn es sein muss, das Glück des anderen über das eigene zu stellen.  Das ist so, weil gleich neben unserem harten Egoismus das Gute in uns ist und wirkt. Sieh dir eine Mutter an, die sich um ihr Kind kümmert.  Wir können es leugnen, überdecken oder ausrotten. Es liegt in unserer Hand. Was wir jetzt in unserem gemeinsamen Heimatland erleben ist bereits mit Galle und Hass geschriebene Geschichte.  Kaum eine andere Tatsache von Bedeutung liegt so offensichtlich zutage. Das Böse regiert uns, weil das fromme Rom auf den sieben Hügeln der Bosheit errichtet wurde. Ich habe nie gesagt, dass da in Nebennischen, nicht auch Gutes gedieh.  Aber wie das Ungeheuer sich wolfshungrig durch die Zeiten fraß, liegt auf der Hand. Ich verstehe dich besser als du glaubst, Ahmed. Ich bin Historiker! 
Geschichte lässt sich nicht ändern, bestenfalls fälschend schönschreiben. Mir scheint, das nirgendwo mehr Legenden erfunden und Fälschungen hergestellt wurden, als in Rom.
Darunter leiden die Menschen. Diejenigen die zur Feder greifen und Bücher verfassen, haben bescheiden zu urteilen, aber nicht leisetreterisch!  Wer schreibt hat der Gerechtigkeit zu dienen, oder er bringt sich selbst, - seine Reputation, - an den Galgen. Um mich meines Wissens sicher zu machen habe ich mich immer wieder rückversichert. Ich schreibe, um dir zu zeigen, was mich bewegte meine innere Haltung an Tatsachen auszurichten, die ich manchmal zuunterst im Müll  fand. Wir selbst, Ahmed, sind Schöpfer des Guten - oder Teufel, Zerstörer des Glücks anderer.  Wir sind frei, weil uns die Wahrheit frei macht. Machtbesitz kann inneres Glück nicht erhöhen. Du musst weiter sehen, schon deiner Nachkommen wegen. Du weißt mehr als viele andere, auch weil du in zwei verschiedenen Welten leben musstest. Deshalb stehst du in der Pflicht gerecht zu urteilen. Lies und denke. Ich sage es drastisch, lerne deine Gelüste zu beherrschen, denn du wirst Tag für Tag, solange du lebst  in die Versuchung kommen deine Freiheit zu missbrauchen. Wenn ich, leider, Recht bekomme, dann wird das Morden insbesondere innerhalb Christenreihen nie aufhören. Zu viele ihrer dominanten Vordenker werden weiterhin vom Ungeist der Rechthaberei geritten. Auch das Morden im Islam wird nicht aufhören, solange Muslime von Buchstaben leben, statt vom Geist des Barmherzigen.  Ich versuchte ernsthaft zu erkennen, ob es Wahrheiten gibt, die nie unmodern werden, die allen gehören.   Sämtlicher Religionen bedeutendster Satz, den ich fand, lautet denn auch sinngemäß: ohne Liebe bist du nichts. Ptah-hotep, der uralte Ägypterpriester fasste ihn in die Worte:
„Lass nicht übermütig werden, deine Seele ob deines Reichtums. Nicht stehe hinten an der andere. (oder: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst) Er sei dir gleich! ...“ 

Der Liebe größter Feind ist das Verlangen mehr aus dem Leben herausholen zu wollen, als  dir zusteht. Auf Kosten anderer zu leben ist gewiss kein Kunststück.  Ich weiß nicht warum, aber das rächt sich. Da wirkt ein Gesetz das ich nicht benennen kann. Ebenso erkannte ich, dass Islam und originales Christentum nicht unversöhnlich gegeneinander stehen. Es sind die Geist- und Gottlosen auf beiden Seiten die sich heilig geben und stur und starr wie kalte Felsen stehen. Sie sehen sich als Weltretter und schufen oft nicht mehr als Trümmerwüsten. Die frommen Banditen unserer Tage werden, wie ich fürchte, uns genau das, durch ihre vor der Tür stehenden Untaten, beweisen. Sie berufen sich vorzugsweise auf eine Religion deren wahres Wesen und Schönheit sie nie erkannten. 
Ahmed, nun bist du alt genug um mich zu verstehen. Ständig müssen sogar die von uns gefundenen vermutlichen Wahrheiten hinterfragt werden, und genau das verbieten sowohl der gegenwärtige muslimische, wie der angeblich siegreiche katholische Glaube.  Schau, als des Propheten Mohameds Nachfolger sich berufen glaubten, die Welt zu erobern, lernten leider nur seine besten Nachfolger, dass jeder Mensch sich notwendigerweise beschränken muss, wenn er in Frieden sein eigenes Leben gestalten will. Dass die Freiheit aller mehr ist als nur ein schönes Wort praktizierten Mohameds treueste Nachfolger. Männer wie Abd er-Rahman III., gehören zu ihnen, ein weitsichtiger Ummayyade, der schon als zwanzigjähriger begriff, was eines guten Regenten Pflicht ist. 

Ich weiß, wie schrecklich es zur selben Zeit, des zehnten nachchristlichen Jahrhunderts unter mehr als dreißig verschiedenen Päpsten zuging, die einander hassten und der Machtgier wegen bekämpften. 

926 erwarb Abd-er Rahman den Titel Emir,  indem er sich dazu selbst erklärte. Er  wusste, dass Menschen in Unfreiheit nicht gedeihen.  Er nutzte seine Einsicht um Wohlstand für jeden zu schaffen, inmitten der beiden Jahrhunderte großer Verwirrung und nie endender Kriege, - die vor allem zwischen den nicänisch glaubenden Christen stattfanden.  Er wurde er zum erfolgreichen Glücksbringer auch der Anders- und der Ungläubigen. Er ermutigte die standhaften Katholiken (die Nicäner, die  Trinitarier) ebenso wie die Mozaraber, also jene Christen die meist aus wirtschaftlichen Gründen den Koran über die Bibel stellten, sowie die mosaischen Juden und die Mauren zusammen zu arbeiten.  Respektiert einander.  Diese einfache Formel war es.  Weil sie aus dem Mund eines Fürsten kam, akzeptierten seine Landeskinder sie.  Welch seltenes Wunder.
Sie bewiesen ein halbes Jahrhundert lang, dass es geht.  Man kann sich harmonisch einordnen, ohne sich zu verbiegen.  Statt eigensüchtig und gewaltsam die Kulte der eigenen „Religion“ voran zu treiben, begriffen die Menschen  unter Abd - er - Rahman, so unterschiedlich wie sie auch waren und glaubten, dass jeder mit jedem vernünftig und humorvoll über alles reden kann.  So inspiriert und geleitet von einem nichtchristlichen Herrscher vertrugen sie sich. Dagegen beanspruchen verbohrte Christen, die außerhalb seines Einflussbereiches lebten, unbegründete Vorrechte.  Mit ihrem Adjektiv „orthodox“, das sie für sich in ihrer Dummheit beanspruchten,  erwiesen sie sich als friedensunfähig. 

Spanien stieg damals auf in die Reihe der damals kultiviertesten, reichsten und am dichtesten bevölkerten Länder des Erdballs. 

In dieser Gemeinsamkeit verteidigten sie ihren Status sowohl gegen die eifersüchtigen Berber Marokkos als auch gegen die zähnefletschenden Christfanatiker im Norden. Dabei hatten die von Abd er Rahman  geführten Menschen  nur jene Toleranz geübt, die einst Kern der urchristlichen Lehre war.  Das zu unterstreichen ist mir wichtig, Ahmed, denn es wird Leute geben, die dir eines Tages erzählen werden ich wäre ein Christenfeind. Du kannst es nicht wissen, aber jetzt, vergiss es nie wieder, Christi Geist beglückt nur diejenigen, die Toleranz lieben, ob sie damit seinen Namen verbinden oder nicht. Abd er-Rahman III. hatte das  Prinzip der Weitherzigkeit verinnerlicht, obwohl er nicht wusste, dass es unentbehrlicher Teil des Evangeliums war.  Jeder Mensch wird vom Geist  des Allerbarmers Christi zum Guten gelenkt.  Es ist der Geist der Freude, aber nicht wenige sträuben sich dagegen.   Sie trauen der eigenen Vernunft nicht.  Du wirst es selbst erkennen, deine Seele ist offen für das Echte, denn mütterlicherseits bist du ein Nachkomme dieses großen Mannes.“

Das war zu viel für den jungen Mann. Er kämpfte erneut mit dem Widerspruch zwischen Freude und Unglauben. Ahmed vergrub seinen schmalen, langen Kopf in den Händen.  Welches Durcheinander von Islam und Christentum! Was ist denn Echt?
 Schließlich erwies sich Ahmeds Wunsch mehr zu erfahren als stärker. Er wandte sich noch einmal den Blättern seines Vaters zu.
„Im Palast des Vizekönigs, in dem ich eine Kammer für mich habe, gibt es eine sechzigtausend Bücher umfassende Bibliothek. Nahezu täglich, so oft die Umstände es zuließen, studiere ich sowohl ihr Wissen, wie ich lernen musste, dass sagenhaft unehrliche Berichte gleich neben Glaubwürdigkeiten und Großartigem stehen. Dazu erkläre ich dir später mehr, wenn wir zusammenleben.“
Ahmed stutzte an dieser Stelle. Seine Augen wurden groß.
„ Nur sonntags vormittags durfte ich in eure Nähe gehen. Diese Gelegenheiten nutzte ich. Mir ist immer noch wichtig euch zu sehen, meine kleine geheime Familie.  Ahmed, ich wünsche vor allem, dass du klüger durch Einsicht wirst.  Längst gilt für mich: wäge unentwegt ab.  Wiege sorgfältig mit einer ehrlichen Waage. Nicht alles was barbarisch aussieht ist es auch.  Vor allem jene Leute die sich prahlerisch Christen nennen, verehren in Tat und Wahrheit den Ungeist eines heidnischen Kriegsgottes. Das würden sie mit Worten aufs heftigste bestreiten, doch ihre Taten der Gnadenlosigkeit widerlegen sie.  Sie neigen dazu, Menschen als Barbaren zu bezeichnen, die ihnen an Tugend und Fähigkeit weit überlegen sind.
Lerne und wisse.  Halbwissen und Halbwahrheiten verderben beste Absichten. Sie zerbrechen den Charakter. Sie brechen die Sicht und so das Glück. Keiner kann Gott oder seiner Frau die Treue zur Hälfte halten. Wir sind nicht für Halbheiten erschaffen worden. Vor siebzehn Jahren lernte ich deine Mutter Amira kennen, die wegen ihrer Treue zum Maurentum die Wasserfolter erlitt. Sie war die ältere Schwester Jimenas. Eine Nonne hatte sie dabei ertappt, freitags ein neues Hemd angezogen zu haben. Das sollte sie büßen, doch sie weigerte sich unter Druck auszusagen.  Da siehst du das Wesen deiner Vorfahren. Erst die Dauer der Folter zwang sie nieder. Sie war noch lange krank daran. Fünf Liter Wasser musste sie schlucken, bis sie schließlich, aus Angst zu ersticken, bekannte und ihr angebliches „Verbrechen“ wenigstens mit den Lippen bereute.  Ich liebte und heiratete sie, wie später Jimena, unter der Hand eines verlässlichen Freundes. Deine Mutter hätte nie schwanger werden dürfen. Die Schuld liegt auf meiner Schulter. Sie jedoch wollte dich und ich bin jetzt froh, dass sie dich selbstlos herbei wünschte. Kurz nach deiner Geburt verstarb sie, völlig entkräftet. Unsere - eure - besten Ärzte wussten keinen Rat, zumindest widersprachen sie einander. Schließlich, wie ich glaube, war ihr Herz zu schwach.“

Ahmed überschlug einige Seiten bis sein Blick auf die Worte fiel:   „Es sollte jedem einleuchten, dass Gottes Gesetze zwar Einschränkungen der absolut gedachten Freiheit bedeuten, doch andererseits kann nur so, jedem Schutz geboten werden. Ich nenne es die Philosophie des sinnvollen Verzichtes.“ 

Ahmed empfand gewissen Stolz auf sich selbst, dass sein Vater ihn ehrte, ihm nämlich zutraute ein kompliziertes Gefüge zu begreifen.  Sicherlich hatte der Vater Recht wenn er sagte: „Die Lehre von der Freiheit aller kann man nicht stark genug vertreten. Wieder und immer wieder kommen hundsgemeine Individuen hoch, die sich herausnehmen, den Menschen zu pfeifen wie sie tanzen sollen.  Das zielt auch gegen den Islam, insofern er sich nicht klar von Gewaltanwendung gegenüber Apostaten abgrenzt.“ 
Ahmed mochte solche Reden nicht.  Andererseits teilte er in gewisser Weise die Last seines Vaters.  Sie wussten gemeinsam, aus bitterer Erfahrung, wie Gewaltanwendung den Unterlegenen schmeckt. „Nur wenn wir  den Verlierern dauerhaft Vorteile bringen, sind wir gerechtfertigt, gleich was wir tun.  Ahmed, ich betone es noch einmal, mich früher zu erkennen geben hätte dir außer Gefahren nichts eingebracht, denn die Inquisitoren unseres Landes schlafen nie…   Ich kenne keine Grundsätze die über dem Recht auf Entscheidungsfreiheit stehen.  Wer es dem Kleinsten zu rauben beabsichtigt, verdient den Tod.  Ob wir diese Strafe jemals vollziehen, ist eine ganz andere Sache.“ 

Ahmed unterbrach das Lesen. Er  brachte das Dokument seines Vaters zurück. Es war nun endgültig zu viel für ihn. Er nahm seine Schnüre und ging angeln. 
Aber die drei letzten Sätze gruben sich tief in sein Herz:  „Roms Priester stahlen den Menschen seit dem ersten ökumenischen Konzil zu Nicäa, 325, dieses Gottesgeschenk. Daran krankt die Welt. Würde der Islam ausnahmslos jedem Menschen Religionsfreiheit  gestatten, wäre er mir willkommen.“

Das Gefühl kam auf: sie suchen dich!

Daheim angekommen legte Dr. Carranza sich erschöpft nieder. Er wälzte sich auf seinem Lager.  Eine gewisse innere Regung wollte ihm weismachen, ihn erwarte weiteres Unangenehme. Das ließ ihn, an diesem Sonntag der Widersprüche, nicht zur Ruhe kommen. Der Gedanke, in der Bibliothek wäre ihm ein kleiner Zettel abhandengekommen beeinträchtigte seine innere Balance zusätzlich. Der Fetzen Papier war versehen mit Hinweisen auf ein gewisses Werk der Religionsgeschichte.  Gefährlich oder nicht.
Dieser Verlust musste nicht sein.
So ging es stets in diesem Land, ein kleiner Fehler, sobald er bestehendes Kirchenrecht  auch nur ansatzweise provozierte, konnte tödliche Folgen zeitigen.  Sittliche Vergehen selbst schwerster Art galten dagegen als zweitranging.  Jeder Priester vergab sie, wenn jemand ihn in der Beichte darum bat und Reue vortäuschte – und wenn man dafür zahlte, wenn es verlangt wurde. Dagegen galten die geringsten Abweichungen von spanischer Theologie, sowie Klagen wegen angeblich übler Kirchenpraxis als unverzeihlich.

Die Frage, ob er am kommenden Sonntag wieder wie üblich nach Alboraya gehen soll, oder Ahmeds wegen eher nicht, beschäftigte ihn ebenfalls. Bedrängt er ihn, könnte sein Sohn sich gegen sein Bemühen sperren.

Eine folgenreiche Einladung

Eine Woche später, am Sonntagvormittag den 30. August wollte Jòse sich trotz gewisser Bedenken auf den Weg machen, als ihm plötzlich Ordensbruder Hernando auf dem Hauptflur des Palastes  entgegenkam. Er versperrte ihm geradezu den Weg ins Freie.
Hernando war ein Mann dem er vielleicht zwei-  dreimal zuvor hier begegnete: „Bruder Jóse, du bist heute zum Mittagessen ins Haus Doña Cazallas eingeladen und bitte, du solltest vor ein Uhr dort sein.“
 „Wer ist Doña Cazalla?“
„Das wird sie dir dann mitteilen. Es ist wichtig.“ Dieses Augenspiel. Es ließ alles offen. Es gab immer wieder neue Gesichter im erzbischöflichen Palais.   Dies war eins unter denen, die ihm Unbehagen bereiteten.  Der Mann missfiel ihm. Der kleine, ein wenig schief Gewachsene erweckte bereits damals,beim ersten Sehen vor etwa vier Wochen den Eindruck, dass er seine krumme Nase in sozusagen alles hineinsteckte. Dieser Schnüffler war nämlich wenig später zweimal an ihm vorbei geschlichen während er ein lateinisches Dokument über Origenes, den besten Bewahrer der Lehren des originalen Christentums, übersetzte.  Damals und auch jetzt grinste dieser  Mensch unverschämt.
Sollte sich erweisen, dass Hernando ihn im Spitzelauftrag des gemeinsamen Dominikaneroberen Bleda beobachtete, dann bedeutete dies, noch vorsichtiger zu sein.
Allerdings können sie ihm demnächst allesamt den Buckel herunterrutschen. In Frankreich werden er und seine Familie die  größten Sorgen  hinter sich lassen. Mühsam wenigstens die äußere Ruhe bewahrend, ärgerte Dr. Carranza sich, weil eine ihm unbekannte Dame versuchte, ihm, mittels einer fragwürdigen Person, eine Pflicht aufzuzwingen und ihm damit den Sonntag verdarb.  Hernando beschrieb ihm den Weg und ging.  Wer in Spanien konnte wissen, was wirklich dahinter steckte?

Nachdenklich  ging Jóse in die Hauskapelle. Nach einem längeren, aber nur vorgewandten Gebet schaute er sich um und blickte erneut und direkt in die blauen Augen Bruder Hernandos.  Ihm schien diesmal der Mann wünsche ihm Gutes.  Erstaunlich!  Was war das? Dennoch ging Jóse Carranza ihm aus dem Weg, in den Lesesaal. Er nahm irgendein Werk aus dem Regal, denn es blieb ihm noch eine Stunde, die er nutzen wollte. Da trat abermals Hernando an seine Seite: „Sei unbesorgt. Von mir droht dir  keine Gefahr. Du hast allerdings Glück, dass ich deinen Zettel fand." Hernando zeigte ihm das zerknüllte Papier.  "Übrigens, meine Verwandte Catalina Cazalla mag dich.“  Der Doktor zuckte die Achseln in Unschuld.  „Reden wir offen, Jòse. Ich beobachte dich seit einigen Wochen und weiß einigermaßen was du liest.  Du hast zudem vor einigen Tagen ein paar deiner Aufzeichnungen aus dem Haus getragen. Das ging also gut aus.“
„Hm.“ Was sonst hätte Jóse dazu  sagen sollen? 
„Ja, meine Verwandte kennt dich, Dr. Carranza. Ich bin beauftragt dich zu schützen.“
Die  Bedenken stritten in Jóse.  Einerseits klang es harmlos, andererseits fingen die Familiares auf diese Weise ihre Gespräche mit künftigen Opfern des heiligen Oficios an. Das wusste man. Man sollte und konnte  auf ihre stets verlockend erscheinenden Angebote hereinfallen.
„Ja“, setzte Hernando ungerührt hinzu, „ich weiß, du liest über Origenes und Hippolyt von Rom."
Das ist interessant, dachte Jóse, das lässt gewisse Schlüsse zu.  Erstaunlicherweise betonte Hernando sodann: „Ich liebe Origenes ebenfalls. Je mehr die Theologen ihn verachten umso sicherer bin ich, dass dieser Mann der zuverlässigste unter den Kirchenschriftstellern war. Keiner hat wie er unser Individualrecht verteidigt. Kaum einer wurde mehr diffamiert als er.“ 
Jóse meinte immer noch misstrauisch, entweder soll solche Rede deine Bedenken zerstreuen, dann gibt es einen tückischen Plan des Verderbens, oder der Mann gehörte zu den Echten.
Hernando schaute seinen Ordensbruder durchdringend und zugleich ungewöhnlich freundlich an, bevor er sagte: „Wer Hippolyt und Origenes liebt, muss die römischen Lehren hassen. Wer die römischen Lehren liebt, muss Origenes hassen.“  Jóses Erstaunen wuchs, seine Sorge schwand.  Diese Anmerkung traf zu und nicht nur das. Es war trefflich kombiniert und formuliert. Den schwierigen Sachverhalt so formulieren zu können setzte erhebliches Wissen voraus.  Hernando wog den schmalen Schädel. Dann nickte er: „Du bist unser Mann.“ Brisanter ging es kaum. „Nämlich?“ fragte Dr. Carranza verblüfft. 
Hernando erwiderte unverfroren und  im Flüsterton: „wir sind Lutheraner.“
Jetzt ist es passiert, dachte Jóse, plötzlich wieder verunsichert. 
Er schielte hinüber. 
Die Saaltür stand offen. 
Zugleich aber zuckte es durch seinen Kopf: Warte! Unsinn! Selbst wenn er dem angenommenen Häscher entkäme, Jimena und Ahmed würde er nie wiedersehen. Jóse zwang sich zur Besonnenheit. Jetzt öffnete er den vermissten Zettel. Da stand es, von seiner Hand geschrieben: „Cervantes, Seite 81, sehr beachtlich - Origenes einfügen!“ Dieser Zettel, wenn er ihn denn verloren hätte und er käme in die falschen Hände, hätte sein Leben auf den Kopf gestellt. Seine Handschrift würde ihn verraten.   Niemand vermochte es, aus einem Haar einen Schopf zu flechten, außer er gehörte dem heiligen Büro der Inquisition an.

Was Hernando über Origenes und Hippolyt gesagt hatte, klang zu ehrlich und zu gut. Hernando hinkte hinter ihm her.  Jóse wandte sich noch einmal um.  Hernandos große grellen Augen blitzten: „Ich tue was ich kann.“ Er trat nahe an Dr. Carranza heran und flüsterte: „Es hilft nicht, hier und da ein wenig kirchen- und regierungskritisch zu sein. Es geht ums Ganze.  Nimmst du die Einladung Doña Catalina Cazallas an?“

Dr. Carranza schritt wacker auf das gelbe Haus am Meer zu. Hernandos Bekenntnis: „Wir sind Lutheraner“ ging mit ihm. Unentwegt. Immerhin, wenn es möglich wäre  noch rechtzeitig und auf vielversprechende  Weise der spanischen Gnaden- und Rechtlosigkeit in den Arm zu fallen, würde er sich sogar mit grimmigen Muslimen verbünden, und das, um nicht nur Ahmeds Leben zu retten. „Lutheraner!“ flüsterte er vor sich hin und zugleich mit einem Rest seiner speziellen Bedenken.  "Lutheraner!"
Ziemlich obenan auf seiner Liste der Verderber stand der arrogante Luther. Ein Mann, der völlig davon überzeugt war,  immer und überall im Namen der Wahrheit zu reden, der zur Judenhatz blies, wie die Grundherren zur Eberjagd.   Luther, nachdem er selbst in gewisser Sicherheit lebte, erwies sich gegenüber andersdenkenden Schutzsuchenden absolut herzlos. Er war einer der unschuldige Frauen verbrennen ließ. Frauen die er oder andere Holzköpfe für Hexen hielten. Luther wandte sich direkt gegen Gott, als er seine eigene Weisheit verkündete:

„Mit Ketzern macht man kurzes Federlesen, man kann sie ungehört verdammen.“ (15)  
Das gesagt und nie widerrufen zu haben disqualifizierte ihn.  Dass Luther den Menschen die Willensfreiheit absprach, gehörte zu den schädlichsten seiner Lehren. Deshalb verachtete Jóse die deutsche protestantische, unglaublich zerstrittene Theologenschaft, die Luthers Geist der Rechthaberei nie überwand. Dass hunderttausende Lutheraner all das herzlich wenig oder gar nicht störte, machte es nicht besser. Man muss sich doch selbst ein Urteil bilden, statt immer nur mit der Herde zu blöken. Jedenfalls was er von heimkehrenden Offizieren hörte, die in deutschen Diensten gestanden hatten, verdarb ihm die Freude  an der Existenz des Protestantismus, dem er andererseits allerdings, soweit es die Rolle Roms betraf, grundsätzlich zustimmte.

Seither hielt er die Deutschen für Kopfnicker und in gewisser Weise  für schlimmer als die Spanier. Die nämlich werden nicht mit dem Schwert gegeneinander losziehen, sondern nur gegen die  in ihren Augen Artfremden.  Unmittelbar bevor er das Grundstück betrat schwankte Dr. Carranza noch einmal zwischen der nicht unberechtigten Furcht in eine Falle zu tappen und der Hoffnung, dass eine schnelle Koalition geschmiedet werden könnte, die Spaniens schwache Regierung samt ihren Hetzern und Mauriskenfeinden noch in letzter Minute hinwegfegt.  Er hatte zu viel erlebt um bedenkenlos zu sein. Wenn er die Andeutungen Hernados jedoch richtig wertet, dann gab es nicht nur Einzelpersonen, sondern einen Ring hochrangiger Verschwörer und damit die Hoffnung auf die Installierung einer besseren Maurisken- und Kirchenpolitik.
Was in Frankreich, England, in den Niederlanden, in Deutschland  und sonst wo in sogenannten Christenlanden geschah, konnte unter wechselnden Umständen auch hier in die Tat umgesetzt werden. Vielleicht sogar schnell. Sicherlich gab es weitere Gruppen des Widerstandes die sich miteinander verbinden ließen.

Mit dem Betreten des Gartengrüns des gelben Hauses am Meer kam Jóse die Idee, dass es keineswegs weit hergeholt war zu denken, dass an Lermas Stelle  wieder der von ihm verdrängte Staatssekretär Francisco Idiaquez treten könnte. Mutig hatte dieser Herr sich im Staatsrat gegen die Vertreibung der Maurennachkommen ausgesprochen. Das wusste man, das hatte sich herumgesprochen. Niemand konnte Idiaquez Argumenten, sehr wohl aber seinem guten Willen, etwas entgegen setzen. Der ebenfalls in die Bedeutungslosigkeit gedrängte Erzbischof Loasia, ein Feind aller Gewaltmaßnahmen,  könnte wieder Ratgeber seiner Majestät werden und da gab es Xavierra, den anscheinend vernünftigsten unter den Kardinälen Spaniens, der sehr zutreffend formuliert hatte:
„In Wahrheit haben wir Katholiken, mit unserer Herzenshärte, die Bekehrung der Mauren verhindert.“ 
Gäbe es doch mehr solcher Fürsprecher.

Vornehm gekleidete Diener öffneten ihm die mit schönen Ornamenten und Heiligenbilder verzierte große Haustür. Heiligenbilder empfingen ihn auch in allen Gängen des Hauses.  Einige Türen später klopfte einer der Hausdiener leise.  Und da saß sie, eine zierlich erscheinende Dame.  Ihr heller Geist umfing ihn sofort. Jóse grüßte sie nach allen Regeln bürgerlichen Anstandes, nachdem der Mann der ihn führte, seinen Namen genannt hatte. Sie nickte nur.
 Er wartete. 
Mit einer leichten Handbewegung, die auf den ihr nächststehenden gelben Polsterstuhl deutete, lud sie ihn ein: „ Setzen sie sich daher, Dr. Carranza, nahe an meine Seite“.
Jòse nahm Platz.
„Sie sind mir sehr willkommen!“
Weiße und rote langstielige Rosen steckten in einer Kristallvase, die in der Mitte eines sehr großen Tisches leuchtend dastand. Angenehme Wärme strömte durch die schwarzbraunen Fensterjalousien.
Jóse erkannte, dass die vielleicht sechzigjährige Frau blind war. Ihr feines, weißes Gesicht gefiel ihm.  Sie lächelte. 
Zwei kleine, weiß gekleidete Mädchen brachten bunte Früchte und Getränke verschiedener Art herein. Er sei wohl zu früh gekommen.  „Nein, nein, ich wollte, dass sie zu dieser Stunde hier sind. Lassen sie uns einander bekanntmachen.“ Als sie sich nur noch alleine im geräumigen, mit prachtvollen Blumentapeten geschmückten Raum befanden, begann Doña Catalina sogleich ihr Anliegen vorzutragen: „Erlauben sie einer alten Frau, umgehend und rückhaltlos zu reden. Wir haben eine Weile Zeit.“  Sie schöpfte tief Luft.  Ihre Züge wurden härter: „Wir bedürfen ihrer Mitarbeit, lieber Doktor. Seit ihrer Allerheiligenpredigt im letzten Jahr in San Miguele lieben wir sie. Wir wissen inzwischen mehr, wissen, woran wir mit ihnen sind.“  Ihr Kopf lag ein wenig schief und ihre grauweißen Augen erweckten den Eindruck als wollte sie sagen: nicht wahr, sie sind ein Mann des Herzens! 
„Zuerst war es nur ihre Stimme. Dann verriet uns ihre Betrachtungsweise, dass sie ein Ausnahmechrist sind. Sie lieben und werden geliebt. Eine andere Schlussfolgerung kann niemand ziehen, der ihnen eine Weile zuhört.  Ihr Text lautete Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein! Jesu Zitat. Es bewegte mein Herz, und als sie über Philippus sprachen wurde es Gewissheit. In mir klingen ihre Worte ebenso wie der Ton ihrer Seele, bis heute nach. So spricht kein Pfaffe, sondern nur einer der meint und glaubt, und der lebt was er verkündet.  Im Gegensatz zu ihnen mussten und müssen wir immer noch allen Langweilern und Talarträgern schlichtweg  zuhören, weil unsere Beichtväter das von uns verlangen. Wir stehen in dieser ungeliebten Pflicht.  Wir erfüllen sie, weil uns das schützt.  Aber nicht mehr lange! Diese daher schwatzenden Herren in ihren bunten Ornaten müssten selbst zugeben, dass auch sie lediglich ihre priesterliche Pflicht tun und nur das reden und predigen, was von ihnen erwartet wird. Deshalb klingen deren Stimmen so unecht. Sie, Dr. Carranza, haben ihre höchst persönliche Meinung, ihre mühsam gewonnenen Überzeugungen, zu denen sie stehen, nicht wahr?"
 Jóse räusperte sich: "Nun, wie jeder Normale!"
"Nein, mein Lieber, sie sind ungewöhnlich und das wissen sie eben so gut wie ich. Die Mehrheit ihrer Brüder würde sogar das Gegenteil ihrer eigenen Überzeugung im Brustton der Überzeugung vortragen, wenn ihnen das nützte, vorausgesetzt sie wären überhaupt im Stande eine eigene Meinung zu entwickeln.
Diese Männer  sind es, die an den Betten der Einsamen säuseln, wenn deren Geist schwindet. Sie drängen die Halbtoten dazu ein vorbereitetes Stück Papier zu unterschreiben und damit tun diese vorgeblichen Christenpriester eben das was Jesus verbot und anprangerte: sie fressen der Witwen Häuser. (16)  Ich glaube nicht, dass sie jemals solche Späßchen mitgemacht haben."
Dr. Carranza erwiderte wahrheitsgemäß: "Glücklicherweise kam ich nie in die Lage, Vergleichbares tun zu müssen." 
"Diese Herren Nimmersatt verzehren in Wohlleben, was meine Vorfahren durch Fleiß und Mühe erwarben. Das nehme ich ihnen übel.“
 Jóse schien Doña Catalinas Charakter ähnele seinem. Sie ging ohne Schnörkel auf ihr Ziel los.  Sie zitierte seinen Predigttext mit dem Ausdruck von Bewunderung für den guten Geist der von ihm gewählten biblischen Geschichte.
 Unerwartet beugte sich Catalina Cazalla vor. Sie winkte ihm, er möge etwas näher rücken: „Lassen sie mich sehen.“  Jóse begriff und hielt ihr den Kopf hin, dass sie ihn abtasten konnte.  „Darf ich?“ Ihre feinen, kalten Finger glitten langsam über sein Gesicht. Sie schien zufrieden zu sein, denn sie nickte und bedankte sich für sein Verständnis. Sogleich setzte sie ihr Zitat fort:   „Jesus wollte nach Galiläa gehen und findet auf diesem Weg Philippus. Folge mir nach! Fordert er ihn auf.  Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus indessen findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Jóses Sohn, aus Nazareth.  Nathanael erwiderte spöttisch: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus jedoch lässt nicht nach: Komm und sieh ihn! Da sah Jesus Nathanael kommen und sagt von ihm:

 „Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael ist erstaunt: Woher kennst du mich? Jesus antwortete: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, erkannte ich dich.“ 

„Niemand ist Christ in Unehrlichkeit.“
Die Ausdrucksweise der blinden, weißhaarigen, zerbrechlich anmutenden Dame bewegte Dr. Carranzas Gemüt.  Diese Frau war völlig rein. Da war kein Falsch. Eine rechte Israelitin, die ihn erkannt hatte. „Ja, sehen sie. Während sie mir diese wahre, von mir fast vergessene Geschichte wieder nahe brachten wusste ich, dass sie zu uns gehören. Ich kaufte meinem Großneffen einen Platz im Palais des Erzbischofs, in der Hoffnung wir könnten sie ganz auf unsere Seite ziehen. Lassen sie mich erzählen und dann entscheiden sie, lieber Jóse Carranza.“ 
Sie schaute ihn an als könnte sie sehen. Ihr ganzes Gesicht fragte: „Sind sie irgendwie verbunden mit Bartholomäus Carranza oder handelt es nur um eine Namensverwandtschaft?“
„Ich habe von ihm gehört. Ich glaube nicht, dass zwischen uns eine engere Beziehung besteht, aber ich erinnere mich, dass Bartholomäus Carranza Erzbischof zu Toledo war und dass er einige Jahre unter dem Verdacht stand ein Ketzer zu sein.“
Doña Catalina breitete ihre weißen Hände aus: „Siebzehn Jahre haben sie den unschuldigen Mann im Kerker mit der Anklage festgehalten, er sei ein Lutheraner!” Mit schneidender Stimme kam das von ihren Lippen.  Unglaubliche Kraft steckte in diesem zarten Wesen: "Bedenken sie, er war der Primas der spanischen Kirche und diese Institution, deren Teil er sogar war, trat ihn zu Boden!"
Dann wurde ihr Ton wieder weicher: „Nun, es mag schwer zu glauben sein. Seine traurigen Erlebnisse ragen direkt in meine eigenen hinein.  Alles geschah als ich zwölf wurde, 1559, in unserem Schicksalsjahr. Ich war ein Mädchen wie andere, unbekümmert, harmlos, ein wenig frech, schnippisch aus Verlegenheit und  scheu zugleich. Meine Augen waren noch voller Licht und Zuversicht, damals. Verliebt zum ersten Mal in Carlos den blutjungen Neffen des berühmten Hofpredigers Augustin Cazalla, mit dem ich weitläufig verwandt bin. Ich konnte nichts Böses denken, nicht einmal ahnen. Es hieß, wir seien insgeheim Lutheraner. Irgendwie war ich ebenfalls Anhängerin Luthers, wie mein Vater. Vor allem bekannte ich mich innerlich Carlos wegen dazu. Ich liebte und liebe ihn, wie am ersten Tag. Er war nicht gerade groß und stattlich, und doch schön und edel für mich. Ermordet haben sie ihn… Wir Mädchen wussten nicht wirklich  um was es ging. Seitens unserer Eltern war es Protest gegen das katholische System der Willensknechtung. Mein Vater sprach später davon, als wir älter und klüger geworden waren. Er befürchtete, die Machtpolitik der Päpste werde  die Welt in noch größeres Elend treiben. Er hatte viel Unrecht zuvor gesehen - und er überlebte wunderbarerweise. Was indessen Luther im Einzelnen lehrte blieb uns lange verborgen, oder besser gesagt, für uns war es unverständlich. Seine fünfundneunzig Thesen gefielen den Erwachsenen und wir plapperten es nach. Heute weiß ich, eigentlich standen wir Bartholomäus Carranza, dem Primas der Kirche wesentlich näher.
Unerhört ist, was in diesem Land des finsteren Aberglaubens geschieht. Später lernte ich, dass Luther sogar leugnete, der Mensch könne an seiner Erlösung mitwirken. (17)   Das widersprach jeder Rede Christi. Ich begriff im Verlaufe der Jahre, dass sich an diesem Punkt die Geister schieden. Wir lernten, dass hier ein Grenzgraben zwischen den eigentlichen Lutheranern und den Protestanten Valladolids verlief. Es waren nämlich die unterschiedlichen Antworten auf die Frage: Hat der Mensch einen freien Willen,  oder eben nicht, wie Luther behauptete. Uns war es wichtig unseren eigenen Willen einzusetzen und zu behaupten. So ist es bis heute und insofern sind wir weder Lutheraner noch wirkliche Freunde der calvinistischen Hugenotten. Wir Valladolider Protestanten konnten und durften niemals Prinzipien zustimmen die uns nicht überzeugten. Ich weiß, dass mein Wille frei ist, so wie sie es wissen.“
Jòse konnte nur bestätigen: „Doña Cazalla für mich ist erstaunlich, wie sehr ihre Ansichten mit meinen übereinstimmen.“   Die Gastgeberin wollte es präzisieren: "Kurios ist, dass zahllose Aufrichtige aus derselben Heiligen Schrift zu entgegengesetzten Resultaten kommen, ja, dass sie mit dem Schwert gegeneinander losziehen, statt mit Argumenten um ihre jeweils sehr beschränkte Sichtweise durchzusetzen.  In diesen Fällen erwiesen sie sich stets als elende Dummköpfe die sich nach Kräften selbst schadeten. Ich sehe das Bild von Luther und Zwingli als wäre ich damals, 1528, dabei gewesen, als sie um Übereinstimmung rangen.  Diese beiden Protestanten gingen als Glaubensfeinde auseinander, in einer Zeit für sie hoch bedrohlicher Umstände.  Sie kränkten einander, statt in den kritischen Tagen gegen Rom in Einigkeit einander beizustehen. Damals als solches Bündnis zwingend geboten war legten jeweils beide Herren rechthaberisch den Kopf in den Nacken. Sie stritten sich um die Schalen der Nuss und ließen den süßen Kern verkommen.  Das war ein Skandal der bisher nicht beendet wurde. Ihre Anhänger priesen den Starrsinn.“

Dr. Carranza gefiel dieses Bild, weil es genau beschrieb, wes Geistes die sonst so tapferen Widerständler waren und blieben.   Roms Macht in den Grundfesten bis zum Zusammensturz zu erschüttern hätte es dringend der Zusammenarbeit aller Unterdrückten bedurft. Nun versuchen wir es, dachte er und wusste doch wie schwierig es wird. Warum lernen so wenige aus den Fehlern der Vergangenheit? Innerlich höhnte ihn die Antwort: es kümmert sie nicht, dass ein Blatt, das nichts von der Wurzel wissen will, verdorrt.

Doña Cazalla fuhr fort ihre Meinung zu sagen: "Ich ärgere mich, dass die Gescheiten sich allemal in banalen Details verlieren.  Welcher Wahnsinn stand dahinter? Als gäbe es nichts Wichtigeres zu beraten, zankten sie sich: Ob das Abendmahl ein Gedächtnismahl sei, wie der Schweizer Reformator Zwingli meinte, oder ob aus den Oblaten und dem Messwein buchstäbliches Fleisch und Blut Christi entstand, was Luther aus dem katholischen Glaubensgut bewahren wollte.  Beide bedrängten einander, wie zwei störrische Esel an derselben Krippe obwohl die Heuscheune voll vor ihnen stand. Beide beharrten kompromisslos auf ihre eigene Interpretation gewisser Bibelzitate. Beide wüteten, allein ihre Auslegungen seien die Richtigen. 

„Wir Valladolider standen in der Frage des freien Willens auf Bartholomäus Carranzas Seite und damit eigentlich gegen Luther, so sonderbar das auch klingen mag. Andererseits  bewunderten wir dessen fünfundneunzig Thesen. Vor allem eine hat es uns bis heute angetan:

„Warum baut der Papst, dessen Reichtümer weit gewaltiger sind als die der mächtigsten Reichen, nicht wenigstens die eine Basilika des Heiligen Petrus mehr von seinen eigenen Geldern als von denen der armen Gläubigen?“

Heute wissen wir, dass die damaligen Päpste die Hälfte des Blutgeldes der Ärmsten verjubelten... lassen wir das... es ist eine endlose Geschichte.“ Die Dame krauste die schön gewölbte, helle Stirn. Ihr fiel etwas ein, das sie doch noch einflechten musste, denn sie machte eine wegwerfende Geste:

 „Außerdem hieß es, Papst Leo X. hätte 1515 den Sündenablass ausgeschrieben um seine Schulden beim Bankhaus der Fugger zu begleichen. Denn er liebte die große Kunst. Die hatte eben ihren Preis. Von Raffael ließ er sich die Wände seines Badezimmers mit der Göttin Venus und ihrem Sohn, dem Liebesgott Cupido, bemalen und… laut seinen Zeitgenossen ... sei ein Teil des eingenommenen Geldes für die Aussteuer seiner Nichte Maddalena Cibò bestimmt gewesen...“ (18)

„Geben sie mir die Freiheit und eine Minute, die Dinge aus meinem Blickwinkel darzulegen“.
 Jòse war erfreut. Was hätte er ihren Gedanken  hinzufügen können? Es gibt sie also doch, die Spur der Wahrheit.
„Leider war mir nur einmal vergönnt mit meinem Carlos alleine zu sein. Jedes Wort zog ich von seinen Lippen in mich hinein. Er lehrte mich selbständig zu denken. Er mochte nicht, dass Luther das ganze Evangelium auf zwei Worte reduzierte, - auf sein sola gratia.
Er sagte wörtlich: Natürlich sind wir ohne Gottes Gnade verloren, aber das bedeutet doch nicht, dass wir wie Mühlsäcke leblos an seinem Hals hängen. Tun wir etwas.
Damals im Garten der heiligen Theresa erklärte er mir, einer Zwölfjährigen, einleuchtend, was bis heute die Mehrheit selbst  der Geistlichen nicht begriffen hat, dass es nämlich  auf das Guttun aus innerer Überzeugung ankommt:  Tun wir was Jesus forderte, und arbeiten wir  mit den uns geschenkten Talenten zum Nutzen  der Benachteiligten und Unfreien. Seien wir doch Salz der Erde, halten wir unser Licht hoch gegen die erzspanische Finsternis eines erzwungenen Einheitsglaubens und verstecken es nicht unter einem Tisch. Sehen sie lieber Jòse, deshalb sind wir hier. Ich konnte, seit meines Carlos Tod, keine höhere Aufgabe sehen, seit meinem Trauerjahr neunundfünfzig.  So, wie es damals dem Primas der Kirche - ihrem Namensvetter  - erging, brachen sie schon im Winter zuvor ins Schlafzimmer meines Carlos ein. Carlos war damals zweiundzwanzig und schon ein bekannter Jurist und Advokat zu Valladolid.   Wer mochte ihn nicht?  Immer dieses freundlich Schelmische in seinen ebenmäßigen Zügen. Er ging bartlos, doch das kräftige Baskenblond schimmerte immer durch seine helle Gesichtshaut. Ich dachte und hoffte in den Wochen davor, warum sollte ich nicht seine Erste werden? Keine andere Frage kam dieser einen gleich. Sie machte, über Wochen und die vielen Jahre, mein Leben aus, denn  ich war ein romantisch träumendes Menschenkind, das gerade die Welt erblickte. Ich wollte nichts, nur später einmal seine Frau werden.“
Doña Catalina schwieg versonnen.
„Ob das die andern Mädchen auch so oder so ähnlich wünschten und empfanden?  Ich weiß es nicht.  Mir machte das nichts aus.  Ich hielt mich für die Schönste.  Jeder noch so flüchtige Blick in den Spiegel bestätigte mir das. Nein, stattlich konnte man ihn nicht nennen, dafür aber herzlich und klug.  Nichts in der weiten Welt war mir wichtiger als er, unser Sonntagsschullehrer. Seine Beredsamkeit, wenn er denn kam,  riss uns alle hin. Sobald wir zwölf wurden, durften wir nämlich die geheimen Zusammenkünfte  der Lutheraner besuchen in denen Carlos  uns belehrte. Wir unterlagen zuvor  dem Schweigegebot. Wir ahnten und vermuteten mehr als wir verstanden. Dass wir damals aus Furcht nicht vorsichtiger waren, kann ich bis heute nicht verstehen.
 Jede Nacht verfolgen mich die Bilder. Fast immer höre ich die Stimme meines Carlos, wie er den Anklägern antwortete, obwohl ich an keiner Verhörrunde teilnehmen durfte.   Wie ein Reigen schwarz gekleideter Tänzer zieht es vor meine inneren Augen.  So kamen die Düsteren daher gezogen, und das klare Bild verwandelt sich in immer neue Szenen des Schreckens. Ich weiß, es wird nie aufhören. Wo immer die Bösen sich zusammen rotten, werden sie harmlose Menschen in Christi Namen, im Namen des Volkes, und sogar namens der Gerechtigkeit tyrannisieren. Wegen eines Wortes tun sie es, im Wahn sie könnten so  ihre illegitim erworbene Vormacht sichern.  Diesen Teufelskreis zu durchbrechen machten wir uns zur Lebensaufgabe.
Willkommen, Jóse! In unserem Kreis.“
Doña Cazalla musste erneut  innehalten. Sie schloss die Augen und schwieg.
Nach einer Weile dankte er ihr für das Vertrauen, das sie ihm aussprach. 
Aber, da war ein wenig mehr, das sie ihm mitteilen musste, das konnte er sehen.
Er wusste, wie man die wegen Ketzerei Verurteilten in den verborgenen Kammern behandelte.  Selbst die frische Luft wurde ihnen nicht selten vorenthalten.

Doña Catalina fuhr mit leiser Stimme fort: „Ich werde nie vergessen, wie mein Carlos in unserer letzten Versammlung über Martin Luther sprach. Ich habe ihn lebenslänglich „meinen“ Carlos genannt.
Alle die ich zuvor in unseren Zusammenkünften sah, die älter als zwanzig waren wurden verbrannt, außer meinem Vater, der eine zehnjährige Gefängnisstrafe erhielt und wie gesagt überlebte, weil er in der Verließen der Gnadenlosigkeit Wächter fand die ihn mochten und wahrscheinlich schützten.
Es hieß offiziell, wir stellten Luther über den Gott der Gerechtigkeit. Ich folgte an jenem unseligen Tag, Sonntag Trinitatis, den 21. Mai 1559, dem Elendszug, und ich  zitterte um meinen Carlos. Tausende Menschen säumten den Weg. Ich huschte durch die Reihen der Neugierigen, der Aufgeregten und lüsternen, denen Valladolids Herrscher ein Schauspiel darbot das erschrecken, mahnen und zugleich die Massen ergötzen sollte. „Ergötzen“, ja, das ist das richtige Wort für das Genießen des Furchtbaren, seitens der Zuschauer, die nicht genug prahlen konnten gute Christen zu sein.
Carlos trug das Urteil einer Kerkerhaft.  So stand es auf seiner Ketzermütze geschrieben.  Dem, wie gesagt, berühmten Hofprediger Austin de Cazalla hatten sie einen mit Lumpen gefüllten  Maulkorb um die Lippen gepresst. Andere dem Feuertod Überantwortete trugen im Mund einen Knebel. Die Furcht der Inquisitoren war zu groß die Todgeweihten könnten noch auf dem Weg zum Scheiterhaufen Proselyten machen. Ihre gelben, knielangen Sanbenitos flatterten wenn ein Luftzug durch die Straße blies. Die heiligen Inquisitoren marschierten in der ersten Reihe. Deren hoch erhobene, wahrscheinlich von Nonnen gestickte,  bunte Fahne wehte im sanften Frühlingswind dieses Maientages. Der Himmel wölbte sich blaugrau.  Eingeschrieben ins Fahnentuch stand die Losung der Zerstörer meines Glücks: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Sogar die Sonne schien sich zu schämen, als hätte sie an Leuchtkraft verloren.  Mit ausdruckslosen Mienen schritten die bärtigen Kohlehändler in der zweiten Reihe… 
Vor meinen Augen befinden sich immer noch und immer wieder die roten und blauen auf ihre Rücken gemalten Kreuze der Schande. Die Glocken tosten, die Pferde der Dominikaner tänzelten, die Scheiterhaufen waren nicht mehr fern. Carlos, bitte Carlos, kein lautes Bekenntnis. Du bekennst doch, mit jedem Schritt.  Austin de Cazalla, der Präsident unserer verbotenen Gemeinde, ging hoch aufgerichtet, den Kopf in den Nacken gelegt. Nicht das geringste Anzeichen von Furcht. Schaut, schien sein starker Leib zu sagen: Seht einen Mann dem Gottes Gerechtigkeit alles und eure Überheblichkeit nichts bedeutet.  In einer halben Stunde werde ich Gott gegenüber stehen, werde ihn lieben, wie ich ihn immer liebte.  Doch dann, als er an den Todespfahl gebunden wurde, wechselte sein Gesichtsausdruck.  Da ich mich ihm nahe genug befand, folgte ich seiner Blickrichtung. Anscheinend sah er nun erst seine Frau.  Sie stand im Büßergewand da.   Sie hatte also klein beigegeben.  Sie musste bereut haben.  Das war mehr als er ertragen konnte.  Er brach innerlich zusammen.
Wie wir uns später dachten, wollte er nicht, dass ihn seine Frau in den Flammen sterben sah.  Sie befragten ihn.  Er musste etwas gesagt haben, das sie veranlasste, ihn mit der Garotte zu erdrosseln. 
Solche Bilder verlassen dich niemals, Jòse!
Das war es was der Willensstarke gewünscht hatte.  Dies sei ein Akt der Barmherzigkeit hieß es.  Sie verbrannten nur noch seinen toten Leib. 
Nie werde ich dieses Bild von seiner Frau aus meinem Kopf verdrängen können. Es gehörte mit zum Letzten was ich sah. Angst, reine unerträgliche Angst und Wut breitete sich von ihr zu mir aus.  Man hatte sie betrogen. Sie fiel ohnmächtig zu Boden. Wenig später erfuhren wir aus anderen Berichten, dass die Inquisitoren den Verhafteten stets erzählten, ihre Gesinnungsgenossen hätten bereut, um sie zu weich zu machen.
Sie wollte nach ihren Gefängnisjahren nichts weiter als den Tod und sie erhielt ihn. Sie wollte da sein, wo ihr geliebter Mann auf sie wartete.  Sehen sie lieber Jóse. Diese Frau wurde mein Ideal. Ich heiratete nie.“
Über ihrer Nase vertiefte sich die steile Falte ihrer weißen Stirn. „Wie die ersten Christen glaube ich, dass wir dermal einst vereint sein werden, als Eheleute, mein geliebter Carlos und  ich.“ (19)

Nach kurzer Unterbrechung, in der sie Mandelmilch trank, rundete Doña Catalina Cazalla das Gespräch ab.
Sie schaute dann, als könnte sie sehen. „Ich habe es wieder und wieder bedacht. Nein, die meisten von uns waren keine Lutheraner, obwohl wir voller Bewunderung zu ihm aufblickten. Unvergessen wie dieser Mann einst todesmutig vor Kaiser und Kurie bezeugte, dass Rom irrt. Luther brach den Bann.  Das ist unvergessen und nie verblassender Ruhm.  Er redete und lebte für die Freiheit, bis er selbst engstirniger Feind der Freiheit, zum Fanatiker wurde, ein lichtloser, unbarmherziger. Nur er hatte Recht. Die Juden verfluchte er in Bausch und Bogen. Ihre Synagogen wollte er zerstören. Die erschöpften, von ihren Grundherren ausgeplünderten Bauern nahm er nicht in Schutz. Er ließ sie zu zehntausenden erschlagen. Mägde und Frauen, wenn sie jemandem von Rang nicht gefielen, vielleicht weil sie ihm den illegitimen Beischlaf verweigerten, konnten mit einem Wort zu Hexen erklärt und kurzerhand im Protestantenland verbrannt werden. Mit Luther habe ich nichts mehr gemeinsam.
Seine frommen Schafe plappern wie er: der Mensch hat keinen freien Willen. Dafür, dass sie diesen Unsinn weiter verbreiten werden Luthers Pfaffen bezahlt. Kann  jemand wie ich das wertschätzen?“
Die alte Dame senkte den Kopf. Jóse staunte, wie nahe ihre Ansichten beieinander lagen.  „Zu viele Menschen richten ihre Ansichten, obwohl sie durchaus urteilsfähig sind, nach den Ansichten ihrer Vorbeter aus.  Der junge Luther war ganz anders, als der alte. Damals war er ein Held. Sobald er als Pilger Rom von weitem sah, fiel er auf die Knie und dankte Gott. Er jubelte, angesichts der Kirchentürme: Heiliges Rom! und am nächsten Tag  versank das reale Rom im Alltagsdreck für alle Zeiten. Schein und Sein konnten nicht gegensätzlicher in Erscheinung treten. Dennoch kroch er die Stufen der Pilatustreppe herauf, betete tiefgläubig für die Wohlfahrt der Seelen seiner Vorfahren im Fegefeuer und da, mit diesem Tun,  an diesem Tag, erkannte er es: der Kirche Pomp und Gloria lag wie unnützes Scheingold auf dem stinkenden Sumpf.“
Sie schaute wieder fragend, als wollte sie einflechten: "Ist es nicht so bis heute? Tragen unsere Verderber die bunten Röcke und Ornate nur um zu verbergen, wie anrüchig es in ihrem Privatleben vor sich geht? 
 Lieber Jóse, wir kennen ihr Herz. Seien sie versichert: Wir hatten und haben nicht die Absicht Menschen umzubringen, sondern wir greifen nur deren tödlich gefährliche  Idee an, sie dürften gegenüber Andersmeinenden Gewalt anwenden weil sie selbst und nur sie, im Alleinbesitz der Wahrheit seien. Für gerecht hielten Madrid und  Rom stets, was ihrer Anmaßung diente.
Deshalb ist die spanische Gerechtigkeit grausam. Schaut, das weiße Lamm im Wappen der Inquisition. Es setzt seinen Fuß auf die Weltkugel."
Sie schwieg und Dr. Carranza bewegte ihre Worte in seinem Herz.
Catalina Cazalla klingelte. Zwei Mädchen kamen und stellten sich hinter sie. "Machen sie mit, Dr. Carranza? Das ganze System der Gewissensknechtung muss trotz der Vormacht und der Klugheit der Jesuiten fallen. Um das zuwege zu bringen bedürfen wir der Unterstützung von Menschen wie sie. Wir suchten nach einem der das inhaltlich klar zum Ausdruck bringen kann.“

Mit seiner Zustimmung empfand er allerdings, dass sie ihn auf einen Platz hob, der ihm umgehend zu hoch erschien.  Andererseits hatte Doña Catalina Recht. Er musste das gesichtete Material nur noch buchfertig machen. Das traf durchaus seine Absicht.  Falls  er nach Marseille geht, ließe er es drucken.

Sie erwiderte: „Wir benötigen allerdings kein Buch, das liest niemand.“

Ihre Schroffheit störte ihn.  Er schluckte den Ärger, wegen der Sache  in sich, bis sie sagte: „Komprimieren sie unsere Ideen zu einem höchstens zehn Seiten umfassenden  Text der die Welt Roms, Madrids und Wittenbergs bis in die Festen erbeben macht. Sätze, Luthers Thesen vergleichbar. Sätze die jedem einleuchten müssen. Schreiben sie Grundsätze, die unterstreichen, mit welchen Prinzipien der einen wie der Anderen wir, aus Gründen der reinen Vernunft, nicht übereingehen können. Die Leitidee wäre: zurück zum originalen Christentum.“ „Doña Cazalla, ich kann ihnen nur sagen dass ich grundsätzlich wie sie denke.“

 Während sie von den Kindern geführt wurde, schritt er neben ihr her. Sie stockte den Schritt und warnte: „Wenn uns jedoch nicht gelingen sollte, was wir planen, wenn wir diese drei bislang nicht zu Fall gebrachten Zentren des Aberglaubens in ihrem Wahn um Macht und angeblicher Wahrheit, zur Vernunft bringen können, sehe ich schwarz. Diese Drei werden die Welt zu Tode reiten. Die Kräfte der Lutheraner, der Calvinisten und der römischen Kirche, gieren danach, uns und einander an die Gurgel zu greifen.  Viele hunderttausend Familien werden es büßen. Millionen werden wegen der Dummheit und Lieblosigkeit ihrer Pfaffen und Fürsten sterben! Der große Krieg der drei angeblichen Christreligionen steht vor der Tür.  Entweder die oder wir: Scheuen sie keine Mühe es schnell zu tun, Historiker! Luthers Werkzeug bestand zunächst auch nur aus Papier und Tinte.“ 
Sie blieb plötzlich stehen, streckte die Hand wie ein Mann aus.  Jóse ergriff sie.  Das hatte er so noch nicht erlebt.  „Nun, gehen wir zu Tisch. Und da ist noch etwas das sie wissen sollten. In Nizza haben wir einen Freund, den hugenottischen Großhändler Conseur. Er ist ihres Alters, ein Hugenotte mit Verstand und Herz. Ein ehrlicher Mann, der ebenfalls nur akzeptiert, was sein Gewissen zulässt. In  Hugenotten wie diesen haben wir Bundesgenossen. Besuchen sie mich in drei Wochen mit ihrer Arbeit. Ich glaube genug von ihnen zu wissen, dass sie genau das können.“

Sie betraten einen blumengeschmückten Saal, der durchaus fünfzig Gästen Platz bot, aber er war nur halb gefüllt. Die etwa zehn anwesenden Herren erhoben sich.  Die Hausherrin machte eine Geste mit der linken Hand und ihre Gäste nahmen wieder Platz.  Vom Tisch her kam ein Mann, mit den Epauletten eines spanischen Oberst, auf sie zu. Sein langes Gesicht wies eine erhebliche Narbe auf. Sie zog sich vom Ohr bis zum Kinn. Ein Säbelhieb musste ihn vor einiger Zeit getroffen haben.  Doña Catalina machte die beiden Männer miteinander bekannt. „Manuel Martinez!“

Der sah wirklich nicht wie ein frommer Lutheraner aus. 
Jóse wurde anschließend den Herren vorgestellt, die schwarz-weiß gekleidet hinzukamen. Mit ihren kostbaren Degen bewaffnet, auch gemäß ihren Gesten konnten sie durchaus Granden der ersten Klasse sein.  Deren Ehefrauen blieben an ihren Plätzen sitzen, wie es die Sitte verlangte. Ehe sie sich selbst und dann alle anderen außer Oberst Manuel Martinez und Jòse hinsetzten, erklärte Doña Catalina Cazalla: „Dr. Carranza, fühlen sie sich frei. Sie haben zehn Minuten Zeit. Tragen sie uns ihre Ansichten vor. Das ist in unserem Zirkel Sitte. Wer hier jemals eintrat stellt sich selbst vor und  trägt seine Gedanken vor.“

Jóse war ziemlich überrascht, aber nicht in Verlegenheit: „Mir scheint, sehr geehrte Anwesende, sie möchten wissen, welche Vorstellungen von der Zukunft ein Ordenspriester hegt, der sich Sorgen um sein Heimatland macht: Nun, mit einem Wort gesagt, es geht um die Freiheit des Gewissens.   Die in heilige Gewänder gekleideten Herren der Häuser des römischen Petersplatzes und des Escorial haben der Welt nichts als das Gegenteil gebracht. In ganz Europa lehnen sich die Unfreien gegen die strikte Bevormundung durch Rom auf.  Sogar in Polen ist das der Fall, wo der Adel überwiegend protestantisch glaubt und lediglich noch  das einfache Volk, dirigiert von Jesuiten, zum katholischen Glauben hält.  Wir sollten in Spanien jene Religionsfreiheit erringen die es jetzt in Frankreich gibt. Es gibt überall, außer in den höchsten Kreisen Sympathie dafür.  Wir sollten Gott bitten, dass er uns erleuchtet.“  Oberst Martinez ging zurück an seinen Platz und setzte sich, während er dem Dominikaner durch intensives Kopfnicken zustimmte: "Mehr Herr Doktor!"
Jóse schaute auf die Herrschaften. Einige Köpfe ermutigten ihn.
„Als Ordenspriester sage ich, wir bedürfen einer Kirche, aber einer der Gesellschaft von Morgen. Verleumdung und selbst schärfste Kritik an dieser Kirche darf höchstens die Strafe der Exkommunikation nach sich ziehen. Jeder Zweifel muss erlaubt sein. Kein Priester darf für seine Dienste an der Gemeinde jemals einen einzigen Maravedi erhalten, andernfalls erfahren wir nie was er wirklich glaubt. Wir wollen niemandem zuhören, der auf Christi Gebote pfeift. Wir können auf Messen und  Prozessionen verzichten. Von der Höhe der Kathedrale zu Sevilla muss die Fahne Kaiser Konstantins herunter geholt werden.“ Da erhielt er spontan Beifall. Jemand raunte vernehmlich: "Er spricht von der Giralda."


Baedekers Reiseführer, Spanien, 5. Auflage  "Auf einer der bedeutendsten Kathedralen der Christenheit, der Hauptkirche zu Sevilla weht das Banner Kaiser Konstantins als Wetterfahne, und zwar auf dem Fundament einer Moschee. Die Giralda ist das Wahrzeichen der Stadt ... Giraldillo ist die den(christlichen) Glauben darstellende weibliche Figur mit der Fahne Konstantins.“ 

Vielleicht auf Weisung des mayor domo, möglicherweise auch weil es schien Dr. Carranza hätte alles gesagt, trugen zwei ältere Kinder Servietten herein, verteilten sie. Das irritierte ihn.  Doña Catalina ermutigte Jóse jedoch durch eine kleine Geste fortzufahren und seine Zeit zu nutzen. Es gab allgemeine Zustimmung. Er setzte hinzu: „Meiner Überzeugung nach können wir, wie die Christen vor dem Jahr dreihundert, auf die Ideen Kaiser Konstantins ebenso verzichten wie auf Klöster und Kreuze, die es vor dem fünften Jahrhundert in keiner Kapelle gab.“ 
Einige räusperten sich.  Das Letztere hatte anscheinend noch niemand zuvor gehört, geschweige denn je zu diesem Thema eine Frage erwogen.
Oberst Martinez erwiderte: „Ich selbst war Priester. Legen sie uns ihr Konzept der ihrer Meinung nach bedeutendsten Punkte künftiger Religionslehre dar.“ Anscheinend war er nicht hungrig.  Jóse konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen: du Draufgänger warst Priester? Er schaute den Oberst offen zweifelnd an. 
Der lachte nur. 
Jóse antwortete überraschend für alle: „Mit Hippolyt von Rom und Origenes, sowie mit der Mehrheit der  Bischöfe der ersten 250 Jahre des Christentums, glaube ich, das wir alle ins Fleisch geborene Gottessöhne und  -töchter sind. (20)  Diese Gemeinsamkeit und Tatsache kann man nicht oft genug betonen.  Wenn diese von machtsüchtigen Leuten verworfene Lehre irgendwie zurückkehrte, würden umgehend die Theologien aller Strömungen, Sekten und Glaubensgruppen wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen.  Rom und Madrid, Moskau, Wittenberg, Genf und Athen sträuben sich, offenzulegen, dass die Lehre vom vorirdischen Dasein des Menschen die bedeutendste des ersten  und des zweiten Jahrhunderts war - verbunden mit einer in Aussicht gestellten Weiterentwicklung des Gläubigen bis er selbst ein Gott wird.  (21) Jeder Mensch trägt die Fähigkeit in sich ein Teufel oder das totale Gegenteil zu werden.  Dass es eben darum seit Beginn ging, wird geleugnet.  Hippolyt von Rom und Origenes - und eben nicht nur diese beiden Größen- (21) unterstrichen diese beiden wichtigen Basiselemente des frühen Christentums.  Weil der Mensch, - das Innerste des Menschen, - ein Geist-Kind Gottes ist, verfügt er zumindest über einen Teil des Potentials seines Vaters.  Beten wir nicht: „Vater unser der du im Himmel wohnest“?  Sagte Christus nicht: "Ihr sollt vollkommen werden, gleichwie euer Vater im Himmel ist?"  Einer der brutalsten Machtmenschen aller Zeiten, Kaiser Justinian, eliminierte diesen Aspekt 543 aus dem Kirchenleben mit den Worten:  „Wenn einer sagt oder dafürhält, die Seelen der Menschen seien präexistent gewesen, insofern sie früher Intelligenzen und heilige Mächte gewesen seien; ... so sei er im Banne....“  Mit List und Tücke verfluchte der Diktator Justinian den großartigen Lehrer Origenes der darauf pochte, dass „Gott... keine Vielzahl verschiedener Wesen geschaffen hat, sondern alle gleich... Es gibt keine... gesellschaftliche Rangbestimmung, der Wille des Einzelnen ist entscheidend, und das heißt: der autonome Wille des Einzelnen... (22) 

Das missfiel Justinian, der Blut wie Wasser vergießen konnte, weil er sich selbst für den größten aller Herren der Welt hielt.  Ohne Zweifel glaubten damals sämtliche Bischöfe in den Bahnen des Origenes von Alexandria. 
Es mag Ausnahmen gegeben haben, doch die waren selten.  Origenes wurde bis 235 als höchste Lehrautorität der gesamten Kirche betrachtet. Bis auch er von Neidern verleumdet und degradiert wurde.  Wenn es zuvor Glaubensdifferenzen in den Gemeinden gab wurde er als unbestechlicher Schiedsrichter hin gerufen, sogar nach Rom, wo sich Bischof Hippolyt klar bekennend an seine Seite stellte.  Das wissen wir mit Sicherheit. Aber das Kuriose daran ist, kaum jemand will es wissen.  Das ist der Fall, obwohl es nichts in der Welt gibt was den Desinteressierten mehr betrifft. Die Gleichheitsidee störte den größenwahnsinnigen Justinian.  Als er sich, 537, in die nahezu fertig gestellte Hagia Sophia begab rief er: Salomo ich habe dich übertroffen!  Was er mit seinen mörderischen Banditen in Italien und Nordafrika zugunsten angeblicher Orthodoxie anrichtete, werden ihm die Opfer wohl nie vergeben. Millionen Menschen verloren damals durch ihn ihre Zukunft, zehntausende bezahlten Justinians Illusionen mit  ihrem Leben. Er zerschlug das vorbildlich regierte oströmische Reich der Goten deren Blut in nahezu jedem von uns rinnt. Er zerschlug damit den Arianismus, den er, wegen seiner Güte, bis aufs Blut hassen musste


Wikipedia: Die Generäle Belisar und Narses  zerstörten das ostgotische - arianisch orientierte, friedenstiftende Ostgotische Reich auf Befehl Kaiser Justinians.

Dieser Machtmensch behauptete schlankweg Origenes, dieser Ur-Arianer, hätte seine eigene höchst persönliche Philosophie verbreitet, nichts weiter. Origenes sei unglaubwürdig.  Diese Lüge lebt, gestützt von Rom.“

Eine Pause kam, weil jemand die Hand hob.  Aber eine Frage wurde nicht gestellt. Jòse bemerkte, dass die Dame, an der Seite dessen, der sich zu Wort meldete, ihren Partner zischelnd anfuhr. 

 Ich selbst“, sagte Dr. Carranza, „bin überzeugt, dass Glaubenszwang sich von selbst verbieten würde, wenn wir zu den ursprünglichen Lehren und Idealen zurückkehrten. Das Liebesgebot Christi bekäme einen noch höheren Stellenwert.  Niemand würde versuchen aus Lügen Vorteile zu ziehen.  Der ganze Zauber und Zirkus rund um Messen und Gottesdienste fiele weg.  Unser Gott, der Vater der freien Geister, (23) will nicht gefeiert, sondern geliebt werden.   Er wünscht,  dass wir seinen Ratschlägen folgen.  Für ihn stehen unsere Charakterbildung und unser gegenseitiges Wohlwollen im Vordergrund.  Kirche wäre erneut, was sie einmal war, eine Schule der Tugend. (24) So wie die Mitglieder einer Familie würden Priester sich schämen von ihren buchstäblichen Geschwistern Geld für den Dienst an der Familie zu nehmen.  Wir stehen heute vor dem Dilemma des Gegenteils, weil gewisse Machtbesessene so gut wie nicht an den Gott glauben, den Jesus lehrte und demzufolge verwarfen sie die ursprüngliche Gotteslehre.“

Das hatten die Herrschaften, die sich im Haus Doña Catalinas befanden, offenbar nicht erwartet. Man tuschelte, wog die Köpfe.  Doña Catalina dankte Dr. Carranza und sagte: „Sie sind ein Revolutionär, mein Herr, lassen wir es so im Raum stehen.“ Oberst Manual Martinez fasste in markigem Ton zusammen: „Es ist nur gewöhnungsbedürftig. Wir sollten es erwägen. Glasklar hat Dr. Carranza sich zu unseren Prinzipien bekannt: Glaubensfreiheit, zur Notwendigkeit Rom das Zepter aus der Hand zu nehmen. Es war ein Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft. Ablehnung des Brimboriums jeder Art. Hochachtung vor den Persönlichkeitsrechten aller.“  Er klatschte und wenn zuerst  auch zögerlich fielen sie alle ein.  Man sah der Herrin des Hauses die Erleichterung an. Nach dem üppigen Mahl kamen zwei Damen mit ihren Ehemännern und stellten sich um Jóse herum: „Sagen sie Doktor, ist es ein Wunschtraum oder gibt es einige tragfähige Hinweise oder gar Beweise, für ihre sehr schön klingende Grundthese, wir seien buchstäbliche Geistkinder Gottes die in irdische Körper hineingeboren wurden?“  Alle hörten interessiert zu, als Dr. Carranza ausführte: „Im ersten Kapitel seines berühmten Briefes an die Epheser sagt Paulus: Schon vor Beginn der Welt, von allem Anfang an, hat Gott uns, die wir mit Christus verbunden sind, auserwählt.  Die Hugenotten leiten vor allem aus diesem Satz ihre Lehre von der Vorherbestimmung des künftigen Schicksals jedes Menschen ab.  Statt die Aussage Paulis wörtlich zu nehmen deuten sie diesen Schriftvers im Sinne ihrer törichten Lehre von der Prädestination.  Sie behaupten mit ihrem Calvin, schon bevor wir existierten traf Gott die Entscheidung wer von uns zur Hölle oder umgekehrt fährt.  Nur eine Minute der Nachdenklichkeit genügt dem, der die Bibel kennt, dass es sich um Unfug handelt, dem die calvinistischen  Hugenotten aufsitzen.  Und damit kommen wir zum wunden Punkt unserer Beziehungen zu den Calvinisten.“ Der Herr, der sich zuvor schon fragend einmischen wollte, wog den Kopf. Aber die füllige Dame an seiner Seite erwiderte ihm prompt: „Wir sind Freie oder Dirigierte, Selbst- oder Fremdbestimmte!“ „Hm!“ erwiderte ihr Ehemann, „wir sind Freie! Soweit so gut. Nun zum zweiten!“

Jòse breitete die Hände aus: „Zugunsten der Aussagen vom vorirdischen Dasein aller ist da, das im zweiten Jahrhundert von Ostchristen verfasste Perlenlied. Zu dieser Zeit stand sein Inhalt, allen Christen bis hin nach Rom, in die Seele geschrieben, denn männlich oder weiblich geboren, sie bezogen es buchstäblich auf sich.    “Als ich ein kleines Kind war und im Hause meines Vaters wohnte und am Reichtum und der Pracht meiner Erzieher mich ergötzte, sandten mich meine Eltern aus dem Osten, unserer Heimat, mit einer Wegzehrung fort... aus dem vollständigen Text geht es noch deutlicher hervor: diese Erde ist nicht unsere Heimat.  Wir wissen zudem, dass die Präexistenzlehre unter dem massiven Druck des Ignoranten Justinians aus vordergründig politischen Gründen verworfen wurde. 

Selbst die damalige Kurie schien nicht erfreut zu sein. Justinians Schergen nötigten Papst Vigilius des Diktators Kurs radikaler Änderungen der Theologie zu billigen.  Vigilius wurde gewaltsam aus Rom nach Konstantinopel geschleppt. Der Herr Ostroms zwang den Papst die Papiere der Synode der Ostkirche von 543 zu unterzeichnen.  Unter den fragwürdigen Dokumenten befanden sich einige, die eher nebensächliche Thesen und Glaubenslehren enthielten, sowie die ungerechtfertigten Verfluchungen des Origenes.“ Dr. Carranza gewann erneut die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer mit der Wiederholung des durch Justinian verfluchten Textteiles: „die Seelen der Menschen präexistierten.“

Er betonte: „In den Zusammenkünften der Ersten Christen ging ein Satz um, der in seiner Bedeutung nicht überschätzt werden kann.  Die Mehrheit der Theologen kennt ihn zwar, doch allzu gerne biegen sie ihn um.  Diese Aussage lautet: „Die wahre Gotteserkenntnis beginnt mit der Erkenntnis des Menschen als eines gottverwandten Wesens...” Selbst Oberst und Expriester Martinez gab zu, er hätte davon nie gehört.  Allerdings könne er bestätigen, dass diese Formulierung Sinn macht. Oberst Martinez sachliche Bemerkungen zogen sofort weitere Fragen nach sich.   Jóse gab gerne Auskunft. Er wurde jedoch von seinem Inneren her gewarnt,  jetzt und hier nicht die Frage nach dem höchst verrückten, aber von der ganzen religiösen Welt anerkannten nicänischen Gottesbild aufzuwerfen.  Das wäre verfrüht und sehr geeignet Streit heraufzurufen. Bereits seine Aussage, Kaiser Justinian hätte mit seinen Kreuzzügen gegen das ostgotische Reich in den Jahren rund um die berüchtigte Ostsynode kaum mehr als Trümmer und Asche, sowie Unglauben hinterlassen, erregte erhebliches Aufsehen. „Die Pest grassierte damals obendrein und der Lebensstandard  jener Jahre sank aufs Bettlerniveau. Unsere Vorstellungskraft reicht nicht aus sich das graue Elend jener Periode auszumalen.“ Dr. Carranza schilderte mit deutlichen Worten was Justinians angeblich „christusliebendes Heer“ in Afrika und Italien angerichtet hat.  Das zu sagen war ihm wichtig, weil in diesen Zusammenhängen die Verständnisvollen angeregt werden, darüber nachzudenken, warum ausgerechnet die mörderischen Imperatoren diejenigen waren, die der Kirche das gegenwärtige Gepräge gaben.

Jóse Carranza machte eine gute Figur.  Seine suggestive werbende Stimme gefiel.  Er stand weiter im Mittelpunkt der illustren Gesellschaft Doña Catalinas, an diesem Nachmittag, der eigentlich in eine Siesta münden sollte.  Eine Frage jagte die andere.  Nahezu alles was er vortrug war nur wenig bekannt.  Jeder fühlte, dass er über höchstbedeutende Tatsachen sprach. Kaum jemand traute sich in den Garten zugehen, um auf Liegestühlen auszuruhen, ausgenommen zwei oder drei Damen.

„Sie stellen die Dinge auf den Kopf oder zurück auf die Beine!“ meinte der Oberst, „sagen sie lieber Bruder, woher wissen sie, dass die Christen der ersten vierhundert Jahre die Kreuzesverehrung nicht kannten.“ „Die Zusammenhänge sind künstlicher Natur.  Setzen wir uns doch. Bitte!“ Man nahm rund um einen großen Tisch Platz.

„Es handelt sich um einen Komplex von Falschdarstellungen, die mir selbst die Luft nahmen als ich begann die Märchen von der historischen Wahrheit zu trennen.  Heute sehe ich deutlicher als zuvor, dass es Unfug war ein Mordinstrument aufzuwerten und sogar zu heiligen.  Übrigens, eine Darstellung des Gekreuzigten wagte niemand vor dem Jahr eintausend.“ „Nur zu“, ermutigte ihn nicht nur Oberst Martinez: „bringen sie es herüber.“ „Fest steht, das Kreuz galt in den ersten vierhundert Jahren der Christengeschichte, nur als uraltrömisches Marterinstrument, das von Söldnern aufgerichtet wurde. Die ersten Christen verabscheuten es, während gleichzeitig die Kreuzigung Christi mehr Würdigung erhielt. Das Kreuz  X von dem wir hier reden war lediglich das Zeichen der Siegesgöttin Victoria, der rechte Winkel  L dagegen wurde als Symbol der Wahrhaftigkeit betrachtet.  Wieder und wieder treffen wir auf diese Bedeutung.  Ein Christ muss der Rechtschaffenheit dienen oder er hört auf Christ zu sein.  In Italien, unter jenen Arianern die Justinian vernichtete, stand dieses Gammadia genannte Zeichen in höchstem Ansehen. Es gibt Kirchen die es zeigen. Wenn ein Märtyrer in die Geisterwelt zurückging, durchschritt er den Vorhang. Statt des Konstantinkreuzes wies er die Gammadiahaltung vor.  
Selbst Christus wies es vor, wie wir es am Portalrelief der Abteikirche von Conques,  um 1200 sehen.                    

Aus den Dokumenten geht hervor, dass Victoria und Sol Apollo Konstantin 310 in einem Apollotempel erschienen waren.  Wenn er weise sei, dann werde er dreißig Jahre regieren, XXX. Dieses Zeichen X hatte eine doppelte Bedeutung. Es gilt sowohl als Zahl, wie auch als wahrscheinlich ältestes Symbol des Labarums der Legionen des  römischen Imperiums.  Es gibt nämlich eine Erklärung des Mannes Felix Minucius, der im dritten Jahrhundert als Rechtsgelehrter wirkte und Christ wurde.  Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich damals die Behauptung dieses glaubwürdigen Zeugen, der im Jahr 220 formulierte: „Das Kreuz selbst ist seit je heidnisch.“

Wenn das die schlichten Gläubigen wüssten, dachte ich sofort! Ich gelobte mir, ich werde sie einmal darauf hinweisen.  Rom und Madrid haben sich der Wahrheit zu beugen, nicht wie bislang, umgekehrt.  Jeder Christ muss es erfahren: Anwalt Marcus Felix Minucius schrieb ablehnend, weil wahrscheinlich bereits damals, zwei Generationen vor dem Entstehen der
Kreuzeslegende, aus unerfindlichen Gründen, von staatlicher Stelle an römische Christen das Ansinnen gestellt wurde über eine Symbiose nachzudenken.  In seinem Werk "Dialog Octavius" sagt Felix Minucius unmissverständlich, was die Kirche der vorkonstantinischen Zeit davon hielt, die Kreuze der Kaiser und ihrer Legionen zum Gegenstand auch ihrer Verehrung zu machen, nämlich gar nichts: 

„Eure Siegeszeichen haben nicht bloß die Gestalt eines einfachen Kreuzes, sondern sie erinnern auch an einen Gekreuzigten... bei euren religiösen Gebräuchen kommt (das Kreuz) zur Verwendung. Wir dagegen beten Kreuze nicht an und wünschen sie nicht. Ihr allerdings, die ihr hölzerne Götter weiht, betet die Kreuze als Bestandteil eurer Götter an. Was sind sie denn anderes die militärischen Feldzeichen und Fahnen als vergoldete und gezierte Kreuze?“

Stundenlang saß ich an jenem Nachmittag da, als ich das zum ersten Mal las.  Ich hielt den wirren Kopf in den Händen.  Bis dahin sah ich mich als Fremder in der ungeliebten Kirche, als Kritiker, noch nicht als ihr entschiedener Feind. 
Nicht nur draußen tobte an jenem Tag ein Gewitter.  Es blies frischen Wind ins alte, dumpfe Gemäuer.  Die Konsequenz konnte nur lauten: das kirchliche Rom scheute sich nicht, durch Einfügung paganer Riten und ihres Ungeistes das Original zu fälschen.  Dagegen galt im originalen Christentums die Wahrhaftigkeit als höchster Grundsatz.
In Rom selbst gibt es das Bild eines Märtyrers der durch den Vorhang zurück in die Welt der Geister geht.  Auch er betonte das Prinzip der Rechtschaffenheit.

Erst eine dunkle Gestalt namens Cyrill von Alexandria machte im fünften Jahrhundert das Kreuz Konstantins und das seiner Mutter Helena zu einem christlichen Symbol. (26) 

Wir wurden in unseren Seminaren stets belehrt, Kaiser Konstantin soll es am Vorabend der berüchtigten Schlacht an der milvischen Brücke, am achtundzwanzigsten Oktober 312 gesehen haben.  Zwanzigtausend Soldaten wären Zeugen dieses Großereignisses gewesen. Doch Konstantin selbst berichtet in seinen "Selbstzeugnissen" davon kein Wort! Das ist sonderbar. Also forschte ich weiter. Auch seine Legionäre berichteten von diesem Großereignis nichts.  Selbst der Triumphbogen der zu Ehren dieses Sieges Konstantins  in Rom errichtet wurde, erwähnt es nicht. Eigenartig! Erst der Kirchenpolitiker und Oberbischof Cyrill von Alexandria greift einhundert Jahre später die Legende wieder auf.  Cyrills Kirche war indessen längst nicht mehr jene Kirche die Jesu von Nazareth gestiftet hatte, sie nannte sich zwar noch so, doch das war Täuschung: die Wolfs-Kirche Konstantins, (27) in der Cyrill seine für ihn selbst wichtige aber niederträchtige Rolle spielte, hatte sich längst das blutige Fell des Lammes über ihren Leib gezogen.“ 

An dieser Stelle seiner Erläuterungen wurde Dr. Carranza von einem der Herren unterbrochen, von einem stämmigen Mann mit intelligentem Gesicht: „Gestatten sie mir die Frage warum sie den berühmten Patriarchen Alexandrias Cyrill so scharf attackieren? Dass sie mich recht verstehen, wir betrachten uns als religionskritische Gruppe, die nach vorne orientiert ist, aber Cyrill sehen wir positiv.“ Jóse ahnte, dass er zu schnell voran gegangen war. Er war bereits im Begriff sich zu entschuldigen, als Oberst Martinez sich einmischte: „Hören wir uns doch zuerst die Begründung unseres Freundes an.“

Dr. Carranza erwiderte mit nun leiserer Stimme: „der große Wechsel erfolgte tatsächlich vor den Zeiten Cyrills. Das zu sagen, nachdem wir es erkannt haben ist wichtig, weil wir - mit den schätzenswerten Worten unserer Gastgeberin  Doña Catalina Cazalla - zurückkehren müssen zu den Wurzeln. Und diese liegen weit vor den Zeiten des Imperators Konstantin. Dieser Mann jedoch war der erste Cäsaropapist. Mit ihm vollendete sich die erste Etappe des Christentums. Er trug das Heidentum ins Christentum. Fortan haben wir es mit der Geschichte der Kirche Konstantins zu tun. Cyrill setzte nur die Linie Kaiser Konstantins fort. Im vierten Jahrhundert brachte Konstantins Machtsucht zustande, dass die Bischöfe durch dessen massive Einmischung kaum merklich zunächst, vom sanften Geist Christi weg, zu den rauen Ideen imperialer  Interessen gelockt wurden.  Dieser Mann Konstantin, der aus reinem Machtstreben über die Leichen seiner eigenen Familie schritt, setzte die Bischöfe unter schweren Druck. Hätte ich im Palais meines Erzbischofs nicht Zugang zu einigen alten Handschriften gefunden, dann hätte ich mich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt. Cyrill von Alexandria gehört zu den Hauptvertretern „rauer Ideen“.  Er wird von den Päpsten hoch gelobt, in Wahrheit missachtete er die Gebote Gottes, oder sollte ich sagen, er trat den „sanften Geist des Christus“ selbst mit groben Füßen nieder. In einer Schrift eines katholischen Historikers heißt es:

  „Er war ein Neffe des Theophilus und hatte dessen rücksichtslose Herrschsucht geerbt. Als dieser im Oktober 412 gestorben war, hatte Cyrill unter wilden Straßenkämpfen, in die auch die Truppen eingreifen mussten, seine Wahl auf den nun freigewordenen Bischofsthron durchgesetzt." 

Alleine diese beiden Sätze zeigen um was es ihm ging.  Cyrills Leitungsstil wurde später große Mode.   Aber mit Cyrill versank die Kirche völlig im Sumpf der Bosheiten.  Was war sie noch im 6., 7., 8., 9., 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhundert?  Ein paar Gauner kämpfen gegen eine Handvoll Oberbanditen unter denen echte Christen ebenso litten wie bedauernswerte andere.  Vom neunten Jahrhundert an herrschte in Rom ständiger Bürgerkrieg… es waren brutale Faustkämpfe unter römischen Familien. Jede Partei wollte ihren eigenen Papstkandidaten durchsetzen. Sie hatten von Cyrill gelernt.

"Eine der ersten Amtshandlungen Cyrills bestand darin, dass er die Bethäuser der Novatianer (einer Gruppe Urchristen die gewillt waren gemäß Christi Gebote zu leben) schließen ließ. Er bemächtigte sich nicht nur ihres Kirchenschatzes sondern auch des Privatvermögens ihres Bischofs Theopemptus. Geld schätzte er so hoch, dass er selbst die Bistümer Ägyptens feilbot. Eine reiche Einnahmequelle und zugleich  ein wichtiges Machtmittel boten ihm die Krankenwärterstellen, da die Hospitäler von Alexandria als wohltätige Stiftungen unter seiner Aufsicht
standen. Weil nämlich ihr Dienst nicht nur ein hübsches Einkommen brachte, sondern wahrscheinlich auch vom Decurionat und anderen Staatslasten befreite, drängten sich auch reiche und vornehme Leute dazu und erkauften die Aufnahme in die Körperschaft mit barem Gelde. Denn große Anstrengungen brauchte man ihnen nicht zuzumuten, schon weil  Cyrill ihre Zahl auf etwa tausend erhöhte. All die Hunderte, die Krankenwärter hießen, lungerten müßig auf den Straßen Alexandrias. Sie bildeten für den Bischof eine handfeste Leibwache und waren höchst geeignet, Krawalle hervorzurufen und anzuführen.“ (28)

Ich kann nur bestätigen: Cyrill war klug und gewissenslos.  Sokrates ein als zuverlässig geltender Historiker der Antike, spricht von der ohnehin allgemeinen Gewaltbereitschaft der Einwohner Alexandrias, die Cyrill sich dienstbar machte, wie zuvor Athanasius der wilde Trinitarier.  Straßenrandale, Zänkereien und hetzerische Predigten, gehörten sowohl bei dem einen wie beim anderen zur Tagesordnung.  Wie wenig das mit dem Evangelium Christi gemeinsam hat wird an solchen Darstellungen deutlich.

„Das war ein klares Wort“, befand der Oberst, „und nun interessiert uns ihre Ansicht zur Kreuzesvision Kaiser Konstantins“. Dr. Carranza befürchtete zu Unrecht, dass lediglich Manuel Martinez an seiner Antwort interessiert war.  Tatsächlich jedoch hatte er die Anwesenden schon in den Bann seiner dramatischen Darstellungsweise gezogen. Dr. Carranza fuhr fort:  „Behauptet wird, die Schlacht an der milvischen Brücke wäre zugunsten Konstantins ausgegangen, weil er den Christengott um Beistand gegen seinen Schwager und Mitkaiser Maxentius gebeten hatte, denn dieser wäre der Tyrann von Rom gewesen.  Das jedenfalls, lieber Oberstbruder, lernten wir gemeinsam in unseren Fakultäten".
Expriester Martinez nickte ein wenig zögerlich und zugleich schmunzelte er, seinen großen Kopf nachdenklich wiegend. 

"Doch der beklagte Maxentius hatte die Christenverfolgungen eingestellt und der römischen Kirche den Grundbesitz zurückerstattet. (29)  Eigentlich beginnt die Geschichte der römischen Kirche mit diesen beiden historischen Lügen: Maxentius sei ein Tyrann gewesen und Konstantin ein Christ.
Aber, Konstantin hat wahrscheinlich niemals in seinem Leben Christus angerufen, und wenn, dann erst auf seinem Totenbett. Vor der Schlacht an der milvischen Brücke rief er den alten römischen Siegesgott Sol an.“ 

Der anscheinend älteste Anwesende, ein großer Mann mit weißem Vollbart rief aus: „Das ist ein starkes Stück. Wie wollen sie das beweisen, Dr. Carranza?“  Er streckte den Zeigefinger seiner Rechten vor. Jetzt wurde es ihm, und wahrscheinlich nicht nur ihm, zu bunt. Der Ton ließ es erkennen.
Jóse erwiderte in ruhigem Ton: „Konstantin trat nicht nur das militärische Erbe seines kurz zuvor verstorbenen Vaters Constantin Chlorus an, sondern er setzte auch dessen Religion fort, denn Konstantin sprach ihn auf heidnische Weise heilig! Offiziell sprach das damalige Rom nun vom Divus Constantius. Bekanntlich war Konstantins Vater allerdings ein Anbeter Sols.  Das lässt sich belegen.  Konstantins großer Verehrer, der Bischof und Schmeichler Eusebius von Caesarea schrieb in seiner "Vita Constantini" und zwar viele Jahre, nachdem das Ereignis stattgefunden haben soll:

 " (Konstantin) bedachte, dass er einer mächtigeren Hilfe bedürfe als sie ihm die Soldaten zu bieten hätten. Er rief in seinen Gebeten den Gott seines Vaters an und flehte zu ihm, er möge ihm zu den bevorstehenden Kämpfen hilfreich seine Hand reichen. Daraufhin  habe er, der Kaiser, wie er selbst berichtete, oben am Himmel das Siegeszeichen des Kreuzes, aus Licht gebildet, erblickt und dabei die Worte gelesen: "Durch dies siege!"

Wir wurden in unseren Schulen unterrichtet: gemeint sei letztlich, die Kirche würde im Zeichen des Kreuzes siegen.  In Wahrheit ging es um seinen persönlichen, schäbigen Sieg über seine Schwäger Licinius und Maxentius, auch als er zuvor seinen Schwiegervater Kaiser Maximianus zum Selbstmord zwang, ging es lediglich um Konstantins Machterweiterung. Eusebius von Caesarea schreibt irreführend:

  „Der Kaiser, in der Überzeugung, Gott habe ihm diese Erkenntnis übermittelt, ließ eine Fahne mit dem (Kreuz-)Zeichen herstellen und seinem Heer vorantragen. Dadurch errang er den Sieg über Maxentius..."     

 Jeder sollte und musste denken hier sei die Rede von Gott Jesus Christus, wenn es heißt: Gott habe ihm diese Erkenntnis übermittelt.  Eusebius unterstellt das. In einem weiterführenden Bericht heißt es jedoch, Konstantin bettelte in seinem Gebet:

„Wer bin ich? Offenbare mir wer ich bin! Reichst du mir deine Rechte zum bevorstehenden Kampf?“ (30) 

Was hast du mir bestimmt? Bist du in mir? Sol Invictus, ich bitte dich, hilf mir im bevorstehenden Kampf.  Der Kampf kam und mit ihm Konstantins Tyrannei.  Im Jahr 325 zeigt Konstantin dass Sol Invictus in ihm ist, denn da, auf dem ersten ökumenischen Konzil zu Nicäa – noch dreizehn Jahre später -  tritt er als Sol auf, so wie er es auch fünf Jahre nach Nicäa tat.

Warum Christus den mörderischen Kaiser mit einer Großvision vom siegreichen Kreuz gewürdigt haben soll, zumal nicht er, sondern sein Feind angerufen wurde, bleibt unerklärlich. Der Triumph wurde in Rom groß gefeiert, der besagte Siegesbogen zu Ehren des Gottes Konstantins wurde errichtet. 

"Auf dem (besagten) Konstantinbogen tragen die Soldaten Statuetten der Victoria und des Sonnengottes, also der Gottheiten seiner Vision von 310. Konstantin führte weiterhin den altrömischen Titel «Pontifex Maximus». Er oblag nichtchristlichen Opferriten und ließ Symbole des Sonnenkults und paganer Götter auf seine Münzen prägen. Er ließ seinen Vater als «Divus Constantius» heiligen und bis wenige Jahre vor seinem Tod Tempel bauen und darin Kulte für seine Familie einrichten. In seiner Neugründung Konstantinopel ließ er (im Jahr 330)  eine Statue seiner selbst als Sonnengott mit Strahlenkrone, Globus und Lanze auf einer riesigen Porphyrsäule aufstellen. Seine Konsekrationsmünze zeigt ihn, wie er im Gespann des Sonnengottes zum Himmel auffährt, aus dem sich ihm eine Hand entgegenstreckt, genauso, wie es ein Festredner 307 in Trier bereits für den Divus Constantius beschrieben hat." (31) 

Undenkbar, dass der Kaiser mit diesen Darstellungen der Ereignisse nicht einverstanden war. Niemand konnte je seine Überzeugungen stärker und nachhaltiger als der nach der Universalmonarchie strebende Imperator durchsetzen. Der „große“ Konstantin ist ein Antichrist vom Scheitel bis zur Sohle, Stifter des Nicänums. Eiskalt  schreitet er über Menschenschicksale hinweg. Er erobert Rom und lässt sofort seines besiegten Schwagers 

„Maxentius Kinder ...töten, ebenso dessen politischen Anhang ... Der ganze Okzident war jetzt sein, und er zog in Rom ein, im goldenen Helm, der mit bunten Steinen und Federn geschmückt war als wäre er der Befreier. Jauchzen empfing ihn, der überschwängliche Dank des christenfeindlichen Senats.“ (32) 

Zumindest Eusebius müsste doch erkannt haben, dass Kollaboration mit dem Kaiser, Abfall vom Original, d.h. Abfall von Gott bedeutete. Statt sich zu distanzieren gibt er nach, und nicht nur er!
Wegen dieser Blickverschiebung verloren die Christen das Eigentliche des Evangeliums Jesu Christi, aus den Augen, nämlich jeden Einzelnen anzuspornen seine Wahrhaftigkeit zu entfalten und in der Nächstenliebe zu wachsen um den Nichtchristen ein Licht zu sein: „damit sie eure guten Werke sehen und deswegen euren Vater im Himmel preisen.“  Angesagt war stattdessen, seit dem Konzil zu Nicäa, die staatsbürgerliche Pflicht sich ganz und gar Konstantins Willen zu unterwerfen.  Die Anbetung seiner Person als Gottkaiser stand für ihn vorne an. Er wollte feierlich gepriesen  werden, und bedeutende Christen taten ihm den Gefallen.  Schon

„…Kaiser Aurelian (270 - 275)  stellte das Imperium unter den Schutz des unbesiegten Sonnengottes (Sol Invictus). Mit diesem Gott hatte er über die Parther gesiegt, dabei ließ er das Bild des syrischen Sonnengottes nach Rom bringen. Dieser Gott sollte mit dem griechischen Gott Helios, dem römischen Gott Sol und dem persischen Gott Mithras identifiziert werden. Der Kaiser verstand sich als Sohn (emanatio) dieses Gottes und als dessen Stellvertreter bei den Menschen.“ (33)

„Erheblich populärer war zu dieser Zeit die Gleichsetzung des orientalischen Mithras mit der Sonne und damit der Idee des "Guten“. Erst in der schweren Reichskrise des 3. Jahrhunderts blieb es Aurelian (270 - 275) vorbehalten, als heidnisches Symbol einer Entwicklung zum "Ein-Gott-Glaube" und als religiöse Manifestation der Reichseinheit den Sol Invictus zeitweilig zum alleinigen Staatsgott und den Tag der Tempelweihung in Rom, den 25. Dez. 274, zum Feiertag zu erheben.“ (34)   

Sol Invictus ist mit Baal verwandt und zwar eben mit jenem Baal der in der Bibel als Gegenspieler Jehovas auftritt:  Sol Invictus ist bereits unter Vespasian geläufig. Er stellte ihm zu Ehren schon im Jahre 75 eine Kolossalstatue auf, seit Commodus trägt jeder Kaiser den Titel Invictus. Konstantin rief Sol an, und ich resümiere.  Jeder überzeugte Christ müsste sich und die Welt fragen: Warum sollte Jesus einem Mann erwidern, der sich nicht an ihn gewandt hat?

Die Versuche vieler, einschließlich Konstantin selbst, ein Gleichheitszeichen zwischen den Traditionsgöttern des alten Rom und Christus zu setzen sind nicht hinzunehmen.
Gold kann allenfalls verunreinigt werden.
Sol, mit seinem Strahlenkranz, sieht tatsächlich Christus ähnlich, doch nur äußerlich.   

Es gibt eine Münze, aus seiner Zeit, die unmissverständlich zeigt, dass Konstantin sich als Gott Sol Invictus verstand. Um jeden Preis trachtete er danach die Weltmacht zu erlangen. Konstantin wurde bereits 310 im schönsten Apollotempel die Weltherrschaft versprochen: er  solle die traditionellen römischen Götter in Sol Invictus zusammenfließen lassen. In diese Vielfachverbindung hat er Jesus Christus eingebunden.  Hier liegt der wunde Punkt. Jesus geriet durch Konstantin ins henotheistische Göttergefüge, als ein weiterer unter vielen, die zu einer Gottheit zusammenflossen.     

Wikipedia: Konstantin  der Große 307-337 als Sol Invictus. Geprägt ca. 309-310 in Lugdunum. Sol stehend mit dem Gesicht nach rechts, rechte Hand erhoben, den Globus in der linken. 

Konstantin schwor auf das Kreuz der Legionen und so Cyrill, weil es Vormacht versprach.“
„Zugegeben, sie stellen uns vor erhebliche Denkarbeit. Gott segne sie“, sagte der Oberst, „ich hoffe sie können es in einem Traktat in wenigen Sätzen zusammenfassen. Wir sind stolz auf sie.“   Es sollte noch ein langer Nachmittag werden, der Dank Oberst Martinez harmonisch endete.
Im Hintergrund wuchs an diesem Nachmittag in Jòse der Gedanke, sie werden noch im September das Vertreibungsedikt verkünden. Um Jimena und Ahmed und sich selbst in Sicherheit zu bringen, blieben ihm  nur noch wenige Tage.

Eine unentbehrliche Rückschau

Dr. Carranza konnte jedoch nicht stolz auf sich sein. Er fragte sich sogar, während des Heimweges ob seine schwerwiegenden Argumente bis in jedes Detail hinein die ganze Wahrheit beschrieben,  oder ob er es nicht auf die Spitze getrieben hätte. Er rekapitulierte seinen Vortrag und schaute fragend himmelwärts. 
Plötzlich  fühlte er Frieden:  du hast dein Licht nicht unter den Scheffel gestellt. Die nachnicänische Kirchengeschichte offenbart die Abscheulichkeit des Handelns der Exponenten des Konstantinismus auf tausend Seiten. Das sollte jeder wissen und bedenken. Du bist im Recht zu sagen: Das Dreigestirn Konstantin, Ambrosius von Mailand und Augustinus von Hippo bilden ein komplettes Irrlicht.
 Konstantin verschmolz Christus illegitim mit Sol.  Ambrosius von Mailand, zerstörte nicht nur die Antike. Er raubte den Menschen seines Herrschaftsgebietes das Himmelsgeschenk Freiheit.  Augustinus stand ihm helfend zur Seite. Sie sind gemeinsame Erzfeinde der offenbarten Absichten des Gottes des Neuen Testamentes. Ihre Absichten zu durchschauen wäre der erste Schritt in eine bessere Zukunft. Denn nur die Wahrheit kann uns freimachen! Auf diesem Wort des Christus darf jeder bauen.
 Sechs Sätze wird er formulieren: Wir stehen ein für die Religionsfreiheit jedermanns. Möge jeder unbeeinträchtigt das verehren, was ihm sein Gewissen gebietet. Menschen zu drangsalieren die niemanden misshandelten, ist strafbar. Jemanden das Leben zu nehmen, der selbst nicht mordete, ist Mord der nie verjährt. -    Wir wollen unabhängig vom Staat existieren. -    Niemand darf jemals für Religionsverkündung bezahlt werden.  

Vielleicht wird er das noch präzisieren. Es muss vor allem klar zum Ausdruck kommen, dass Konstantin die Kirche mit dem Staat aus eigensüchtigen Gründen liierte.  Beide Institutionen vereinigten sich mit priesterlichem Einverständnis zu einem Gebilde schriller Disharmonie.  Ambrosius von Mailand zementierte diese Ungeheuerlichkeit fünfzig Jahre später, indem er formulierte: „ Der Glaube an Gott und die Treue zum Imperium Romanum können nicht voneinander geschieden werden.“
 Jòse wünschte einerseits nichts von Wert zu zerstören, aber andererseits durfte niemand lügen.  Konstantin baute mehrere Basiliken um die Souveränität und Einzigartigkeit der Kirche Christi zu brechen. In diesen Gebäuden wurde ein Kult geübt, den er sich ausgedacht hatte.  Er trug den Sol geweihten Altar in seine Kirchen hinein.  Ein Mix aus  Heiden- und Christentum entstand. (35) 
In christlichen Gemeinden gab es den Altar nicht. (36) Dr. Carranza musste es wiederholt formulieren, weil ihn die Ungeheuerlichkeit der Ergebnisse seiner Forschung erschütterte.  Unter der Maske des Christus steckte seit Nicäa  die Fratze des Sol. Das disharmonische Einheitsgebilde von Paganismus und Christentum hing fortan von seiner Gunst und dem Wohlwollen künftiger Imperatoren ab, statt von dem Gott der lebt, der befragt werden will wenn es ums Grundsätzliche geht.  Das erfuhr Petrus mit dem Gesicht von den reinen und den unreinen Tieren.  Seine Frage an Gott lautete, ob nur die „reinen“ „Tiere“, die Juden getauft werden sollen oder auch die in jüdischen Augen „unreinen“ Heiden.  Wer kennt sie nicht die berühmte Antwort? Ambrosius der zeitgleich amtierender Kaiser und Bischof von Mailand war, setzte den zweiten Schritt, indem er weitere Voraussetzungen schuf in die Kirche Konstantins den Papststuhl zu tragen, um den Besitzer zum Despoten zu erheben.   Vordenker Konstantin hatte ja zur Errichtung dieser Institution bereits den Grundstein gelegt. Aus seinen Herrschergründen nannte er sich selbst "Aufseher über die Bischöfe".  Er und sein Sol, nicht Christus, der ja nach seiner Auferstehung existiert, wurde der Bischof der Bischöfe, der „Herr aller Menschen!“.  Konstantin gewann die Oberhand mittels Geld und Druck, mittels Zuckerbrot und Peitsche. Wie sein Vorbild agierte später Herr Ambrosius.  Konstantin hatte die Vereinnahmung der Kirche mit List und Tücke erzwungen. Vorher riskierten die Christen ihr Leben sobald sie sich zu den Lehren des Jesus von Nazareth bekannten.  Nun bot ihnen ein Kaiser die Gegenseite an, Sicherheit, Brot und materiellen Gewinn. Das musste jeden Betrachter stutzig machen.

Der Preis für Sicherheit  lag scheinbar niedrig: nur eine Unterschrift unter ein kleines Dokument. Dass diese kleine Dienstleistung allerdings die Zustimmung zur Einführung eines neuen Gottesbildes bedeutete, drückte viele Schultern.  Seit Nicäa, 325, galt gemäß Konzilsbeschluss, dass der allein wahre Gott und sein Sohn eine einzige Wesenheit sind.  So verloren sie jeweils ihr eigenes Gesicht. Unter Todesstrafe stand fortan das Lesen von Büchern die dem widersprachen.
Glaubens- und Gewissenszwang verdarben seit je die Gesittung. Ambrosius von Mailand erhöhte den Druck.  Augustinus rechtfertigte das. Alle Bürger Roms wurden weg vom Licht ihrer Vernunft in die Grauzone geführt. Zuvor ging es um mehr Erkenntnis, danach um Geschäfte. Ehe es dazu kam drohte der Kaiser, in Nicäa, 325, den widerstrebenden Bischöfen. Die Halbwilligen kaufte er.  Er stellte die höhere Priesterschaft steuerfrei. Konstantin wusste: Gold kann jeden blenden. Zugleich allerdings erschwerte er den Zugang zum Priestertum. 
 Am liebsten hätte Konstantin umgehend den Zölibat eingeführt um die Finanzen des Imperiums zusammen zu halten, statt sie in den Händen zahlloser Erben zerrinnen zu lassen.  Er war der große Versucher, der damals den Kummer gewöhnten, überwiegend mittellosen Bischöfen gewisse Machtteilhabe anbot, nämlich den Zugriff auf die staatliche Armenkasse. Die Mehrheit der Bischöfe zu Nicäa - die jeweils kleinen Einzelgemeinden von je etwa achtzig Mitgliedern vorstanden -  waren schlichte, zivil gekleidete Werktätige, die ihr tägliches Brot auf harte Weise erwarben. Ab sofort winkte ihnen ein leichteres Leben. Konstantin wusste, dass er damit das Wachstum seiner Kirche förderte. Der Gedanke, dass es zwangsläufig zum Krebswuchs kommen musste, nämlich zum ungebremsten Zulauf von Vorteilsuchenden, kümmerte ihn nicht, weil er davon profitierte. Privilegien müssen finanziert werden. Bisherige Steuerregelungen reichten nicht mehr hin. Deshalb kreierte Konstantin sofort nach Nicäa die Silbersteuer, die auri lustralis collatio, der kein Gewerbetreibender entkam – außer, wenn er Bischof oder staatlich anerkannter Priester war. Man kann für Geld alles kaufen. Es war schon immer so: Im Dunkeln ist gut munkeln. Hartherzige Händler wurden „Christen“ und dann höhere Priester. Sie lernten schnell. Das war ihr Beruf. Jetzt kam es vor allem auf die sichtbaren Gesten an.  Immer schön die Augen himmelwärts verdrehen und fromm die Hände falten.  Ein paar Worte plappern, kein Problem. Ämter die früher zuoberst persönliche Würdigkeit des Anwärters voraussetzten, konnten mittels klingender Münze erworben werden.
Deshalb lagen in jedem Rennen um jeden frei werdenden Bischofsstuhl die räuberisch denkenden Kapitalisten vorne. Jeder der es wissen wollte wusste jedoch, dass Jesus gesagt hatte, niemand kann zwei Herren dienen, er wird den einen lieben und den anderen hassen, Ihr könnt nicht Gott dienen  und dem Mammon.  Die Mammonsdiener lachten sich eins ins Fäustchen.
 Kurz vor dem Betreten des erzbischöflichen Palais stockte Dr. Carranza.  So weit, so zutreffend.  Die Erlaubnis auch diese Hintergründe und Zusammenhänge in einem gemeinsamen Pamphlet schonungslos und präzise darzulegen muss er zuvor von den Mitgliedern der Cazallagruppe  einholen. Es macht keinen Sinn nur die kleinen Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.   So bald wie möglich sollte er ihnen seine diesbezüglichen Gedanken vortragen. 
 Es ging ihm vor allem um jene drei Sätze des Nicänums welche die Welt Europas gespaltet hatten. Dieses Thema riss er im Hause Cazalla ja nur kurz an.  An diesem Punkt könnten sich die Geister der Widerstandgruppe möglicherweise scheiden.  Nach seinen umfangreichen, langjährigen Recherchen ergab sich, dass drei Sätze des Nicänums nicht nur im scharfen Widerspruch zur Gotteslehre der ursprünglichen Kirche stehen, sondern dass sie der Logik Hohn sprachen. Sie sind unklar und bewirkten seither kaum mehr als die  Zerstörung des Glaubens. 
 Die Katholiken, die Lutheraner und auch die Calvinisten bekennen sie dennoch und zwar, man sollte es nicht glauben, sie schwören vehement auf diese Behauptung:
 „(es) sind nicht drei Götter, sondern ein Gott. So ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Geist Herr. Und doch sind es nicht drei Herren, sondern ein Herr. Denn wie uns die christliche Wahrheit zwingt, jede Person einzeln für sich als Gott und als Herrn zu bekennen, so verbietet uns der katholische Glaube, von drei Göttern oder Herren zu sprechen...“ 
Falls auch die Gruppe Cazalla auf diesem, dem strittigen Teil des nicänischen Bekenntnisses beharrt, wird er trotz anderweitiger Übereinstimmungen die Mitarbeit verweigern.  Diese Frage steht offen.

Mit seinen festen Schritten ins selbstgewählte Gefängnis, das unter dem Willen des scharfen Aufsehers de Ribera litt, bestätigte  Jòse seinen Entschluss. Es müsste vernünftigerweise heißen, da ist nur eine Gottheit, doch das zu glauben untersagten die unterschiedlichen selbsternannten Häupter der gespaltenen "Christenheit".  Das sei verdammter Tritheismus! Das vierte Laterankonzil unter dem Mörderpapst Innozenz III. bekräftigte dies ausdrücklich. Wer das vertrat wurde verbrannt.
Gemäß seinem Wissen und Geschmack ist solche Definition des Wesens Gottes das ungenießbare Salz in der Suppe. Das eigentliche, gegenwärtige Problem besteht darin, dass die sogenannten Nicäner, im Ungeist der Rechthaberei, in den Ablehnern immer noch ihre Todfeinde sehen.  Hunderttausende Nichtnicäner verloren ihre Heimat weil sie im Altväterglauben beharrten, Jesus sei ein anderer als sein Vater.  Nicäner beanspruchten Rechtgläubige zu sein, Orthodoxe. An dieser Stelle steigern sie sich bis in den Wahnsinn.
 Jòse ging noch beklommener in seine Kammer, warf sich aufs Lager. Das Ergebnis seiner Schlussfolgerungen, wie er sie in Doña Cazallas Haus vorgetragen hatte  wäre eigentlich bereits die klare Ablehnung der Idee des christlichen Monotheismus. Doch, ob das seinen Zuhörern auch bewusst war?   Konstantin ging es damals, aus eindeutig politischen Erwägungen, dringend darum seinen Monotheismus zur Staatreligion zu erklären.   Konstantins Philosophie: Ein Reich, ein Imperator und ein Gott, hatten sich alle zu beugen.
 Diese Grundsatzentscheidung war lange vor Nicäa gefallen.  Man könnte es so formulieren: Er bevorzugte den allgemeinen Eingottglauben, obwohl er Henotheist war.
Konstantin entschied sich bereits lange vor Nicäa jene Christensorte zu unterstützen die ihm in dieser Angelegenheit nicht widersprechen würde. Er fand denn auch, was er suchte. Rom, wohlgemerkt das „christlich“ fromme Rom,  agiert seither mit dem Eingott Sol Invictus im Bunde. Die Menschen wurden mittels Wortgefechte in die Irre geführt. Jóse  steckte tief in dieser Materie, die sich bislang zur Misere auswuchs.
In seine Gedankenwelt konnte keine Ruhe einkehren. Allzu deutlich sah er die Widersprüche zwischen den historischen Fakten und jener geballten politischen Macht die denen wortreich entgegenstanden. Wieder und immer wieder kam er zu dem Schluss, dass die derzeitige Christenheit den aus Machtsucht dominierenden Sonnengott Sol Invictus verehrte, nachdem dieser ins Lammfell Christi schlüpfte. Entrüstet würden die Nicäner  das abstreiten, obwohl ihr Kriegsgeschrei auf hundert Schlachtfeldern im Geist und Ton des Sonnengottes dröhnte und unüberhörbar durch die Welt hallte. Streitsüchtig nannten sie hundertmal am Tag Christi Namen, doch der war nicht der Gott des Krieges.
 Alleine um die vorliegenden Tatsachen in der Weise zu reihen, wie Doña Catalina es wünschte wird er einige Tage benötigen. Darunter Tage in denen er verzichten muss, seine Familie zu sehen, weil in der Tat Eile geboten war.  Vielleicht war es gut, noch ein Wochenende zu überschlagen, um Ahmed mehr Zeit zu geben.  Einen schwierigen Aspekt lang und breit darzustellen wäre kein Problem, aber in der Kürze liegt die Würze. Das erwies keiner besser als der großartige, im Jahr 1517, noch unverdorbene Luther. Bild um Bild erschien ihm.  Auch Jimena und Ahmed traten vor ihn hin. Sein Gefühl  forderte, er müsste sie packen und in Sicherheit bringen.  Aber andererseits musste er sich sagen, so einfach geht es nicht. Ein Ahmed lässt sich nicht mehr nehmen.  Er wird jedoch infolge deiner Abwesenheit umso schneller reifen.   Vielleicht kannst du  sein Herz gewinnen. Jeder ist frei und nur darum kann es gehen.  Du müsstest so schreiben, dass es selbst Ahmed ergreift.
 In einem der sechzigtausend Folianten der erzbischöflichen Bibliothek hatte er seine Gedächtniskartei hinterlegt.
 Dr. Carranza  trieb es deshalb bereits am frühen Montagmorgen in die Bibliothek um sich einige seiner vielen bereits vor Jahren verfassten Aufzeichnungen zur Hand zu nehmen, die rings um ihn herum wohl verwahrt auf ihn warteten. Aus ihnen wird er den Extrakt ziehen. Möglicherweise könnte bereits in diesem Komprimat der Schlüssel zum Sturz des Papsttums liegen. In Gedanken sah Dr. Carranza das Traktat bereits vor sich, gegliedert nach Zeit und im Vergleich zur Urform der Kirche.  Fünfzehn Seiten aus mehreren hundert.  Nichts stand jetzt bereits so deutlich fest wie die Berechtigung der Zerschmetterung des großmäuligen, kirchlichen Anspruchs: die römische Kirche hat nie geirrt und sie wird nie irren, bis ans Ende der Zeiten
Auf zehn Schwerpunkte großkirchlicher Anmaßung wird er sich beschränken. Alle Ansprüche Roms die nicht glaubhaft dokumentiert sind, gehören ins Reich der Legenden.  Der Müllkorb ist ihr angemessener Platz.  Zuunterst im Korb ungerechtfertigter Behauptungen möge die große Lüge geraten, Petrus hätte den römischen Bischöfen den Vorrang über alle anderen verliehen.
Warum nicht denen zu Jerusalem? Zu seinen Zeiten, war die Stadt noch frei. Es gab dort tausende Christen.
Warum sollte Petrus die Leitung der Kirche an den äußersten Rand des Geschehens verlegen? Es gab ständige Anfragen an ihn, dem der Herr selbst den Auftrag gab: Weide meine Lämmer. Bischöfe mussten berufen und unterwiesen, auftauchende Lehrdifferenzen korrigiert, die Missionsarbeit koordiniert, strittige Exkommunikationsfälle betrachtet werden. Wenn schon, dann verlegte Petrus seinen Sitz nach Antiochia.  Dass es so war, beanspruchte jedenfalls die syrische Kirche.
Er lachte plötzlich, musste an die unterschiedlichen Märchen von der Bekehrung Konstantins denken, die einander widersprachen und die auf ihre Weise klar machten, dass sie einem einzigen Zweck dienten: Rom zu erhöhen. Roms "christliche" Autokraten trachteten nach Nicäa ihre Brüder zu Jerusalem, Antiochia,  Alexandria und Konstantinopel klein zu halten. Roms Meisterschaft im Erfinden von Fabeln führte zur Erstellung des größten Lügenbuches aller Zeiten, namens Actus Silvestri. 
Aus ihm flossen die Predigten und die Verbrechen der Jahrhunderte, obwohl jede Geschichte den Widerspruch in sich selbst trug. Man musste nur genau hinschauen. Die Dummen hielten die noch Dümmeren in Unwissenheit und die in Fälschungen involvierten blieben zwar im selbstgestrickten Netz hängen, weil die Unterschiedlichkeiten ihrer Geschichten sie entlarvten, doch die große Kirche hielt ihnen die Treue. Obenan wird darum das Hauptwort „Wahrhaftigkeit“ stehen und gleich neben ihm der Begriff „Entscheidungsfreiheit“. Es ist die große  Frage nach dem Recht des Menschen auf Wahrheit und seinem Individualrecht. Da wird er hineinstechen um die Verlogenheit Roms und Madrids hinsichtlich ihres Machtanspruchs offen zu legen. Zugleich sind sowohl Wittenbergs und Genfs Irrlehren vom Unvermögen des Menschen scharf  zu hinterfragen. Das von Konstantin den Christen gewaltsam aufgezwungene heidnische Gottesbild - das im Nicänum seine niederträchtige Rolle spielt  - muss als das dargestellt werden, was es ist: ein böses Phantom.  Ein Schwerpunkt weiterer, angemessener Kritik wird die zu Unrecht erfolgte Verfluchung der Lehren des Origenes sein und zuletzt die Gewissensfrage:  Wer gestattete euch Erzhäretikern, uns als Ketzer zu denunzieren?
 Auch seinem Erzbischof wird er es zuletzt schriftlich geben, schnörkellos, was er seit langem weiß.  Die Theologie wurde schrittweise Objekt von Spekulanten. Wie Grobschmiede schlugen sie auf eherne Basislehren ein um sie  aus durchsichtigen Zwecken zu deformieren. Das Gespräch mit Doña Cazalla und den Ehrenhaften ihres Zirkels hatte ihn dermaßen bewegt, dass er solange das Licht ausreichte, arbeitete. Tagelang, sooft es die Umstände zuließen. Am Sonnabend den 5. September bekräftigte Jóse seinen Entschluss, am  Sonntag nicht nach Alboraya zu gehen.
 Im Priesterseminar gab er am Dienstag zwei Vorlesungen zu Fragen des frühen Kirchenrechtes. Seine dreizehn Novizen hörten ihm gerne zu, weil er, in gewisser Absicht stets interessante Geschichtsereignisse einflocht. Am frühen Nachmittag des neunten September, einem Donnerstag,  stand er nachdenklich in der Bibliothek an seinem Lesepult, als ihn ein Bediensteter zum Diktat ins Amtszimmer seiner Exzellenz de Ribera rief. Jóse konnte gerade noch rechtzeitig seinen Aufzeichnungen sicher hinterlegen.
 Doch im Hauptraum saß nicht, wie üblich Don Juan de Ribera, sondern ein ihm unbekanntes, dickes Ungetüm, wie er gekleidet in Dominikanertracht, und im Schatten des etwas verdunkelten Zimmers saß jemand zusammen gekrümmt, den er nicht erkennen konnte. „Bitte nehmen sie doch Platz, Bruder Jóse.“ Jóse gehorchte dem Mann mit dem riesigen Gesicht und der schmalzigen Stimme. Es knisterte im Raum. Da war es wieder das Dunkelschwere, das er fühlte, aber nicht fassen konnte. „Ja, wissen sie lieber Bruder Jòse, sie glauben ja gar nicht wie schlecht manche Menschen sind.“ Der ältliche Herr mit seinem grauem Spitzbart schnaufte: „jemand verdächtigt sie. Haben sie eine Ahnung wessen sie beschuldigt werden?“ Jóse zuckte die Achseln. Das war sie, die Inquisition!  Da saß sie im Mief. So ging es stets, so fing es an.
Als nächstes schoss ihm unwillkürlich der Begriff „Silberflotte“ in den Kopf. Seit achtzig Jahren zwang das heilige Spanien die mittel - und südamerikanischen Indianer den Bergen Silber und Gold zu entreißen wobei sie verrecken mussten, um Männer wie den da - und dich -  zu finanzieren. Das "und dich" rückte ihm zum ersten Mal auf den Leib.  Die Selbstkritik verstärkte sein Unbehagen.  Ja, auch er erhielt ein Gehalt das er nicht verdiente. 
Ahmeds und Jimenas wegen hochbesorgt fragte er sich, was er falsch gemacht haben mochte.
Wie eine Stimme aus einer fremden Welt vernahm Dr. Carranza die frag: „Was ist ihre Meinung in Sachen Hugenotten?“  
Sofort tauchte vor ihm Doña Catalinas feines weißes Gesicht auf. Es war ihr Wort: „Wir suchen Kontakt zu den Hugenotten Frankreichs.“ 
„So viel wie ich weiß…“ Jóse stockte.  Es passierte selten, dass ihm das Wort im Hals stecken blieb. 
Er war verblüfft.  Erneut dachte er an Doña Catalinas Satz: „In den Hugenotten haben wir Bundesgenossen“.  Es verschlug ihm die Sprache.  Könnte es sein, dass die Herren Meisterspione bereits die Spur zu dem Zirkel um die blinde Dame Cazalla gefunden hatten oder wurde Bruder Luis bis Frankreich bespitzelt?
 „Ich höre!“ Jóse fuhr zusammen.  Was sollte das?  Wie kam die Inquisition dazu ihn so anzufahren?  Ein Zufall?  Was, zum Kuckuck, hatte das  zu bedeuten?  Konnte der alte Knabe Gedanken lesen?  Ein Knäuel von Fragen umfing ihn lähmend.
Er durfte nicht verdutzt sein: „Ja. Ich hörte davon.“ Hoffentlich hatte der Aushorcher seinen Schreck nicht wahrgenommen.
„Nur zu, Bruder Carranza!“ 
Was sollte und durfte er sagen? Das Tor zu der ihm zugedachten Fallgrube stand sperrangelweit offen.  Wie kam dieser Mensch darauf?  Selbstverständlich wusste die Inquisition, dass in nicht wenigen spanischen Klöstern Sympathie für die Rebellen des Nordens, die Hugenotten, vorkam. Ihm war klar, dass die spanische Kirche, im eigenen Interesse, jeden Funken der auf ihr dickes Fell fiel sofort ersticken musste. Ihr weiß getarntes Wolfsgewand war sehr spröde und trocken durch Altersschwäche geworden. Der Name des Dominikaners, seines Freundes und Bruder Luis tauchte wieder aus Jóses überwachem Hirn auf. „Ja, nur zu… wir hören.“
„Die Hugenotten sind abtrünnig geworden…“ Der dicke Spitzbärtige suchte Jóses Blick. „Und?“
 Verlegen brachte Jóse heraus: „sie haben Probleme mit dem Heiligen Stuhl.“ „Ja, das ist wohl wahr und allgemein sehr bekannt.  Wissen sie lieber Bruder Dr. Carranza, wir rechnen mit ihnen. Sie werden zu unserer Erleichterung beitragen. Unser kleiner Kontinent der buchstäblich von sehr ernst zu nehmenden Feinden umgeben ist bedarf stärkerer Waffen. Waffen des Geistes und der Macht des Imperiums. Die wagten es uns zu umzingeln…“
Der Mann lauerte: „Um uns eins auszuwischen, schicken die Hugenotten ihre hinterhältig operierenden Missionare zu uns. Um unsere Priesterschaft zu  unterwandern.“ Sein dicker Finger wackelte: „Nicht mit uns!“ Der Inquisitor wartete auf die Reaktion seines Opfers. Jóse wollte sich darauf nicht einlassen. Er wich aus: „Wenn die Feinde der Wahrheit versuchen, das Licht zu löschen werden sie sich die Finger verbrennen.“  Der fette Herr erkannte hoffentlich nicht, dass sein Gegenüber doppelsinnig redete.
„Naja, das ist so, aber ich möchte hören wie sie sich ihre zukünftige Arbeit vorstellen.“ 
„Ich verspreche, mich ganz für die Wahrheit einzusetzen.“
„Sie kennen also persönlich gewisse Verdächtige.“
Gleichgültig wie er sich nun wendete, er musste lügen. „Nein“, sagte Jòse deshalb „ich glaube aber, es dass es einen guten Weg gibt der Gerechtigkeit zu dienen.“
Der Inquisitor schaute ihn durchdringend an. Ahnte er, dass der ihm nun aalglatt erscheinende Sekretär seiner Eminenz, wie einen Bären am Nasenring vorführte?   Dr. Carranza kam dem Mann zuvor indem er kraftvoll hinzu setzte: „Gelobt sei Jesus Christus - ich habe noch nie einen klaren Hinweis gefunden der auf missionierende Hugenotten innerhalb Spaniens  weist.“ Das durfte er mit Festigkeit so sagen, weil es den Tatsachen entsprach: „Missionierende Hugenotten könnte ich mir nur in den Grenzgebieten des Nordens vorstellen.“ Ganz wohl war ihm dabei allerdings nicht zumute, denn, dass Doña Catalina diese Frage anders beantwortet hätte, gehörte hier zwar nicht her, doch zu sagen er habe noch nie einen Hinweis für solche Waghalsigkeit gefunden, und das sozusagen unter Eid auf sich genommen zu haben  belastete sein empfindsames Gewissen. Nein, „einen klaren Hinweis“ gab es nicht, sagte er sich, beruhige dich!
 Der fette Herr streckte den Zeigefinger seiner Rechten vor und wies dann in die jeweiligen Himmelsrichtungen: „Im Osten die Türken mit ihren Millionen und ihren gnadenlosen Janitscharen, im Süden in Massen die grimmigsten aller Allahanbeter die Almoraviden, im Westen eine Allianz der Rom-töter unter „King James“, dem Nachfolger unserer Feindin Elisabeth, sowie im nahen Norden, die Hugenotten, die unter ihrem scheinheiligen König Heinrich nur heimtückisch lauern ob ihr Tag bald kommt. Und dann die verdammten Lutheraner. Da legte der listige Teufel eine Schlinge um unseren Hals. Ich behaupte, unserem heiligen Spanien laufen zahlreiche hugenottische Missionare umher. In Gandia überführten wir sie. Haben sie davon gehört? Und da soll einer in unserer Gewandung in Santiago de Compostela aufgetreten sein, der gefährliche Lügen gegen unseren San Jakobus verbreitete.
Jòse kroch ein kalter Wurm ins Herz.
Der Inquisitor stockte: " Na, ja, ein Büchernarr lebt vielleicht in fremden Welten." Er polterte: "Doch das endet hier! Unsere geliebte Mutter Kirche erlitt nicht nur in Frankreich schwerste Schäden. Diese rohen Hetzer wagen es unsere ruhmreiche Geschichte zu entheiligen, sie wagen es die heilige Messe zu verunglimpfen, bezeichnen sie als Götzendienst. Ein Hugenottenhaupt ließ dreitausend Katholiken ermorden. Da ist zu reagieren, nicht wahr?“
Der sonderbar hässliche Mann redete und redete. Was wollte er wirklich? Jóse fragte sich, wieder einigermaßen seiner Selbstbeherrschung gewiss. Konkretes lag gegen ihn nicht vor. Besonnenheit ist angesagt.  Wo sind die Belege für solche schwerwiegenden  Anschuldigungen, tausende Katholiken seien in Frankreich umgebracht worden?  Wer war dieser angeblich hugenottische Massenmörder, von dem das Ungeheuer hier anklagend sprach?  Wo dort geschah das?  Warum nennt der Ankläger keine Namen?  Als könnte er wirklich Gedanken lesen fuhr der Spitzbärtige fort:  Lieber Bruder Jóse,

„der gewissen Ortes wohlbekannte Hugenotte Briquemaut trug ein Halsband aus abgehauenen Ohren unserer Priester. Fünfzig Kathedralen und fünfhundert katholische Kirchen haben sie unter seiner Herrschaft zerstört.“ (38)

Er wartete auf Jóses Erwiderung. Wie ein Fuchs lauerte er, trommelte nervös mit seinen Fingerkuppen auf die Lehne seines Stuhles. Jóse wusste, dass dieser Mann ihm knüppeldicke Lügen auftischte. Davon hätte er gehört. Fünfhundert zerstörte Kirchen! Fünfhundert?  Weil sie Lügen erfinden, glauben sie ihren eigenen Worten nicht und trauen denen die mit ihnen reden nichts Gutes zu.
 Dr. Carranza  schmunzelte, - noch mutig - der konkreten Gefahr zum Trotz in sich hinein: sie können es nicht lassen, wenigstens zu versuchen, Schwarzes in Weiß umzufärben.
Der unbequeme Herr ballte plötzlich die Rechte zur Faust: „Darum geht es uns, die Wahrheit zu sagen, der Mutter Kirche zu dienen und den über uns verbreiteten Unehrlichkeiten den Garaus zu bereiten. Sie, lieber Doktor, werden eine Schlüsselrolle spielen, das Schlimmste zu verhüten. Bruder Jóse, sie werden herausfinden wer da in unseren Hoheitsbereichen mit den Gottesleugnern kungelt. Darauf verpflichten wir sie. Wir berufen sie hiermit  in den Rang eines Beraters des heiligen Oficios, mit vierzehntägiger Konsultation.“ Das also war es. 
Der Herr gegenwärtigen Geschehens  hob die hohe, zerfurchte Stirn und schob sein starkes Kinn vor. Diesmal schmetterte er: „Am vierundzwanzigsten September werden sie Bericht erstatten. Hier. Zu dieser Stunde und mit konkreten Resultaten und Namen. Beweisen sie uns ihre Treue indem sie den hochgefährlichen, in einigen unserer, nicht so weit von hier entfernten Ordensklöster umgehenden Hugenottenideen auf die Spur kommen. Die müssen mit Stumpf und Stiel ausgerottet  werden und, wenn es nicht anders geht, mit ihnen die Ketzer! Wir brauchen Namen!“
Dem Inhalt war die Stimme angemessen und die sagte unausgesprochen: Wage es nicht uns zu täuschen. Das heilige Oficio hat tausend Augen!
Aus dem grob geschnitzten Kopf des Inquisitors blinkten seelenlos wirkende, graue Augen.  Die tiefen Wangenfalten machten den Mann nicht gerade ansehnlicher. Dr. Jóse gestattete sich dem gefährlichen Mann, der sich nun erhob und zum Davongehen rüstete, fest in die Augen zu schauen um da hinein furcht- und wortlos zu verkünden: die Lösung all unserer aktuellen Probleme bestünde darin, Jesus zu glauben, dass man seine Feinde lieben und sie barmherzig beurteilen soll. Eigentlich war das frech, aber gelegentlich musste das sein. Als der Gesandte der Hölle sich schwerfällig erhob und wie ein kranker, alter Mann davon ging, dachte er ihm hinterher: Ich hoffe, dass ich in vierzehn Tagen außer Reichweite deiner Arme bin!
Da wandte der Inquisitor sich stracks um: „Wie bitte?“ Jòse zuckte die Achseln, obwohl er  mehr als erstaunt war. Er bekreuzigte sich. Immerhin er war gewarnt.  Nun lief es darauf hinaus, dass ihm zehn Tage blieben. Zehn Tage höchster Vorsicht, vielleicht nur fünf.
Jóse kam der Gedanke: heiteres Gesicht aufsetzen, in die Kapelle zum Beten gehen. Möglichst vielen Leuten ein unbesorgtes Gesicht zeigen. Einer, mindestens einer wird darunter sein, der es erlernte die Sprache der Gesten und Minen zu lesen. Noch verschonte ihn  die Ahnung, dass er diesmal bei seiner alljährlichen Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela eine Minute lang unvorsichtig gewesen war.
Jóse ging also an diesem Spätnachmittag des nicht nur für ihn so ereignisreichen, noch friedlichen Mittwochs, den 9. September des Jahres 1609 in die Hauskapelle. Er kniete hin und verharrte. Ihm schien er könne Blicke fühlen die sich in seinen Nacken bohrten. Von Seiten Ahmeds wird ihm keine Gefahr erwachsen. Sein Junge war klug genug vor niemanden zu prahlen, mit welchem Vertrauen er durch seinen Vater geehrt worden war. Was seinen Freund Bruder Luis betrifft, ist abzuwarten. Nur nicht durchdrehen.
Jóse ging am Abend all die Namen durch, die er näher kannte. Er stand am dunklen Fenster und schaute hinunter auf die vom Fackellicht nur schwach erhellte Hauptstraße Valencias.  Vier Dominikanermönche seines ehemaligen Klosters, allesamt klare Feinde des Priors Jaime Bleda waren eingeweiht. Auf sie konnte er sich bedingungslos verlassen. Dann kam Ordensbruder Alexander schmales Gesicht auf. Mit seiner spitzen Nase roch der in alles hinein. Einmal, allerdings schon vor Monaten hatte der ihn ertappt, als er Notizen schrieb. Das berührte Jóse nun sehr unangenehm. Hätte er damals nur nicht so überhastet reagiert, als Alexander ihm unversehens über die Schulter blickte. „Was kritzelst du da?“ lautete des neugierigen Alexanders Frage. „Nur eine Landkarte  von Rom.“ „Und was heißt das „Babylon in Rom.“ „Gut, dass du mich darauf hinweist, Es muss heißen, Babylonier in Rom.“ Jóse tadelte sich. Alexander gehörte zu denen die überall Gespenster und Gefahr sahen.  Jóse konnte Alexander beruhigen indem er sagte: „Es gibt überall Abgefallene, ich meine Babylonier auch in Rom.“ Ganz schlüssig war das nicht.  Glücklicherweise war Alexander ein ziemlicher Dummkopf der vermutlich weder wusste was Babylon in diesem Zusammenhang bedeutete, noch wo Italien lag. Jetzt erst, nach der ersten Untersuchung der Inquisition, könnte es dennoch, wegen dieses Alexander, noch heikel werden.  Da fiel es Jóse wie Schuppen von den Augen. Alexander war es. Er saß am Nachmittag während der Befragung im Hintergrund. Alexander war der stille Begleiter des Mächtigen gewesen. Ein Kettenhund. Luther bezeichnete die römische Kirche als die Hure Babylon. Das offizielle Rom betrachtete solche Verdächtigung als größtdenkbare Beleidigung. Hätte Alexander geplaudert... Manchmal hat man einfach Glück.
 Alle Blätter seines zur Veröffentlichung in Marseille bestimmten Buches lagen noch wohl verwahrt. Ihn stachelte  der Gedanke auf: Versteck sofort ändern! Nichts ist sicher. Es gibt keine Sicherheit, nur maximale Vorsichtsmaßnahmen.
Aber es ging nicht an, dass er nun panisch alles zusammenraffte. Und zudem, wohin damit, wohin mit dem Unverzichtbaren? Die blitzartig durch sein Hirn schießende Idee, augenblicklich die Flucht anzutreten musste er ebenso umgehend verwerfen. Die Zusammenarbeit mit dem Kreis um Doña Cazalla  war bindend. Auch wenn sie ihn noch härter bedrängten und selbst wenn Ahmed mitspielen sollte, die Horcher würden gewisse Zusammenhänge suchen und finden. Ihre Gnadenlosigkeit fiele auf sämtliche seiner Freunde unter den Dominikanern. Noch war die Zeit nicht gekommen. Solange das Edikt nicht verkündet wurde, gehörte ihm die Zeit. Doch da war es wieder, das Angstgefühl, diesmal in voller Schwere: alles geht schief. Jóse wog seinen tonsurierten Schädel.  Ja, er wiederholte sich, aber das zu Recht: nutze die Minuten.
Ehe er sich, erschöpft zur Ruhe begab beugte er wieder die Knie. Wieder flocht Jóse den Gedanken ein, dass er ausdrücklich seinem Gott die Ehre gab, dem Gott und Vaters seines Jesus von Nazareth und nicht dem zu Nicäa kreierten Ungeheuer, dem Gott Konstantins, dem Gott militärischer Siege, den zehntausend Tote nicht rühren konnten, den Gott der Inquisition: „Gib mir bitte mehr Verstand und bitte, die Weisheit ihn gut zu gebrauchen!“
Er konnte nicht der Versuchung widerstehen, am nächsten Morgen, gleich nach der Messe, in der Bibliothek nach dem Rechten zu sehen. In dem noch morgenkühlen Raum suchte er seine dreißig, vierzig gefährlichsten Blätter zusammen. Er wird sie so schnell wie möglich wenn auch ungerne, hier im Palais verbrennen. Vielleicht war es ein zusätzlicher Fehler, dass er stets am unteren Rand jedes Papiers den Hinweis gab in welchem Buch sich das nächste Blatt befindet. Allerdings wo sich das Standartbuch befindet könnte selbst Hernando, käme er unter die Folter, nicht sagen. Hoffentlich ging es hin.

Vorausgesetzt sie haben Bruder Luis nicht in Marseille ertappt, wird die ganze Geschichte glimpflich ausgehen. Während er sich, tief in Betrachtungen versunken wieder den Akten zuwandte bemühte Dr. Jóse sich um Beruhigung.
Immerhin blieb das Rätsel ungelöst, warum der Aushorcher die Rede auf die Hugenotten gebracht hatte und warum gerade ihm zugemutet wurde die vermuteten Rebellen in den umliegenden Klöstern ausfindig zu machen. Er hatte unauffällig zu handeln. Es dauerte und nichts von Bedeutung geschah.
Sorgfältig um sich blickend nahm Jóse Blatt für Blatt und steckte sie in die Falten seine Kutte.
Endlich in seiner Kammer angelangt verbarg er die Papiere im Innern seines Lese- und Betpultes. Niemand wird ihn bei alledem gesehen haben, allenfalls Hernando, der Meisterspion, sein Freund, sein Bewacher.
Hernando den er suchte und fand war einverstanden. Unter dem Vorwand er fühle sich unwohl wollte Dr. Carranza am nächsten Tag, an dem er zu seinem Vorteil dienstfrei dastand, länger als üblich in seiner Wohnung bleiben. Er musste die Texte noch einmal durchgehen bevor er sie den Flammen der Backstube übergeben würde. Hernando saß denn auch, rosenkranzbetend auf einer Polsterbank, wachsam vor seiner Tür oder in ihrer Nähe.
Es galt, sich Details einzuprägen, die zu dem von Doña Catalina geforderten Traktat passten. Es musste eisenhart auf die Clique der Verfolger fallen, dass sie auf Lügen und dreisten Falschdarstellungen ihr Kirchen-Haus gebaut hatten.
Der Absturz aus der Höhe eines liebenswürdigen Status in die Tiefen der tausend Höllen des derzeitigen Kirchenunwesens fand im vierten Jahrhundert statt.
Zunächst  ging es um Athanasius von Alexandria, den er im Gegensatz zu den Vorstellungen vieler anderer Geistlicher als den größten Maulhelden dieser Zeit betrachtete. Über ihn hatte er schon vor anderthalb Jahrzehnten geschrieben:  „Athanasius ist der Mann, der Christus das Angesicht raubte. Seine Name und Tun ergeben den Schlüssel zum Verständnis der Verrohung des Christentums.“ Viele Zitate dieses Vielschreibers sprachen gegen ihn. Jòse suchte jene beiden Blätter deren Inhalt sich ihm gerade aufdrängte. Insbesondere ging es ihm um den Brief des Hasses, den Athanasius um das Jahr 326 an die harmlosen, toleranten Arianer, seine Glaubenskonkurrenten, geschrieben haben könnte. Jener Brief, der ein einziger Fluch war.

Da stand es das böse Wort:
 „…in unbegreiflicher Weise gebt ihr, (die ihr wagt, nicht meiner Meinung zu sein) auch jetzt noch nicht nach. Sondern wie Schweine und Hunde in ihrem eigenen Auswurf und Kot sich wälzen, so erfindet ihr vielmehr für eure Gottlosigkeit neue Wege … ihr, die Erfinder von Gotteslästerungen … seid Gottesfeinde, … wie Hunde und Schweine führt ihr euch auf…      da (ihr euch), um den Sohn nicht als Bild des Vaters anerkennen zu müssen,  vom Vater selbst leibliche und irdische Vorstellungen macht… Gott (sieht aber) nicht wie ein Mensch (aus), … man darf auf ihn keine menschlichen Eigentümlichkeiten übertragen... Ich glaubte, (ihr) Heuchler des arianischen Wahnsinns würdet euch auf das, was ich bisher zu eurer Widerlegung und zum Erweis der Wahrheit vorgebracht habe, zufrieden geben und nunmehr euch ruhig verhalten und bereuen.“(39)
Damit war sie geboren, die neue Kirchensprache, eingeführt von Athanasius! Schweine und Hunde sind sie, die Arianer, - wegen eines einzigen Wortes - weil sie glauben, dass Jesus Christus eine andere Person als sein Vater ist, ihm ähnlich, ihm nachgeordnet. Das zu meinen hielt Athanasius für ein Verbrechen.
Wohl wahr: es gab Hunde und es gab Schweine in Menschengestalt, aber einen Mann  des Mutes, der Geradlinigkeit wie Arius, zu beschimpfen, ihn mit solchen Ausdrücken zu belegen war unerhört, bis dahin.  
Jòse starrte auf seine Handschrift und sinnierte wie immer, in Bildern:
Da saßen sie, wenige Jahre vor dem nicänischen Konzil, in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria - in der es vermutlich sechs oder sieben Bischofsgemeinden gab - im Ältestenkollegium, in der kleinen, schmucklosen Katechetenschule der Großstadt zusammen. Obenan zu Tisch präsidierte Bischof Alexander. Zu seiner Rechten saß an jenem Tag des Jahres 318, Athanasius. Damals erst einundzwanzig, wagte er es, den um vierzig Jahre älteren Ältesten Arius, - den angeblichen Erfinder des Arianismus -  öffentlich zu attackieren. Der kleingewachsene, dunkelhäutige  Diakon Athanasius agierte als Sekretär Alexanders. An diesem Tag weilte der Bischof einer Nachbargemeinde unter ihnen, als Gast, nämlich Arius. Ein höflicher  Mann, der stets mit gedämpfter Stimme sprach. Sie redeten, wie es in allen Christenversammlungen damaliger Zeit üblich war über „ihren himmlischen Vater“, den Sinn des Lebens und wie dankbar sie seien mit Christi Geboten den  Kompass ihres Lebens gefunden zu haben. Bis dahin herrschte überwiegend ein friedlicher Geist der Offenherzigkeit, der auch querschlagende Reden und Ideen zuließ. Dann allerdings brachte jemand  in dieser Runde, wahrscheinlich ein Katechet, die Frage auf: Wie ist Gott? Hat er ein Antlitz und menschliche Gestalt? Oder ist er ein unfassliches Lichtwesen?, ein gestaltloser, allgegenwärtiger Geist? Bischof Alexander, vom Gemüt her ein Grobian der sich im Fall von Meinungsverschiedenheiten nur schwer beherrschen konnte,  hielt das Letzte für eine ausgemachte Grundwahrheit. Es stünde doch geschrieben: „Gott ist Geist“. So hieß es im Johannesevangelium. Damit war für ihn das letzte Wort gesprochen. Der Mehrheit der etwa dreißig anwesenden Männer allesamt Älteste und Priester die im Berufsleben ihren Mann standen missfiel gelegentlich die Rigorosität ihres Bischofs. So einfach war es gerade in diesem Fall nicht. Das stand fest. Nur einige nickten dem Bischof deutlich zu. Gewiss, Gott ist so groß, dass ihn niemand fassen kann.   Arius, wie immer, gekleidet in eine unauffällige Alltagstoga, meldete sich zu Wort. Behutsam legte er sein Gottesbild dar, das auch andernorts und in vielen Gemeinden des Ostens so als zutreffend betrachtet wurde:
„Das Innerste Gottes ist Licht, ist Geist. Dennoch erschien Gott Jehovah dem Mose und Salomo  in erfassbarer Gestalt, nach der wir gebildet wurden. Von Angesicht zu Angesicht redeten sie miteinander. Aber auch das Innerste des Menschen ist Geist, unsterblicher Geist.  Wir sind allesamt Geist, Geister, die sich im sterblichen Leib wie in einem Gefängnis befinden. Gott der Vater und Jesus leben nun in einem jeweils anderen, verherrlichten, ewigen Körper. Könnten wir die beiden größten Götter  sehen, wie Stephanus, der Held der Apostelgeschichte, in seiner Vision, wüssten wir es aus eigener Anschauung.“ Es gab Nachfragen. Streit erhob sich.
Arius, der ruhige Mann, musste sich schuldig fühlen. Er wird sich angeklagt haben, der Verursacher dieser Disharmonie  zu sein. Dennoch durfte er seine Überzeugung nicht preisgeben. Stephanus habe doch bekanntlich ausgerufen, er sähe Jesus sitzend zur Rechten des Vaters, mitthronend, während die Pharisäer ihn gerade dieses Bildes und Glaubens wegen steinigten. „Glaubten wir den Zeugnissen, etwa dem des Sehers von Patmos, Johannes,  würden wir erkennen, dass die Gesichter der beiden Götter leuchten, dass sie bedingungslose Liebe und Weisheit aussenden.“ Vielleicht, wenn Arius seine Sätze so stehen gelassen hätte, wäre nichts weiter passiert. Doch er setzte hinzu: diese Betrachtungsweise sei in den vergangenen dreihundert Jahren allgemein christlicher Konsens gewesen, abgesehen von einigen Abweichlern, glaubten die meisten an einen Gott den man durchaus begreifen kann. Er warne, sagte Arius, wenn jemand Gott das Antlitz raubt, tötet er den Glauben. Sofort muss Athanasius aufgefahren sein. „Abweichler?“ höhnte er. Sind mein Bischof und seine Ältesten Glaubenstöter?“ Er wusste wie sehr er damit seines Bischofs Gefühle respektierte, bestätigte, verteidigte und rechtfertigte. Er stützte dessen Ansicht so entschieden, dass er in Alexanders Augen ein Großer wurde. Er jedenfalls sei kein Abweichler und Bischof Alexander schon gar nicht: „Ihr, Bruder Arius, tötet den Glauben an den wahren Gott!“ Das stach wie eine Lanze aus heftiger Landsknechts Hand. Dieser Augenblick war es, einer von weltgeschichtlicher Bedeutung. Unstillbare Unruhe  kam nach dieser Minute des entsetzten Schweigens auf. Worte flogen hin und her. Es wurde immer heftiger gestritten.  Einige Brüder meinten es gut. Sie wollten Frieden stiften. Ihr Bischof habe immer Recht. Andere sagten, sie stellten sich in der Tat ihren Vater vor als einen mit einem Gesicht und so den Sohn dieses Vaters. Arius entschuldigte sich. Er betonte ausdrücklich: wir sollten nicht keifen und zetern, grundsätzlich nicht und schon gar nicht in Dingen die allen heilig sind.
So begann der tausendjährige Krieg unter Christen. Er wütete, um genau zu sein eintausenddreihundert Jahre und war noch nicht zu ende.
Die Trinitarier schufen aus einer Meinungsverschiedenheit einen Grund zu immerwährendem Gezänk und namenlosen Hass.
Mit Äxten und Brechstangen  zogen die Gefolgsleute des Athanasius gegen die Arianer, bis die sich wehrten.  Die vom Geist der Toleranz bestimmten Ansichten des Ältesten Arius, die er auch als Konzilsteilnehmer 325 einbrachte, sind überliefert, und er, Dr. Carranza, hatte sie in diesem Wortlaut gefunden:
„ausschließlich die Bibel gilt als Grundlage des Glaubens und alles, was nicht durch ihren klaren Wortlaut bezeugt ist, muss dem freien Denken überlassen  werden.“ (38)
Wegen solcher Gesinnung Krieg zu beginnen ist unverzeihlich.
Die meisten Gemeinden bis hinein nach Persien und Indien hielten die Überzeugungen des Arius für richtig. Hätte sich der hochgescheite Athanasius von Alexandria mit seinem Drang zur Wichtigtuerei nicht zum Wortführer der Minderheitspartei aufgeworfen, hätte der Streit wahrscheinlich noch beigelegt werden können, denn  Arius blieb derselbe höfliche Behutsame. Auch wenn er, in seinen Überzeugungen, der unwandelbare Mann blieb. Der Glaubensstreit breitete sich aus. Bald  ging er wie ein Wirbelwind um, der an Stärke zunahm. Gemeinde um Gemeinde Alexandrias und dann der vorderasiatischen Gebiete wurden schließlich von diesem Meinungssturm erfasst. Nahezu alle  bedeutenden Kirchenschriftsteller des zweiten und dritten Jahrhunderts hielten es für eine Selbstverständlichkeit, dass Jesus ein anderer als sein Vater ist, und dass es ewig so sein wird, wie wir es aus irdischen Vater-Sohn-Beziehungen kennen. Immer ist der Sohn seinem Vater nachgeordnet. Eigentlich konnte niemand an diesem Bestand und Prinzip rütteln. Doch der heftige Athanasius schürte das Feuer zum Schmieden des Gegenbekenntnisses rücksichtslos.
Unleugbar. Er wollte an Bedeutung zunehmen. Tatsächlich wuchs die Kirche trotz des sich nun rasant ausbreitenden Wortkrieges erheblich, - denn niemand im römischen Reich wurde seit 311 wegen seiner Religion weiterhin verfolgt. Kaiser Galerius erließ am 30. April 311 das großartige Toleranzedikt zu Nikomedia. 
Fortan suchten viele Schwache, darunter nicht wenige verwitwete Mütter in den Christengemeinden Schutz und Trost. Denn das hatte sich herumgesprochen: die Christen kümmerten sich um Notleidende.
Zudem bestätigten Konstantin und sein Schwager und Mitkaiser Licinius  313 das Edikt, das jedem Einwohner des römischen Reiches das Recht auf freie Wahl seiner Religion zusagte.
Damit stand dem nominellen Wachstum der Kirche nichts mehr im Wege. Andererseits wuchs die Saat des Gezänkes um das wahre Wesen der Gottheit. Diese Auseinandersetzung sollte die Kirche in zwei Teile brechen. Die Namen des Ältesten Arius sowie des Diakons Athanasius standen jeweils  für eine der beiden Lehren vom Wesen Gottes. Hier die giftigen Nicäner und da die noch friedlichen Arianer. Diese Tatsache  muss er herausstellen. Andernfalls untergraben die Schiefaussagen der Nicäner die historische Wahrheit ein für alle Mal.
Arius beharrte lediglich auf die von allen Kirchenvätern gelehrte Grundwahrheit: Jesus sei ein anderer als sein Vater. Deshalb, nur deshalb wurde er verflucht und zum Häretiker erster Klasse abgestempelt.  Athanasius sprengte wiederholt den Rahmen gebotenen Anstands und des gegenseitigen Respektes. Aus einer schlichten Diskussion wurde ein Generalthema, das auch die Nichtchristen beschäftigte. Die Gottesfrage interessierte damals alle Bürger Roms enorm, hoch und niedrig. Ganz Rom glaubte es gäbe nur einen Gott. Für die meisten war es SOL. Sol Invictus. Aber auch sie waren geteilter Meinung, - mit einem Unterschied: die hellenischen Nichtchristen argumentierten humorvoll, doch die sogenannten Christen stritten untereinander verbissen, im Wortsinn lieblos. Die Heiden des Imperiums waren schon gegen Ende des 1. Jahrhunderts daran gewöhnt, dass ihre Kaiser  und Sol eins waren. Man musste dem Gottkaiser Opfer darbringen. Vor allem die Juden und die Christen verweigerten dies. In dieser Zeit wurden viele Märtyrer. Nicht wenigen Christen wurden die Augen ausgestochen, andere von wilden Tieren in Arenen zerrissen.
Irgendwann um 310 nahm Kaiser Konstantin einen Zirkel und zeichnete mit ihm seinen Kreis. Dahinein nahm er, als der Gott der Menschheit, die Christen. Er wird auch sie unter seine Fittiche nehmen. Er wird  sich ihrer Fähigkeiten bedienen, nachdem er sie zur Einigkeit zwang.
Konstantin ahmte nur nach, was er in seiner Jugend gesehen und gelernt hatte. Tag für Tag erlebte er die heidnischen Gottesdienste. Er lebte damals am Hof des Oberkaisers Diokletian. Für die Mehrheit der heidnischen Gottesverehrer war Diokletian der „dominus et Deus“, der Herrgott - gewesen -, bis er abdankte.
Dieses Attribut fiel nach seiner Machtergreifung, 306, selbstverständlich auf ihn, Konstantin. Ab diesem Jahr wollte er der Universalgott sein.
Er fühlte sich wie damals Domitian, wenn die  Lobredner vom Kaiser schwärmten:

„der Du denen gleichst die Dich zeugten, durch sie regierst Du die Welt unvergleichlich, Du der diis geniti et deorum creatores, der von den Göttern gezeugte und Erzeuger von Göttern...in Dir leben die numina, die Geister, von Jupiter und Hercules - wir rufen Dich an, wir rufen Dir zu,  jeden Sieg zu erringen ist uns heilig und mit uns bist Du Diokletian unser  praesens deus - weshalb wir uns nicht fürchten, weshalb es uns eine Ehre ist, Dir unser Leben zu Füßen zu
legen – Heil dir! Deine Herrschaft ist nicht nur durch die Erdgegenden begrenzt sondern sie reicht darüber hinaus in die Regionen ewiger Himmel. Wie wir auf Erden durch Dich glücklich werden, so als gelangten wir in Deine Gegenwart,  stehen wir heute im Adyton - dem Allerheiligsten und spenden Dir unsere Treue. Wie der Weihrauch Deiner heiligen Priester umweben wir Dich...“ (41)
 Gott Konstantin hatte beschlossen Arius zu verdammen, weil der ein Polytheist war und das widersprach seiner Vorstellung.
Konstantin wiederum entsprach dem Trend Roms:
„Als die Heiden nach einem Gedanken der Einzigartigkeit der Götter suchten, dachten sie nicht an Zeus, sondern an (Sol) Apollo. Der einzige Gott der gebildeten und fast monotheistischen Heiden, gerade vor dem Aufkommen des Christentums, war Phebus Apollo oder Sol, der das Leben auf Erden spendende Gott. Aurelian führte einen Versuch eines solchen heidnischen Monotheismus ein während Konstantin den christlichen Monotheismus einsetzen wird mit Sol Invictus („die unbesiegte Sonne“) und Mithra bei den Soldaten, um spirituell dem Wedismus der Perser entgegenzuwirken. Schon Aurelian wünschte, dass die Römer eine gleiche Religion hätten...“  (37)

Athanasius nutzte die Gunst der Stunde sobald  er erkannte, dass Konstantin zu einem Kompromiss bereit war.
Dr. Jóse erkannte diese Zusammenhänge klar. Konstantin setzte seinen Thron in alle Räume in denen die Hellenen, die Manichäer, Mandäer, Isis-Anbeter, die Buddhisten und die Christen sich zu Gottesdiensten zusammen fanden.
In jedem seiner Portraits befand sich Konstantin. So war es schon damals. Wo immer eines römischen Kaisers Bildnis hing, dort war er mit diesem Bild, anwesend. Genau diese heidnische Vorstellung übernahm Konstantin, und Athanasius passte es ins Konzept. Diese uralt römische Floskel drängten Konstantin und Athanasius gemeinsam zu dessen Nachteil ins Christentum. Jesus befinde sich im Bildnis des Vaters.  Du so war der Imperator Konstantin im Bild des Sol Invictus, des höchsten Heidengottes. Das ließ er in Münzdrucken belegen. Der Geist – besser gesagt der Ungeist – des Gottes der Vormacht und der Schlachten, lebte in Konstantin.  Das stellte er zur Schau. Deshalb also war Konstantin in der Eröffnungsstunde, des Konzils zu Nicäa, 325, als Gott Sol Invictus aufgetreten. Die absolute Mehrheit der dort anwesenden Bischöfe fühlte sich deshalb  unbehaglich. Das konnten sie nicht voraussehen und die es ahnten die neunzig Prozent von zweitausend lehnten die Zusammenarbeit mit dem Ungeheuer Konstantin ab. Das wusste jeder im Reich. Neunundachtzig Prozent der Christenbischöfe schlug die vermeintliche Chance aus vom Kaiser höchstpersönlich empfangen zu werden.  Dieser machtsüchtige Gottmann ließ jeden ermorden der ihm in seinem Siegeszug zur Universalmonarchie im Wege stand.
Die anderen ahnten es spätestens jetzt, als der in seinem glänzenden Gewand eintretende Imperator danach strebte auch ihr Gott zu sein, nicht nur der Herrgott der Paganen. Sie wussten bald noch mehr,  nämlich dass Konstantins Wille durchgesetzt werden musste. Die bis zur letzten Stunde der Beratungen zu Nicäa noch Widerstrebende lud der Kaiser zu Einzelgesprächen ein. Jeder Unterschriftsberechtigte musste, auf sich selbst gestellt, durch einen Kordon goldblitzender, bewaffneter Gardeoffiziere schreiten, um der Einladung zu folgen, so auch Bischof Spyridon von Zypern, der ein Ziegenhirte war. Entweder sie unterschrieben die neue, die konstantinische  Glaubensformel, dass es nur einen einzigen Gott gibt: IHN,  oder sie fänden sich statt im Kreise ihrer Familien in gewissen Bleibergwerken wieder. So kam da Nicänum zustande. So wurde es durchgesetzt. Bischof Nikolaus musste damals ziemlich hinauflangen um dem hochgewachsenen, zwanzig Jahre älteren Mann Arius wegen der Permanenz seiner Verweigerungshaltung zu ohrfeigen.
Unerschrockene des Reiches bewahrten zum Glück, was Nicäa verwarf.  Zu Nicäa waren es,  unter den 220 Unterschriftsberechtigten, zuletzt, die dem Kaiser die Stirn boten. Arius, Secundus von Ptolomais und Theomas  Bischof von Marmarica. Sie bestanden auf ihrem Recht statt trinitarisch oder katholisch, tritheistisch, wie ihr Freund Arius, zu glauben. Das nahm ihnen der Kaiser übel. Über Arius Schriften wurde der Bann verhängt. Bischof Alexander von Alexandria, der Vorgesetzte des Athanasius konnte zufrieden sein:  Er jubelte nun noch lauter:
„Dem Arius muss man Widerstand leisten bis aufs Blut.“ (42) 
So sollte es geschehen. Dieses Bekenntnisses strittiger Satz „drei sind einer“ verpflichtete jeden Denkenden auf die Unvernunft. Dieses griechische Wortungetüm „homousios“, das gewaltsam an die Stelle des Begriffes „homo i usios“  lanciert wurde, rief in allen Gemeinden großes Kopfschütteln hervor, wenn auch nicht bei jedem Mitglied. Das neue, unbiblische Wort hob nun die innerkirchliche Geistlosigkeit samt ihrer Intoleranz auf den usurpierten Thron.
Konstantin im Geiste Sols wurde auf diese Weise klammheimlich der Christen Gott.
Darum ging es ihm, von Beginn an.
In diesem Ungeist der Finsternis regierten Rom und Madrid, noch eintausenddreihundert Jahre später die Welt. Beider Hauptstädte Kirchenherren hielten ihre Knuten schlagbereit in Händen.
Nachdem sie mit ihr die Arianer und dann die Juden geschlagen hatten, sauste sie nun vernichtend auf die Maurisken nieder.
Das musste Dr. Jóse so stehen lassen. Aber, dass die Protestanten und die Calvinisten diesen mit dem Nicänum verbundenen bösartigen Geist des Konstantinismus übernahmen, das schmerzte.
Bei den Calvinisten wollte er mit seiner Familie Zuflucht nehmen und sie? Sie beanspruchten Toleranz nur für sich ohne sie andern zu gewähren. 
In dem Traktat wird der Satz stehen: Nicänisch zu glauben bedeutet, sich bewusst auf die Seite der Intoleranten zu stellen.

„Nicänisch“ bedeutete seit 325 „Verwirrung“. Einer der Teilnehmer des Ersten Ökumenischen Konzils, Bischof Basilius, fasste es in die Worte:

„die nachkonziliare Situation (ist) …mit einer Seeschlacht in der Nach zu vergleichen, in der sich alle gegen alle schlagen, … und infolge der konziliaren Dispute herrscht in der Kirche eine entsetzliche Unordnung und Verwirrung und ein unaufhörliches Geschwätz!“ (43) 

Das war das Fatale. Unendlich viele Kriege folgten auf Nicäa.
Jóse Carranza steigerte sich. Er führte ein theologisches Selbstgespräch mit zwangsläufigen Wiederholungen, weil er die Tatsachen immer deutlicher sehen wollte. Aufregend wie beim ersten Lesen sah er, gewisse Szenen, wie in einem Wachtraum: Nur fünf Jahre nach Nicäa, wo er sich zum Bischof der christlichen Bischöfe aufwarf,
„geleiteten Soldaten mit Kerzen in der Hand die Statue Konstantins, die ihn in der Haltung und im Gewand des Sonnengottes darstellte…“  Es hieß weiter:
„In seiner Hauptstadt „wurde eine Statue der Glücksgöttin Victoria errichtet, Kaiser Konstantin ließ sich mit dem Zepter, der Lanze, der Siegesgöttin und dem Reichsapfel darstellen. (44)
Die geschichtliche Wirklichkeit zu erkennen bot den Schlüssel zur Lösung der anstehenden Probleme:  die Akzeptanz dieser Beweisführung könnte die Menschen versöhnen. Nur wenn ein Arzt die Art der Krankheit erkennt, kann er helfen. In der Tat, es war nicht so einfach, mit drei Worten deutlich zu machen, dass Athanasius ungewollt dazu beitrug Sol Invictus  an Christi Stelle zu setzen. Athanasius beharrte: da ist nur ein Gott. Er unterschlug in seiner Argumentationskette, dass der untergeordnete Gott Jesus, bereits im vorirdischen Dasein den Zweittitel „ICH BIN“ erhielt, verliehen von seinem Vater, der diesen seinen Namen auf seinen Sohn legte.  Gott Jesus war der Jehovah des Alten Testaments. Weil er das behauptete, wollten ihn die Pharisäer nach dem Bericht des Johannes Kapitel 8, steinigen. Mit dem 1. Satz des Dekalogs: „ICH BIN der Herr dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir“ auf dem Athanasius als seinem Steckenpferd herumritt  wurde durchaus nicht der Monotheismus festgeschrieben. Israel und die Christen sollten neben dem „ICH BIN“ nicht den Baal oder Sol Apollo  verehren: ICH BIN beanspruchte der alleinige Erlöser der Menschheit zu sein. Kein anderer Gott vermag das. Jesus selbst hat ebenfalls nie dem Monotheismus das Wort geredet. Im Gegenteil:  Er lehrte zum Entsetzen der monotheistischen Pharisäer, Polytheismus: Jeder Mensch ist wegen seiner direkten Verwandtschaft zum Vatergott selbst ein Gott in Embryo. Was der Einzelne daraus macht, ob er das Göttliche in sich erwürgt oder fördert ist ihm selbst, in freier Wahl überlassen. Das entscheidende Jesuszitat lautete: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz:
"Ich habe gesagt: Ihr seid Götter"? So er die Götter nennt, zu welchen das Wort geschah, und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.“ (45)
Dagegen sollte die  nachnicänische Christenheit unbedingt monotheistisch glauben.
Damit wurde die Basislehre der Urkirche gelöscht: nämlich die von der Möglichkeit der Vergottung dessen, der Gottes Gebote hält. Besonders Bischof Hippolyt von Rom, einer der Größten des dritten Jahrhunderts, sagte es deutlich: 
 „will der Mensch Gott werden, Mitschöpfer unter der Hand des allein wahren Gottes, in der Ewigkeit so muss er ihm gehorchen.“ (46)
 Hippolyt verwies entschieden auf die Christuslehre: „Ihr sollt vollkommen werden, gleich wie euer Vater im Himmel ist.“ Das war keine hohle Phrase!
Der größte aller Kirchenlehrer Origenes bestätigt dass:
 „... Manche schätzen nicht, was wir sagten, indem wir den Vater als den einen wahren Gott hinstellten und zugaben, dass andere Wesen neben dem wahren Gott Götter werden konnten, indem sie an Gott teilhatten.“ (47)  
 Ist es nicht zutreffend, dass dies der Kern der Urlehre Christi war, die er in den Mittelpunkt seiner berühmten Bergpredigt stellte? Und ist es andererseits nicht offenkundig, dass diese Hauptelemente ursprünglichen Christentums mutwillig aus machtpolitischen Erwägungen in die Vergessenheit gestoßen wurden? Gegen diesen Verstoß richteten sich weit vorausschauend Irenäus, Appolinares, Ephraim Syrus, Epiphanius und viele andere namhafte Christen. Es war nicht alleine die Anmaßung der Handvoll Sieger von Nicäa, die sich gebärdeten als wären sie die satte Mehrheit. Sie räkelten sich prahlerisch,  sie wären im Besitz der absoluten Wahrheit, als hätte der Allmächtige selbst, exklusive für sie den Schleier gelüftet. Formen, Formeln und Gefäße wirken nicht so stark auf uns ein, wie ihr Inhalt. Es ist auch die Frage wie klingt dein Ton? Was will dein Ton mir sagen? Der Ton der Nicäner klang von Beginn an hart, herrisch und arrogant: wer nicht nicänisch glaubt, - dass drei gleich eins ist - der ist kein Christ. Das war und ist pure Banditensprache.
Jóse nickte entschieden, als er sein Resümee zog: Wo immer der Gott des Nicänums hinkam, verursachte er Schrecken und Kriege! Er könnte tausend Priester und zehntausend Laien befragen. Sie würden allesamt die Schulterblätter zucken. Im Grunde interessiere sie das ganze Glaubensgezänk und -gefüge nicht wirklich und schon ganz und gar nicht der Text ihrer eigenen Bekenntnisse. Wenn er sie je danach befragte antworteten sie: Es gibt ein höheres Wesen. Wir nennen es Gott! Das stünde fest, mehr könne kein Sterblicher wissen. Unter hundert Priestern wäre vielleicht einer, der klug genug war um durchzublicken und der dann noch zugäbe, dass zu Nicäa, 325, die ursprüngliche Kirche zerschmettert wurde.  
Konstantin wollte jedes Ding, das in seine Hände geriet seinen Zwecken anpassen oder verwerfen. Auf seine Weise liebte er die Christen, jene die ihm Beifall zollten.
Zum Abschluss seiner Betrachtungen nahm Jòse  nun seine Texte zum unheiligsten aller Schöpfer des Katholizismus, den Kaiserberater Ambrosius, zur Hand. Das musste er laut genug sagen: Ambrosius von Mailand, der so fromm on die Welt zu blicken schien, sprach vierzig Millionen Menschen per Staatsgesetz das Recht auf Entscheidungsfreiheit ab. Deshalb wird der vielleicht wichtigste Satz des Traktates der Cazallagruppe lauten:

„Traurige Erfahrung hat uns gelehrt, dass nahezu jedermann von Natur aus dazu neigt, sogleich mit dem Ausüben ungerechter Herrschaft anzufangen, sobald er meint ein wenig Autorität erlangt zu haben. Gott entzieht seinen Priestern die Legitimation wenn sie Zwang ausüben “ (48)
Die Kirchenoberen wissen sehr wohl was Ambrosius angerichtet hat.  Sie widmen ihm dennoch, allesamt, ehrende Gedenktage. 
Samt und sonders wissen sie, dass er Fanatismus säte und Verderben erntete. Kaum einer verursachte in Christenreihen mehr Schrecken als er.  Sie wagen seine Verehrung dennoch, sowohl die Katholiken, die Protestanten, die Orthodoxen, wie die Kirche von England.

Zeitweise, eine seiner Aufzeichnungen in der Hand, glitt Dr. Carranza  in Selbstgespräche hinein: „Oder ist es etwa nicht wahr, dass Herr Ambrosius von Mailand  die  unerfahrenen, blutjungen Kaiser seiner Zeit in ungerechte Kriege hineinhetzte?  Ambrosius wollte zu viel und verdarb alles. Sein Wunsch war, die im Geiste Sols agierende Staatskirche, die er liebte, noch bedeutender zu machen. Von daher stammt sein wohlbekannter Ausspruch:
„der Kaiser steht in der Kirche, aber nicht über ihr.“
Urchristlich hieß es noch klar „die Kirche bildet den Gegensatz zum Staat.“   Diese ursprüngliche Devise empfand Ambrosius als absolut fremd, und so erging es der Ecclesia triumphans, die schließlich sein Meisterwerk werden sollte. Wer kannte sie nicht, die Hauptthese des Ambrosius von Mailand:
„Der Glaube an Gott und die Treue zum Imperium Romanum können nicht voneinander geschieden werden.“ (49)  
Ambrosius hätte auch, ganz konstantinisch, fordern können: Man mische das Wasser mit dem Feuer, man mische Gott und den Satan zusammen. Wegen der Unverträglichkeiten mussten die Katastrophen einander jagten.  Von da an, ab 374, nachdem Ambrosius sich von einem ultraorthodoxen Bischof taufen ließ, entschied er sich, Konstantins Ideen und Konstatins Vorstellung von Gott um jeden Preis durchzusetzen.  Ambrosius der bislang indifferente, nun fünfunddreißigjährige Präfekt, Glied der altrömischen Senatsaristokratie, wurde konsequentester Fortsetzer des Cäsaropapismus.
Damit kehrte er Jesus von Nazareth den Rücken zu. Das vertuschte er mit tausend hohlen Worten. Er scheute sich nicht in Extreme zu fallen.
Niemand aus Christenreihen verfiel vor ihm  auf den Gedanken tote Knochen zu verehren.
Indem er  die derbere Variante des Christentums wählte, sich bewusst katholisch taufen ließ, provozierte er die harmlosen Nichtkatholiken, insbesondere die Arianer. Es gab nämlich mindestens eine katholische und zwei arianische Gemeinden zu Mailand, damals. Er vertiefte, nach seiner Taufe, den Graben zwischen den Katholiken und den christusgläubigen Arianern, auf Schritt und Tritt. Statt sich friedenstiftend neutral von einem gemäßigten Bischof untertauchen zu lassen, hatte  er sich für die Religion eines Intoleranten  entschieden. Bis zu diesem Tag galt er allen als unparteiisch. Wäre Ambrosius nicht praktisch amtierender Kaiser gewesen, hätte sein Tun weniger schwerwiegende Folgen gezeitigt. Bis zu seinem Tauftag  galt er allen Christen seiner Umgebung als ehrlicher Richter. Warum stellte er sich nun demonstrativ parteiisch gegen die Arianer?
Er wusste sehr wohl, dass die Arianer die Gebote Christi ernst nahmen und sie hielten. Er wusste, dass sie sich dem Staat gegenüber loyal verhielte.
Dennoch erhärtete er den miserabel begründeten Verdacht, die Arianer wären Häretiker und damit Sünder vor Gott.
Ambrosius gierte, wenn auch zunächst in guter Absicht, danach strenge Herrschaft auszuüben.
Er sollte und wollte katholischer – antiarianischer - Bischof werden. Als Präfekt der Provinzen Ämilien und Ligurien mit Sitz in Mailand, war er praktisch der zweitwichtigste Herr des römischen Imperiums. Den Kaisern seine Zeit war der Politiker und Verwaltungsfachmann  Ambrosius den jungen Kaisern überlegen.
Die Arianer erkannten sehr wohl, dass Ambrosius katholische Taufe eine politisch motivierte Entscheidung war, keineswegs eine aus religiöser Erkenntnis. In den Ohren  der Arianer klang es sofort provokativ als er vom Primas Mailands zum Bischof geweiht wurde: ich, Ambrosius, der Kaiserberater,  werde den spezifisch nicänischen Gottesglauben und das Imperium Romanum untrennbar miteinander verknüpfen. Als studierter Jurist  musste er wissen, dass die straff antiarianische Glaubensweise, die er nun allen als Pflichtreligion aufhalsen wollte, sehr fragwürdiger Natur war. Ambrosius konnte nocht übersehen haben dass das „Nicänische“  seit eh und je rohe Gewalt produzierte. Die Arianer waren seit Nicäa die Leidtragenden. Das Rad rollte über sie hinweg. Nun, mit ihm, erhielt das „nicänische“ die Masse einer Straßenwalze.

 In Gedanken sprach Dr. Carranza  wiederholt mit der Herrin des gelben Hauses: „Doña Catalina, ich habe mich zwanzig Jahre lang mit der Problematik beschäftigt. Wir stimmen überein.  Gewalt und Christentum verhalten sich zueinander wie Dämonen und Engel.
Ambrosius wollte aus seiner Machtstellung heraus zu Gunsten aller operieren. Das spricht ihm niemand ab. Aber, er ging mit eiserener Faust vor. Er tat ähnliches, was Kinder mitunter versuchen, indem sie eine Knospe aufbrechen, um so die Pracht der Blume zu sehen.
Ein besonders auffallender Name stieg aus Jòses Erinnerung herauf: Damasus von Rom war schon vierzehn Jahre zuvor, im Jahr 366, in Richtung der totalen nicänischen Intoleranz vorgeprescht.  Auch er wollte die Blüte sehen, sein Erblühen in Herrlichkeit. Aktiv mit seiner Streitmacht war er über die Nachbar-Christengemeinde hergefallen, weil die seinen nicänischen Glauben nicht teilte. Einhundert tote Arianer auf der einen Seite,  null Tote auf Seiten der mit Äxten bewaffneten Truppe des Damasus. Dieses Bild muss man vor Augen haben: mitten in der leichenübersäten Kapelle Julii zu Rom, steht "Papst" Damasus, der später viel gefeierte, und erfreut sich seines blutigen Sieges, umgeben von seinen Anhängern mit ihren besudelten Waffen. Ein  Textauszug aus dem höchstwahrscheinlich von Ambrosius verfassten, mindestens aber von ihm initiierten Gesetz zum Glaubenszwang „Cunctos populos“ lobt den frechen Mörder: 
 „Alle Völker,  über die wir ein mildes, gnädiges Regiment führen, sollen (müssen) das ist unser Wille, die Religion annehmen die der göttliche Apostel Petrus den Römern gepredigt hat, und der wie wir sehen, auch Bischof Damasus von Rom sich anschließt... wer dieses Gesetz befolgt soll den Namen eines katholischen Christen führen, die andern aber... sollen die Schmach ... tragen, ihre Versammlungshäuser dürfen nicht Kirchen genannt werden; sie selbst aber unterliegen der göttlichen Strafe...“

Die von den räuberischen Legionen umzingelten Menschen hatten gleich Marionetten, dem ambrosianischen Diktat Folge zu leisten. Nur wer Katholik war durfte ein wichtiges Amt bekleiden. Allen Nichtkatholiken wurde fortan zugemutet ihre Überzeugungen und ihre seit tausend Jahren praktizierten Riten aufzugeben, sonst „drohe ihnen göttliche Strafe“.
Hart traf es  die  Griechen, die Perser, Ägypter, Mandäer, Manichäer, vor allem aber die Arianer. Weil solche Vergewaltigung offensichtlicher Rechtsbruch  war, hieß es so gut wie unwidersprochen: nicht Ambrosius sondern die drei Kaiser seiner Zeit hätten das Edikt verkündet. 
Die Nicäner nennen es verlogenerweise: „das Dreikaiseredikt“.

Ich, Dr. Jòse Carranza frage euch:
Der neunjährige Sohn der arianischen Kaiserin Justina, Valentinian II. soll seiner geliebten Mutter, - einer ergebenen Arianerin - der er lebenslänglich die Treue hielt, den Dolch ins Herz gestoßen haben?  
Ich sage es euch Lügnern ins Gesicht: Die beiden anderen Kaiser, die das Gesetz Cunctos populos  paraphiert haben sollen, scheiden jedenfalls als Autoren aus. Theodosius war 380 noch kein Christ und Gratian hatte gerade sein Toleranzedikt zu Sirmium  zugunsten der Arianer verabschiedet.

Mir ist es ein Rätsel, Doña Catalina, dass sonst achtbare Menschen sich solcher Geschichtsverzerrung nicht verweigern. Ambrosius und kein anderer beherrschte in jener Zeit die politische Szene… Des Ambrosius Kirchenpolitik erlaubte Nordägyptens Bischof Theophilus, einem wütenden Konstantinverehrer, bereits kurz nach Veröffentlichung von „Cunctos populos“ die Zerstörung der Tempel der Hellenen zu Alexandria und andernorts. Ehrliche Versuche Menschen zum Guten zu bekehren gab es nur noch selten.
Ehrlichkeit stand nicht mehr hoch im Kurs. Stattdessen lobten katholische Priester die Opportunisten. Der durch die Angstverbreitung erzielte „Erfolg“ massenhaft Eingeschüchterte zu beherrschen war dem neuen Typ Kirchenherren hundertfach wichtiger, als die Bewahrung des Individualrechtes. Unvorstellbar wie sie hausten, als sie mit nicänisch-kirchlichem Segen durften, was die Bibel verbot. Sie rissen unter den Augen des Ambrosius Häuser und Tempel der paganen Bevölkerung ein. Kaiser Theodosios I. total unter dem Pantoffel des Machtmenschen Ambrosius, formulierte willfährig nur das was sein Oberherr wünschte.

„Dem engagierten Christen, Praetorian prefect Maternus gab Ambrosius die Weisung … mit den örtlichen Bischöfen zu kooperieren um die Tempel der Heiden in Nordgriechenland und Kleinasien zu zerstören...  es kamen hunderte Eremiten aus der Wüste und zerschmettern Statuen, Altäre, Bibliotheken und pagane Tempel…“ (50)  
              
Diejenigen die Ambrosius folgten, schreckten vor nichts zurück.
Christliche Priester führten den stets auf schnellen Gewinn hungrigen Pöbel auch gegen den Tempel der Demeter in Eleusis. Sie versuchten, die Hierophanten Nestorius und Priscus zu lynchen. Der 95 Jahre alte Nestorius beendete folglich die Eleusinischen Mysterien. Er soll ausgerufen haben: Nun sei die Herrschaft geistiger Dunkelheit über die menschliche Rasse hereingebrochen. Das traf zu.
 Dr. Carranza hielt gelegentlich inne um nach der nunmehr letztmöglichen Lektüre seiner Forschungsarbeit gewisse Fragen an sich selbst zu richten. Er kam zum Schluss:  es gibt keinen Beweis dafür, dass Ambrosius damals schon senil gewesen wäre. Soviel ist sicher: ohne Ambrosius wäre es nicht passiert, nicht in diesem Ausmaß, nicht systematisch! 
Die Hellenen klagen ihn an. Ob die Geschundenen jemals gehört haben oder nie erfuhren, dass Jesus ihnen versprach, dass diejenigen die nach Gerechtigkeit hungern satt werden sollen?
Genau das wird dermal einst auch zu ihren Gunsten geschehen.       
Man wird spätestens dann allerseits erkennen, dass es keineswegs Christus war, sondern  Sol Invictus, der Gott mit dem Glorienschein,  der sich in den Orgien der Wüstenmönche austobte.      
Ambrosius Tun und Billigung war nichts weiter als die Ausführung der Befehle Konstantins und dies bedeutete die Vollstreckung des Todesurteils gegen das originale Christentum. Die  von üblen Gleichgesinnten geführte Kirche stürzte mitsamt ihren aufwendigen Feierlichkeiten im vierten Jahrhundert in höllische Tiefen.  Dort, wo sie sich zuhause fühlte, - wo römische Legionen standen -  schwang sie das Zepter erbarmungslos. Dort nistete sie sich ein, um so viele Menschen unglücklich zu machen, wie ihr möglich war.  Selbst einfache Besuche der hellenischen Tempel wurden umgehend unter Strafe gestellt.
Im gesamten Imperium wurden ägyptische Bibliotheken geplündert oder niedergebrannt. In Konstantinopel verwandelten gewisse Fromme den Tempel der Aphrodite in ein Bordell und die Tempel des Helios und der Artemis in Ställe.      Bereits vier Jahre nach der Inkraftsetzung von „Cunctos populos“ wandte sich die ambrosianische Faust gegen spanische Protestanten. Insbesondere die unter Führung Bischof Priscillian von Ávila wirkten. Priscillians, nach Tausenden zählenden Anhängerschaft, ließ sich von ihm ermutigen sich dem fortschreitenden Konstantinisierungskurs der Kirche zu widersetzen.  (51)       Dafür sollten sie einen sehr hohen Preis zahlen. In Ambrosius Augen war es Hochverrat an Konstantin und seinem 1.  ökumenischen Konzil, Kritik zu üben. Das ließ er Priscillian direkt mitteilen, nachdem dieser sich hilfesuchend an ihn, Ambrosius, als den damals faktisch Weltmächtigsten vergeblich wandte. Erzkatholische, spanische Bischöfe von anerkannt schlechtem Ruf bedrohten Priscillian, trachteten ihm nach dem Leben, indem sie unter Eid falsche Behauptungen aufstellten. Ambrosius muss erkannt haben, dass sich der spanische Bischof samt den Spitzen seiner Gefolgschaft in akuter Todesgefahr befand. Ambrosius warnte zwar die Ankläger Priscillians davor die Todesstrafe zu vollziehen, verhindert hat es nicht. Er ließ die angeblich Abtrünnigen mit der Begründung abblitzen, Priscillian glaube verbotenerweise arianisch.  Zu sagen Jesus sei seinem Vater untertan, sei eben eine Todsünde.
Schutzlos standen Priscillian und mindestens sechs seiner Mitbischöfe vor Kaiser Maximus. Der glaubte den Verleumdungen der orthodoxen spanischen Bischöfe Ithacius und Idacius. Sie behaupteten Priscillian betreibe Zauberei und Hexerei, anders ließe sich nach ihrem Verständnis nicht erklären, dass Priscillian täglich mehr Menschen zufielen. Zu Trier, Deutschland, verloren sechs der engsten Freunde des Arianers Priscillian und er selbst,  im Jahr 385,  ihre Köpfe unter dem Schwert eines nicänischen Scharfrichters.
Als ihre Häupter zu Boden fielen, verdunkelten die Wolken den Himmel Europas: Durften solche Morde je in Vergessenheit fallen? 
Wes Geistes Kind Ambrosius war erwies er immer wieder selbst.
So, als er Kunde erhielt was an der Nordgrenze des Reiches, im Donaubereich geschah.
 Wenige Wochen nach seiner Taufe kamen immer größere Züge fliehender Kinder und Frauen, die vor den unwiderstehlichen Hunnenscharen Schutz suchten. Nur mit dem Nötigsten versehen rannten sie um ihr Leben. Vergeblich  stemmten die Wehrhaften unter den Getriebenen sich gegen die mit ihren Reflexbögen ausgestatteten Räuber. Minderjährige Söhne ruderten ihre Mütter auf Flößen und primitiv zusammengezimmerten Booten über die Donau. Kaum am vermeintlich rettenden Ufer gelandet, warfen sie sich den Legionären Roms zu Füßen: Helft!   
Es gab römische Offiziere die Mitleid empfanden. Sie und ihre Männer wären ihnen willkommen.
So ist das Herz des Menschen beschaffen es freut sich wenn es Not lindern kann. Aber da tauchte das Wort und Gesicht des Herrn Ambrosius aus dem Hinterhalt auf: „seid ihr von Sinnen? Wisst ihr nicht, dass wir es mit Ketzern zu tun haben? Stoppt die Banditen.“  Die Donau ist lang und die Befehlswege noch länger. Zehntausende angebliche „Banditen“ - Arianer zumeist -  kamen  und es wurden immer mehr. Ambrosius wütete: „Die Goten sind Arianer. Arianer leugnen die Gottheit Christi! Sie sind Gottesfeinde und damit Feinde Roms!“ 
Jóse Carranza las seine eigenhändig geschriebenen Sätze noch zweimal: Hier wurde die verhängnisvolle Falschparole als giftige Behauptung fest geschrieben.
Rom verdient Strafe dafür, dass es diese Aussage nie in Frage stellte. 
Rom baut auf Ambrosius und es wird erleben, dass ihnen auch andere Reden und Sagen des Ambrosius zu einem Desaster werden.  Ambrosius glaubte, dass der nun schon neunzehnjährige Kaiser Gratian, der ihn um Rat bat, reif genug sein sollte zu begreifen, dass eine Überfremdung stattfinden wird. Und da war die noch größere Gefahr, die Ambrosius sah: 
Kaiser Gratian sympathisierte wenn auch verdeckt mit den Arianern.
Nein, Gratian begriff wirklich nicht, dass jemand ein Verbrecher sein soll, der sich Gott lediglich anders denkt als eine noch so große Mehrheit.
Gratian von Natur und auch durch Erziehung tolerant, nickte eher Zustimmung. Er wollte die eventuellen Neubürger seines Reiches willkommen heißen. Seine Gardeoffiziere berichteten ihm, die Goten verhielten sich diszipliniert. Gemeinsam würden sie gegen die Hunnen kämpfen, schon um ihre Familien vor den Anstürmenden zu schützen. Sie hätten zu viel Böses  von denen erfahren und erlitten.
 Ambrosius fuhr aus der Haut. Wieder bearbeitete er das Papier wie ein Berserker. Er las dem Imperator die Leviten: „Arianer glauben Gott hat ein Angesicht!“ das sei Häresie und er, Ambrosius werde solange Atem in ihm ist im römischen Reich Häresie niemals dulden.
Ambrosius Schlachtruf hallte denn auch überlaut: „Die Arianer haben sich gegen die Kirche Gottes verschworen!“  Ambrosius malte Schwarz-Weiß, er entmischte nicht. Dem jungen Kaiser suggerierte er: 

„der Glaube des Herrschers gewährleiste mehr als die Tapferkeit der Soldaten den Sieg... Jesus  Christus soll das römische Heer führen.“…  „Jesus Christus werde das römische Heer gegen die Arianer führen“?

Welches Bild! Welche Dummheit. Reiner Konstantinismus war das so von Ambrosius Geschriebene. Angesichts der Tatsache, dass viele Goten sich auf den Namen Jesu Christi hatten taufen lassen, was einer Verpflichtung auf seine Lehre von der Rechtschaffenheit gleichkam, wäre er zwingend dazu verpflichtet gewesen angemessene diplomatische Schritte einzuleiten. Schließlich wünschten die Goten nur Sicherheit für das Leben ihrer Familien. Das wenigstens wusste Ambrosius. Seitdem die Asiaten den Reflexbogen als Waffe erfunden hatten, war ihnen kein europäisches Heer mehr gewachsen. Für die Goten ging es um Tod oder Leben ihrer Kinder.  Kaiser Gratian ließ sich indessen unter Ambrosius Druck überzeugen, gegen seine Bedenken zu handeln.
Daran ist zu ermessen, wie sehr der Kaiserberater dem jungen, Verantwortung tragenden Mann geistig überlegen war. Es hieß nur: fortan „wies Gratian die Arianer ab und folgte Ambrosius.“  Dieser hatte dabei als entscheidende Autorität die Bibel aufgerufen:
„Der Kaiser soll gerüstet mit dem Schwert des Glaubens, dem Sieg entgegen ziehen... der Krieg gegen die Goten und der Sieg über sie seien von Hesekiel geweissagt worden. Die Goten sind Gog, von denen der Prophet (Hesekiel) schreibt, dass er mit Gottes Hilfe vernichtet werde. Es ist nicht zweifelhaft, dass die ‚catholici’ welche die Strafe für den Unglauben anderer ertragen haben, bei Gratian Hilfe für den rechten Glauben finden...(die Goten) die ‚Häretiker’ sind die ‚antichristi’; diese Häresie sammelt ihr Gift aus allen anderen Häresien.“  Ambrosius mahnte den Kaiser, er müsse „daran denken die Siegeszeichen aufzurichten...“  (53)
Diese Siegeszeichen waren wiederum sehr wahrscheinlich die der Victoria, welche sie bereits Konstantin gab: die XXX, so geschehen in einem gallischen Apollotempel im Jahr 310. Da waren sie ihm erschienen, Sol Apollo und die Göttin des Sieges. Sol und Victoria hatten ihr Versprechen gehalten. Sie, nicht Christus, ließen Kaiser Konstantin dreißig lange und doch so kurze Jahre siegen und jetzt sollten die Zauberzeichen helfen die Arianer zu zerschmettern.
Ambrosius log auch, als er behauptete die Arianer  leugneten die Gottheit Christi. Auch das konnte er, Dr. Jóse Carranza, belegen. Ein Freund hatte ihn auf ein authentisches Arianerbekenntnis hingewiesen. Es war eines, das jeder Christ glatt unterschreiben könnte: 
„Jesus ist der „filius unigenitus, Dominus et noster... er ist unser Herr und Gott, Werkmeister und Bildner der gesamten Kreatur, der seinesgleichen nicht hat.“ (54)
Wäre diese Glaubenstatsache wirklich weithin bekannt geworden, Ambrosius Macht wäre geschrumpft, wenn nicht zerschellt. Das Nein, des Kaiserberaters und Bischofs Ambrosius führte in einigen Donaubereichen zum Aufnahmestopp. Hunderttausende Gotenfamilien standen nun ungeschützt zwischen den Fronten. Die Kinder schrien jenseits herzzerreißend, doch diesseits erwies sich das Machtwort des Mailänder Bischofs als wirkungsvoller.  Gratian wankte. Andere Ratgeber hatten ihm gesagt, was die Katholiken von den Arianern unterschied, sei nur ein Jota! Der Arianer Bekenntnis könne man doch tolerieren. Nein! beharrte Ambrosius energisch und absolut. Er stemmte sich gegen Christus, gegen den, der den Menschen versicherte, er werde alles tun um jedermanns Recht auf Leben und Entscheidungsfreiheit zu sichern. Ambrosius Vernichtung des Individualrechtes aller, innerhalb des Wirkungsbereiches römischer Legionen, kann man verniedlichen, aber nicht leugnen.
Dass die Verunglimpfung der Gewissensfreiheit gegenwärtig nicht nur in Spanien böse Formen annahm, stand fest. Kaum jemand von Rang wusste allerdings, dass er damit im Fahrwasser des erst vor fünf Jahren verstorbenen Papstes Clemens VIII. schwamm. Nur wenigen unter den hohen Herren Roms, war es jemals wichtig mehr Wissen über die Geschehnisse der Urzeit des Christentums zu erlangen. Kaum jemand wollte wissen und verinnerlichen, dass Jesus stets das Gewissen der Menschen ansprach. All das lag zu lange zurück. Von Clemens VIII., einem typischen Papst hieß es, er halte  „Gewissensfreiheit für  das Schrecklichste in der Welt.“ Er konnte und wollte nicht verstehen, dass Frankreichs König Heinrich VI., den Hugenotten seines Reiches, aus Notwendigkeit, 1598, Glaubensfreiheit gewährte. Das Morden hätte in Frankreich kein Ende gefunden, wäre dieses Edikt der Vernunft nicht zustande gekommen. Unmöglich in des Papstes Augen war vor allem, dass ein einflussreicher Staatsdiener fortan ungestraft als Nichtkatholik den Romgetreuen vor die Nase gesetzt werden konnte.

Ambrosius großes Vorbild blieb Konstantin und der war ein Massenmörder. Geschickt verbarg der hochparteiische Mailänder das. Süßlich schmalzige Lied aus seiner Feder betäubten gelegentlich sogar den Verstand seiner Kritiker.  Dennoch, er unterstützte Konstantins verwerfliche Ideen grundsätzlich. Er versah dessen antichristliche Ziele mit echten, aber aus dem Zusammenhang gerissenen Schriftzitaten. Ambrosius machte aus dem historischen Christus eine verzerrte Gestalt von kaum liebenswürdigem Charakter. Er entmündigte die zu seiner Zeit noch in geheimen Gruppen existierenden Urchristen, aus denen später die Paulikianer und die Bogumilen, sowie die Waldenser hervorkamen. 
Jóse Carranza konnte sich exakt an den Tag erinnern, als er zum ersten Mal las, wie sich Ambrosius gegen die Juden des Reiches stellte, die bis dahin seitens der Heiden ihren ehrenhaften Status bewahrten. Schamlos stellte der Nicäner Ambrosius sich hinter die brandstiftenden Christen, die eine Synagoge abgefackelt hatten.  Gemäß Kaiserweisung sollten die Schuldigen Schadensersatz zahlen. Herrisch kanzelte Ambrosius seinen Imperator Theodosios ab:
„Der Kaiser steht in der Kirche, aber nicht über ihr! ... Ich Ambrosius erkläre, dass ich die Synagoge in Brand gesteckt  habe.“
Die Synagoge von Kallinikum … wurde nicht wieder aufgebaut.
Die Kirche des Ambrosius tat alles, Menschen einzubläuen, was Rom nützt, das gefällt Gott. Menschen müssen dem Papst gehorchen. Doch der Gott den Jesus lehrte wollte, dass alle Vernünftigen ihrem inneren Licht folgen. Christus betonte, dass sie alle, Mann für Mann, Frau für Frau, lernen müssen, eigenständig zu urteilen, sowie, dass sie sich dem Pharisäertum der Heuchelei widersetzen sollen. Sonst handeln auch jene Menschen die in seiner Nachfolge stehen, eher aus Klugheit und Berechnung und nicht aus gewachsener Überzeugung. Erst die konsequente aktive Umsetzung dessen was man persönlich als wahr und richtig erkannte, macht den von Gott geliebten Menschen aus.  
Gratians Gewissen stand permanent unter ambrosianischem Druck. Dennoch  sah er alle Ursache weitherzig zu regieren. Gerade deshalb hatte er, erst vor kurzem, in Sirmium sein Gesetz zur „Freiheit aller Glaubensrichtungen“ veröffentlicht.  Dieses Toleranzedikt war ein Dorn in den Augen des gnadenlosen Ambrosius.

Gratian hätte in seiner ursprünglich weitherzigen Gesinnung fest bleiben sollen. Das wäre, für das kriegsmüde Volk dies- und jenseits der römischen Grenzen der bessere Weg gewesen. Ambrosius, das energische Gegenteil eines Friedensstifters  erwies sich wiederholt als falscher Prophet. Seine Armee wurde geschlagen. Doch die von den Goten überrannten Gebiete im Norden jenseits Italiens wurden weder entvölkert noch deren Katholiken ihres Glaubens wegen belästigt. Ruhig ging es zu, wo die Arianer hinkamen und nach und nach die Oberhand gewannen. Das war der Beweis für die Richtigkeit ihrer Religion die sich als sanft erwies. Glaubensfreiheit und Friedenspolitik wurde, solange sie herrschten, groß geschrieben. Ad absurdum führten sie die Propaganda der Katholiken. Kaum merklich für das päpstliche Rom entstand dann später, nach Ambrosius, das ostgotische Reich, es wuchs Schritt für Schritt südwärts. 
Jeder Bürger oder Sklave besuchte die von ihm bevorzugten Gottesdienste unbehelligt, etwas das dem kaltherzigen Ordnungsmenschen Ambrosius sehr gegen den Strich ging. Trotz seiner politisch-militärischen Niederlagen blieb er der führende Kopf der Athanasianer. In den nächsten Jahrzehnten verebbte das weströmische Kaiserreich. Es hörte auf zu existieren, weil Ambrosius die Hellenen, die eigentlichen Kulturträger, zur Tatenlosigkeit und zum Untergang verurteilt hatte.
Genau das wird er, Jòse herausstellen. Wahrscheinlich gab es damals im syrischen Raum, wie in Italien mehr arianische Christen als katholische. 
Die Katholiken rührten indessen sobald sie konnten wieder heftiger. Sie hatten sich mancherorts erholt. Die Arianer ließen die katholischen Priester gewähren, insbesondere deren Päpste. Und kaum an Zahl und Einfluss wieder bedeutend geworden, begannen die Nicäner  erneut zu zanken, was ihnen sehr zu eigen war.  Als verbissene Trinitarier deklassierten sie mit Unschuldsmiene seit jeher Jesus von Nazareth. Selbstherrlich  setzen sie ihr Kriterium für das Christsein einer Person - die Anerkennung des Nicänums – über das des Messias, der bestimmte, wer seine Gebote hat und hält sie,  der ist es. 
Dr. Carranza überprüfte sein Wissen ständig. Er fand, dass es immer einzelne Charaktere sind, die getragen von gewisser Grundstimmung emporgehoben werden.  Wenn das von ihm gesichtete Material die historische Wahrheit beschrieb, dann war Ambrosius seiner Kriegshetze wegen, wegen seiner Herzenshärte und praktizierter Engstirnigkeit, wegen seiner Juden- und Hellenenverketzerung ein Verbrecher ersten Grades.  Dabei bemühte dieser Herr sich sehr, immer harmlos wie ein Engel auszuschauen. 
Männer die von Päpsten gepriesen werden, sind häufig fragwürdige Gestalten. Ambrosius erwies sich zudem als Schutzherr elender Kinderschänder indem er lehrte:
„Es kann keine noch so verruchte Schandtat begangen oder gedacht werden, welche die heilige Kirche nicht nachlassen könnte.“ (56) 
Wohin solcher Ablass führte hat nicht nur Dr. Luther drastisch beschrieben.  Solche markigen Aussagen richteten sich direkt gegen die Weisung Jesu:  „jeder Baum der keine guten Früchte bringt wird abgehauen.“  Für Dr. Carranza bedeutete dies, Übeltäter sind wie Giftpilze zu meiden. Vor allem diejenigen die kleine Kinder und Wehrlose missbrauchen. Sie müssen  erkannt und aus dem Korb ausgeschlossen werden. Da es sich um gefährliche Menschen handelt, muss die Kirche sie exkommunizieren.  Ambrosius verhütete das!   Er lehrte die Kirche könne alles vergeben und wem die Kirche vergab, was immer das war, der sei rein vor Gott und Menschen und sei er der schlimmste Schänder  oder Schlagetot.  Er darf weiterhin  auf die Menschheit losgelassen werden. 
Ambrosius habe, so hieß es offiziell
 „mit der orthodoxen Bevölkerung dem Befehl Justinas, (der Kaiserwitwe Justina, Mutter des damals neunjährigen Kaisers Valentinians II.) Kirchen an die Arianer auszuliefern, erfolgreich Widerstand geleistet.“ 
Jóse nickte den Kopf in Bitternis.
Als er so, noch ein letztes Mal, seine Papiere betrachtete fragte er sich, ob nur er diesen Unhold durchschaute. Was wirklich geschah, scheint weitaus schlimmer zu sein, als das was man wusste. Ihn erstaunte, dass bereits die Ereignisse die er in den ambrosiusfreundlichen Überlieferungen fand, haarsträubend waren. Was erst, wenn die Opfer zu Worte kämen?
Als Jòse vor Jahren zum ersten Mal las, wie brutal Ambrosius  die Kaiserin Justina behandelte packte ihn der Zorn. Wie wollte dieser Kirchenheld das Unrecht rechtfertigen, dass er aus seiner Machtfülle heraus an einer Witwe beging? Justina hätte ihre arianische Leibwache und starke Truppenkontingente arianischer Gesinnung gegen Ambrosius einsetzen können.  Aber das untersagte ihr die eigene Gesinnung. Wer lobte sie dafür, dass sie gewissenhaft handelte?
Ihre arianische Religion ließ Gewaltanwendung in Glaubensangelegenheiten nicht zu. Zu ihrer Zeit gab es ein Gleichheitszeichen zwischen ihrer Religion und dem Toleranzgebot Christi. Von Jesus selbst stammte die Weisung maßvoll mit jeweiligen Feinden umzugehen.  Justina liebte Christi Gebot, das Ambrosius durch sein Tun und Lassen verlachte. Er hatte die katholische Bevölkerung zu pöbelhaftem Verhalten aufgestachelt. Sein selbst produziertes Gesetz lautete: arianische Gottesdienste sind bei Strafe untersagt. Weil Ambrosius Redegewalt reichsweit wirkte, durfte er der Kaiserin Justina die Stirn bieten und seinen Knüppel schwingen. In den Protokollen hieß es trocken:
„Arius  ‚überwand’ den Arianismus …durch die Synode zu Sirmium, auf der er 6 Arianer verurteilen ließ, und 381 durch die Synode zu Aquileja, die den der arianischen Häresie angeklagten illyrischen Bischof Palladius samt seinem Presbyter Secundinus schuldig sprach und absetzte.“ (57)
 Schuldig wurden schon viele gesprochen. So erging es Jesus von Nazareth. Von Beginn an wehrte sich die Witwe des Kaiser Valentinian I. gegen den rabiaten Katholizismus dieses Mannes.
In den Berichten heißt es Ambrosius sei „tapfer“ aufgetreten, doch dieses Lob kann kein um Objektivität bemühter Mensch  teilen!
Hier läuft der Grenzgraben entlang.
Stellst du dich gegen das uns allen von Gott zugestandene Individualrecht, sprichst du dich gegen den „Erlöser“ aus. 
Er löst Fesseln, niemanden jedoch  bindet er knechtend. 
Auch wenn du seinen  Namen unentwegt lobend auf der Zunge trägst, fällst du ihm mit inhumanem Verhalten in den Rücken.  
Nichts kann das Individualrecht ersetzen.  Das vertraten Irenäus, Origenes, Hippolyt sowie jeder Christ der ersten Stunde.
Ambrosius stand gegen sie. 
Diese Bosheit nahm er sich permanent gegen die Toleranten heraus.
Wo die Entscheidungsfreiheit fehlt, da kann zwar die Kirche des Sonnengottes gedeihen, aber nicht die des Christus. 
Was Ambrosius und sein Anhang der Kaiserinwitwe Justina zufügte, wurde in ewigen Annalen niedergeschrieben. Sie wird ihre Rechte vor Gott nicht vergeblich einklagen.

Zuerst lebte die glaubensstarke Justina noch unter dem Schutz ihres Mannes, Valentinian I. Danach hatte sie nicht die Spur einer Chance sich gegen den Kaiser’berater’ durchzusetzen, sonst hätte sie den Bürgerkrieg riskiert. Sieben Jahre lang, bis zu ihrer Sterbestunde, widerstand die tapfere Justina dem erbarmungslosen Diktator Ambrosius. 
Er hat sie bis zum Schluss  genervt.
Was nahm sich dieser Emporkömmling gegen sie heraus? Es gibt Herzen die sich an dem Verhalten dieses Diktators erfreuen. 
Männer wie Erzbischof de Ribera, Bleda, Lerma.

In der Osterwoche 385  kam es in Mailand zu tumultuarischen Szenen. Ihre Soldaten umzingeln die Basilica Porciana, die Kirche der Nicäner. Doch nicht Ambrosius, sondern Justina  musste jener Gewalt weichen, die von der Straße kam.
Ambrosius hätte um sein Leben fürchten müssen?
Doch da erhebt sich die Frage, wenn es so gewesen wäre, dass sie die „gefährlichen“ Militärs auf ihrer Seite hatte, warum unterliegt sie dann den angeblich Schwachen?
Augustinus von Hippo Freund des Ambrosius sagt in seinen Bekenntnissen sonderbare Dinge, als sei es dringend notwendig den falschen Propheten wieder aufzuwerten.

Ambrosius wird durch Augustinus Behauptungen zum ersten Verehrer heiliger Knochen in dem er verkündet:  

„Damals offenbartest du, Gott deinem Bischof, dem  schon  erwähnten Ambrosius, wo die Leiber der Märtyrer des Protasius und Gervasius verborgen ruhten…“

Dr. Carranza konnte nicht umhin erneut erbost nachzufassen: Du lieber Christengott? offenbartest dem Ambrosius…, denn das Folgende gab es nie zuvor im Christentum, sondern nur in unseriösen Geheimbünden und in Indien unter Heiden.
Augustinus von Hippo prahlt:

„Du Gott hast, die Leiber  der Protasius und des Gervasius so viele Jahre hindurch im Schoß deiner Verborgenheit unverwest verwahrt, um sie zur rechten Zeit zur Bändigung der Wut jenes Weibes, das doch eine Kaiserin war, hervorzubringen.
Denn als sie aufgefunden und ausgegraben mit den ihnen zukommenden Ehren zur Basilika des Ambrosius gebracht wurden, da wurden nicht nur die, welche von unreinen Geistern besessen waren, nach dem Bekenntnis ihrer Dämonen selbst, geheilt, sondern auch ein angesehener Bürger, der mehrere Jahre hindurch blind war. Als dieser nämlich nach der Ursache fragte, warum das Volk vor Freude jauchzte, und es hörte, da sprang er hinaus und bat seinen Führer, ihn dorthin zu führen. Nachdem er in die Kirche eingetreten war, bat er um die Erlaubnis, mit seinem Schweißtuche die Bahre der Heiligen berühren zu dürfen, deren Tod ist wert gehalten vor dem Herrn. Als er dies tat und dann seine Augen damit berührt hatte, da wurden sie sogleich ihm aufgetan. Der Ruf davon aber verbreitete sich weit und breit; alles war voll deines Lobes, und der Sinn jener Feindin (der Kaiserin Justina)  wurde, wenn auch nicht zu gesundem Glauben fortschreitend, doch von der Wut zurückgehalten. Dank dir dafür, o mein Gott!“ (58)  
Da mischten sich Wunschdenken und Absicht, Dichtung und Wahrheit. Auch Augustinus erweckt wiederholt den Eindruck, dass auch sein persönlicher Gott wie des Ambrosius, keinerlei Ähnlichkeit mit Jesus Christus aufweist.
Das festzustellen war  Jóse Carranza wichtig, denn der Gott dem Augustinus zu dienen meint, widerspricht nicht nur der Vernunft, sondern der Bibel. Das erweist sich mit den rabiat erdachten Schlussfolgerungen die Augustinus zu ziehen wagte:  

Dass „nur eine relativ kleine Zahl von Menschen (zur Wiederauffüllung der durch den Engelsfall entstandenen Lücke!) ... zur Seligkeit vorausbestimmt ist. Die anderen (sind) ‚Masse der Verdammnis’.“ (59) 

Während Jesus ausnahmslos alle Menschen einlud glücklicher zu werden: „Kommt her zu mir die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.“  
Dieses Dogma von der Prädestinationslehre gehört, mit den Zwangsgesetzen, zum Schlimmsten was der damalige Anti-arianismus hervorgebracht hat. Fortan stieg die Flut der Legenden prokatholischer Propaganda.
Der Druck auf Andersdenkende nahm ständig zu.
Die gesamte urchristliche Theologie wurde untergraben.
Die wesentlichen Elemente des originalen Christentums wurden seitenverkehrt dargestellt. 
So kam die Lehre von der Erbsünde auf.
Augustinus behauptete sogar, unschuldige Babys müssten getauft werden –wehe denen, die ungetauft sterben. 
Jóses Gott verurteilt niemanden. Jeder klagt sich selbst an. (60)
Er wird allen verzeihen die bereuen, nachdem sie erkannten wie viel Schaden sie angerichtet haben. Männer wie die Herren Ambrosius und Bischof Augustinus werden sich dermal Einst selbst anklagen Unsinn verbreitet zu haben, und damit unsägliches Leid verursacht zu haben.

“Augustinus von Hippo verkündete..., es schmoren all jene in der Hölle welche das Sakrament der Taufe nicht erhalten haben und deshalb von der Erbsünde (Ursprungssünde) befleckt sind, also auch ungetauft verstorbene  Kleinkinder und vorchristliche Gerechte.” (61)  

Der Galgenstrick Augustinus wusste was er wollte.
Seine Lehre trieb die abergläubischen Eltern, ihre Wickelkinder taufen zu lassen.
Alle, aus Furcht und Schrecken.  
Welch billiger Trick, dem vor allen anderen die Mütter erlagen. Sie wollten nicht schuld daran sein,  dass die Seele ihres ungetauften Babys endlos leiden wird.  
Angst brachte das Sol-Invictus-fromme Rom zustande. 
Angst hielt es zusammen.
Doch der Geist Christi ist Überwinder der Angst. 
Er ist Liebe und Wahrhaftigkeit. Der Geist seines Gegenspielers mit der Strahlenkrone besteht im Wesentlichen aus der Sucht nach dem Gefeiert werden und der Machtausübung.

Dieses System muss gestürzt werden, weil von ihm die Hauptübel der Welt stammen, die Besitzgier, die Täuschung, der Hader. Es handelt sich um  das von Sol geschürte Verlangen herrschen zu müssen.

Beschleunigt durch Ambrosius folgten dem erpressten Nicäa-dogma riesige Flächenbrände unter Christen.
Hinter jedem Wort, das  Ambrosius nach seinem Tauftag sprach standen die römischen Legionen.
Mindestens ein Drittel aller Leute, seines Zeitalters, die bestrebt waren Christi Grundsätzen zu folgen, galten entsprechend Ambrosius Kriterien seit dem achtundzwanzigsten Februartag des berüchtigten Jahres als Staats- und Kirchenfeinde. Sie standen sozusagen nackt im kalten Regen.
Seiner Weisungen wegen versanken die Kulturen im Sumpf!  Das Staatsgesetz vom 28. Februar 380 sollte der Orthodoxie zum glorreichen Sieg verhelfen und die antike Kultur ersticken. Weil das denn auch in diesen Zusammenhängen geschah und weil viele Finger auf Ambrosius als den Schuldigen weisen, haben katholische Historiker die tatsächliche Schuld am Zusammenbruch der damaligen Welt in die Schuhe der soeben betrachteten drei absolut unbeteiligten Kaisern geschoben. Dieses Verbrechen der Vertuschung zählt zu den schlimmsten von allen.
Koste was es wolle, mit „Cunctos populos“ wurde die nicänisch orientierte katholische Reichskirche zur „allein-seligmachenden“ erklärt.
Millionen Andersgläubige wurden Sklaven der Ideen des Ambrosius.
Er lehrte basislos und rüde: der nicänische Glaube Konstantins, sei von Petrus nach Rom gebracht worden.
Dafür allerdings gibt es nicht den geringsten Beleg.
Eine Versöhnung von urchristlichem Denken, Tun und ambrosianischem Handeln ist nicht möglich. Christen hören auf Christen zu sein, wenn sie zu Ambrosius halten. 

Dr. Carranza las und überflog die Zeilen abermals. Dieses Basiswissen muss Allgemeingut werden. Er wusste in der Tat um die Gleichgültigkeit nahezu aller Leute die sich für Christen hielten. Selbst der Mehrheit aller Geistlichen war recht egal was sie lehrten und glaubten oder zu glauben vorgaben. Ihnen wurde ewige Seligkeit zugesprochen wenn sie Konstantins Ideen und Gebote befolgten, zumal ihnen das ein einigermaßen bequemes Leben bot.
Die Menschen sollen aber lernen souverän zu denken. Licht und Wahrheit müssen sie sammeln, nachdem sie wohl geführt erkannten, dass es ein anderes Lebenselexier nicht gibt. Suchet so werdet ihr finden.
Statt solche Ratschläge zu erteilen, schickte sie ihre Kirche ins Grau ihrer teilweise törichten Annahmen, die sie als absolute Wahrheit verbreiteten.

Er nagte an alten Brotkrusten um die Tafelrunde zu vermeiden. Hernando teilte dem Mayor domo mit, Bruder Jóse sei unpässlich, wie sie es zuvor abgesprochen hatten.
Ihn drängte die innere Stimme, sich zu beeilen. Seine Mittagsruhe währte ebenfalls nur einige Minuten. Er musste sich die für sein Vorhaben wichtigsten Quellenhinweise so gut es ging merken. 
In Summe sollte er sagen, dass Leute wie Konstantin, Ambrosius und Athanasius von Alexandria zu den Verderbern der ersten Reihe gehören. 

Jòse  Carranza raffte die Papiere zusammen und versuchte unerkannt in die Backstube zu gelangen.  
Hernando befand sich nicht mehr auf seinem Platz. 
Nur Alexander sah ihn, der Schnüffler, wie er ihn, flüchtig. 
Das Feuerloch des großen Ofens stand gerade offen und er nutzte die Gunst des Augenblickes. 
Tief durchatmen und nun gelassenen Schrittes zurückkehren. 
Die mehlbestaubten Gesellen hatten natürlich gesehen, was er tat. 
Als Dr. Carranza den Blick noch einmal zurück wandte, sah er wehmütig die auffallend schwarze Asche seiner kostbaren Blätter die  sich auf der roten Glut krümmten. 

Gegen vier Uhr Nachmittag nahm er,  wie ihm geheißen wurde, seinen Platz im Beichtstuhl der nahen Kapelle ein. Er gehorchte, obwohl er wichtigeres als das tun wollte, denn es hämmerten weiterhin zahlreiche Namen  in seinem Hirn und es beschäftigte ihn die Frage, warum so wenige das Geflecht von Lüge und Anmaßung durchschauten.

Kaum hatte er auf seinem Stuhl Platz genommen sagten nacheinander zwei unschuldige Mädchen ihren einstudierten Text auf. 
Dann kam eine große Gestalt.
Gleichgültig zunächst hörte Dr. Carranza die Stimme einer verschleierten, sicherlich noch jungen Frau. Das nahm er durch das doppelte Gitterfenster wahr, ebenso den Geruch von Jasmin. 
Die Dame sprach sehr leise und irgendwie betörend. Mit dem Jasminduft schwebte etwas, das in seiner Situation innerer Anspannung, noch betörender wirkte.
"Bruder Jóse, ich bin auch nur ein Mensch. Vor einem Monat habt ihr mir vergeben, habt mir die Absolution gewährt, obwohl ich auf Vergeltung gegen meinen Mann nachsann.  Nur weil ich bekannte, das sei vielleicht eine Sünde und nachdem ich versprach mich nach Kräften zu bessern, spracht ihr mich frei. Nun frage ich euch. Habt ihr Recht getan? Ihr erteiltet  meinen Ehemann ebenfalls die Vergebung, nachdem er vor euch, als einem Diener Gottes bekannte,  dass er mich betrügt. Euch genügte, dass er bekannte und zugab, das sei eine Sünde, und er werde sich bessern. Habt ihr nicht herausgehört, dass es nur leere Worte waren?“
Jóse beugte sich vor. 
Hatte er das getan? 
Es stach ihn. 
Was hatte er da wieder in seiner Halbbenommenheit angerichtet?
Irgendwie redete er sich vor seinem Gewissens heraus: das sei die Macht der Gewohnheit.
Sie indessen sprach weiter während er sich noch harsch kritisierte. Mit der Sage von der Macht der Gewohnheit redeten sich vor allem die Schwerenöter frei. Immer, immer bei allen dasselbe. Sogar ihm unterlief ein Fauxpas.
Fraglos, er war ebenfalls nur ein Alltagsmensch, ein Ordenspriester mit eigener Familie!
„Ich will mich rächen!“, sagte die Dame mit klarem, wenn auch leisem Ton.  Das ließ ihn ernsthaft aufhorchen.
Hinter diesen Worten stand eine starke Persönlichkeit.
Sie legte eine Atempause ein. 
Er spürte es erneut. Ihr Geist und ein ihrerseits noch nicht ausgesprochener Wunsch berührten ihn. Die momentane Stimmung erinnerte ihn daran, wie er einmal beim bloßen Beobachten eines tanzenden Frauen-Paares innerlich mit den Rhythmen des Flamencos schwang, begierig mehr zu sehen und zu empfinden.
Es war reine Lust die ihn befiel, die ihn allerdings dem Anschein nach auch befallen sollte.
Wäre er nicht davon gegangen, wer weiß, wohin ihn die Leidenschaft  getrieben hätte, denn deren Macht wollte ihn in jenem Augenblick unterwerfen.
Nur mit Mühe konnte er sich damals abwenden. Immerhin, sagte Dr. Carranza sich, sich selbst beruhigend: ich ging davon, als es mir zu bunt wurde.
Da erschien vor diesem Hintergrund meine Geliebte, meine Ehefrau vor Gott. Es geschah weil ich ihr Bild vor mir zu sehen wünschte! Ich wollte, dass sie mir zuschaute und an meiner Seite blieb. Ihr verdanke ich, dass ich Herr meines Selbst blieb.
Das war keine Selbstverständlichkeit!
„Pater, habt ihr nicht bemerkt, dass mein Ehemann vor euch sonst noch nie zuvor erschienen war? Ich habe ihn geschickt, damit ihr wisst wer er ist und erkennt, wovon ich hier vor ihnen rede und reden muss."
Jóse kam aus seiner Gedankenwelt hoch.
Es traf ihn nun etwas sehr Angenehmes.
„An seine sonore Stimme werden sie sich erinnern, an sein Hüsteln.“ 
Nein, wie sollte er sich an einen Mann erinnern, der mit vielen Mehreres gemeinsam hatte.
Sie schwieg eine Weile:
"Ich bekenne, dass ich sie liebe, Dr. Jóse Carranza!"
Ihr Atem wehte durch das Gitterwerk.
Stille breitete sich aus. 
Nach eine Weile flüsterte sie: "dafür bedarf es keiner Vergebung. Es ist keine Sünde, einen Menschen wie sie zu lieben. Es ist auch keine Sünde das zu bekennen.“
Jóse erfuhr damit nichts Einmaliges und doch war es, in dieser Form und Wucht, neu. Erst zwei oder dreimal zuvor, in den fünfzehn Jahren seines Lebens als Ordenspriester war ihm Ähnliches widerfahren.
Indirekte und direkte Angebote.
Er hatte sich allerdings nicht, wie gerade eben, dermaßen stark beeindrucken lassen.
Sie indessen fuhr seelenruhig fort: „Allerdings wenn mein Mann weiter sündigen darf, darf ich es auch, ein wenig, sehr, sehr wenig, um meine innere Ruhe wieder zu gewinnen. Nur eine einzige Umarmung, ein kleiner liebevoller Trost.
Ich bin gänzlich aus dem Gleichgewicht geraten… das kann man verstehen nicht wahr? …“
Jóse gefiel es. 
Es schmeichelte ihm.
Diese Tatsache konnte er nicht leugnen. Er ärgerte sich allerdings weil er glasklar wusste, dass er mit diesem seinem Gefallen seine guten Vorsätze, auf die er stolz war, zum Wanken brachte. 
Es lief deutlich auf Ehebruch zu.
Jetzt galt es Nein zu sagen. 
Aber er schwieg.
Sie widerholte sich: „Meine Wahl fiel auf sie, den reinen Mann.“ Das klang so, als hätte sie gefragt: nimmst du mich an?
Die Beichtende hielt inne und er wurde gewahr, dass sein Puls ein wenig stärker pochte. 
Ob er wollte oder nicht.
Ruhe bewahren, Jóse.
Sein Blut rauschte.
„Bitte, verweigern sie mir nicht ihr Herz. Ich habe alles bedacht. Ihr Bischof wird sie am Sonnabend den neunzehnten September nach Sollana zum Wohnsitz der de-Brega-Familie senden, um eine gewisse Spendensumme meines Hauses entgegen zu nehmen, - die wir auch erst dann zur Verfügung haben - die nur ihnen persönlich ausgehändigt werden darf.  Ihr Bischof selbst hat freie Verwendung für das Geschenk. Das hat ihm mein Ehemann so bereits  gesagt.
Auf meinen Rat hin.
Das sollten sie wissen, Pater! Das verschafft mir, wie ich hoffe, Handlungsfreiraum.
Mich werden sie erkennen an der Blume einer Pfauenfeder. Vergessen sie meinen Namen nicht: Ana Maria de Brega."
Sie erhob sich ohne seine Reaktion oder Absolution abzuwarten, ohne den Schleier zu heben.
Sie ging davon.
Sie schritt.  
Ihm schien, sie sei eine Mauriskin, eine noble, von ihrer Sprache und Ausdrucksweise her.  
Jóse konnte sich kaum rühren. Er starrte auf ihre ihm angenehme Gestalt die nun die Kapelle verließ. 

Sie schien zu schweben. 
Und er gab sich selbst straffe Befehle: 

Ich werde nicht nach Sollana gehen, sondern nach Alboraya und zwar für immer. Tut mir leid, Doña Ana Maria de Brega! In höchstem Tempo werde ich die Texte für Doña Cazalla erstellen und an nichts anderes denken. Komme was da wolle. 
Ich werde es in fünf  Tagen zustande bringen und mich nicht ablenken lassen.
Jòse wiederholte sich:
Ich werde nicht nach Sollana gehen, sondern nach Alboraya und zwar für immer.
Sofort nachdem ich Doña Cazalla besuchte und die Texte übergab werde ich mich auf den Weg machen. 
Frankreich erwartet uns!
Damit entfällt vor allem die erneute Begegnung mit dem ihm zunehmend bedrohlich erscheinenden Familiari, diesen Dickwanst der gegen die Hugenotten hetzte.
Diesen Entschluss bekräftigte Dr. Jóse mit einem tiefen Atemzug, obwohl ihm das Christuswort in den Sinn kam: der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach.











  


Teil2 folgt


(1) Sarah Maislinger „Die Spanische Inquisition und die Morisken“ Mit Schuld

am Aufstand in den Alpujarras waren die nicht eingehaltenen

Zugeständnisse, die in den Capitulaciones von 1492 aufgesetzt worden

waren. Die im Gebiet Granadas lebenden Muslime fühlten sich dadurch

von den Katholischen Königen um ihre Rechte betrogen.“

(2) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Verlag Traugott Bautz

(3) 1. Kor. 5: 9-13

(4) Henry, Ch. Lea „Geschichte der Inquisition im Mittelalter“

(5) Heinz Kraft Habilitationsschrift „Konstantins religiöse

Entwicklung“: „Eben so wenig, wie Konstantin Christus erwähnt, ist die

Kirche auf Christus bezogen.“

(6) H. Ch. Lea „Geschichte der Inquisition im Mittelalter“

(7) Matth. 4: 7

(8) www. Uni- Protokolle mpg Trier "Ursprünglich vereint Sol Invictus mehr

oder weniger die orientalischen Religionen wie den persischen Mithras

und den syrischen Baal. Die Wurzel dieses nach Rom exportierten Baal
lässt sich zurückverfolgen nach Emesa, mit dem Stadtgott Sol Elagabal. Sol
Invictus ist bereits unter Vespasian geläufig. Er stellte ihm zu Ehren schon
im Jahre 75 eine Kolossalstatue auf, seit Commodus trägt jeder Kaiser den
Titel Invictus."
(9) Evangelische Kirchen-Zeitung 1854
(10) Gnadenedikt Philipp III. von Spanien
(11) Karte Wikipedia: Kalifat Cordoba
(12) Wikipedia: Mihrab, Moschee zu Cordoba
(13) Taufe von Morisken Altarretabel Felipe Vigar
(14) Wikipedia: Abd-er-Rahman III.
(15) Luther: Tischreden, Bd. III
(16) Markus 12: 40
(17) Luther: Ökumenisches Heiligenlexikon
(18) Maike Vogt- Lüerssen „Begegnungen mit Zeitgenossen der
Renaissance“
(19) Tertullian (160-220): „Die Ehen der Christen werden nicht durch
den Tod des einen Teils getrennt, sondern dauern über das Grab hinaus
an“
(20) Hildegard von Bingen (1098- 1179): „Die Seele stammt vom
Himmel, der Leib von der Erde; die Seele wird durch den Glauben, der Leib

aber durch das Sehvermögen erkannt.“ Auch Goethe, Gespräche mit
Eckermann 1832 : „Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen
zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der Sonne
rollen zu lassen, hätte Gott sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht
den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine
Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun
fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren
heranzuziehen. Goethe schwieg. Ich aber bewahrte seine großen und
guten Worte in meinem Herzen.” Ebenso Jeremia 1: 5, ebenso Paulus
Epheser 1: 3 „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er
hat uns mit seinem Geist reich beschenkt und uns durch Christus Zugang
zu seiner himmlischen Welt gewährt. Schon vor Beginn der Welt, von
allem Anfang an, hat Gott uns, die wir mit Christus verbunden sind,
auserwählt.“
(21) Adolf von Harnack „Dogmengeschichte“ : „... Der Gedanke der
Vergottung ist der letzte und oberste gewesen; nach Theophilius,
Irenaeus, Hippolit und Origenes findet er sich bei allen Vätern der alten
Kirche, bei Athanasius, bei den Kappadoziern, Appolinares, Ephraim Syrus,
Epiphanius u.a“
(22) Franz Schupp „Geschichte der Philosophie im Überblick“ CCH
Canadian Limited Bd.
(23) Hebräer 12: 9
(24) Anton Grabner-Haider-Maier „Kulturgeschichte des frühen
Christentums“
(25) Google: The Agios Eleftherios, also known as Mikri
Mitrópoli or Panaghia Gorgoepiikoös might be the smallest church in the
world. It is located at the Mitrópolis square, next to the Metropolitan
Cathedral of Athenes (Megalí Mitrópoli)
(26) Bischöfliches Ordinariat Regensburg: „Als allgemein verbreitetes
und verwendetes Symbol der Christen lässt sich das Kreuzzeichen erst in
der Zeit der Völkerwanderung nach 375 n. Chr. nachweisen.“
(27) Heinz Kraft, Habilitationsschrift „Konstantins religiöse Entwicklung“

Heidelberg - Uni Greifswald, sowie Prof. Wolmeringer „Konstantin-
Artikel“ im Internet

(28) Prof. Otto Seeck „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“
(29) Karl Christ „Geschichte der römischen Kaiserzeit“
(30) Schlange-Schöningen „Konstantin der Große und der Kulturkampf“
(31) Heinz Hofmann Universität Tübingen
(32) Theodor Birt: Charakterbilder
       Anton Grabner-Haider-Maier „Kulturgeschichte des frühen

Christentums“
(34) Adventskalender 2009 Ruhr-Uni-Bochum „Dialog und Apologetik“,
2001
(35) „wie sonst, Christus in der Mitte der Apostel steht... zusammen mit
den Aposteln wollte er (Konstantin) verehrt werden. Am Altar, den er dort
hineintragen ließ sollte für ihn und die Apostel Gottesdienst abgehalten
werden.“
(36) K-P. Hertzsch, „Theologisches Lexikon", Union –Verlag, Berlin, 1977
„... in einer christlichen Kirche kann es eigentlich keinen Altar geben, sondern
nur einen Abendmahlstisch.“
November 2005 berichtete der „Spiegel“ unter der Überschrift: „Älteste
christliche Kirche der Welt entdeckt?“ „Archäologen haben unter einem
israelischen Gefängnis die vielleicht älteste christliche Kirche der Welt
ausgegraben. Der Fundort ist Megiddo, ...(man fand) altgriechische
Inschriften, geometrische Verzierungen, den Namen von Jesus Christus und
ein kreisförmiges Symbol mit Fischen, das Symbol der Urchristen... Die
Ausgrabungen deuteten darauf hin, dass anstelle eines in anderen Kirchen
üblichen Altars im Zentrum der Fundstelle nur ein einfacher Tisch stand. Leah
di Segni, eine Expertin von der Hebrew University in Jerusalem, sagte, die
Verwendung des Begriffs „Tisch“ anstelle von „Altar“ in einer der Inschriften
könnte dramatische Auswirkungen auf die Studien frühchristlicher Rituale
haben. Bislang sei man davon ausgegangen, dass Jesus Christus das
Abendmahl an einem Altar gefeiert habe.“
(37) www.ucesm.net/ucesm_de/italie _religions_de, 2008
(38) „Die Kirchengeschichte Spaniens“ Fius Bonifacins Oams
(39) Maßgebliche Werke des Hl. Athanasius in der Übersetzung der
"Bibliothek der Kirchenväter"
(40) Otto Seeck „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“
(41) Günther Gottlieb „Ambrosius von Mailand und Kaiser Gratian“ u
Alexander Demandt „Diokletian und die Tetrarchie“
(42) Ernst Ferdinand Klein „Zeitbilder der Kirchengeschichte“
(43) Pfarrblätter, Bischof Koch Okt. 2008
(44) William Seston „Verfall des Römischen Reiches im Westen“
(45) Johannes 10,34-36
(46) Jóseph Langen „Geschichte der römischen Kirche“
(47) Origenes Kommentar zu Joh.: 2:3 bei Wikipedia unter Arianismus
(48) Kirche Jesu Christi der HLT „Lehre und Bündnisse 121:35
(49) Günther Gottlieb „Ambrosius von Mailand und Kaiser Gratian“
(50) V. G. Rassias „Christians persecution against the Hellenes
(51) Ana Maria C.M. Jorge Center for the Study of Religious History
(CEHR) Portuguese Catholic University (UCP) “The Lusitanian
Episcopate in the 4th Century. - Priscilian of Ávila and the Tensions
between Bishops”
(52) Karte Wikipedia Fluchroute der Goten
(53) Günther Gottlieb „Ambrosius von Mailand und Kaiser Gratian“
(54) Gert Haendler „Die Rolle des Papsttums in der Kirchengeschichte
bis 1200“
(55) Wikipedia Mosaik Ambrosius
(56) Gerhard J. Bellinger „Der Catechismus Romanus und die
Reformation“
(57) Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon T. Bautz
(58) Aurelius Augustinus „Bekenntnisse“
(59) Küng „Kleine Geschichte der katholischen Kirche“
(60) Kirche Jesu Christi der HLT Buch Mormon Alma 12: 14
(61) Didaktische Materialien „Dialog mit dem Jenseits“, Museum für
Kommunikation 2008

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