Wie sehr uns doch, trotz aller Sorgen um die Folgen der Weltpolitik, die Erinnerungen an glückliche Tage erbauen können!
Das Gute will in wachsender Weisheit gegen Eigensucht und rücksichtslosem Vormachtstreben verteidigt werden, und sei ein Beitrag dazu noch so klein, er ist unverzichtbar. Es ist auch das Streben nach der großen Wahrheit, die alleine zu echtem Frieden führen kann.
Im Kontext dazu, nagt an unserem inneren Frieden, mitunter das Bewusstsein: Das und das hättest du besser machen können.
Ich habe oft versagt, und das grämt mich. Beispielsweise war ich zu selten in der Lage in friedenstiftenden Evangeliums-Gesprächen stärker gewinnend zu argumentieren.
Ich hätte das, was ich heute sehe, schon viel eher wissen und tun können.
Unsere blutjungen Missionare machen es besser, wenn sie Nichtmitgliedern nahelegen., dass ihre, Gott und seine Lehren betreffenden Fragen am klarsten durch Gebet um Weisheit beantwortet werden können.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gerne an Max Ahlwardt, Demmin. Er war in seinen besten Mannesjahren Entertainer, Obermeister in einer Berliner Groß-Polsterei, und bald Besitzer von drei Häusern, ein Tausendsassa der weltlich daher lebte, bis ihn sein Freund, ein Mitglied unserer Kirche, Karl Vonthien – damals Zweigpräsident im nahen Neubrandenburg – überraschte: „Ich fand die Wahrheit! Aber wenn du nicht um Licht betest, wirst du das nie erkennen.“
Max ließ sich um 1928 taufen. Mit ihm wuchs zu Demmin, in Mecklenburg-Vorpommern, eine schöne Gemeinde heran, die er bald leitete. Viele Jahre lang, immer wenn ich, nach 1947, seine Gemeinde besuchte, bewunderte ich die Überzeugungskraft dieses Mannes und seine lebhaften, nie übertriebenen Predigten. Ich sah damals, wenige Monate nach Kriegsende, sein Haus, seine Bienenstöcke und mehr verwundert. Denn 1945 hatten Angehörige der roten Siegermacht auch Demmin an vielen Stellen in Brand gesetzt, und nun starrten uns weithin rabenschwarze ehemalige Hauswände an. So verlor auch Max Ahlwardt seine Häuser und sein Möbelgeschäft. Er hat nicht lange gejammert, sondern die Ziegel seiner Ruinen saubergeklopft und sie per Schubkarre ein paar hundert Meter zu seinem Garten gefahren. Die Stadtverwaltung ließ ihn angesichts des allgemeinen Wohnungsmangels gewähren. Und wenige Wochen später zog er in sein doppelstöckiges Haus ein, Wohnzimmer, geräumiges Schlafzimmer, Küche usw.
Alle hungerten nach dem Krieg. Aber Max, und nicht wenige andere, litten dank seines Wirkens, nicht wirklich, zumal das Wohlfahrtsprogramm unserer Kirche, bald Weizen und mehr - dank dem energischen Handeln Ezra T. Benson - rechtzeitig verteilte. Ahlwardts etwa 1 000 qm großer Garten hatte reiche Obstbaum-Bestände auf fruchtbarem Schwarz-Erdboden. Er trug Mengen an Früchten, die kein Geschäft der nächsten knapp zehn Jahre in Ostdeutschland anbieten konnte, wie Erdbeeren, Kirschen usw. Bruder Ahlwardt hielt zudem eine ganze Gänseschar, und prachtvolle Pfauen.
Er erwärmte mein Herz immer wieder, bis er starb. Seinen Sarg, der im Obergeschoß stand, sah ich bereits 20 Jahre vor seinem Lebensende, als er noch rüstig umher wirbelte. Ich wollte wissen, warum er sich schon in relativ jungen Jahren seinen Sarg angeschafft hätte. Er schmunzelte und sagte: „So billig hätte ich nie wieder einen bekommen und dann liegen da meine Äpfel drin, die sind frisch bis zur nächsten Ernte.“ Über dem Sarg hing aufgereiht geräucherter Schinken und Speck. „Na ja,“ erklärte er mir, „ich habe die Prüfung als Fleischbeschauer gemacht, weil ich ein Mikroskop besaß. Die Bauern, die „schwarz schlachteten“ wollten doch sicher sein, wegen der Trichinen und so. Ich habe ihnen dann gesagt, seid nicht so geizig, Geld will ich nicht.“ Weil er nun hinlänglich über das knappste aller Lebensmittel verfügte, besaß er damit ein Tauschmittel und konnte bereits 1946 ein (gebrauchtes) Motorrad erwerben.
Ich musste die Rede zu seinem Lebensende halten. Und wie ich staunte! Es floss von meinen Lippen, als würde er selbst und nicht ich, der Trauergemeinde erklären, warum er ein Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wurde und bis zum letzten Atemzug aktiv blieb. Selbst die Nichtmitglieder erfreuten sich des Geistes, den Max liebte und mutig verbreitete. Danach musste ich zurückdenken, wie wir gemeinsam, mehr als zehn Jahre zuvor, den Temel zu Zollikofen, Schweiz besuchten.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen