Montag, 18. Juni 2012

Axel, mein schärfster Kritiker schrieb: 
Lieber Gerd
      

Wuerdest Du Romney einen ebensolchen Vertrauensvorschuss geben, wenn er nicht Deiner Religionsgemeinschaft angehoeren wuerde?  Lehrt nicht selbst die Mormonenkirche, dass ALLE Menschen fehlbar  sind.  Diagnostiziert nicht sogar das Buch Mormon, dass oft sehr fragwuerdige Figuren mit nach aussen gewandter Froemmigkeit selbst   in der "wahren"Kirche ihr Unwesen treiben?  Ist nicht der schon im  Buchtitel exemplifizierte dumpfe Nationalismus von Romney (No      Apology- The Case for American Greatness) ein Warnsignal?  Was wuerde Hugh NIbely von diesem Erzkapitalisten Romney halten?  Du kennst doch Nibleys Kapitalismus-Kritik?  Ich kenne eine ganze  Reihe glaeubiger Mormonen, die von Romney gar nichts halten...       Partei- und Kirchendisziplin waren noch nie gute Gruende, um auf  einem Auge blind zu sein.  Du hast doch selbst unter Mormonen   Alternativen zu Romney -- siehe Rocky Anderson beispielsweise.  Hier ist wirklich ein Mann mit Integritaet -- nicht der  ueberfuehrte Serien-Luegner Romney.
      Schaffen die Superreichen wirklich all die Werte -- nicht die Arbeiter, Ingeniuere, Wissenschaftler?  Was ist Deine empirische      Basis fuer diese Position?  Sind die Koch-Gebrueder, die Waltons      und Co. wirklich "erfolgreiche weltverbessernde Erfinder"???       Diese gibt es zwar auch unter den Milliardaeren -- aber die sind      doch entschieden in der Minderheit.  Selbst Bill Gates' "Genie" bestand nicht in seinen technologischen Innovationen, sondern      darin, dass er die von ANDEREN entwickelten Cmputer-Programme nur  geschickt VERMARTETE.  Nicht nur im zum Glueck verblichenen      Staats-"Sozialismus", nein auch im Real Existierenden Kapitalismus      klaffen schoene Theorie und bedeutend weniger schoene Realitaet  weit auseinander.  Wirtschaftsgeschichte ist in weiten Zuegen      Kriminalitaetsgeschichte.  Man muss nicht Marxist sein, um dies zu  sehen.  Selbst in der buergerlichen FAZ kann man dies nachlesen.
      Ich betrachte das Kommunistische Manifest als eines der moralisch und ethisch hochstehensten Dokumente der Menschheitsgeschichte. Marx und Engels gehoerten zu den Besserverdienenden -- und waren      angewidert vom Elend des sehr wohl exisitierenden Industrieproletariats im 19. Jahrhundert.  Diese Parteinahme fuer die Ausgebeuteten und Schwachen hat Marx und Engels viele      persoenliche und finanzielle Nachteile gebracht -- dies erkennen selbst serioese nicht-marxistische Wissenschaftler an.  Lese  beispielsweise den nun wirklich anti-kommunistischen Historiker      Simon Sebag Montefiore!  Kennst Du das kuerzlich erschienene Buch      "Love and Capital -- Karl and Jenny Marx and the Birth of a Revolution"?  Die Autorin -- Mary Gabriel -- ist ebenfalls ganz gewiss keine Marxistin, aber erkennt die unleugbare moralische Motivation in Marx und Engels.
      Ich lese das Kommunistische Manifest ca. einmal pro Semester --      ich benutze es als Pflichtlektuere fuer meine "Einfuehrung in die      europaeische Geschichte"-Vorlesungsreihe.  Es ist eine allererste      Einfuehrung in die Gedankenwelt von M und E -- aber natuerlich      begrenzt.  Das Kommunistische Manifest ist ein      politisch-philosophisches Pamphlet -- und kein im eigentlichen      Sinne wissenschaftliches Werk.  Andere und komplexere Werke von      Marx und Engels muessen hinzugezogen werden -- wie die drei Baende      "Das Kapital", "Der Franzoesische Buergerkrieg" und die      "Oekonomisch-Philosophischen Manuskripte."  Im Kommunistischen      Manifest stehen viele Vereinfachungen -- was auch in der Natur  dieser Broschuere als zugespitztes Pamphlet besteht.
      Hier sind die Staerken des Kommunistischen Manifestes:
      1) die bisher von Wissenschaftlern vernachlaessigten      WIRTSCHAFTLICHEN Zusammenhaenge von Macht und Unterdrueckung      werden ins Zentrum der Analyse gebracht -- dies allein ist sehr      innovativ.
      2) die Ausgebeuteten und Unterdrueckten muessen nicht ewig ein      passiver Spielball der Maechtigen sein -- sie sind Akteure und      koennen den Lauf der Dinge positiv aendern.
      3) Marx und Engels erkennen die umgeheuere Innovation und Dynamik      des Industrie-Kapitalismus  -- welcher die Welt in ein paar      Jahrzehnten mehr veraendert als in den vergangenen Jahrtausenden.       Marx und Engels sinc also nicht nur Gegner des Kapitalismus,      sondern erkennen und bewundern seine historischen Staerken.
      4) der Kapitalismus hat eine permanente und langfristig      systemimmanente Strukturschwaeche -- die soziale Frage -- der  gemeinschaftlich und kollektiv produzierte Reichtum und die      privatwirtschaftliche Aneignung dessen durch die Oberen Zehntausend.
      5) die Antwort auf die Krise des Kapitalismus ist entweder dessen Absturz in die Barbarei (unsere heutige Welt) oder aber wahre      Demokratie als politische UND wirtschaftliche Demokratie.  Marx  und Engels sind ausdruecklich GEGEN Parteidiktatur.  Die Freiheit  des Einzelnen ist die Vorraussetzung der Freiheit der Gesellschaft. In den staats-"sozialistischen" Diktatoren      sowjetischer Bauart und den plutokratischen Formal-Demokratien a la USA wurde und wird die Freiheit des Einzelnen missachtet.
      In puncto Deiner  Gedanken bezueglich der "Arbeiterklasse" als  historische Kategorie -- Du schreibst hier " Alleine wenn er den  Begriff Arbeiterklasse verwendet, und dabei nicht berücksichtigte oder berücksichtigen wollte, dass es die "Arbeiterklasse"      praktisch nicht geben kann, es sei denn sie wird künstlich erzeugt und künstlich am Leben erhalten.":
      1) es gibt keinen ernsthaften Historiker, den die Existenz des      Industrie-Proletariats im 19. und fruehen 20. Jahrhunderts nicht  zur Kenntnis nimmt.  Zu Recht debattiert wird die Frage, inwiefern      dieses Industrie-Proletariat als soziologisch-historische Kategorie homogen oder heterogen und in sich selbst sozial-kulturell diferenziert ist.  Du musst hier mehr als nur das      Kommunistische Manifest lesen, um die analytische Tiefe von Marx      und Engels zu sehen.  UND: nach dem Tode von beiden haben juengere      Generationen von Marxisten neben der oekonomischen eine kultur-      und milieu-spezifische Analyse entwickelt.  Lese diesbezueglich      Georg Lukacs's klassischen Text "Geschichte und      Klassenbewusstsein"  sowie das Meisterwerk von E.P. Thompson "The      Making of the English Working Class."  Thompsons Arbeit wird nach      wie vor von Historikern aller Schattierungen als wichtigstes und      methodisch innovativstes Buch zur Genese und Entwicklung des      Industrie-Proleariats angesehen.  Ich empfehle Dir sehr, Georg      Iggers' "A Global History of Modern Historiography" zu lesen.       Georg ist (wie Du weisst) mein Doktorvater und KEIN Marxist.  Aber er ist der wohl international anerkannteste Experte fuer      Historiographie und Methodengeschichte. Lese die entsprechenden  Seiten bezueglich marxistischer Geschichtswissenschaft -- es lohnt sich!...
Mein Freund und Genosse Bill Pelz (Chicago) hat ebenfalls im letzten Jahr ein interessantes Marx-Buch geschrieben -- "Karl Marx: A World to Win"  Sein Buch wurde von Pearson        veroeffentlicht -- Hobsbawm und Eagleton publizierten ihre        Buecher mit der Yale University Press.

Diese Buecher sind wichtig und werden Dir helfen, ueber das vom        idiotischen "Marxismus-Leninismus" gepraegte plakative und  dogmatische Marx-Bild hinauszugehen.

So viel fuer heute.

Take care of yourself

Dein Freund Axel

1 Kommentar:

  1. Gerd

    ich hoffe in erster Linie Dein Freund zu sein und nicht nur Dein "schaerfster Kritiker."

    in alter Freundschaft und, natuerlich, kritischer Solidaritaet.

    Axel

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