Dienstag, 8. Mai 2012


Feuilleton, FAZ vom 06. März 2012


Die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte einen typischen Artikel über “Mormonen”, mit diesem Touch von Ironie, ohne die anscheinend kein seriöses Blatt Deutschlands über Amerikas strittigste Christengruppe berichten kann.
Der Kuckuck alleine weiß, warum das so ist.

Die Überschrift lautete: „Ich weiß, es ist wahr“

Immerhin, bei allem Spott, sind die Töne sanfter geworden, die Attacken auf Mormonen-Polygamie sind nicht mehr voll absoluter Gehässigkeit.

Dennoch schreibt Autor Jordan Mejias aus Palmyra USA, genüsslich-höhnisch von den 30 Ehefrauen Joseph Smiths. Er weiß natürlich, dass mindestens 24 dieser Frauen nicht zu seinen Lebzeiten an ihn gebunden wurden... aber das ist ein weites Feld.

Insofern ist auch dieser Beitrag leider tendentiös angelegt. Was aber wirklich überrascht, ist die Dreistigkeit mit der Jordan Mejias aus Palmyra, im Jahr 2012 verbreitet: “Neueste mormonische Auslegungen wollen - wie einst von der Vielweiberei - nun von (der)Vielgötterei Abstand nehmen. Es wäre freilich ein ausgewachsenes Wunder, wenn im Gefecht des Wahlkampfs (in dem der Mormone Mitt Romney steht) die Nuancen der Religionswissenschaft Beachtung fänden.”

Kaum jemand der es liest wird sogleich den Trick erkennen.

Das gewählte Wort: „Religionswissenschaft“, wirkt vertrauenserweckend zugunsten des Schreibers. Aber dem, der sich mit der Sache befasst hat, durchschaut augenblicklich, dass der gute Jordan überhaupt nicht weiß, wovon er redet. Denn, die vergleichende Religionswissenschaft konnte bislang kaum eine Position des traditionellen Christentums als gut urchristlich bestätigen.

Umgekehrt ist es.

Alle Basiselemente des sogenannten „Mormonismus“, einschließlich ihrer Gotteslehre lassen sich in der Sekundärliteratur des „mainstream“- Christentums des 1-3. Jahrhunderts wiederfinden, das hat die „Religionswissenschaft“ wenn auch ungewollt herausgefunden.

Unvorstellbar für die Nichtinsider, aber wahr: es gab in der Urkirche Polygamie.
Noch ein Beispiel. Der Schiedsrichter der Urkirche des 3. Jahrhunderts Origenes bestätigt, dass die nicänische Schiene des heutigen Christentums sowie aller Zeiten nach dem 1. ökumenischen Konzil, von 325, in die falsche Richtung führen musste.

Das von den evangelikalen Predigern, vor allem in den USA so vehement verteidigte und verbreitete (angeblich antimormonische) „Athanasianum“ hat mit dem ursprünglichen Gottesverständnis nichts und mit Logik schon gar nichts gemeinsam. Denn, dass drei gleich eins ist, hat noch niemand verkraftet, am wenigsten die Statiker.

Wer daran interessiert ist, sollte sich den heute noch gültigen Text dieses nicänisch genannten Glaubensartikels zu Gemüte führen:

Origenes spricht, und Joseph Smith wiederholt, als hätte er zu seinen Füßen gesessen.

Das ewige Vorherdasein jeder menschlichen Seele (Präexistenz) erklärt die Absicht Gottes uns unbedingt zu fördern und zwar nach Möglichkeit, alle, unterschiedslos, weshalb es zwar eine ewige Hölle (der Gewissensqual) gibt, aber keinen Daueraufenthalt für Schuldige. Dies und die Bewahrung der Hochlehre von der Unantastbarkeit der Entscheidungsfreiheit jedes Menschen mit dem Ziel seiner Vergottung, sind essentielle Bestandteile des Evangeliums, von denen kaum jemand in christlichen Gottesdiensten jemals gehört hat, was aber Usus war, damals, bevor die Caesaropapisten die Christenkirche für ihre Zwecke vereinnahmten, die sie nach Bedarf zurechtschnitten und die nicht wenige gerne so weiter, und immer weiter, wiederum für ihre Zwecke, nutzen wollen.

Origenes hatte klar anders als die Teilnehmer des ersten „ökumenischen“ Christenkonzils herausgestellt: Manche schätzen nicht, was wir sagten, indem wir den Vater als den einen wahren Gott hinstellten und zugaben, dass andere Wesen neben dem wahren Gott Götter werden konnten, indem sie an Gott teilhatten.“

Keine Vorlesung in Sachen Theologie, natürlich nicht, das Wenige musste jedoch gesagt werden. Und wenn Autor Jordan Mejias meint die Leier vom mormonischen „nichtchristlichen Kult“ spielen zu müssen, so muss er sich eben sagen lassen, dass er nie davon gehört hat, dass die Goten Italiens sehr wohl den Tempelkultus des „Mormonentums“ kannten. Ein kleiner Trip nach Ravenna wäre zu empfehlen.

Nur, wie es aussieht, wissen zu wenige Schreiber zum Thema, dass das Traditionschristentum die Goten als Volk aus eben diesem Grund ausrottete, wie Hitler die Juden.

Und was die Bevölkerung anderer Planeten durch Menschen angeht, die diese Erde infolge Tod verließen, kann man durchaus an Goethe denken und nicht nur an Brigham Young.

Auch für den Normalen muss es unvorstellbar sein, Ewigkeiten hindurch nur Lieder zu singen. Da bedarf es schon eines wahrhaft göttlichen Auftrages, ebenso sinnvoll wie intelligent.



Erfreulich sind vor allem diese beiden Leserbriefe, die dem Palmyrakorrepondenten und der nicht unbedeuteneden FAZ ins Stammbuch geschrieben wurden:



Lutz von Peter (LutzBrux)LutzBrux - 07.03.2012 17:19 Uhr

Wer sich mit Mormonen befasst,.. anstatt sie einfach in eine Schublade mit Vorurteilen zu stecken, wird unglaublich einsatzfreudige, sanftmütige und respektvolle Menschen kennenlernen. Viele Ihrer Ansichten mögen nicht modern erscheinen; und jeder, der das erste Mal mit Mormonen zu tun hat denkt sich: was wollen die, wo ist der Haken, so freundlich und selbstlos ist doch keiner!
Doch, die sind es. Ich habe während zweier Jahre wöchentliche Besuche zweier Missionare bekommen, war mehrere Male mit Ihnen in der Kirche und habe geistig sehr gefestigte, aber offene und fröhliche Menschen kennegelernt, sowohl in Deutschland wie den USA. Ich bin nicht Mormone geworden, ich konnte die Gründungsgeschichte nicht glauben und viele ihrer Ansätze des Gemeindelebens sagen mir nicht zu. Aber nach vielen Begegnungen muss ich sagen: ginge es nach der Ringparabel aus "Nathan der Weise", dann wäre der Mormonenglauben der Beste, denn er schafft die besten Menschen (die ich kenne).



Diana Bracken (BracDi79)BracDi79 - 07.03.2012 23:15 Uhr

Ich stimme Ihnen voll und ganz zu!

Wir leben seit vier Jahren in Boise, Idaho. Diese "Kleinstadt" beherbergt viele Mormonen. 50% meiner Arbeitskollegen sind Mormonen und bisher habe ich nur positive Erfahrungen machen können. Mormonen sind familienbezogene Menschen, hochintelligent, zuverlässig, sauber, hilfsbereit und vor allen Dingen schwatzen sie einem ihre Religion nicht auf -ganz im Gegenteil- sie stehen gerne allen Fragen und Antworten bezüglich ihrer Religion zur Verfügung. Aufgrund dessen möchte ich die Frage von Herrn Farkas mit “JA”beantworten, LDS sind wesentlich besser als Islamisten in Nahost! In den vier Jahren habe ich nichts von Ehrenmorden durch LDS gehört, und selbst wenn sich Kinder gegen die Religion entscheiden, werden sie nicht von deren Familien verstoßen. Und nein schwule Arbeitskollegen werden von den LDS nicht als abartig angesehen oder minderwertig behandelt. Durch Ihre Aussagen wird mir bewusst warum ich Deutschland verlassen habe – Engstirnigkeit und alles über einen Kamm scheren-!”



Danke liebe FAZ, dass Ihr Euren Lesern Spielraum gewährt, ihre Meinung zu äußern.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen