Freitag, 25. Mai 2012


Offener Brief

an die Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Württemberg
Frau Pfarrerin Kick

Liebe Frau Pfarrerin Annette Kick,
ich schreibe zwar kritisch, aber nicht als Feind. Im Gegenteil.
Zu Ihrer Erinnerung: am 09.02.2012 äußerten Sie sich zum Thema “Mormonen” u.a. “Im Gegensatz zum eigenen Selbstverständnis werden die Mormonen heute meist nicht mehr den christlichen Sondergemeinschaften zugerechnet, sondern wegen der Aufnahme anderer Offenbarungsquellen und fremder (teilweise freimaurerischer) Riten als religionsvermischende (synkretistische) Neureligion gesehen. Die Mormonen sind an einem friedlichen Zusammenleben der Religionen interessiert, haben als „wiederhergestellte Kirche“ aber kein tiefgehendes Interesse an ökumenischen Beziehungen.”

Kompliment, wegen Ihrer zutreffenden Formulierung „Die Mormonen sind an einem friedlichen Zusammenleben der Religionen interessiert,...“
Ähnlich Freundliches zu sagen ist wichtig, denn soweit ich sehen kann, wird das Überleben des Christentums davon abhängen, ob wir wahrhaftiger als andere im Umgang miteinander sind... dazu gehört eine um Objektivität bemühte Darstellungsweise der Glaubensweisen der Anderen.

Warum aber, um alles in der Welt, schreiben Persönlichkeiten wie Sie, noch im Jahr 2012, als Weltanschauungsbeauftragte, und nicht irgendwer, diesen Unsinn, Mormonismus sei eine „synkretistische Neureligion“?

Das ist ein Terminus der meines Wissens von Dr. Helmut Obst stammt, dem vielleicht besten Kenner des Mormonismus in Deutschland. Dennoch.
Er irrte. Das war eine Meinung die 1970 noch einigermaßen hinnehmbar gewesen wäre.
Denn, wenn wir das Wissen betrachten, dass in den letzten 40 Jahren an deutschen Universitäten in den Bereichen vergleichender Religionswissenschaft, Alte Kirchengeschichte und Theologie zusammengetragen wurde, dann ergibt sich (das darf ich sagen, nachdem ich etwa 800, überwiegend nach 1980 entstandene Facharbeiten, Dissertationen usw. auswertete), dass „Mormonismus“ samt seinen scheinbaren Sonderlehren und seinen Strukturen, seinem Gehalt an sittlichen Werten usw. mit den Basislehren der Kirche des Origenes, Hippolyt von Rom, Lactanz, Irenäus usw. nahezu übereinstimmt.
Diese Übereinstimmungen zwischen „Mormonismus“ und Urchristentum kann niemand übersehen, es sei denn, er hat nicht hingeschaut.

Daraus resultiert allerdings die Gewissensfrage, ob jemand der sich kein Bild von der Sache verschaffte, über die er aufklären will, vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit überhaupt schreiben darf.
Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, sondern gebe nur zu bedenken.

Zudem kenne ich keinen namhaften großkirchlichen Theologen der behaupten würde seine Theologie sei der, der erwähnten Mitglieder der Urkirche überlegen. Festzustellen bleibt, dass ungeheure Umbrüche, - beginnend mit dem 1. ökumenischen Konzil zu Nicäa, 325, - das Christentum bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Verglichen mit dem deformierten Gebilde, das sich stolz als Maßstab anpreist, ist das„Mormonentum“ natürlich etwas völlig anderes.

(Christus sah wahrscheinlich voraus, dass seine Kirche zu freiem Verfügungsgut einiger Cäsaropapisten degradiert würde, nachdem seine Diener zugleich zwei Herren dienen wollten, dem Mammon - der Staatsmacht - und ihm...)

Noch ein Wort zum Tempelwerk der Kirche Jesu Christi der HLT.

Wie selbstverständlich fließt der Begriff „freimaurerische Riten“ aus nahezu jeder Feder der Sektenkundler, die sich irgendwie dazu äußern möchten.

Mit ihrer überwiegend salopp gefassten Einschätzung, meinen einige Meinungsbildner, sei das Thema „Mormonentempel“ abgehakt.

Joseph Smith der nachweislich Freimaurer war, habe - das sei naheliegend - deren Brauchtum einfach entlehnt, geklaut.
Dass ihm durch Inspiration bestätigt wurde, die Freimaurer hätten ihrerseits das urchristliche Tempelsystem entwendet, glauben leider anscheinend nur die Mormonen.

Es bedarf jedoch nur kleiner Anstrengung um zu wissen, dass die nichtkatholischen Christen der Antike, tatsächlich die „mormonischen Tempelriten!“ kannten und, dass diese erst durch orthodoxe Militärmacht - um 535 -zerschlagen und wenig später durch die katholische Liturgie ersetzt wurden.

Wunderbarerweise blieben die Tempelrituale der Arianer Ravennas, in Form leuchtender Bilder, bewahrt. So z.B. dieses:
                                                       „Ravenna“Verlag Salbaroli, 1984

Sie freimaurerisch zu nennen, würde wohl keinem Historiker einfallen. Man sollte sich in Ravenna umschauen und die Aussagen der Mosaike von San Appolinare in Classe, mit dem vergleichen was z.B. der angebliche Mormonenkenner Herr Dr. Rüdiger Hauth verbreitete.

Insbesondere (neben anderen Splittergruppen) waren es die Arianer, die dem originalen Christentum um 500 noch am nächsten kamen, und eben das originale Christentum war, solange der Jerusalemtempel stand, mit ihm eng verbunden.

Als Religion war der Arianismus für andere Religionen wegen seiner Strahlkraft unüberwindlich.

Allerdings wurde er militärisch besiegt. Die Soldaten des Kaisers Justinianus, der selbst ein Orthodoxer war, vollendeten das Werk der Zerstörung der Urkirche. Sie hinterließen mit der Zerschlagung des arianisch ausgerichteten Gotenreiches eine riesige Trümmerwüste.

Das Tempelritual variierte und überlebte, (wenn auch, nach mormonischer Ansicht ohne Legitimation)  u.a. in Kreisen die sich als freimaurerisch verstanden.

Liebe Frau Pfarrerin Annette Kick, gut wäre es auch, den nach Klarheit suchenden Menschen zu sagen, warum meine Kirche „kein tiefgehendes Interesse an ökumenischen Beziehungen“ hat.
Wegen des in Nicäa, 325, neu gefassten Gottesbildes, das immer noch Basis der christlich-ökumenischen Kirchengemeinschaft ist, glauben wir letztlich an einen anderen Christus, nämlich an den der Arianer. Wir glauben an einen Christus der eine menschliche Gestalt und ein menschliches Gesicht hat und der ein anderer als sein Vater ist.

Und, man muss hinzufügen, dass viele Theologen in Erinnerung haben, Arius hätte die vollständige Gottheit Christi geleugnet. Die heutige Wissenschaft weiß indessen, dass Arius, der sich wenn auch nicht ausschließlich, auf Origenes berief, davon sprach ,dass Christus wohl Gott ist, aber dem Vater nachgeordnet.

Zum Glück blieb das Komprimat des authentischen Arius-Christus-Bekenntnis in einer Aufzeichnung des berühmten Arianers Wulfila erhalten: „Jesus ist der „filius unigenitus, Dominus et noster... (M Pl. Suppl. I. 707) ... er (Wulfila) glaubt an Gott den Vater und an seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn und Gott, Werkmeister und Bildnerder gesamten Kreatur, der seinesgleichen nicht hat.“.

Gert Haendler bekräftigt dies in „Die Rolle des Papsttums in derKirchengeschichte bis 1200“ Vandenhoeck &Ruprecht, 1993 S 56,141: Arius habe gelehrt „Einer ist der Gottvater aller, der auch der Gott unseres Gottes ist... Christus ist wohl Gott, aber er ist dem Vater unterordnet.“....

Dieses Prinzip wurde bekanntlich durch Konstantin gewaltsam aus dem Christenglauben gedrängt.

Dies ist ein großes Thema. Das neue Wissen um die Rolle die der Sol-Invictusverehrer Konstantin in Nicäa spielte, hämmert zunehmend auf die tönernen Füße des traditionellen Christentums ein.
Es war und ist voreilig uns das Christsein abzusprechen. In den USA im Vorwahlkampf des Mormonen Mitt Romney haben die Evangelikalen laut posaunt: “Mormonen sind des Teufels! Sie glauben nicht mit uns nicänisch”
Ich wollte, ich könnte unseren Glaubensgegnern deutlicher zeigen, was der Stand der Erkenntnis ist. Zum Beispiel schreibt www.dogmatic. Uni-Bonn, S. 145: „Die vornizäische Theologie“,2009 : „Irenäus stellt das Gottsein von Sohn und Geist klar heraus , „beiden kommt ein personales Sein zu, da sie gemeinsam mit dem Vater handeln.“

Das ist das Gegenstück zum Nicänum, das Martin Luther nicht so vehement für kanonisch gehalten hätte, wäre ihm bewusst gewesen, dass es erzwungen wurde.

Mormonen glauben „vornicänisch“, - ihnen deshalb die Ehre abzuschneiden halte ich für vermessen.

Herzliche Grüße aus Australien

Gerd Skibbe

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen